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Porträt
"Grock
- La vie d'un grand artiste / Grock - Das Leben eines grossen
Künstlers" von Carl Boese | F/D 1930/31
Eine filmische Wiederentdeckung
"Sans blâ-â-â-gue!"
Eine Villa an der Riviera wird versteigert.
Ein Herr, der aus dem Hintergrund hervortritt, unterschreibt
den Kaufvertrag mit ein paar Kapriolen und Tricks und schliesslich
mit einem gedehnten "Sans blâ-â-â-gue!"
("Nid m-ö-ö-ö-glich!"). Jetzt erst wird
den verdutzten Auktionsteilnehmern und dem Zuschauer klar, wer
dieser Mann ist: der berühmte Clown Grock.
Von andreas.schumacher
plebs.ch.
Grock will sich von der Bühne zurückziehen, um mit
seiner jungen Frau Bianca (Gina Manès) einen frühen
Lebensabend geniessen zu können. Der Mann, der seine Villa
notgedrungen an Grock verkaufen muss, der verarmte Graf de Laune
(Léon Bary), ist in Wirklichkeit der Geliebte von Grocks
Frau.
An der Abschlussvorstellung wird Grock
von seinem Bühnenpartner Max (Max van Embden) gewarnt: "Man
(sie) will nur Ihr Geld." Doch Grock hört nicht hin
und zieht mit Bianca in die Villa ein. Es kommt zu den ersten
Zerwürfnissen. Bianca schnauzt ihn an, er hätte nur
Blödsinn im Kopf. Grock setzt im Garten Gemüse und
züchtet Kaninchen, während sich seine Frau fast zu
Tode langweilt und sich missmutig über ihren gutherzigen
und treuen Ehemann beklagt.
Der Graf de Laune kommt zu Besuch, um Bianca
zu sehen. In der Villa wird eine Party mit der besseren Gesellschaft
der Riviera gefeiert. Doch das wiederum ist nicht Grocks Welt.
Ein Zirkus, der gerade in der Gegend gastiert, wird von Grock,
der die Artisten kennt, begeistert eingeladen. Bianca ist entrüstet:
"Ich befehle Dir, diese Leute wegzuschicken!"
Als Grock eine Gastnummer im Zirkus gibt,
ist seine Frau gerade dabei, mit dem Grafen zu türmen. Der
betrogene Clown erwischt das Liebespaar beim Kofferpacken, ist
untröstlich und jagt Bianca fort. In diesem traurigen Moment
erscheint Max und überredet Grock, wieder mit ihm zur Bühne
zurückzukehren und aufzutreten.
Clown Grock ist zurück auf der Bühne
und wieder voll in seinem Element, gibt er sein Comeback vor
einer grossen, begeisterten Zuschauermenge.
Charles Adrien Wettach, geboren am 10.
Januar 1880 in der Nähe von Reconvillier im Berner Jura,
ging mit dem Künstlernamen "Grock" als "König
der Clowns" in die Geschichte des Varietés ein.
Berühmt und beliebt war Grock vor
allem wegen seiner Bühnenpräsenz. Das filmische Schaffen
des Clowns war weniger erfolgreich und ist heute praktisch vergessen.
Trotz Grocks schweizerischer Herkunft, scheiterten jegliche Versuche,
hierzulande einen Film mit ihm zu drehen.
Idee, Konzept, Drehbuch (zusammen mit Eduard
Behrens), Musik, gar die Finanzierung des Films übernahm
Grock hier selbst. Die deutsch-französische Koproduktion
sollte Grocks zweiter Kinofilm werden.
Die
Aussenaufnahmen zum Film, der den Untertitel "La vie d'un
grand artiste"/"Das Leben eines grossen Künstlers"
trägt, wurden im Herbst 1930 in Grocks Villa "Bianca"
in Oneglia (Italien) und die Studioaufnahmen in Berlin gedreht.
Der Untertitel weist bereits auf einen Bezug zu Grocks Leben
hin, allerdings sind nur gewisse Anspielungen autobiografischer
Natur.
Man scheute nicht die riesige Mühe,
den Film in fünf Sprachversionen mit jeweils französischen,
deutschen und englischen Schauspielern zu drehen! Die Hauptrolle
in allen drei Sprachversionen spielte natürlich Grock selbst.
Oberregie führte Carl Boese und zeichnete zugleich für
die deutsche Fassung. Die französische Version und Supervision
besorgte Germain Fried, für die französischen Dialoge
war Joë Hamman verantwortlich.
Die uns heute zugängliche, einzige
vollständige Fassung ist die französische.
Selbstredend war der damals betriebene
gigantische Aufwand gedacht, um den Film möglichst gut verkaufen
zu können. Warum sollte Grock, der auf der Bühne Riesenerfolge
feierte, nicht auch im Filmgeschäft Erfolg haben? Die Rechnung
ging nicht auf - Berlin und Paris waren nicht Hollywood, und
Grock war nicht Chaplin.
Am 24. Februar 1931 fand die Filmpremiere in Berlin statt, kurz
darauf folgten Paris und Mailand. Eine Werbeanzeige feierte den
Film als ersten deutschen Tonfilm überhaupt! Fälschlicherweise.
