Cully
Jazz Festival vom 26. März. - 3.April 2004
Grosser Jazz im kleinen
Rahmen
Das Cully Jazz Festival scheut sich
nicht vor grossen Namen: Am 1. und 2. April standen unter Anderen
Eddie Palmieri, Roy Hargrove und Terry Callier auf dem Programm
des Festivals mit Geheimtipp-Charakter. Das grosse Stars auf
kleinen Bühnen mindestens so gut spielen, wurde hier einmal
mehr deutlich.
Von Michael Walther.
Teil 2 (Teil 1 in der letzten Ausgabe)
1.April: Vinicius Cantuaria; La CHala Cubana
und Eddie Palmieri. 2.April: Terry Callier und Roy Hargrove.

Terry Callier (zVg) |
Einer von neun Abenden ist in Cully
immer den geraden Achteln, dem Bossa Nova und den samtweich flüsternden
Saxofonen à la Stan Getz gewidmet: Dem Latin Jazz. Diese
Sorte des Jazz gedeiht am besten bei 40°C am Schatten und
einer sanft wehenden Meeresbrise- in Brasilien zum Beispiel.
Von dort kommt Vinicius Cantuaria. Seine Musik steht im Zeichen
des Bossa Nova und erinnert an den letzten Sommer- und an die
Bars, wo Bebel Gilberto in mancher warmen Nacht aus den Lautsprechern
vor sich hin säuselte.
Nachdem es dunkel geworden ist über
dem Genfersee, beginnt das Städtchen erst richtig zu leben.
Das milde Wetter zieht viele Leute an, die den zahlreichen Weinkellern
und Bars nachgehen, in denen das Off-Festival stattfindet. Drinnen
im Zelt beginnt bereits das zweite Konzert des Abends: La CHala
Cubana. Der Namen ergibt sich aus ihrer Zusammensetzung: Ein
Teil der Band kommt aus der Schweiz, der Andere aus Cuba - La
CH à la Cuba(na), die Schweiz in Cuba. Wie der Name, so
die Musik: Der Salsa flammt zwischendurch auf - jedoch etwas
verhalten und scheu, wie wir Schweizer eben sind.
Kein Halten mehr gibt es, als Altmeister
Eddie Palmieri mit seinem Orchestra la Perfecta II loslegt. Schon
bei seinem Solostück zum Auftakt ist das Publikum ausser
sich. Salsa in seiner Reinform, ungefiltert und waschecht fegt
von nun an von der Bühne in Richtung Publikum: Wirbelnde
Congas, messerscharfe Bläsersätze mit Trompetensoli
in wortwörtlich atemberaubenden Tonhöhen und juchzende
Flötenlinien sorgen für eineinhalb Stunden Lebensfreude.
Diese Lebensfreude ist auch im Publikum bemerkbar: Es wird Salsa
getanzt- ohne Rücksichtnahme auf volle Bierbecher oder empfindliche
Zehen. Unter den Tanzenden wirbeln auch einige Profis ihre dunkelhäutigen
Schönheiten in Minjupes durch die Menge, was die Stimmung
noch zusätzlich anheizt.
Der nächste Abend beginnt besinnlicher:
Terry Callier sei ein alter Weise, steht im Programmheft. Sein
Name steht für eine Aura, für eine einzigartige Stimmung
und musikalischen Tiefgang. Calliers Gesang verdient das Attribut
"Soul" wohl mehr als Vieles, was am Radio unter dieser
Sparte gesendet wird. Mit seiner akustischen Gitarre und einer
Band, die zusammenhält, schafft er Stimmungen, die glücklich
machen. Seine Musik ist wie ein warmes Schaumbad, das einen umgibt
und träumen lässt.
Die Träume zereisst Roy Hargrove.
Er betritt die Bühne in einem Mechaniker-Kombi und ungeschnürten,
breiten Lederschuhen. Seine Coolness besticht wie sein Spiel:
nicht umsonst wurde er in verschiedenen Kritiken bereits als
einen "der besten Trompeter der Welt" genannt. Seine
Solos beginnen sphärisch wie die von Miles Davis und enden
in exzessiven Gewittern. Die Band spielt Funk- er Jazz. Beides
zusammen ergibt den unbändigen und originalen "Hard
Groove", nach welchem auch sein neustes Album benannt ist.
