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« Ich bin zufrieden mit meinen Funden im Internet. Mit diesen neuen Perspektiven bin ich vor sechs Wochen in die Volksrepublik China eingetreten. Der Zugriff auf Facebook ist im ganzen Land gesperrt. Ich vermisse es nicht... »

Text & Foto: Franziska Wick

Reisen im Zeitalter von WiFi, Facebook und Skype
Hier oder da?

Wie das Internet die Welt verkleinert und man auf Reisen trotzdem fern bleibt. Eine Anleitung.

Das geregelte Leben habe ich vor neun Monaten aufgegeben zwecks planlosen Reisejahres in der grossen weiten Welt. Das mache ich immer wieder mal. Ungewohnt daran ist mein kleiner neuer Weggefährte Namens HP Mini, ein kleiner Laptop aus dem Hause HP. Als ich mich vor zwölf Jahren zum ersten Mal auf eine längere Reise durch die Welt aufmachte, spielte das Internet unter Rucksackreisenden noch keine bedeutende Rolle. Ab und zu ein Mail an Freunde und Bekannte aus dem Internetcafé und - wenn es hoch kam - eine Antwort von diesen. Die restliche Zeit wurde mit anderen Reisenden verbracht. Eine zufällig zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft an einem fremden Ort, weit weg von zuhause. Man musste zusammenhalten. Die Freunde waren kaum erreichbar, der Informationsfluss von und in die Heimat fast inexistent. Zurück zu Hause dann unterhaltsame Stunden mit haarsträubenden Räubergeschichtchen. Eine Welt voller Abenteuer!


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Internetcafé in einem Dschungel in Südthailand


Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Spezies Backpacker ist zum Flashpacker mutiert. Laptops und iPods saugen sich an den Steckdosen der Jugendherbergen voll. Auch für kostenloses WiFi ist gesorgt, sei es in der Jugi, im McDonald's oder im Wohnquartier über ein unverschlüsseltes Netz. Dazu kommen die neuen Social Networks wie Facebook oder MySpace, auf welchen das Erlebte in Windeseile mit Text und Bild dokumentiert wird. Vorbei sind die Zeiten, als sich ein Reisender mit sämtlichen Sinnen auf der anderen Seite der Welt befand. Heutzutage wird geplaudert, gechattet und jederzeit und überall Fotos, Gedanken und Informationen ausgetauscht. Als wäre man daheim. Ein Blick in die Internetcafés Asiens zeigt überall dasselbe Bild. Während die Asiaten ihre Computerspiele spielen, prüft ungefähr 20% der Westler ihre Mails. Die übrigen 80% sitzen im Facebook. Man lädt Fotos von gerade Erlebtem hoch, veröffentlicht Kommentare zum aktuellen Gemütszustand, chattet mit den Daheimgebliebenen und informiert sich ausgiebig in den Profilen der Freunde über den neuesten Tratsch. Es ist schön, dass man heutzutage nie und nirgends auf seine Freunde verzichten muss. Doch ist dies auf Reisen nicht gerade kontraproduktiv? Begibt man sich nicht ans andere Ende der Welt zwecks Abschottung vom Gewohnten zur Erkundung von Neuem? Ich erinnere mich an die letztjährige Olympiade in Beijing. Ein alter Hase der Schweizer Mannschaft äusste seine Enttäuschung über das moderne Leben im olympischen Dorf - früher sei dieses ein Ort der Begegnung gewesen. Man knüpfte neue Freundschaften aus aller Welt, feierte gemeinsam oder litt zusammen nach einem beschwerlichen Tag. Nun aber sei Ruhe und Anonymität in das olympische Dorf eingekehrt. Das kabellose Internet ist auch in Olympia angekommen. Die Sportler verbringen einsame Abende im Hotelzimmer und tauschen sich per Internet mit ihren daheimgebliebenen Freunden aus. Ist die grenzenlose Welt des Internets wirklich so befreiend?

Ich bin nun seit sechs Monaten mit meinem neuen Kumpanen, dem Laptop, unterwegs in Südostasien und China. Entgegen meiner Annahme hatte ich während mindestens fünf der sechs Monate allabendlichen Zugriff in das World Wide Web. Und dies stets kostenlos. Die ersten drei Monate verbrachte auch ich gedanklich viel Zeit zu Hause. Facebook, Xing, Skype und mein Mailkonto die Übeltäter. Doch dann wurde mir nicht nur das Internet, sondern auch Mobiltelefon, Bücher, iPod, Schreibzeug, ja sogar Mundwerk für drei lange Wochen entzogen. In einem thailändischen Tempel nämlich wurde ich von buddhistischen Mönchen in die Kunst des Meditierens eingeführt. Von morgens um fünf bis abends um neun wurde meditiert. Die Anfänge dieses unterhaltungslosen Lebens waren hart. Nichts, um meine Gedanken abzulenken. Ich war alleine mit mir selber und musste lernen, den Tag nur mit mir zu verbringen. Nach einer Woche begann ich diesen Informationsstopp zu schätzen und nach drei Wochen wünschte ich mir schon fast ein Leben fern der modernen Informationsflut.

