Alles über Plebs | Rechtliches | Kontakt 

Logo
Plebs Netzmagazin. Härter denken.
Anzeige
  Front  
  Denken  
  Hören  
  Lesen >
  Sehen  
  Spielen  
  Leben  
  Wissen  
  Archiv  
Lesen  11. August 2004
Übersicht
Interview
Wer hat Angst vor >
Das 2. Mal

Belletristik
Sachbuch
Hörbuch

Alfred Döblin: "Berlin Alexanderplatz" (1927) | Roman | Modernismus
Die Geschichte vom einarmigen Bandit

Bildeer klicken, Bücher kaufen.
"Berlin Alexanderplatz" ist der zweite Grosstadtroman des Modernismus, den wir euch nach "Manhattan Transfer" vorstellen. Ähnlich im Stil, aber spannender und linearer erzählt Alfred Döblin die Geschichte von Franz Biberkopf, einem Ex-Sträfling, der nach seiner Entlassung im Berlin der 20er Jahre Fuss fassen will.

Von Lukas Hunziker.

Als einfache Lektüre entpuppt sich auch der 450seitige deutsche Roman nicht. Döblins modernistische Experimente sind in "Berlin Alexanderplatz" deutlich zu spüren, aber sie stören je länger je weniger und münden meist in einem humorvollen Effekt. Der Leser des Romans wird während der ganzen Lektüre vom Erzähler geführt, ja beinahe gelockt. Immer wieder hat man das Gefühl, Döblin sitze neben einem und versuche eifrig, seine Zuhörer am Einschlafen zu hindern. Immer wieder verrät der Erzähler etwas von der kommenden Handlung und kündet drohendes Unheil an. Ein gutes Beispiel dafür ist der Prolog zum zweiten Teil des Romans:

"Es ist kein beliebiger Mann, dieser Franz Biberkopf. Ich habe ihn gerufen zu keinem Spiel, sondern zum Erleben seines schweren, wahren und aufhellenden Daseins. Franz Biberkopf ist schwer gebrannt, er steht jetzt vergnügt und breitbeinig im Berliner Land, und wenn er sagt, er will anständig sein, so können wir ihm glauben, er wird es sein. Ihr werdet sehen, wie er wochenlang anständig ist. Aber das ist gewissermaßen nur eine Gnadenfrist."

Auch wenn diese Art von Text anfangs doch sehr befremdend erscheint, gewöhnt man sich schnell daran und beginnt es zu genießen. Zudem sind nur wenige Passagen so extrem, Döblin bedient sich dieses Mittel vor allem bei den Prologen. Ein weiteres Merkmal, das vor allem den Schweizer Leser etwas die Nase rümpfen lässt, sind die zahlreichen Dialoge im Berliner Dialekt. Manchmal sind die Ausdrücke zwar zum Totlachen, aber manchmal möchte man diesem Biberkopf auch an die Kehle springen und ihm sagen: "Kannst du verdammt noch mal nicht normal reden?" Aber wahrscheinlich würde dieser eh nur antworten: "Nee, det kann ick nischt."

So eine Art sozialkritischer Thriller ...
Trotz allen vordergründigen Hürden, die man beim Lesen von "Berlin Alexanderplatz" überspringen muss, bleibt Franz' Geschichte die Mühe wert. Das erste Drittel des Romans zieht sich zwar etwas hin; Franz sucht sich einen Job, säuft mit seinen Kumpanen und versucht, ein anständiges Leben zu führen. Aber wie Döblin oben schon erwähnt hat, geht das nicht lange gut und das Leben beginnt Franz übel mitzuspielen oder, wie Alfred das ausdrücken würde: "das Leben findet das auf Dauer zu fein und stellt ihm hinterlistig ein Bein". Franz' Unglück beginnt mit einer unheilvollen Bekanntschaft, die eines gewissen Reinholds. Reinhold ist ein finsterer Kerl, der gerne seine Frauen wechselt aber die alten nur ungern abschiebt. Er trifft eine Abmachung mit Franz, dass dieser die ,verbrauchten' Frauen übernimmt, ein paar Wochen bei sich behält und dann Schluss macht, sprich, dass er die Dreckarbeit übernimmt. Dies geht solange gut, bis Franz einmal mit einer der leichtfertigen Damen etwas länger das Bett teilen möchte, was dem Reinhold gar nicht in den Kragen passt da er dann seinen Neuzugängen wieder selbst die Tür zeigen muss.
An einem verhängnisvollen Sonntag nimmt Herr Pums, Reinholds und zeitweise auch Franz' Arbeitgeber, die beiden zu einer Diebstahlstour mit. Der nicht immer ganz helle Franz bemerkt erst während dem Diebstahl, dass er dabei ist, wieder kriminell zu werden. Er will sich zwar wehren, wird aber gezwungen mitzumachen. Nach erfolgreichem Diebstahl werden die Langfinger jedoch verfolgt und Reinhold, der sich in großer Wut plötzlich erinnert, dass Franz ihm die Frauen nicht mehr abnehmen will und sehr viel über sein Privatleben weiß. Er schlägt Franz auf den Kopf und stößt ihn aus dem fahrenden Auto auf die Strasse, wo das verfolgende Auto auch gleich noch über Franz drüber scheppert. Ein vorzeitiges Ende nimmt Biberkopf dabei jedoch nicht. Obwohl ihm nach dem Sturz ein Arm amputiert werden muss, schluckt er den Vorfall leer hinunter und will sich nicht an Reinhold rächen. Er versucht sondern sogar, wieder bei der Diebesclique anzuheuern. Dass ihm dies gelingt steigert Reinholds Hass nur weiter und er beschließt, sich einmal Franz' neue Freundin ,Miezeken' vorzunehmen.
Der Rest des Buches liest sich spannend wie jeder Thriller und ist aufwühlend wie manches Milieu-Drama. Die Geschichte gipfelt in einem abstrakten, alptraumartig wirren, aber genialen Ende. Um dieses jedoch in vollen Zügen zu genießen sollte man einige Motive des Romans von Anfang an verfolgen.