Die 22.Ausgabe vom Cully Jazz Festival
ist bereits Erinnerung- und es wird eine von den schönsten
des musikalischen Frühlings 2004 bleiben. Denn was in erster
Linie an einem Festival zählt, ist die Stimmung. Die Atmosphäre
in Cully wird dem Genre "Jazz" mehr als gerecht- und
lässt bereits eine Vorfreude auf die 23.Ausgabe aufkommen.
Web:
www.cullyjazz.ch
www.eddiepalmierimusic.com
www.royhargrove.com
www.chalacubana.ch
www.vinicius.com
www.premonitionandmusic.com/html/tcallier/tcallier.html
(Terry Callier)
IAM,
X-Tra, Zürich: 24. April 2004
Das Manifest
Die Stimmung war genial, das X-tra ausverkauft
und die Show dauerte gut und gerne zwei Stunden: IAM haben in
Zürich ihre "Revoir Un Printemps"-Show gezeigt
und dem deutschsprachigen Publikum richtig eingeheizt.
Von Simon Lustorf.
Vermutlich haben rund 80% der Leute im
X-tra zwar kein einziges Wort von IAM verstanden. Besonders bei
schnellen Rap-Passagen oder wenn einer der "Imperial Asiatic
Men" in den Marseille-Slang abrutschte verstanden die meisten
wohl nichts mehr. Um so genialer, wenn die Show und Musik im
Duo dennoch das Publikum zum kochen brachten und mit Abwechslung,
Variationen und dem Feuer der Akteure begeistern konnten.
IAM zeigte ein Programm, das vor allem
die Tracks der letzten LP "Revoir un printemps" berücksichtigte.
Etwas enttäuschend für Anhänger der alten Schule:
Das Hit-Album "L'école du micro d'argent" wurde
mit keinem einzigen Stück berücksichtigt. Dafür
gabs ein paar auserlesene Perlen aus Soloalben der Rapper aus
Marseille.
Bei langsameren Stücken wurden zwar
keine mitschaukelnden Feuerzeuge gesichtet, ein paar Fans gingen
die Lyrics aber offenbar stark ans Herz. Für Abwechslung
sorgen auch Pausen, in welchen die beiden DJs ihre Turntablism-Fähigkeiten
unter Beweis stellten. Zudem glänzte vor allem Freeman zwischen
den Stücken mit Seitenhieben politischer Art in Richtung
USA oder Le Pen, die jedoch im Vergleich mit anderen "Fuck
Bush"-Attitüden im typischen IAM-Style daherkamen:
Niveauvoll und dennoch simpel.
IAM hat genau das geboten, was sie indirekt
immer versprechen: Eine geniale Show, welche auch von normalen
Hiphoppern abseits der Gangster-Szene besucht wird.
Web:
www.iam.tm.fr
Live:
11.05.2004 in Genf
London
Elektricity, Kiff, Aarau: 24. April 2004
Danger - High Voltage!
Ein Drum'n' Bass-Gig von London Elektricity
ist etwas für Hochleistungssportler - auf der Bühne
wie im Publikum. Kenner bringen zu einem solchen Event Mineralwasser
und ein Schweisstuch mit.
Von Adrian Wettstein.
Vor einem
Jahr erschien von London Elektricity das Drum'n' Bass Album Billion
Dollar Gravy, das von manch einem bewundert wurde; nur konnte
man sich nicht so recht vorstellen, dass da wirklich alles live
eingespielt wurde. Im Kiff fand nun die Probe aufs Exempel statt.
Die Instrumente stehen bereit, die Band betritt die Bühne.
Auf den T-Shirts der Bandmitglieder steht "Hospital",
der Name ihres Plattenlabels. Der junge MC mit Baseballcap sieht
aber nicht aus, als würde er gerade aus dem Spital kommen,
eher aus der Mittelschule. Die beleibte Sängerin, die sich
noch im Hintergrund herumtummelt, könnte gut und gerne seine
Lehrerin sein, Keyboarder Tony Coleman der Rektor. Und diese
lustige Truppe will nun zum Drum&Bass-Konzert aufspielen?
