Übersicht | Leitartikel | Interviews | Milestone | Neuheiten | Konzerte | Backstage | Vorfreude


Ein beeindruckendes Debutalbum, ein beeindruckendes Konzert im Abart: Wer sind Keane?
Keen on Keane

Piano, Schlagzeug und Gesang. Nicht eben die klassische Rock Besetzung und auch für Britpop fehlt mindestens eine Gitarre. Trotzdem ist es nicht vermessen zu vermuten, dass Keane die britische Rock und Pop-Szene gehörig aufmischen werden.

Von David Bauer und Patricia Senn (Bilder).


Tim Rice-Oxley, Pianist und Songwriter (rechts) und Richard Hughes, Schlagzeuger von Keane
Die britische Presse ist hell begeistert von Keane - und dies noch bevor die drei Jungs aus Battle im Süden Englands überhaupt ein Album veröffentlicht haben. Doch so ist die britische Presse: Sie liebt es Hypes zu kreieren und frische Bands in den Himmel empor zu jubeln. Was bisher war: Keane haben zwei Singles bei Fierce Panda veröffentlicht, wo auch schon Placebo, Coldplay oder Idlewild ihren Weg ins Musikgeschäft begonnen hatten. Es folgte das Signing durch Island Records und der beeindruckende Chart-Einstieg der Vorabsingle "Somewhere Only We Know". Und nun wartet ganz England fiebrig auf das am 10. Mai erscheinende Debutalbum Hopes and Fears.
Am 18. April haben die drei Briten dem Publikum im Abart (zum Konzertbericht) bereits einen Vorgeschmack auf das bald erscheinende Album gegeben und wir haben natürlich die Gelegenheit genutzt, uns mit den Shootingstars zu unterhalten. Aber sehen so kommende Superstars aus? Tim Rice-Oxley, der Pianist und Songwriter, und Richard Hughes, der Schlagzeuger der Band (der Sänger Tom Chaplin lässt sich entschuldigen, er muss seine Stimme schonen und ist wohl irgendwo am Salzwasser gurgeln und Honigmilch trinken) sitzen mir im Backstage Bereich des Abart Club gegenüber und machen so gar nicht den Anschein, als wäre auch nur irgend etwas um sie herum im Gange.
Britisches Understatement? Vielleicht. Eher nicht. Die beiden wirken natürlich und sympathisch-zurückhaltend, plaudern freudig drauf los. Als die Promomanagerin dann zu verstehen gibt, dass die Zeit für das Interview um sei, entschuldigen sie sich und versprechen, dass sie sich das nächste Mal mehr Zeit nehmen werden. Ich bin fast versucht, es ihnen zu glauben.

HOPES AND FEARS

Beim ersten Durchhören der Platte fühlt man sich an Coldplay (wegen des Pianos), Turin Brakes (wegen der Melodien), vor allem aber an Travis erinnert. Keane haben trotz fehlenden Gitarren einen sehr ähnlichen Stil wie Travis, was nicht zuletzt auch an Tom Chaplins Stimme liegt, die Fran Healys ähnelt. Überhaupt: diese Stimme! Im Musikbusiness gibt es wenige, die so kraftvoll, rein und fehlerlos singen können. Manchmal würde man sich fast wünschen, es würde ein bisschen mehr kratzen, ein bisschen mehr anecken. Zumindest auf Platte wartet man darauf allerdings vergeblich.
Auch sonst ecken Keane wenig an. Es ist aber gerade das Normale, das die Platte schön macht. Unprätentiös entfalten Keane ihre grossen Melodien, scheinbar ganz beiläufig. Neben Tom Chaplins Organ werden diese ganz wesentlich von Tim Rice Oxleys Piano geprägt. Mal wirkt es dezent begleitend, mal drängt es sich in den Vordergrund und übernimmt den Part der fehlenden (aber nicht: vermissten!) Gitarren. Und nicht selten agiert es mit den Drums zusammen als Rhythmussektion. Sehr faszinierend.
In einer Zeit, in der Coolness im Britpop längst nicht mehr das Eintrittsticket ist und die Retro-Rock-Manie ungehindert grassiert, kommen Keane gerade richtig. Ehrlich, bescheiden und trotzdem ganz gross. (dba)

Das Debutalbum von Keane, Hopes and Fears (Universal) erscheint am 10. Mai.

Web: www.keanemusic.com
Reinhören: www.keanemusic.com >> music

Was habt ihr gemein mit Roy Keane?

Richard Hughes: Ich habe in etwa die selber Haarfarbe wie er. Das ist es aber auch schon! (lacht) Wir haben eine andere Art, mit Wut und Aggression umzugehen, eine etwas ruhigere, differenziertere. Wir gehen nicht auf Schiedsrichter los, wir schreiben Songs.

Wenn euer Name also nichts mit ihm zu tun hat, woher kommt er dann?