 

Zur Person

Alfred Döblin, geboren am 10. August 1878 in Stettin, war Nervenarzt in Berlin und dort auch Mitbegründer der expressionistischen Zeitschrift "Der Sturm". 1933 emigrierte er nach Paris, 1940 flüchtete er nach Amerika und konvertierte zum Katholizismus. Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte er als französischer Offizier nach Deutschland zurück. Er war über das Nachkriegsdeutschland jedoch so enttäuscht, dass er 1953 nach Paris zurückkehrte und am 26. Juni vier Jahre später starb. Neben Döblins Meisterwerk "Berlin Alexanderplatz" gehören "Die Ermordung einer Butterblume" oder "Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende" zu seinen bekannten Werken.

Die Hure und ihr Schosshündchen
Die Geschichte von Franz Biberkopf füllt, trotz ihres scheinbar linearen Verlaufes, keineswegs alle Seiten von "Berlin Alexanderplatz". Zwischen einzelne Kapitel oder sogar einzelne Paragraphen sind Handlungsabläufe Berlins beschrieben. Der eindrücklichste davon ist die Schilderung eines Schlachthausbetriebs; davon wird einem wirklich und wahrhaftig ein bisschen schlecht, denn die Beschreibung des Tötungsvorgangs und der Ausblutung von Kühen ist, na ja, pingelig präzise. Eine dagegen eher metaphorische Sicht auf die Stadt und die Kräfte, die auf Franz Biberkopf wirken, sind die Szenen aus der Johannes-Offenbarung, die Döblin in den Roman hineingewebt hat. Die Hure Babylons und ihr scharlachrotes Tier korrumpieren die Stadt, korrumpieren Franz, korrumpieren die Welt. Neben diesem apokalyptischen Paar geistern weitere biblische und mythologische Figuren herum, wie zum Beispiel der im Dreck liegende Hiob, der mit einer Stimme spricht, die behauptet Satan zu sein. Beim Lesen sorgt dies oft zu befremdenden Momenten; plötzlich wechselt die Szenerie von einem Berliner-Kneipen-Saufgelage zu einem Weib mit sieben Köpfen und zehn Hörner. Aber gerade diese mythischen Elemente heben die Geschichte von Franz Biberkopf auf eine allgemeinere, fast allegorische Ebene. Ist man sich dessen bewusst, wird das Lesevergnügen erheblich gesteigert, auch wenn diese Ebene zum Verständnis des Romans nicht unabdingbar ist.

Odysseus' kleiner Bruder
"Berlin Alexanderplatz" mag dem Vergleich mit Joyce' "Ulysses", den wir in der Oktoberausgabe besprechen, vielleicht nicht standzuhalten; trotzdem ist der Roman ein unbestrittener Höhepunkt der deutschen Literatur und der bedeutendste Großstadtroman in deutscher Sprache. Dies verdankt der Döblins Werk vor allem diesem Zusammenspiel zwischen den scheinbar trivialen Geschehnissen und ihrer dennoch epischen und exemplarischen Bedeutung. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass die Geschichte auch einfach genial und spannend ist, obwohl sie in einer Sprache geschrieben ist, in der sich heute kein gesunder Autor mehr zu schreiben wagen würde.

Preiswerte Ausgabe: DTV , 455 Seiten, CHF 16.--

www.dhm.de/lemo/html/biografien/DoeblinAlfred (Biografie Alfred Döblin)

zur nächsten Seite | nach oben

Newsletter
Jeden Mittwoch das Neuste von Plebs.

Verlosungen
Alle Verlosungen auf einen Blick.

Powered by Bürki Hosting, Spiez