Die leisen Bedenken sind aber schon nach wenigen Minuten alle
weggewischt und man weiss: alles wird gut. Es beginnt mit hartem
Hip Hop, wo der MC sein loses Mundwerk zum ersten Mal unter Beweis
stellen kann, bis der sogenannte "Jungle Drummer" die
Geschwindigkeit merklich erhöht, d.h. etwa verdoppelt, und
die D&B-Freaks zum Hüpfen bringt.
An einem Gig von London Elektricity
dazustehen und nur mit dem Kopf zu wackeln ist ähnlich unangebracht
wie an einer Beerdigung Freudensprünge zu machen. Tanzen
bis zum Höhepunkt heisst die Devise - Cum Dancer der nächste
Song. Der Jungle Drummer haut auf die Becken als würde ihm
jemand ein Stromkabel an den Hintern halten, er hat an diesem
Abend etwa gleich viel zu tun wie ein Trash Metal -Drummer, nur
dass seine Rhythmen ein bisschen abwechslungsreicher sind als
diejenigen des düsteren Berufskollegen. Es wird auch bald
deutlich, dass es Tony Coleman, dem Kopf von London Elektricity,
nicht nur um einen Geschwindigkeitsrausch geht. Immer wieder
wird das Tempo gedrosselt, etwa beim wunderschönen "Rewind";
man kann sich ein wenig ausruhen und die eingängigen Melodien
aufs Gemüt wirken lassen. Die Sängerin Lainne Carrol
wärmt mit ihrer Soul-Stimme die Herzen und bringt das Publikum
dazu, beim House-Klassiker "Spread Love" mitzusingen,
natürlich in einer Broken Beat Version .
Drum & Bass ist zwar immer noch
schnell und schweisstreibend, aber weniger hart als vor einigen
Jahren. Einflüsse aus Jazz, Soul und Hip Hop sind unverkennbar.
Man hat den Stil von London Elektricity deswegen auch schon Liquid
Funk genannt. Tony Coleman ist mit der kompletten Live-Besetzung
seiner Band sicher ein Risiko eingegangen, das sich gelohnt hat.
London Elektricity gehört definitiv zu einem der angesagtesten
Drum'n Bass-Acts. Als die Truppe zum letzten Song aufspielt und
Lainne Carrol singend verkündet: "Life is beautiful",
wissen alle Tanzenden: Sie hat Recht. Zumindest an diesem Abend!
Web: www.hospitalrecords.com
Monster
Magnet/Gluecifer, Fri-Son, Fribourg: 03.04.2004
Auf dem absteigenden Ast
Wenn ein Band gleich 2 Supportgruppen
mit auf Tour nimmt, kann das zwei Dinge bedeuten. Erstens: Die
Band ist verdammt erfolgreich und kann sich das leisten. Oder
zweitens: Sie haben ein schlechtes Gewissen ihren Fans gegenüber,
weil sie von sich selber denken nicht mehr gut genug zu sein.
Auf Monster Magnet trifft beides zu.
Von Stephan Knepper.
Die mir völlig unbekannt Band The
Quill eröffnete einen langen Hardrock Abend im Fri-Son.
Mehr will ich über diese Band gar nicht schreiben, denn
das wäre pure Zeitverschwendung. Nach der Umbaupause betraten
Gluecifer aus Norwegen die Bühne. Mit ihnen kam dann auch
erstmals Stimmung in der Halle auf. Die fünf Skandinavier
überzeugten mit straightem Rock'n'Roll, der das denn voll
aufgedrehten Verstärkern nur so heraussprang. Im Nachhinein
betrachtet muß man leider sagen, dass ihr Auftritt bereits
der Höhepunkt des Abends war. Denn was danach folgte war
irgendwie fad und langweilig. Gluecifer beendeten ihr Set so
gegen 23 Uhr. Durch die Umbaupause stellte sich ein wenig Langeweile
ein, die aber durch die Vorfreude auf Monster Magnet verdrängt
wurde. Als Bilderbuchjunkie Dave Wyndorf und seine Jungs dann
ihr Set starteten machte sich allerdings schnell wieder Langeweile
breit. Mit den üblichen Rockstarposen und Zwischenkommentaren
versuchte die Band zwar Stimmung rüber zu bringen, das gelang
aber nur sehr selten. Der einzige Höhepunkt war ihr Hit
Powertrip, leider ohne die im Video auftretenden Stripperinnen.
