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Grabrede
auf ein Genre
"Emo" n'existe
plus
"The roaring 90ies" in Rock-relevanten
Genres, chronologisch aufgelistet: Grunge, Neo- Punk, New Rock,
New Metal, Emo- Core, Retro- Rock. Nicht nur dem aufmerksamen
Musik-Konsumenten ist wohl schon aufgefallen, dass momentan das
zweitletzte Genre in dieser Reihe zu Grabe getragen wird. Deep
Elm Records, das Integrations- Label der Bewegung in den 1990er
Jahren schlechthin, legt nun definitiv zum Gnadenschuss an. Die
inoffizielle Grabrede.
Von Mathias Menzl.

Das Debutalbum der ersten
"offiziellen" Emo- Band: Rites of Spring |
Emo- Core sollte zu Beginn der 1980er
suggerieren, dass es Musik gibt, die emotionaler ist als andere
Genres. Völliger Humbug natürlich. Emo sollte wohl
eigentlich nichts anderes ausdrücken, als dass harte Gitarrenmusik
getrost etwas mit Gefühlen zu tun haben darf, was ihr oftmals
a priori nicht zugestanden wird. Der Proto- Emo- Typ war jung,
unmodisch im Sinn von einfach gegen herrschende Modetrends ankämpfend
und sensibel. Der softe Emo- Junge als eine Antwort auf rrriot
Girls. Durchaus. So heisst zum Beispiel die aktuelle Gratis-Compilation
von Deep Elm "This is how I kill my tears" - sehr gefühlsbetont
und leidenschaftlich. Dieser Stereotyp überdauerte bis heute.
Emo polarisierte demnach von Beginn an und Emo polarisiert noch
immer - das war 1984, am Ursprung von Emo so, wie auch heute.
Selbst Musiker, deren Bands als Emo-Core klassifiziert werden
oder wurden, können mit dieser Etikette nicht (mehr) viel
anfangen. Zum Beispiel Jason Gnewikow - Gitarrist von The Promise
Ring, einer jener Emo- Bands, die Mitte der 1990er Jahre aufkamen
-, der es folgendermassen auf den Punkt brachte: "Emo ist
das lächerlichste, das es gibt. Sag mir eine Band, die nicht
emotional ist. Ob es nun Nashville Pussy oder Fugazi ist, sie
stehen alle auf der Bühne und sind emotional." Und
um Emo gleich noch den Rest zu geben: "Emo ist meiner Meinung
nach, sowieso ein schlechter Begiff; ich bevorzuge den Begriff
Post- Hardcore, weil die Wurzeln im Hardcore liegen. Vieles,
das heutzutage als Emo bezeichnet wird, ist eigentlich bloss
Indie- Rock."
Emo = Paria?
Hat Emo soviel Bösartigkeit verdient? Schliesslich handelt
es sich hierbei - abgesehen von der Retro-Garage-Rock Hypermania
- um den momentan wohl meist- diskutierten und auch meistkritisierten
Begriff im Rockzirkus und dies nicht erst seit Kurzem. Bei Musikern
ist das im Grunde nichts Aussergewöhnliches. Schubladen
vermeiden sie vehement, da sie damit mit anderen Bands gleichgesetzt
werden, mit denen sie nicht annähernd gleichgestellt werden
wollen. Es hat im Endeffekt alles mit der menschlichen Abneigung
gegen Nivellierung zu tun, ein Abwehrreflex, welcher der Alternativen
Musikszene zusätzlich noch per defintionem inhärent
ist.

Ian McKaye (Fugazi) |
Emo = Post- Hardcore?
Woher Emo kommt, ist nicht schlüssig
zu beantworten. Der Wortgebrauch findet seinen Ursprung weit
zurück in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts.
1983 erlebte die Welt nicht nur die erste Rock gegen einen Politiker
Tour mit den "Rock against Reagen"- Festivals, sondern
auch den indirekten Ursprung des Emo- Genres. Die in Washington
D.C. beheimatete Band Rites of Spring, die den legendären
Washingtoner Dischord- Sound begründete, legte mit ihrem
ersten Album 1983/84 den Grundstein. Über die erstmalige
öffentliche Nennung der Terminologie gibt es unterschiedliche
Quellen. Einige schreiben sie einem unbekannten Fan an einer
Embrace- Show Mitte der 1980er Jahre zu - Embrace war eine Band
von Ian McKaye (Fugazi) -, der angeblich bei einem Gig von Embrace
auf die Bühne schrie: "You guys are emo-Core!".
