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Kulturmagazin April 2003 (Nr. 60)

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Porträt

"Grock - La vie d'un grand artiste / Grock - Das Leben eines grossen Künstlers" von Carl Boese | F/D 1930/31
Eine filmische Wiederentdeckung
"Sans blâ-â-â-gue!"

Eine Villa an der Riviera wird versteigert. Ein Herr, der aus dem Hintergrund hervortritt, unterschreibt den Kaufvertrag mit ein paar Kapriolen und Tricks und schliesslich mit einem gedehnten "Sans blâ-â-â-gue!" ("Nid m-ö-ö-ö-glich!"). Jetzt erst wird den verdutzten Auktionsteilnehmern und dem Zuschauer klar, wer dieser Mann ist: der berühmte Clown Grock.

Von andreas.schumacherplebs.ch. Grock will sich von der Bühne zurückziehen, um mit seiner jungen Frau Bianca (Gina Manès) einen frühen Lebensabend geniessen zu können. Der Mann, der seine Villa notgedrungen an Grock verkaufen muss, der verarmte Graf de Laune (Léon Bary), ist in Wirklichkeit der Geliebte von Grocks Frau.

An der Abschlussvorstellung wird Grock von seinem Bühnenpartner Max (Max van Embden) gewarnt: "Man (sie) will nur Ihr Geld." Doch Grock hört nicht hin und zieht mit Bianca in die Villa ein. Es kommt zu den ersten Zerwürfnissen. Bianca schnauzt ihn an, er hätte nur Blödsinn im Kopf. Grock setzt im Garten Gemüse und züchtet Kaninchen, während sich seine Frau fast zu Tode langweilt und sich missmutig über ihren gutherzigen und treuen Ehemann beklagt.

Der Graf de Laune kommt zu Besuch, um Bianca zu sehen. In der Villa wird eine Party mit der besseren Gesellschaft der Riviera gefeiert. Doch das wiederum ist nicht Grocks Welt. Ein Zirkus, der gerade in der Gegend gastiert, wird von Grock, der die Artisten kennt, begeistert eingeladen. Bianca ist entrüstet: "Ich befehle Dir, diese Leute wegzuschicken!"

Als Grock eine Gastnummer im Zirkus gibt, ist seine Frau gerade dabei, mit dem Grafen zu türmen. Der betrogene Clown erwischt das Liebespaar beim Kofferpacken, ist untröstlich und jagt Bianca fort. In diesem traurigen Moment erscheint Max und überredet Grock, wieder mit ihm zur Bühne zurückzukehren und aufzutreten.

Clown Grock ist zurück auf der Bühne und wieder voll in seinem Element, gibt er sein Comeback vor einer grossen, begeisterten Zuschauermenge.

Charles Adrien Wettach, geboren am 10. Januar 1880 in der Nähe von Reconvillier im Berner Jura, ging mit dem Künstlernamen "Grock" als "König der Clowns" in die Geschichte des Varietés ein.

Berühmt und beliebt war Grock vor allem wegen seiner Bühnenpräsenz. Das filmische Schaffen des Clowns war weniger erfolgreich und ist heute praktisch vergessen. Trotz Grocks schweizerischer Herkunft, scheiterten jegliche Versuche, hierzulande einen Film mit ihm zu drehen.

Idee, Konzept, Drehbuch (zusammen mit Eduard Behrens), Musik, gar die Finanzierung des Films übernahm Grock hier selbst. Die deutsch-französische Koproduktion sollte Grocks zweiter Kinofilm werden.

Die Aussenaufnahmen zum Film, der den Untertitel "La vie d'un grand artiste"/"Das Leben eines grossen Künstlers" trägt, wurden im Herbst 1930 in Grocks Villa "Bianca" in Oneglia (Italien) und die Studioaufnahmen in Berlin gedreht.
Der Untertitel weist bereits auf einen Bezug zu Grocks Leben hin, allerdings sind nur gewisse Anspielungen autobiografischer Natur.

Man scheute nicht die riesige Mühe, den Film in fünf Sprachversionen mit jeweils französischen, deutschen und englischen Schauspielern zu drehen! Die Hauptrolle in allen drei Sprachversionen spielte natürlich Grock selbst.
Oberregie führte Carl Boese und zeichnete zugleich für die deutsche Fassung. Die französische Version und Supervision besorgte Germain Fried, für die französischen Dialoge war Joë Hamman verantwortlich.

Die uns heute zugängliche, einzige vollständige Fassung ist die französische.