Das wäre vielleicht noch interessant geworden. Was man Monster
Magnet allerdings zugute halten muß, ist die Tatsache,
dass sie fast drei Stunden lang versuchten ihr Publikum zu unterhalten.
Das bekommt man heutzutage auch eher selten geboten. Wenn man
allerdings als Band an dem Punkt ankommt, an dem die Vorgruppe
besser ist als der Hauptact, ist das kein gutes Zeichen. Da das
bei diesem Konzert der Fall war, sollten sich die fünf Musiker
vielleicht mal ein paar Gedanken machen. Aber vielleicht hatten
sie auch nur einen schlechten Tag. [gluecifer.jpg]
Web:
www.monstermagnet.net
www.gluecifer.com
Calexico,
Stansermusikfesttage, 21.4. 04
Die Wüstenhunde in
den Bergen
Calexico haben sich mit ihrer letzten
Tour durch Europa den Mythos einer aussergewöhnlichen Live-Band
erspielt. Dass liegt nicht nur an der hohen Qualität der
Musiker, sondern vor allem an ihrem äusserst sympathischen
Auftreten.
Von Patrick Müller.
Anlässlich der zehnten Stanser Musiktage
spielte die Band aus Tuscon/Arizona ein exklusives Konzert in
der Schweiz. Es muss für eine Band, die weltweit grosse
Erfolge feiert, schon etwas Spezielles gewesen sein, inmitten
der Innerschweizer Berge im kleinen Städtchen Stans ein
ausverkauftes Konzert zu spielen. Der Kontrast zwischen der eindrücklichen
Bergkulisse und der amerikanischen Wüste, von der die Musik
Calexicos beeinflusst ist, könnte eigentlich grösser
nicht sein. Doch, obwohl es schwer zu glauben ist, hat die Diversität
des zahlreich erschienen Publikums diesen an Einzigartigkeit
noch übertroffen. Vom seitengescheitelten Musikbesessenen
über Luzerner Hausbesetzerinnen bis hin zu cüplitrinkenden
Sitzplatzkarteninhaber; von zum Nichtrauchen gezwungenen Kettenraucherinnen
über Kurzhaar-Jazzer bis hin zur schlipstragenden Bohnenstangen,
die Gratistickets von ihrer Bank gekriegt haben, war wohl alles
vertreten, was man auf Schweizer Strassen so antrifft.
Die Band besteht ohne Ausnahme aus Originalen
Mindestens so exquisit zusammengewürfelt wie das Publikum,
sind die Musiker von Calexico:
Im Zentrum der Band stehen Joey Burns und John Convertino, die
langjährigen Freunde und Mitbestreiter von Giant Sand, der
Band des Sänger und Liedmachers Howe Gelb. Joey Burns ist
der so genannte Mastermind von Calexico. Er spielt auf den Platten
bis aufs Schlagzeug fast alle Instrumente selbst ein. Live spielt
er Gitarre und singt und das mit einer beeindruckenden Virtuosität
und traumwandlerischen Sicherheit. John Convertino spielt Schlagzeug,
wie wenn er mit seinen Stöcken in Kochtopfen rühren
würde, um ein delikates Sechs-Gang-Menü zuzubereiten.
Sein dynamisches Spiel trägt viel zur Einzigartigkeit der
Musik von Calexico bei.
Rund um diesen Kern versammeln sich Musiker aus verschieden Ländern
und verschiedensten Stilrichtungen. Da haben wir zum einen den
Mexikanischen Trompeter Jacob Valenzuela, der, wenn er nicht
bei Calexico spielen würde, auch einen Tankwart in einem
Jim Jarmusch Film abgäbe. So musikalisch wie der mir den
Maracas rasselt, könnte er aber auch ebenso gut einen professionellen
Salsatänzer abgeben. Bei dem Huftschwung ist erblasst jeder
Europäer vor Neid.
Auf der Bühne direkt neben ihm steht jeweils der Multiinstrumentalist
Martin Wenk aus Deutschland. Er wechselt an den Konzerten vom
Vibrafon, zur Trompete, von der Handorgel zum Keyboard und die
zweite Stimme singt er auch noch. Der Typ ist ein Meter neunzig,
gut gekleidet, blond und blauäugig und könnte eigentlich
alles andere sein als ein Musiker.