Im Juli 1931 wollte Grock in Berlin mit der Filmverleihgesellschaft
"Cinema" abrechnen. Doch die Firma befand sich bereits
in Konkurs. Die beiden Besitzer waren mit dem Geld der Einnahmen
abgehauen... Ähnliche Probleme bekam Grock in Grossbritannien,
wo der Film nie aufgeführt wurde.
Schliesslich erwies sich der Film für Grock als absolute
finanzielle Pleite, mit der er sein ganzes Vermögen verlor,
und zwang den 50-jährigen Clown, der sich in der Wirklichkeit
wie im Film von der Bühne zurückziehen wollte, wieder
auf die Bühne zurückzukehren.
Dramaturgisch gesehen, ist "Grock"
sicherlich kein filmisches Meisterwerk. Gerade das Drehbuch ist
ziemlich mager. Eigentlich müsste man den 84-minütigen
Film in zwei Teilen (zu jeweils fast genau 42 min) betrachten:
In der ersten Hälfte wird die Geschichte erzählt -
das ist Spielfilm; die zweite Hälfte zeigt eine abgefilmte
Bühnennummer - das müsste eigentlich als Dokumentarfilm
gesehen werden.
Der erste Teil des Films, in der Biancas
und Grocks Verhältnis geschildert wird, ist eigentlich eher
statisch und in die Länge gezogen. Die schauspielerischen
Leistungen überzeugen wenig. Insbesondere Gina Manès
als Bianca und Léon Bary als Graf de Laune bleiben irgendwie
vornehm distanziert und unnahbar. Es wäre heute interessant,
die deutsche Fassung zu sehen, um einen Vergleich zwischen den
Schauspielern ziehen zu können.
Der
erste Teil enthält aber nebenbei auch einen sozialkritischen
Aspekt. Die Gegenüberstellung und Problematik der Unvereinbarkeit
von bürgerlicher Welt und fahrendem Volk, also Bourgeoisie
und Artisten oder Gauklern, gab es in Zirkus- oder Künstlerfilmen
der Filmgeschichte immer wieder (z. B. bei Chaplin, "Limelight"/"Rampenlicht"
[USA/GB, 1952]; oder bei Ingmar Bergman, "Gycklarnas afton"/"Abend
der Gaukler" [Schweden, 1953]). "Grock" schildert
diese gesellschaftlichen Probleme zwar nur andeutungsweise, aber
vom Zeitpunkt her - immerhin 1930 - kommt ihm gewissermassen
eine Pionierrolle zu.
Es ist schon von einer eindringlichen Tragik, wenn der liebenswürdige
und gutherzige Clown Grock von seiner Frau, die er über
alles liebt, betrogen und verachtet wird. Die Leute aus der Gesellschaft
nehmen ihn ebenfalls nicht ernst. Der Zirkusdirektor erwidert
zu Grock, als dieser meint, seine Frau verstehe die Gaukler nicht:
"Sie hat nie Sägemehl gefressen!"
Aber Adrien Wettach geht nicht so weit wie Chaplin oder Bergman.
"Grock" endet nicht als menschliches Drama. Zum Schluss
siegt doch das Lachen, und Grock lässt sich wieder versöhnt
und glücklich von seinem Publikum feiern.
Was den historischen Wert des Films aber
ausmacht, ist eindeutig der zweite Teil, der eine ganze Bühnennummer
mit Grock und Max van Embden zeigt. Abgefilmte Bühnenszenen
mögen anderswo künstlich und unzugänglich wirken,
hier sind sie brillant.
Man sieht den genialen Artisten Grock mit Clownnase, Hut, viel
zu grossen Schuhen, mit Geige, am Flügel oder mit der Concertina
und seinen berühmten Aussprüchen "Sans blâ-â-â-gue!"
("Nid m-ö-ö-ö-glich!") und "Pourqu-â-â-â?"
("Pourquoi?"). Und da man als heutiger Zuschauer Grock
eben nicht mehr live erleben kann, macht es riesigen Spass, dem
Komiker bei seinen Spässen und Musiknummern zuzusehen. Das
hier ist ein ganz anderer Grock als der Privatmann in der Villa.
Raymond Naef *, der Grossneffe von Grock, meint, dass das Charisma
und die Ausstrahlung von Grock im Film verloren gegangen sei
(Interview mit SF DRS im "B.Magazin", 11. 2002). Das
mag für den Schauspieler Grock tatsächlich so sein.
In diesem zweiten Teil jedoch ist Grock nicht mehr Adrien Wettach,
sondern eben der einzigartige Clown Grock - und der zweite Teil
ist eigentlich auch kein Spielfilm mehr, sondern ein filmisches
Zeitdokument von grossem historischem Wert, das es wiederzuentdecken
gilt.
Der Film "Grock"
ist als VHS-Videokassette (französisch mit deutschen Untertiteln)
bei JIPI FILM, Toises 8, 1005 Lausanne, für Fr. 55.- zu
beziehen.
* Die Ausstellung
"Grock - Eine Wiederentdeckung des Clowns" von Raymond
Naef ist im Stadthaus Zürich noch bis am 17. April 2003
zu sehen. Das gleichnamige Buch zur Ausstellung erschien 2002
im Benteli Verlag, Bern.