Richard Hughes: Wir gingen alle zusammen zur Schule und da gab es diese ältere Lady, die auf uns aufgepasst hat, Tee gekocht und uns getröstet hat, wenn wir uns weh getan hatten. Sie hiess Jerry Keane. Und als wir dann für einen unserer ersten Auftritte einen Namen für die Band suchten, kam sie uns wieder in den Sinn. Also nannten wir uns Jerry Keane. Das hat die Leute aber etwas verwirrt, weil es ähnlich tönt wie Cherokee, die Indianer. Also haben wir das Jerry weggelassen und waren Keane.
Das war natürlich lange bevor Roy Keane bekannt wurde. Sowieso: wenn schon Fussball, dann würden wir Cantona heissen.

In wenigen Wochen kommt euer Debutalbum auf den Markt und ganz England wartet schon darauf. Spürt ihr einen gewissen Druck?

Richard Hughes: Eigentlich nicht, denn wir haben das Album ja fertig. (beide lachen) Wir können ohnehin nichts mehr ändern. Als wir das Album aufgenommen haben, war da schon ein gewisser Druck, denn wir wussten, dass die Leute einiges von uns erwarten. Ein bisschen beängstigend ist es schon, denn dafür, dass wir noch nicht einmal ein Album veröffentlicht haben, wir schon sehr viel über uns geschrieben. Aber wir wollten es schliesslich so weit bringen und sind beklagen uns deshalb nicht.


"Wir sehen uns nicht als Rock ,n' Roll Stars an, wir sind auch nicht irgendwie speziell oder besonders cool." Richard Hughes
Und ihr habt keine Angst, dass die Presse sehr bald das Interesse an euch verliert und euch wieder fallen lässt?

Tim Rice-Oxley: Nein, eigentlich nicht. Natürlich liebt es speziell die britische Presse, Bands zu hypen um sie dann wieder auf den Boden zurück zu holen. Aber wir versuchen uns nicht zu sehr darum zu kümmern. Wir haben ein Album gemacht, das uns wirklich gefällt und sind sehr zufrieden damit. Und bisher waren auch alle ganz nett zu uns. Wir hoffen einfach, dass das Album viele Leute anspricht.

Es sind ja schliesslich auch die Leute, welche eure Platten kaufen und nicht die Presse.

Richard Hughes: Genau. Oft ist die Meinung der Leute gar stärker als diejenige der Presse. The Man Who von Travis zum Beispiel hat zu Beginn ziemlich schlechte Kritiken bekommen. Doch die Leute sind in die Läden gerannt und haben die Platte wie wild gekauft. Und plötzlich hiess es überall, das Album sei brillant (lacht). Wie Tim eben schon gesagt hat: du kannst es nicht beeinflussen und darum solltest du dich auch nicht zu sehr darum sorgen.

Aber glaubt ihr, dass eine Nachfrage für eurer Musik besteht? Es gibt bereits eine ganze Menge etablierter Bands, die ähnliche Musik machen wie ihr: Coldplay, Travis, Starsailor, Turin Brakes...

Tim Rice-Oxley: In gewisser Weise fühlen wir uns sehr isoliert als Band, also nicht zugehörig zu einer bestimmten Sparte. Die Bands die du genannt hast, sind ja alle von unserer Generation und wir haben grosses Respekt für sie, speziell für Travis. Aber einen Konkurrenzdruck spüren wir nicht. Es hat überall viele Bands, die trotzdem nebeneinander existieren können.

Es könnte doch sein, dass jemand, der Travis mag, sich einfach sagt: "Ich habe Travis, wozu brauche ich auch noch Keane?"

Richard Hughes: Ich glaube, wir haben einige Songs auf unserem Album, die man nie auf einem Album von Travis oder Coldplay hören würde. Sobald man sich unser ganzes Album anhört, wird man die Unterschiede feststellen. Je mehr man hört, desto offensichtlicher werden die Unterschiede.


"Wir haben irgendwo doch noch den Glauben, dass Musik die Welt verändern kann - wenn auch nur im kleinen." Tim Rice-Oxley
Der offensichtlichste Unterschied ist ja, dass ihr keinen Gitarristen in der Band habt. Angeblich habt ihr euch dazu aber nicht bewusst entschieden. Heisst das, dass ihr schlicht keinen Ersatz gefunden habt für euren Gitarristen, den ihr ganz zu Beginn mal hattet, oder wie muss ich das verstehen?

Tim Rice-Oxley (lacht): Das war in der Tat so! Natürlich haben wir uns überlegt, einen neuen Gitarristen zu suchen. Aber wir waren schon sehr zusammengewachsen als Band und wollten nicht unbedingt, dass jemand neues dazu stösst. Also haben wir ein bisschen experimentiert, haben auch viel elektronisches ausprobiert und sind schliesslich auf den Sound gekommen, den wir nun machen. Bei den ersten Gigs, die wir zu dritt gespielt haben, waren wir ziemlich nervös, wir wussten ja nicht, ob diese Art von Musik irgend jemandem gefallen würde. Das hat sie dann glücklicherweise und wir können nun auch wirklich so Musik machen, wie wir sie mögen.

Tim, du hast mal gesagt, dass ihr keine kleine Kult-Band sein wollt, sondern von so vielen Leuten wie nur möglich gehört werden wollt. Warum?

