Kulturmagazin April
2003 (Nr. 60)
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Neues Kino: Amerika | Europa | Asien | DVD
Neue Kinofilme aus
Europa
Inhalt dieser Seite:
Schweiz & Ausland: Fremds Land
Frankreich & Iran: 10 (Ten)
Deutschland & Italien: Solino
"Fremds Land" von Luke
Gasser | CH-Historienfilm
Eine Innerschweizer Saga
über Fremdsein und Heimweh
Die
Geschichtsstudentin Sara fährt nach Lungern zu ihrem Onkel
um dort an ihrer Arbeit weiterzuarbeiten. Saras Onkel ist passionierter
Laienhistoriker und er zeigt ihr seine Sammlung an wertvollen
Gegenständen und Dokumenten. Darunter auch eine Bleistiftskizze
eines Trappers umringt von Indianer, dieses Bild weckt die Neugierde
von Sara und sie fängt an die dazugehörenden Briefe
zu Lesen.
Von fabienne.glardon
plebs.
Wir werden in die Geschichte des Innerschweizers David versetzt,
der als Zwangsrekrutierter vom napoleonischen Russlandfeldzug
heimkehrend, sich eingestehen muss, dass es für ihn in seinem
Heimatdorf keine Zukunft gibt; seine Geliebte hat während
seiner Abwesenheit einen anderen geheiratet und mit der Einstellung
seiner Landsleute kann er gar nichts mehr anfangen. Er entscheidet
nach Nordamerika auszuwandern, das Land der unbegrenzten Freiheit.
Dort wären seine Spuren langsam verwischt, hätte er
nicht regelmässig seiner Ex-Verlobten von seinen Abenteuern
berichtet.
Fremds Land ist ein Film über das
Gefühl von Heimat, Freiheit, Liebe, neue Hoffnung und Heimweh.
Wir erfahren wie die Innerschweizer zur Zeit Napoleons lebten
und denkten, das ganze wird von dem Original Deutschweizer Akzent
unterstrichen. Trotz beschränkter Geldverhältnissen
ist es ein Qualitativ guter Film, mit humorvollen aber auchh
tragischen Szenen. Der erste Teil in der Schweiz ist jedoch sehr
langezogen, da man eigentlich erwartet, mehr über die Abenteuer
in Amerika zu erfahren. Die Szenen in Amerika scheinen zu kurz
geraten im Vergleich zur langen "Vorgeschichte" in
der Schweiz. Der Regisseur, Schauspieler und Musiker Luke Gasser
arbeitet seht viel mit Musik um die Stimmung der einzelnen Szenen
zu unterstreichen, dies wirkt mit der Zeit aber eher plump, da
man das Gefühl bekommt, die Musiksequenzen dienen dazu sich
einen Dialog zu ersparen.
Im Gross und Ganzen ein gelungener schweizer
Film mit faszinierendem historischen Hintergrund.
Läuft seit
13. März 2003.
Web: www.fremdsland.ch

"10" (Ten) von Abbas
Kiarostami
Die Frau
"Ich sage mir manchmal, dass TEN
ein Film ist, den ich nicht wieder machen könnte. Man kann
nicht planen, einen solchen Film zu realisieren... Er ähnelt
CLOSE UP ein wenig. Es ist möglich, in dieser Richtung fortzufahren,
aber es braucht Geduld. Tatsächlich handelt es sich nicht
um etwas, das sich einfach wiederholen lässt. Es muss von
sich aus passieren, wie ein Zufall oder ein Geschehnis... Und
dennoch brauchte es eine lange Vorbereitung. Zuerst war es die
Geschichte einer Psychoanalytikerin, ihre Patienten und ihrem
Auto-aber das war vor zwei Jahren..."
(Abbas Kiarostami)
Von
fabienne.glardon
plebs.ch.
Der neue Film von Abbas Kiarostami, handelt aus dem Leben einer
Frau, es sind zehn Szenen aus dem Leben von sechs Frauen, es
könnten aber auch zehn Szenen aus dem Leben von einer Frau
sein. Wir begleiten diese Frau in diesen zehn Szenen, die alle
in ihrem Auto ablaufen. Ein Streitgespräch mit ihrem Sohn,
ein Gespräch über Religion und Glauben mit einer Kollegin,
das Trösten ihrer Schwester die Liedeskummer hat und eine
Diskussion mit einer aufgegabelten Prostituierten, dies sind
einige Beispiele aus diesen zehn Szenen. Diese Frau hört
sich die Probleme dieser Menschen an, teilt diese Herausforderungen
und Konflikte für einen kurzen Moment mit ihnen.
