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Alfred Döblin: "Berlin
Alexanderplatz" (1927) | Roman | Modernismus
Die Geschichte vom einarmigen Bandit
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"Berlin Alexanderplatz"
ist der zweite Grosstadtroman des Modernismus, den wir euch nach
"Manhattan Transfer" vorstellen. Ähnlich im Stil,
aber spannender und linearer erzählt Alfred Döblin
die Geschichte von Franz Biberkopf, einem Ex-Sträfling,
der nach seiner Entlassung im Berlin der 20er Jahre Fuss fassen
will.
Von Lukas Hunziker.
Als einfache Lektüre entpuppt
sich auch der 450seitige deutsche Roman nicht. Döblins modernistische
Experimente sind in "Berlin Alexanderplatz" deutlich
zu spüren, aber sie stören je länger je weniger
und münden meist in einem humorvollen Effekt. Der Leser
des Romans wird während der ganzen Lektüre vom Erzähler
geführt, ja beinahe gelockt. Immer wieder hat man das Gefühl,
Döblin sitze neben einem und versuche eifrig, seine Zuhörer
am Einschlafen zu hindern. Immer wieder verrät der Erzähler
etwas von der kommenden Handlung und kündet drohendes Unheil
an. Ein gutes Beispiel dafür ist der Prolog zum zweiten
Teil des Romans:
"Es ist kein beliebiger
Mann, dieser Franz Biberkopf. Ich habe ihn gerufen zu keinem
Spiel, sondern zum Erleben seines schweren, wahren und aufhellenden
Daseins. Franz Biberkopf ist schwer gebrannt, er steht jetzt
vergnügt und breitbeinig im Berliner Land, und wenn er sagt,
er will anständig sein, so können wir ihm glauben,
er wird es sein. Ihr werdet sehen, wie er wochenlang anständig
ist. Aber das ist gewissermaßen nur eine Gnadenfrist."
Auch wenn diese Art von Text
anfangs doch sehr befremdend erscheint, gewöhnt man sich
schnell daran und beginnt es zu genießen. Zudem sind nur
wenige Passagen so extrem, Döblin bedient sich dieses Mittel
vor allem bei den Prologen. Ein weiteres Merkmal, das vor allem
den Schweizer Leser etwas die Nase rümpfen lässt, sind
die zahlreichen Dialoge im Berliner Dialekt. Manchmal sind die
Ausdrücke zwar zum Totlachen, aber manchmal möchte
man diesem Biberkopf auch an die Kehle springen und ihm sagen:
"Kannst du verdammt noch mal nicht normal reden?" Aber
wahrscheinlich würde dieser eh nur antworten: "Nee,
det kann ick nischt."
So eine Art sozialkritischer
Thriller ...
Trotz allen vordergründigen
Hürden, die man beim Lesen von "Berlin Alexanderplatz"
überspringen muss, bleibt Franz' Geschichte die Mühe
wert. Das erste Drittel des Romans zieht sich zwar etwas hin;
Franz sucht sich einen Job, säuft mit seinen Kumpanen und
versucht, ein anständiges Leben zu führen. Aber wie
Döblin oben schon erwähnt hat, geht das nicht lange
gut und das Leben beginnt Franz übel mitzuspielen oder,
wie Alfred das ausdrücken würde: "das Leben findet
das auf Dauer zu fein und stellt ihm hinterlistig ein Bein".
Franz' Unglück beginnt mit einer unheilvollen Bekanntschaft,
die eines gewissen Reinholds. Reinhold ist ein finsterer Kerl,
der gerne seine Frauen wechselt aber die alten nur ungern abschiebt.
Er trifft eine Abmachung mit Franz, dass dieser die ,verbrauchten'
Frauen übernimmt, ein paar Wochen bei sich behält und
dann Schluss macht, sprich, dass er die Dreckarbeit übernimmt.
Dies geht solange gut, bis Franz einmal mit einer der leichtfertigen
Damen etwas länger das Bett teilen möchte, was dem
Reinhold gar nicht in den Kragen passt da er dann seinen Neuzugängen
wieder selbst die Tür zeigen muss.
An einem verhängnisvollen Sonntag nimmt Herr Pums, Reinholds
und zeitweise auch Franz' Arbeitgeber, die beiden zu einer Diebstahlstour
mit. Der nicht immer ganz helle Franz bemerkt erst während
dem Diebstahl, dass er dabei ist, wieder kriminell zu werden.