Andere wiederum bringen den Begriff ebenfalls
mit Ian McKaye in Zusammenhang, der ihn in einem Interview in
selbigem Zeitraum einmal geäussert haben soll. Wichtig ist
aber, dass damit eigentlich nichts anderes als Post- Hardcore
gemeint war. Denn Post- Hardcore oder eben jene Bands wie Rites
of Spring, Embrace und im Besonderen das Dischord- Label aus
Washington D.C., waren eine direkte Antwort auf den aus diesem
Blickwinkel konventionellen Hardcore dieser Tage, auf harte Gitarren,
hartes Schlagzeug und hartes Geschrei.
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10 Emo- Meilensteine
(Achtung: natürlich höchst subjektiv)
1. Jawbox: "Novelty"
2. Jawbreaker: "Dear You"
3. Sunny Day Real Estate: "How it Feels to be Something
on"
4. Thursday: "Full Collapse"
5. Fireside: "Do not Tailgate"
6. The Get Up Kids: "Something to write home about"
7. Elliott: "False Cathedrals"
8. Texas is the Reason: "Do you know who you are? "
9. The Appleseed Cast: "The End of the Ring Wars"
10. Jimmy Eat World: "Clarity"
Zu nennen wären auch noch:
Far, Taking Back Sunday, New End Original Cap'n Jazz, The Promise
Ring, Chamberlaine, Samiam, Further Seems Forever, Starmarket,
Camber, Planes Mistaken for Stars, Brandtson, Since by Men, Standstill,
The Beautiful Mistake, The Used, Settlefish, ...
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Emo = Mainstream?
In den 1990er Jahren hat sich dann
im Schatten von Grunge und New Metal die Emo-Core- Szenerie beständig
weiterentwickelt und ist bedächtig gewachsen. Bands wie
Jawbreaker, Jawbox, Far, Fireside, Texas is the Reason und vor
allem Sunny Day Real Estate brachten Emo-Core auf ein neues Level
und reformierten ihn. Dies geschah ziemlich unbeachtet von der
breiten Öffentlichkeit, denn Rock galt als tot, elektronische
Musik war Trumpf. Emo wurde poppiger und zuletzt mit Bands wie
New End Original, The Promise Ring oder Dashboard Confessional
gar schnulzig. Und was kommen musste kam. Die Industrie hat die
fetten Geldscheine hinter Emo gerochen und begann Bands anzuheuern.
Doch keine hat unterdessen den grossen Zahltag eingebracht, ausser
vielleicht Jimmy Eat World oder Dashboard Confessional, die in
den USA zur reglerechten Teenie- Band mutierten. Gleichzeitig
erlebte Emo aber auch eine stückweise Rückbesinnung
auf alte Hardcore- Punk- Wurzeln mit Bands wie Thursday und Boy
Sets Fire. Hier ist interessant, dass der Begriff weitergesponnen
wurde zu "Screamo" oder "ScrEmo", mit dem
Bands beschildert werden, die eigentlich den anderen Emo- Bands
ähnlich sind, aber starke Punk und Hardcore- Anleihen aufweisen.
Ende der 1990er Jahre hat sich Emo-Core
tot gelaufen. Ein Grund: Emo wurde mit zu vielen und vor allem
zu stark divergierenden Exponenten gleichgesetzt, worauf ein
Prozess in Gang gesetzt wurde, der letztendlich zur Pervertierung
des Begriffs führte. Eine weitere Erklärung ist wohl
auch, dass sich die Etikette an sich nicht wirklich durchsetzen
konnte, nicht wirklich etabliert hat, auch auf Grund dessen,
dass sich Emo eigentlich dort ansiedeln lässt, wo sich Punk-
Rock und Indie- Rock treffen; abert dort ist einfach nicht genügend
Platz vorhanden. Ein grosser Unterschied zu den Anfangstagen
in der 1980er Jahren, ist wohl auch in der generellen Auffassung
von Mainstream und alternativer Musikformen zu sehen. Diese glichen
sich mit der Zeit an. Alternative oder Indie-Rock ist nicht gleich
Punk oder Post- Hardcore aus den früheren Tagen. Die Kommerzialisierung
hat auch die Alternative zum Mainstream erhoben. Was bleibt ist
ein Chaos von zusammen gewürfelten Bands, denen allen dasselbe
Etikett anhaftet, das sie selber aber liebend gerne ablegen würden.