Selbstredend war der damals betriebene gigantische Aufwand gedacht, um den Film möglichst gut verkaufen zu können. Warum sollte Grock, der auf der Bühne Riesenerfolge feierte, nicht auch im Filmgeschäft Erfolg haben? Die Rechnung ging nicht auf - Berlin und Paris waren nicht Hollywood, und Grock war nicht Chaplin.
Am 24. Februar 1931 fand die Filmpremiere in Berlin statt, kurz darauf folgten Paris und Mailand. Eine Werbeanzeige feierte den Film als ersten deutschen Tonfilm überhaupt! Fälschlicherweise.
Im Juli 1931 wollte Grock in Berlin mit der Filmverleihgesellschaft "Cinema" abrechnen. Doch die Firma befand sich bereits in Konkurs. Die beiden Besitzer waren mit dem Geld der Einnahmen abgehauen... Ähnliche Probleme bekam Grock in Grossbritannien, wo der Film nie aufgeführt wurde.
Schliesslich erwies sich der Film für Grock als absolute finanzielle Pleite, mit der er sein ganzes Vermögen verlor, und zwang den 50-jährigen Clown, der sich in der Wirklichkeit wie im Film von der Bühne zurückziehen wollte, wieder auf die Bühne zurückzukehren.

Dramaturgisch gesehen, ist "Grock" sicherlich kein filmisches Meisterwerk. Gerade das Drehbuch ist ziemlich mager. Eigentlich müsste man den 84-minütigen Film in zwei Teilen (zu jeweils fast genau 42 min) betrachten: In der ersten Hälfte wird die Geschichte erzählt - das ist Spielfilm; die zweite Hälfte zeigt eine abgefilmte Bühnennummer - das müsste eigentlich als Dokumentarfilm gesehen werden.

Der erste Teil des Films, in der Biancas und Grocks Verhältnis geschildert wird, ist eigentlich eher statisch und in die Länge gezogen. Die schauspielerischen Leistungen überzeugen wenig. Insbesondere Gina Manès als Bianca und Léon Bary als Graf de Laune bleiben irgendwie vornehm distanziert und unnahbar. Es wäre heute interessant, die deutsche Fassung zu sehen, um einen Vergleich zwischen den Schauspielern ziehen zu können.

Der erste Teil enthält aber nebenbei auch einen sozialkritischen Aspekt. Die Gegenüberstellung und Problematik der Unvereinbarkeit von bürgerlicher Welt und fahrendem Volk, also Bourgeoisie und Artisten oder Gauklern, gab es in Zirkus- oder Künstlerfilmen der Filmgeschichte immer wieder (z. B. bei Chaplin, "Limelight"/"Rampenlicht" [USA/GB, 1952]; oder bei Ingmar Bergman, "Gycklarnas afton"/"Abend der Gaukler" [Schweden, 1953]). "Grock" schildert diese gesellschaftlichen Probleme zwar nur andeutungsweise, aber vom Zeitpunkt her - immerhin 1930 - kommt ihm gewissermassen eine Pionierrolle zu.
Es ist schon von einer eindringlichen Tragik, wenn der liebenswürdige und gutherzige Clown Grock von seiner Frau, die er über alles liebt, betrogen und verachtet wird. Die Leute aus der Gesellschaft nehmen ihn ebenfalls nicht ernst. Der Zirkusdirektor erwidert zu Grock, als dieser meint, seine Frau verstehe die Gaukler nicht: "Sie hat nie Sägemehl gefressen!"
Aber Adrien Wettach geht nicht so weit wie Chaplin oder Bergman. "Grock" endet nicht als menschliches Drama. Zum Schluss siegt doch das Lachen, und Grock lässt sich wieder versöhnt und glücklich von seinem Publikum feiern.

Was den historischen Wert des Films aber ausmacht, ist eindeutig der zweite Teil, der eine ganze Bühnennummer mit Grock und Max van Embden zeigt. Abgefilmte Bühnenszenen mögen anderswo künstlich und unzugänglich wirken, hier sind sie brillant.
Man sieht den genialen Artisten Grock mit Clownnase, Hut, viel zu grossen Schuhen, mit Geige, am Flügel oder mit der Concertina und seinen berühmten Aussprüchen "Sans blâ-â-â-gue!" ("Nid m-ö-ö-ö-glich!") und "Pourqu-â-â-â?" ("Pourquoi?"). Und da man als heutiger Zuschauer Grock eben nicht mehr live erleben kann, macht es riesigen Spass, dem Komiker bei seinen Spässen und Musiknummern zuzusehen. Das hier ist ein ganz anderer Grock als der Privatmann in der Villa.
Raymond Naef *, der Grossneffe von Grock, meint, dass das Charisma und die Ausstrahlung von Grock im Film verloren gegangen sei (Interview mit SF DRS im "B.Magazin", 11. 2002). Das mag für den Schauspieler Grock tatsächlich so sein. In diesem zweiten Teil jedoch ist Grock nicht mehr Adrien Wettach, sondern eben der einzigartige Clown Grock - und der zweite Teil ist eigentlich auch kein Spielfilm mehr, sondern ein filmisches Zeitdokument von grossem historischem Wert, das es wiederzuentdecken gilt.

Der Film "Grock" ist als VHS-Videokassette (französisch mit deutschen Untertiteln) bei JIPI FILM, Toises 8, 1005 Lausanne, für Fr. 55.- zu beziehen.

* Die Ausstellung "Grock - Eine Wiederentdeckung des Clowns" von Raymond Naef ist im Stadthaus Zürich noch bis am 17. April 2003 zu sehen. Das gleichnamige Buch zur Ausstellung erschien 2002 im Benteli Verlag, Bern.

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