Er will sich zwar wehren, wird aber gezwungen mitzumachen. Nach
erfolgreichem Diebstahl werden die Langfinger jedoch verfolgt
und Reinhold, der sich in großer Wut plötzlich erinnert,
dass Franz ihm die Frauen nicht mehr abnehmen will und sehr viel
über sein Privatleben weiß. Er schlägt Franz
auf den Kopf und stößt ihn aus dem fahrenden Auto
auf die Strasse, wo das verfolgende Auto auch gleich noch über
Franz drüber scheppert. Ein vorzeitiges Ende nimmt Biberkopf
dabei jedoch nicht. Obwohl ihm nach dem Sturz ein Arm amputiert
werden muss, schluckt er den Vorfall leer hinunter und will sich
nicht an Reinhold rächen. Er versucht sondern sogar, wieder
bei der Diebesclique anzuheuern. Dass ihm dies gelingt steigert
Reinholds Hass nur weiter und er beschließt, sich einmal
Franz' neue Freundin ,Miezeken' vorzunehmen.
Der Rest des Buches liest sich spannend wie jeder Thriller und
ist aufwühlend wie manches Milieu-Drama. Die Geschichte
gipfelt in einem abstrakten, alptraumartig wirren, aber genialen
Ende. Um dieses jedoch in vollen Zügen zu genießen
sollte man einige Motive des Romans von Anfang an verfolgen.
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Zur Person
Alfred Döblin, geboren am
10. August 1878 in Stettin, war Nervenarzt in Berlin und dort
auch Mitbegründer der expressionistischen Zeitschrift "Der
Sturm". 1933 emigrierte er nach Paris, 1940 flüchtete
er nach Amerika und konvertierte zum Katholizismus. Nach dem
zweiten Weltkrieg kehrte er als französischer Offizier nach
Deutschland zurück. Er war über das Nachkriegsdeutschland
jedoch so enttäuscht, dass er 1953 nach Paris zurückkehrte
und am 26. Juni vier Jahre später starb. Neben Döblins
Meisterwerk "Berlin Alexanderplatz" gehören "Die
Ermordung einer Butterblume" oder "Hamlet oder Die
lange Nacht nimmt ein Ende" zu seinen bekannten Werken.
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Die Hure und ihr Schosshündchen
Die Geschichte von Franz
Biberkopf füllt, trotz ihres scheinbar linearen Verlaufes,
keineswegs alle Seiten von "Berlin Alexanderplatz".
Zwischen einzelne Kapitel oder sogar einzelne Paragraphen sind
Handlungsabläufe Berlins beschrieben. Der eindrücklichste
davon ist die Schilderung eines Schlachthausbetriebs; davon wird
einem wirklich und wahrhaftig ein bisschen schlecht, denn die
Beschreibung des Tötungsvorgangs und der Ausblutung von
Kühen ist, na ja, pingelig präzise. Eine dagegen eher
metaphorische Sicht auf die Stadt und die Kräfte, die auf
Franz Biberkopf wirken, sind die Szenen aus der Johannes-Offenbarung,
die Döblin in den Roman hineingewebt hat. Die Hure Babylons
und ihr scharlachrotes Tier korrumpieren die Stadt, korrumpieren
Franz, korrumpieren die Welt. Neben diesem apokalyptischen Paar
geistern weitere biblische und mythologische Figuren herum, wie
zum Beispiel der im Dreck liegende Hiob, der mit einer Stimme
spricht, die behauptet Satan zu sein. Beim Lesen sorgt dies oft
zu befremdenden Momenten; plötzlich wechselt die Szenerie
von einem Berliner-Kneipen-Saufgelage zu einem Weib mit sieben
Köpfen und zehn Hörner. Aber gerade diese mythischen
Elemente heben die Geschichte von Franz Biberkopf auf eine allgemeinere,
fast allegorische Ebene. Ist man sich dessen bewusst, wird das
Lesevergnügen erheblich gesteigert, auch wenn diese Ebene
zum Verständnis des Romans nicht unabdingbar ist.
Odysseus' kleiner Bruder
"Berlin Alexanderplatz"
mag dem Vergleich mit Joyce' "Ulysses", den wir in
der Oktoberausgabe besprechen, vielleicht nicht standzuhalten;
trotzdem ist der Roman ein unbestrittener Höhepunkt der
deutschen Literatur und der bedeutendste Großstadtroman
in deutscher Sprache. Dies verdankt der Döblins Werk vor
allem diesem Zusammenspiel zwischen den scheinbar trivialen Geschehnissen
und ihrer dennoch epischen und exemplarischen Bedeutung. Dabei
sollte aber nicht vergessen werden, dass die Geschichte auch
einfach genial und spannend ist, obwohl sie in einer Sprache
geschrieben ist, in der sich heute kein gesunder Autor mehr zu
schreiben wagen würde.
Preiswerte Ausgabe: DTV , 455
Seiten, CHF 16.--
www.dhm.de/lemo/html/biografien/DoeblinAlfred (Biografie Alfred Döblin)
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