The Promise Ring |
Emo = Indie- Rock
Deshalb kommt es nicht von ungefähr,
dass die Genrebezeichnung zu einem eigentlichen Unwort verkommen
ist. Ein Anzeichen, dass Emo endgültig auf dem Begrifflichkeiten
-Friedhof gelandet ist, beweist mitunter auch die Einstellung
der "Emo-Diaries", eine Kompilation des Emo-Core Labels
Deep Elm, das neben Jade Tree die Fahnen der Bewegung in den
1990er Jahren aufrecht hielt. Unter dem zum Gütesiegel der
Szene avencierten "The Emo Diaries", wurden seit 1997
fernerhin die Karrieren von Samiam, Jimmy Eat World oder Appleseed
Cast lanciert. Doch auch John Szuch, der das Label 1996 gründete,
hat die Zeichen der Zeit erkannt. Emo habe sich mit Bands wie
Blink 182 und The Calling zu einem "entarteten" und
"verkommerzialisierten" Begriff gewandelt und bürge
nicht mehr für jene Werte, die Emo eigentlich ursprünglich
ausgemacht hätten. Das Label aus North Carolina musste schliesslich
auch konstatieren, dass Emo zu einer ästhetischen Marke
verkommen ist und nicht mehr als Hort von guter, ehrlicher und
leidenschaftlicher Musik gälte. Das Ende der "Emo-Diaries"
bedeutet aber nicht das Ende der Nachwuchsarbeit der Plattenfirma.
"This is Indie-Rock - the best bands you've never heard"
wird die neue über einen unbestimmten Zeitraum fortlaufende
Compilation heissen und bewahrheitet letztlich auch die Auffassung
von The Promise Ring- Gitarrist Jason Gnewikow, dass alles, was
als Emo-Core bezeichnet wird, im Grunde schlichter Indie-Rock
ist.
Labels:
www.deepelm.com
www.jadetree.com
www.revelationrecords.com
www.dischord.com
Aktuelle Veröffentlichungen von
Deep Elm und Jade Tree:
The Emo Diaries 10: "The Hope I
Hide Inside", Deep Elm
Was 1997 mit "What's Mine is Yours" begann, findet
2004 mit "The Hope I Hide Inside" seine Fortsetzung
und einen würdigen Abschluss. The Emo Diaris stand für
jungen, unverbrauchten Emo- Core aller Facetten aus den entlegendsten
Ländern dieser Welt. Unter anderem fanden auch A Season
Drive aus Lausanne auf Emo Diaries Nummer 8 mit "No Air"
Unterschlupf. Keine andere Compilation repräsentiert Emo.-
Core der 1990er Jahre deutlicher als The Emo Diaries. Nur deshalb
schon ist der Kauf aller zehn CD's fast ein Muss. Auf der letzten
Nummer befinden sich Trouvaillen aus Schweden, den USA, Norwegen,
England und Israel. (maz)
Sounds Like Violence: "The Pistol",
Deep Elm
Wie eine rostige Pistol, so hört sich das Organ von Andreas
Söderlund an, daher ist der Titel der EP (sechs Songs) durchaus
nach zu vollziehen. Derweil die meisten Schweden dem Schweine-Rock
oder der Retro- Schiene zugetan sind, besinnen sich Sounds Like
Violence auf "alte" schwedische Wurzeln à la
Refused. Dass sie dieser Referenz dann nicht ganz Paroli bieten
können, versteht sich von selbst. Irgendwo auf der Trennlinie
zwischen Punk und Hardcore anzusiedeln, sehr solide vorgetragen
und ganz bestimmt ein Appetitmacher auf mehr. (maz)
Lock and Key: "No Fate", Deep
Elm
Schnörkellos, kompakt, unmissverständlich. Hier geht's
um Post-Hardcore, auf den Punkt gebracht mit wenig Zierde. Hie
und da ein ausuferndes Solo und ab und zu ein Mitsing- Refrain.