Was vor allem sehr markant ist, die Probleme einer Frau scheinen,
egal woher sie kommt, egal welche Religion sie hat oder aus welchen
Kulturkreisen sie stammt, immer die gleichen zu sein.
Ein sehr bewegender Film, oder auch Dokumentation,
aus dem Leben einer Frau, über ihre Konflikte und Hoffnungen.
Erfrischend echt!
Ab 10. April
2003 im Kino.

"Solino" von Fatih
Akin | mit Barnaby Metschurat und Moritz Bleibtreu
Rührseelig
Wir schreiben das Jahr 1964, die Familie
Romano zieht auf der Suche nach dem Wirtschaftswunder von Italien
nach Duisburg und schafft es, die erste Pizzaria im Ruhrpott
zu eröffnen. Zehn Jahre später sind zwar immer noch
alle Tische im "Solino" (benannt nach dem Heimatort
der Gastarbeiter) besetzt, aber am Familienzusammenhalt bröckelts.
Der Vater geht fremd, die Mutter wird schwer krank und die beiden
Jungens, Gigi und Giancarlo leben die Reize der Siebziger in
vollen Zügen aus.
Von
patricia.senn
plebs.ch.
Trotz der bereits früh erkennbaren Gegensätze der Brüder,
Gigi ist intelligent und träumt davon Filme zu machen, Giancarlo
ist eher faul und klaut lieber ab und zu mal, ziehen sie nach
erneutem Krach mit den Eltern, mit Jo, einer alten Freundin,
zusammen. Natürlich sind beide schon lange in sie verliebt.
Als Gigi mit seiner kranken Mutter nach
Solino zurück kehrt, überstürzen sich in Duisburg
die Ereignisse: Gigis erster Film gewinnt an den Ruhrfilmtagen
den Hauptpreis, Giancarlo lässt seinen Bruder ein weiteres
Mal im Stich und sahnt an der Preisverleihung den Ruhm ab, schnappt
sich bei der Gelegenheit auch gleich Jo, die inzwischen Gigis
feste Freundin geworden ist.
Als Gigi es doch noch nach Deutschland
schafft und entdeckt, dass es für ihn hier nichts mehr zu
machen gibt, beschliesst er, für immer nach Italien zurückzukehren.
Wieder zehn Jahre später ist er mit seiner ehemaligen Jugendfreundin
zusammen und spielt seine Filme im selber renovierten Freiluftkino
den wenigen Dorfbewohnern vor. Von seinem Bruder hat er während
dieser Zeit nichts gehört, läd ihn aber trotzdem zu
seiner Hochzeit ein und tatsächlich, Giancarlo, inzwischen
beim Fernsehen recht erfolgreich, kommt nach Solino. Und merkt,
er alles besitzt, wofür er Gigi immer beneidet hat, dass
er aber doch nicht zufrieden ist.
Es ist eine Geschichte über Gastarbeiter
und ihre Schwierigkeiten in eine fremden Land, um die Secondos
und ihre Wurzeln. Es geht aber auch darum, was es bedeutet glücklich
zu sein, und dass es für jeden Menschen etwas anderes ist,
das zufrieden macht. Ganz nebenbei ist es eine Liebeserklärung
an den Film an sich, die liebevoll gestalteten 8mm-Filmchen zum
Beispiel haben schon ziemlichen Charme. Den Teil, der in den
Sechzigern spielt, finde ich zwar schön gemacht, aber die
Kinder wirken etwas verkrampft und theatralisch (Szenen überspitzter
Theatralik gibt's aber auch ein paar mal von den Erwachsenen
zu sehen), das typische "Italo-Temperament" ist vielleicht
etwas überzeichnet und der Grund für die überstürzte
Flucht nach Deutschland ist etwas unklar.
Aber alles in allem ein guter Sonntagabend
Kinofilm, für solche die ein klein bisschen Rührseligkeit
ertragen.
Läuft ab
22. Mai im Kino.
Web:
www.solino-derfilm.de