Das Goldstück in der Freakshow war Paul Niehaus. Er ist
klein, hat wirklich lockiges Haar, eine Brille und eine Figur
wie eine Bierflasche. Er hockte den ganzen Abend über seiner
Lap-Steel-Gitarre und spielte Lied für Lied scheinbar ohne
Regung. Nur ein Lächeln ab und zu bis zum letzten Stück,
als er bei Crsytal Frontier die ultra schnelle akustische Gitarre
spielte. Im Stehen. Der kann ja nur aus Nashville, Tennesse stammen.
Der Letzte im Bunde ist der deutsche Kontrabassist Volker Zander.
Ein waschechter Teddybär: Pustebäckchen, grosse, braune
Augen und eine nicht zu erschütternde Gemütlichkeit
ausstrahlend.
Schöner als die Berge
Kurz nach Acht betrat die Band
die Bühne des Theaterraums des Kollegiengebäude in
Stans, um ihr knapp zweistündiges Konzert zu eröffnen.
Die unglaubliche Spiellust und die hohe Virtuosität, mit
der die einzelnen Musiker ihre Instrumente beherrschen, vermochten
das Publikum, trotz des streckenweise etwas laschen Songmaterials
in ihren Bann zu ziehen. Durch ihr engagiertes Auftreten, fernab
von peinlichem Rock'n'roll-Gehabe und klischierten Posen, bekam
man das Gefühl, dass hier Musiker am Werke sind, die es
richtig geniessen, zusammen Musik zu machen. Die Musik oder das
besser gesagt das Musizieren stand immer im Zentrum; und wenn
so wohlklingende Instrumente, wie Kontrabass, Geige, Lap-Steel-Gitarre,
Vibrafon und gedämpfte Trompete mit einer akustischen Gitarre
und einem mit Besen gespielten Schlagzeug zusammen spielen, ergibt
das eine klangliche Landschaft, die der Schönheit der Innerschweizer
Bergwelt in nichts nachsteht.
Knarf
Rellöm, Nt-Areal, Basel, 8.4. 04
Knarf, Frank Möller, Rellöm
Obwohl mein Freundeskreis eigentlich
fast ausschliesslich aus gestandenen und vom Leben gezeichneten
Männern besteht, haben wir neulich wieder einmal so richtig
herumgeblödelt. Irgendeiner hatte auf RTL einen Bericht
über eine alte Dame gesehen, die Texte von hinten nach vorne
gelesen auf ein Tonband aufnahm, welches sie darauf folgend rückwärts
abspielte, so dass man das Kauderwelsch verstehen konnte, das
sie vorher in ihr Diktiergerät parlierte.
Von Patrick Müller
Ein tolles Hobby
Auf der Stelle machten wir uns daran, die ersten Skills dieser
etwas verschrobenen Kunst zu erlernen. Wir hielten unsere vom
Wohlstand gemästeten Bäuche vor Lachen, als jeder von
uns probierte seinen Namen rückwärts aufzusagen. Olop
Refoh; Ifok Nanna; Floda Igo; Ogeid Odnamra Anodaram. Zum Schluss
war ich an der Reihe: Kcirtap Rellüm stotterte es aus mir
heraus, und wir schauten uns alle verdutzt an. Rellüm, Rellöm,
Knarf, Frank. Das Lächeln des Archäologen beim Fund
eines Faustkeils machte sich auf unseren Gesichtern breit, genau
dasselbe Lächeln, das schon Sir Isaac Newton auf seinem
Gesicht hatte, als im der berühmte Apfel auf die Birne fiel.
Knarf Rellöm heisst mit bürgerlichem
Namen also Frank Möller. Und genau dieser gastierte mit
seiner Band 'the Shi-Sha-Shellöm' am Abend vor Karfreitag
im Nt-Areal in Basel. Das Konzert war auf zehn Uhr angesagt und
weil ich ein bisschen spät dran war und auf keinen Fall
die Vorband verpassen wollte, rannte ich den letzten halben Kilometer
vollgas. Dort angekommen und ziemlich ausser Puste wurde mir
schnell klar, dass Saalschutz aus mir immer noch nicht bekannten
Gründen an diesem Abend gar nicht spielen würde. Wie
dem Rest des zahlreich erschienen Publikums blieb auch mir nicht
anders übrig, als warmes Bier aus Pappbechern zu trinken
und auf die grosse Attraktion des Abends zu warten. Irgendwann
kurz vor Zwölf betrat der Star die Bühne, um sie eine
knappe Stunde später wieder zu verlassen. Dazwischen passierte
nicht viel:
Ein paar unmotiviert gespielte Lieder, dazwischen einige zum
Teil Publikums verachtende Ansagen und drei vergossene Schweisstropfen.