Man vermisst hier aber die geheimnisvolle Note, die Vertracktheit
und überraschend eintretenden Windungen und Wendungen. Unter
dem Strich dann doch zu uninspiriert. (maz)
Fire Divine: "It's all a Blur",
Deep Elm
Post- Punk jenseits der abgelutschten, mainstreamigen Punk- Refrains
gefällig? Dann sind Fire Devine genau das richtig. Irgendwie,
fragt nicht wie, verbinden die US-Amerikaner, herkömmlichen
Punk mit einer genuinen Spielweise, die diesen so gar nicht nach
demselben anhören lässt. Es tönt alles rauchig,
scheppernd, unpoliert und unverbraucht, aber dennoch sehr erwachsen
und reif. (maz)
Pedro the Lion: "Achilles'
Heel", Jade Tree
Pedro the Lion- Mastermind David Bazan hat sich seit "Control"
mal schnell geschüttelt und sich von seinem Weltschmerz-
Overkill gelöst, den seine Vorgänger- Alben ausgezeichnet
hatten. Auf "Achille's Heel" tönt es darob ein
wenig befreiter und weniger in sich gekehrt. Die Songs strahlen
eine für Pedro the Lion ungewohnte Leichigkeit aus, was
für den Gesamtsound sehr gewinnbringend wirkt. Am Ende hat
man das beste Album von David Bazan vor sich und ein wunderbares
Kleinod voll von Indie- Rock/Lo-Fi- Country. (maz)
Location is Everything: "Vol.
2", Jade Tree
Achtung: Gratissampler. Jeder, der bei Jade Tree etwas bestellt
kriegt dieses Jade Tree- Panoptikum zugeschickt. Zum 15- jährigen
Jubiläum des Labels werden die Meilensteinen kompiliert.
Darauf befinden sich Jade Trees jüngste wie auch altgediente
Juwelen: Denali, Ester Drang, Milemarker, Jets to Brazil, Statistics,
Onlinedrawing, Strike it Anywhere, und und und. Es riegt gewaltig
nach Repeat- Taste. (maz)
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Und:
Bitte!
Die Leiden eines verhinderten
Geniessers
Von Jean-Marc Nia*.
Ich versuchte lediglich clever zu sein.
Ich traf früh in der Roten Fabrik ein, um Kurt Wagner und
seine Mannen von Lambchop zu sehen. Ich setzte mich auf die Tribüne,
trank mein kühles Mineral. Es war herrlich. Bis das Konzert
begann, und ich ob der Tatsache, dass jetzt auf einmal alle aufstanden
meine ersten Nervenkrise kassierte. Na gut, ich fügte mich
der Herde, stand auf und als es still war, musste ich feststellen,
dass mein Vorhaben clever zu sein, bereits an dem Umstand scheiterte,
dass ich mich direkt neben der Bar positioniert hatte. Dort begannen
die Konzertbesucher, die doch auch 35 Franken für den Gig
ausgaben, sofort über die neueste Ausgabe von Yps oder sonst
was zu diskutieren. Meine Nerven wurden erneut erprobt, ich besann
mich aber und kam zu dem Entschluss, mich jetzt durch die Menge
durchzuwuseln, wo ich hoffte, auf eine Gruppe zu stossen, deren
Mundwerk, durch ein Wunder, für immer versiegelt wurde.
Ich stiess allerdings auf das genaue Gegenteil, obwohl es anfänglich
überhaupt nicht den Anschein machte. Eine Dame und ihr offensichtlicher
Partner, hatten den ganzen weiten Weg von dem Planeten von dem
sie stammen, auf sich genommen um rumzuschmusen, was mich gar
nicht mal so störte und aber auch zu fragen, welches Instrument
denn da immer "woing woing" mache, wo der Bassist wohl
sässe und welche/r MusikerIn dem anderen gefalle. Nach der
millionsten Frage, drehte ich mich um und meinte, sie sollen
das Konzert doch bitte still geniessen, damit die anderen auch
was davon haben und beendete den Satz in meinem Kopf mit allerhand
Scheusslichkeiten. Als dann vor mir noch ein Paar, Bewohner des
gleichen Planeten wie das Trivial Pursuit-Paar, begann innig
Salsa zu tanzen... Gütiger Gott!!!! Salsa!!! Das ist wie
Clint Eastwood in einer Bettszene mit Justin Timberlake.
* Jean-Marc Nia ist überzeugter
Jeansträger und hat an diesem Lambchop Konzert vor Glück
und Überwältigung dreimal beinahe geweint.
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