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Ulla Pirttijärvi & Transjoik, Stimmen Festival, Rosenfelspark Lörrach, 23. Juli
Jodeln auf finnisch?

Da steppen die Rentiere: Gleich zwei finnische Bands joiken am Stimmen Festival in Lörrach. Joik - ist das sowas wie Jodeln auf finnisch? Nicht ganz.

Von Adrian Wettstein.

Man stelle sich vor: Ein weiter Fjäll, ein einsames Häuschen, davor eine kleine Rentierherde, in der Ferne ein See. Aus dem Fenster schaut eine kleine Finnin, die über den sich ihr bietenden Ausblick so erfreut ist, dass sie spontan einen Joik zu singen beginnt. Diese Finnin könnte Ulla Pirttijärvi sein, der es an ihrem Konzert in Lörrach in den besten Momenten gelang, eine solch imaginative Landschaft heraufzubeschwören. Im Joik geht es eher darum, eine Stimmung einzufangen als eine Geschichte zu erzählen. So fallen denn auch die Inhaltsangaben der Stücke recht kurz aus und lauten etwa folgendermassen: Dieser Joik ist für meine Tochter. Er handelt davon, dass sie die Rentiere hütet und gelernt hat zu fischen. Manche Joiks kommen auch ganz ohne Text aus, wobei ein archaischer Gesang entsteht, der stellenweise auch recht rauh sein kann. Ganz klar steht beim traditionellen Joik immer die Stimme im Mittelpunkt, und so gibt es auch bei Ulla Pirttijärvi einige Joiks ganz ohne Begleitung. Die musikalische Struktur ist dabei oft recht ungewohnt und fordert von der Sängerin einige Virtuosität.
In einem lappländischen Dorf ist die Welt noch klein und übersichtlich. Wenn Ulla Pirttijärvi einen berühmten Joik angkündigt, dann stammt er mit Sicherheit von einem ihrer Vorfahren, und wenn sie einen Joik über einen Schamanen singt, ergänzt sie noch, dass sie damit ihren Grossvater meint, der Schamane war. Es sind denn auch diese traditionellen und persönlichen Lieder, die für die Zuhörer am intensivsten erfahrbar werden. In anderen Joiks wird ein Brückenschlag zu der modernen, globalen Welt versucht, etwa wenn Erfahrungen eines New York-Besuchs verarbeitet werden sollen; diese Annäherung wirkt aber unbeholfen, tapsig - man merkt, dass die fremde Welt fasziniert, aber doch vollkommen fremd bleibt. Eine Grossstadt wie New York wäre auch viel zu laut, um auf die überwiegend ruhigen, leicht melancholischen Joiks, die normalerweise in die Stille der lappländischen Landschaft hinaus gesungen werden, richtig hinzuhören.

Anders ist es bei der zweiten Band des Abends, Transjoik. Sie gehören einer jüngeren Generation an und setzen ganz selbstverständlich Synthesizer und Drum Loops ein und lassen ihre Stücke von angesagten Musikern aus der elektronischen Szene remixen (etwa Fun'da'mental oder Translglobal Underground). Etwas erstaunt ist man im ersten Moment schon, denn der Keyboarder Frode und der Drummer Snorre waren zuvor schon bei Ulla Pirttijärvi auf der Bühne gestanden (die Welt ist klein...) - trotzdem gibt es hier ganz andere Musik zu hören. An der eigenartigen Besetzung (2 Schlagzeuge, Synthesizer, Bass) wird bereits klar, dass hier nicht mehr die Stimme im Mittelpunkt steht. Das Perkussive wird wichtiger, archaischer Singsang wird zum Teil als Sample eingespielt, die Stücke ziehen sich in die Länge. Man denkt an rituelle Schamanentänze und muss feststellen, wie nahe man dabei doch auch der heutigen Dance-Kultur ist. Nur dass hier eben noch gejoikt wird - zwar nicht mehr so sehr mit der Stimme, dafür aber erstaunlicherweise mit den Instrumenten. Am eindrucklichsten wird dies im Zusammenspiel der beiden Drummer/Perkussionisten demonstriert: Als Klangkörper benutzen sie Instrumente aus der ganzen Welt, daneben aber auch diverse Alltagsgegenstände; in ihrem Abschlusssolo (oder Duett?) spielen sie so subtil, dass man wirklich sagen möchte: sie joiken.

Das Stimmen Festival ist dieses Wochenende zu Ende gegangen. Mit 60'000 Zuhörern gegenüber 35'000 im Vorjahr war es sicher ein sehr erfolgreiches Festival. Allerdings lockte bereits das Grönemeyer-Konzert 31'000 Zuschauer an. An den insgesamt 25 Konzerten fanden jedoch zum Glück auch unbekanntere Bands durchaus Beachtung. Am Stimmen Festival im nächsten Jahr soll es vor allem Musik aus Spanien und Indien zu entdecken geben. Vielleicht auch mit einem zusätzlichen Veranstaltungsort in der Kaserne Basel.

www.transjoik.com

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