Man muss dazu sagen, dass die Ansagen mit Abstand das Beste waren,
was sie an diesem Abend zu bieten hatten. Meine vom Wohlstand
gemästeten Freunde haben mir nachher erzählt, dass
sie auch schon richtig gute Konzerte von Knarf Rellöm gesehen
hätten. Und das glaubte ich ihnen gern, denn die Band hätte
auf alle Fälle das Potenzial, einen Saal zum Kochen zu bringen.
Aber diese Nacht war nicht für Knarf Rellöm and the
Shi-Sha-Shellöm gemacht. Nach dem Konzert legten Sie noch
ein paar Platten auf, Elekro-Pop-Knüller, eigentlich ganz
nette Musik, aber nach kurzer Zeit hatten sie auch davon genug
und überliessen das Feld einem waschechten Goa-DJ. Und davon
hatte ich dann ganz schnell genug.
Fazit: In nächster Zeit übe ich mich wohl eher in Texte
rückwärts auf ein Tonband sprechen bevor ich wieder
auf ein Knarf Rellöm Konzert gehe.
Web:
www.whatssofunnyabout.de/infos/knarf.htm
www.areal.org
Urlaub
in Polen, Bad Bonn, Düdingen, 22.4.04
Alle wollen Urlaub in
Polen
Von Bern nimmt man den Bummler in Richtung
Fribourg und der hält eigentlich mehr, als das er fährt.
Umso länger man in der S2 sitzt, desto komischer klingen
die Ortsnamen und man beging sich zu fragen, ob Urlaub in Polen
heute wirklich in einem dieser Käffer spielt?
Von Patrick Müller.
Was hab ich in letzter Zeit nicht alles
probiert? Ich ging an x Konzerte, nach Zürich, Basel, Stans
und Bern; Ich habe die Lautstärke meines Discmans konstant
höher geschraubt, bis er mich so zugedröhnt hat, dass
ich nicht anders konnte als hinzuhören; ich durchforschte
meine Plattensammlung bis in die verstaubtesten Winkel auf der
Suche nach einer vergessenen Band. Ich suchte nach irgendetwas,
das mich wieder einmal so richtig reinzieht.
Dann muss man schon nach Düdingen
gehen, um wieder einmal ein verdammtes Rockkonzert zu erleben.
Urlaub in Polen war grossartig. Atemberaubend. In Urlaub in Polen
ist alles vereint, was eine gute Indieband ausmacht. Immer vorwärts
treibende Schlagzeugbeats, harte und verspielte Gitarren und
eine wahnsinnig differenzierte Klangdichte. Die Songs sind vertrakt
arrangiert und voll von Überraschungen und doch sind sie
packend, emotional und paradoxerweise gerade durch ihre Sperrigkeit
zugänglich. Man hat nie das Gefühl, dass sie ihre Ideen
suchen müssten. Die Songs fliessen und wirken homogen. Wo
der Song brechen muss, bricht er; wo er ausufern soll, lassen
sie es so richtig krachen und schichten über den Schlagzeug/Gitarre-Sound
Samples, die sich klanglich und rhythmisch perfekt ins Gefüge
einbetten. Man verliert sich in Einzelheiten und bleibt doch
immer am Ball. Urlaub in Polen arbeitet eigentlich mit denselben
Modulen wie so viele andere Indiebands, die nicht mit vorgefertigten
Songschematas funktionieren: aufbauen, einstürzen lassen,
explodieren. Sie sind aber direkter und rockiger. Wenn Mogwai
und Shellac zusammen in Kiste stiegen, wäre Urlaub in Polen
ihr Kind. Wenn man sich ein bisschen an solche Musik gewöhnt
ist, springt einem das Herz vor Freude und so viel kann ich sagen:
Es wurde gejauchzt vor Glück.
Übrigens: Für mich war es das
erste Mal im Bad Bonn, und wer noch nie da war, soll unbedingt
mal hingehen. Der Club ist zu einzigartig, als dass man ihn beschreiben
könnte.