Tim Rice-Oxley: Viele der Bands, die wir mögen - U2, Oasis, The Smiths, The Beatles - haben es geschafft, mit ihren Songs Massen von Leuten anzusprechen und zu begeistern. Wir haben irgendwo doch noch den Glauben, dass Musik die Welt verändern kann, wenn auch nur im kleinen. Vielleicht gelingt es uns, die Leute mit unseren Songs zum Nachdenken anzuregen, weil sie realisieren, dass wir uns mit denselben Dingen beschäftigen wie sie.

Alltägliche Dinge?

Richard Hughes: Ja. Die meisten Leute sind ja - in gewisser Weise - ganz normale Menschen. Und genauso sind wir ganz normale Menschen. Wir sehen uns nicht als Rock ,n' Roll Stars an, wir sind auch nicht irgendwie speziell oder besonders cool. Mich persönlich stösst es ab, wenn Bands oder ihre Musik zu cool sind und ich keinen Zugang dazu finden kann. Die Leute sollen hören, dass uns die Musik, die wir machen, etwas bedeutet. Und wir hoffen, dass sie ihnen ebenfalls etwas bedeuten wird.

VERLOSUNG

Neugierig geworden? Wir verlosen 3 Mal das Debutalbum von Keane und 4 Mal die Single "Somewhere Only We Know". Schreibt uns, was wir im Plebs noch besser machen könnten an gewinnenplebs.ch, mit Betreff "Keane Album", beziehungsweise "Keane Single". Die ausführlichsten Feedbacks werden mit der Platte prämiert. Wie immer gilt: komplette Adresse nicht vergessen.

Letzte Frage: Wie macht ihr jemandem euer Debutalbum schmackhaft?

Richard Hughes (überlegt lange): "With a bit of luck, it will mean something to you". Denn die beste Musik ist doch diejenige, die dich berührt und die du auch in sechs Monaten oder zwei Jahren noch gerne hörst.

Tim Rice-Oxley: Wir haben versucht, ein Album zu machen, das uns gefällt. Das ist uns gelungen. Und da wir nichts von uns selber zurückhalten oder verbergen, finden hoffentlich viele Leute einen direkten Zugang zu unserer Musik.

 

LIVEABART

Keane (Support: Mañana), 18. September, Abart Zürich
Beeindruckend!

Die Bühne sieht eigenartig aus. Das Schlagzeug steht ganz links, auf der rechten Seite ein Keyboard. Vorne in der Mitte steht das Mikrofon und dahinter ist alles leer. Dass Keane keine Rockband im klassischen Sinne sind, dies war schon im vornherein klar. Und wozu dieser viele freie Platz gut sein sollte, wurde ebenfalls bald deutlich. Vorhang auf für Keane.
Schon beim ersten Song tanzt, hüpft, wütet Tom Chaplin, der Sänger des Trios, wie ein Besessener auf der Bühne umher und nutzt dabei jeden Millimeter freien Platz auf der Bühne aus. "Die meisten von euch sind sicher für Mañana her gekommen. Danke jedenfalls, dass ihr noch geblieben seid", gibt er sich nach dem ersten Song bescheiden. Der aufbrausende Applaus in einem gut, aber nicht ganz gefüllten Abart (laut offiziellen Angaben war es ausverkauft), sollte ihn schnell eines besseren belehrt haben; entweder sind die Mañana Fans sehr schnell für neues zu begeistern oder - wahrscheinlicher - die Kunde hat sich herumgesprochen, dass es hier heute Abend ein Versprechen für die Zukunft zu sehen gibt.
Der Sound ist überraschend kraftvoll, Keane gelingt es, mit Schlagzeug und Piano alleine die fehlenden Gitarren vergessen zu machen. Einen grossen Anteil daran hat auch Tom Chaplins Stimme, die schlicht eine Wucht ist. Kraftvoll, klar und ohne Makel. Was auf der Platte etwas seicht daher kommt, bläst einen hier gleich weg. Und trotzdem: mit "We're not a classic rock band" hat Chaplin vollkommen recht. Lachend zeigt er dem Publikum seinen Becher mit Tee. Fragt sich natürlich, was nun mehr Rock ,n' Roll ist: auf der Bühne Tee oder Bier zu trinken.
Im rund einstündigen Set mit drei Zugaben gibt es eigentlich keinen Durchhänger, einzig die beiden Songs ohne Schlagzeug Unterstützung fallen etwas aus dem Rahmen. Hingegen ist es erstaunlich zu beobachten, wie im Prinzip sechs Leute auf der Bühne stehen. Drei Rockstars, die sich ekstatisch ihrer Musik hingeben und - sobald ein Song zu Ende ist - drei schüchterne Jungs ohne Attitüden, die sich wie kleine Kinder über die Begeisterung im Publikum freuen und ungezwungen mit diesem interagieren.
Keane haben im Abart einen eindrücklichen Vorgeschmack dessen abgeliefert, was man von ihnen noch erwarten kann. Jede Wette, dass diese Band in weniger als zwei Jahren wieder in der Schweiz und dannzumal in einem ausverkauften Volkshaus spielt. (dba)

nach oben