Mein Internetverhalten muss sich ändern, war meine Schlussfolgerung aus dem Tempelaufenthalt. Neben dem Meditieren wollte ich auch die neu erlernte Achtsamkeitspraxis weiterführen. Achtsam sein bedeutet, mit den Gedanken stets im Hier und Jetzt zu sein. Nicht an einem anderen Ort und nicht in Vergangenem oder Zukünftigem. So machte ich mich auf, suchte im WWW nach einem Ersatz für Facebook, Skype und Mailkonto und fand spannende Dinge wie "Couchsurfing", "Helpexchange" und "Sprachtandem". Die Seite Couchsurfing.org vermittelt neue Freunde in aller Welt. Entweder übernachtet man kostenlos auf deren Couch respektive Gästebett oder man trifft sich auf einen gemeinsamen Kaffee. Über eine Million Menschen aus 230 Ländern sind auf der Webseite registriert. Sei es ein kleines Dorf in Botswana, eine luftige Stadt im Tibet oder ein Haus am Strand von Fiji, überall ist ein ansässiger Couchsurfer zu finden. Meinen ersten Couchsurf-Versuch starte ich im südwestchinesischen Städtchen Dali, wo ich mit der 25-jährigen Chinesin Luxi in Kontakt trete. Sie kann zwar kein Bett anbieten, trifft sich jedoch gerne auf ein Nachtessen. Und bringt gleich fünf weitere Couchsurfer aus aller Welt mit. Ein Abend voller spannender Diskussionen zwischen sieben Nationen im fernen Westen Chinas ist das Resultat. Eine Stadt weiter, in Lijiang, wohne ich für drei Nächte im wunderschönen Altstadthaus des Neuseeländers Steve. Auch dies ein voller Erfolg. Couchsurfing hat den Test bestanden. Mein zweiter Ersatz für Facebook und Konsorten ist Helpx.net. Auch auf dieser Seite offerieren Menschen aus aller Welt eine Übernachtungsmöglichkeit. Allerdings gegen 3 bis 4 Stunden Arbeit täglich, dafür Verpflegung inklusive. Sei es Englisch unterrichten in einem thailändischen Bergdorf oder Schafe hüten auf einer kanadischen Farm, alles ist möglich. Und ein intensives Vor-Ort-Erlebnis garantiert. Helpexchange habe ich bereits vor ein paar Jahren ausgetestet. Auf Weingütern in Australien und Italien. Drei Stunden Arbeit gegen ein Bett, Mahlzeiten und eine Menge Spass. Bei der Internetsuche bin ich zudem auf eine weitere Seite gestossen, welche mir zuhause als Facebook-Ersatz dienen wird: Sharedtalk.com verbindet Menschen zum gemeinsamen Sprachenlernen über Mail, Chat und Skype. Ich lerne zurzeit chinesisch und werde mir in Sharedtalk.com bald einen Chinesen suchen. Einmal in der Woche werden wir deutsch reden, einmal chinesisch.

Ich bin zufrieden mit meinen Funden im Internet. Mit diesen neuen Perspektiven bin ich vor sechs Wochen in die Volksrepublik China eingetreten. Der Zugriff auf Facebook ist im ganzen Land gesperrt. Ich vermisse es nicht.


Links:

www.couchsurfing.org (weltweites Netzwerk zur Vermittlung von Kontakten zwischen Reisenden und Ansässigen)
www.helpx.net (weltweites Netzwerk von Menschen, die gegen 3 bis 5 Stunden Arbeit Kost und Logis anbieten)
www.sharedtalk.com (Sprachen lernen im Tandem-Stil)
www.wwoof.org (Arbeit auf Bauernhöfen gegen Kost und Logis)
www.meetup.com (weltweit Leute zur Ausübung von gemeinsamen Hobbies finden)
www.xing.com (Webseite zur Pflege des geschäftlichen Netzwerkes)
www.facebook.com (Webseite zur Pflege des privaten Netzwerkes)

BEGRIFFSERKLÄRUNG


Flashpacker:
Englische Wortkombination aus "Backpacker" (Rucksackreisender) und "Flash" (luxuriös). Ein Flashpacker ist ein Rucksackreisender, der mit Stil respektive einem grosszügigen Budget reist.

WiFi:
WiFi ist ein Begriff für den kabellosen Internetanschluss, bei dem die Daten anstelle per Kabel über Funk übertragen werden. Soll dieser kabellose Internetanschluss nicht von unbefugten Dritten genutzt werden, muss er mit Benutzernamen und Passwort verschlüsselt werden. Wer dies nicht tut, riskiert, Opfer von Wardrivers zu werden.

Wardriving:
Wardriving nennt man die systematische Suche nach (kostenlosen) WiFi's mit Hilfe eines Fahrzeugs. Der Wardriver setzt sich mit dem Laptop auf dem Beifahrersitz eines Autos und spürt während dem Fahren kostenlose kabellose Internet-Netzwerke auf. Mit einer Software werden die gefundenen Netzwerke automatisch protokolliert. Diese werden dann für den eigenen Gebrauch genutzt oder auf einer Webseite anhand einer Landschaftskarte veröffentlicht. Das Einwählen in unverschlüsselte private Netzwerke ist rechtlich nicht in allen Ländern gleich geregelt.

Skype:
Skype ist ein kostenlos erhältliches Programm zur Internettelefonie. Der Nutzer kann damit gebührenfrei mit anderen Skype-Anwendern telefonieren, chatten oder Dateien austauschen. Darüber hinaus können gegen eine minimale Gebühr Festanschlüsse und Mobiltelefone in der gesamten Welt angerufen werden, was besonders für Auslandsgespräche eine attraktive Alternative zur herkömmlichen Telefonie darstellt.
 




 

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