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Neuerscheinungen Belletristik
Inhalt dieser Seite:
Leon de
Winter: "Malibu"
Natasza Goerke: "Rasante
Erstarrung"
Michael Crichton: "Beute"
Kjersti Scheen: "Die
siebte Sünde"
Leon de Winter: "Malibu"
| Roman
Zum Nachdenken
Ist alles bloss eine Verkettung der
Umstände? So könnte man meinen. Der Roman beginnt mit
einem Prolog. Mit "Notizen von God für Mr. Koopmann".
Das Schicksal hat vor 300 Millionen Jahren auf Pangäa begonnen.
Durch die angesprochene Verkettung der Umstände werden verschiedene
Vorfälle im laufe der Zeit der 17-jährigen Mirjam zum
Verhängnis. Die Tochter des Holländers Joop Koopmann
kommt an ihrem Geburtstag durch einen tragischen Verkehrsunfall
ums Leben. Für Joop bricht eine Welt zusammen. Noch an diesem
Morgen hatte er ihre Schönheit bewundert. Ihre Vollkommenheit,
ihren Frauenkörper und ihre Lebensfreude. Auf einen Schlag
nimmt Joops Leben eine drastische Wende.
Von thomas.iseli
plebs.ch.
Der "Spiegel" bezeichnet Malibu als "bedrückendes,
trauriges und zugleich grandioses Buch über das Leiden,
darüber, wie gemein das Leben sein kann". Das Leben
ist gemein zu Joop. Zuerst stirbt seine Tochter und danach wird
er gerade gleichzeitig in verschiedene Schicksale involviert
und findet sich selber nicht mehr darin zurecht. Nach dem Umfall
zieht God bei Joop ein. Er will sein Leben dem Vater von Mirjam
opfern, denn er war es, der das Motorrad gelenkt hatte, als der
tödliche Umfall passierte. Zuerst angewidert vom Gedanken
God in seinem Haus zu haben, schätzt Joop bald die neue
Zweisamkeit und ist froh, nicht alleine zu sein.
Dann ist da noch Philip, ein alter Schulfreund
aus Holland, der anscheinend für den israelischen Mossad
arbeitet und für Joop eine spezielle Aufgabe vorgesehen
hat. Er soll sich mit einem palästinensischen Terrorist
anfreunden und möglichst viel über dessen Aktivitäten
herausfinden. Als wäre dies für Joop noch nicht genug,
taucht plötzlich seine alte Jugendliebe Linda auf. Sie ist
die Halbcousine von Joop, ist inzwischen Buddhistin geworden
und glaub an die Reinkarnation.
"Easy reading is hard writing",
betont Leon de Winter. Der zur Zeit erfolgreichste holländische
Schriftsteller wurde im November 2002 für sein Gesamtwerk
mit dem "WELT-Literaturpreis 2002" ausgezeichnet. Malibu
ist durchaus einfach zu lesen. Es entwickelt eine Lesedynamik
- einmal angefangen mit der Lektüre möchte man am liebsten
das Buch nicht mehr weglegen. Die vielen parallelen Geschichte
und die fein beschriebenen Gefühle machen das Buch zu einem
sehr spannenden Roman, der einem zum nachdenken anregt. De Winter
katapultiert den Leser von Trauer zu Hoffnung, über Freude
zu Angst. Ein Roman über das Leben und Leiden eines Mannes,
der nicht mehr mit seinem Leben zurecht kommt.
Diogenes, 432
Seiten, Fr. 39.90
Web: www.diogenes.ch

Natasza Goerke: "Rasante
Erstarrung" | Erzählung
Der neue Mann ohne Eigenschaften
"In
ihrer neuen Erzählung "Rasante Erstarrung" beschreibt
die polnische Autorin einen dauerarbeitslosen Anti-Helden, der
sich durchs Leben treiben lässt. Einzige Abwechslung sind
seine Abenteuer mit Frauen, die aber leider immer sehr schnell
und enttäuschend enden. Der in die Jahre gekommene Single-Mann
Von stephan.sigg
plebs.ch.
Goerke schreibt in einer ironischen, sehr Bilderreichen Sprache,
die den Leser packt. Sie beschreibt die "Hohlheit"
der Gegenwartskultur, die Oberflächlichkeit der Gesellschaft.
Man ist neugierig, was als nächstes passiert, wie es mit
dem Ich-Erzähler weitergeht, obwohl sich in der ganzen Erzählung
eigentlich nicht viel ereignet. Trotzdem will man das Buch nicht
mehr zur Seite legen und die Erzählung in einem einzigen
Zug lesen.
Einziges Manko ist die Surrealität,
mit der sie es vor allem gegen Ende der Erzählung auf die
Spitze treibt und damit einen säuerlichen Nachgeschmack
hinterlässt."
Skarabaeus, 92
Seiten, Preis: Fr 28.--
Web: www.skarabaeus.at

Michael Crichton: "Beute"
| SF Thriller
Gentechnik - und fast
niemand hat Angst
ETH, Gen-Geizen, Lindau - und kein Schwein
kümmert sich ernsthaft drum. Genbabies, Gen-Schrumpfköpfe,
Gen-Freunde - aber niemand weiss da Genaueres darüber. Was
vor wenigen Jahren noch als herablassende, kopflose Meinung abgetan
wurde, ist heute Ernstfall - Gene werden manipuliert, auf dass
(und kein Wissenschaftler sagt uns die Wahrheit) noch bessere
(???) Menschen geboren werden.
Von peter.doeberl
plebs.ch.
Hier setzt Michael Crichton an. Der Autor (u.a. auch Autor von
"Jurassic Park" und Drehbuchautor der seichten TV-Spitalserie
"Emergency Room") packt das heisse Thema der Bio- und
Nanotechnologie an, wohlwissend, dass er damit genau den Puls
der Zeit trifft - und das geniesst er denn auch als Grossverkäufer
seiner "Beute": Spannend geschrieben, aber sicherlich
nicht der aufklärende Roman, verpackt in allerlei geheimnisvolle
Politikerintrigen, nicht durchschaubares Gemauschel, das sich
am Ende des Buches auflöst - ob in Minne oder im Chaos -
selbst lesen bitte.
Bald schon Echtzeit
Es ist schon schwierig geworden, einen Mitmenschen von einem
Gen-Menschen zu unterscheiden - und erst recht, eine Wespe, die
sich an der Sonnencreme ihren Kick holt, von der Wespe zu unterscheiden,
die unbedingt stechen möchte. Komplizierter wird es bei
Crichton: Er berichtet in seinem Thriller, der leider manchmal
sehr langfädig wirkt, von organischen Computern, neuartigen
Maschinen, die unser Weltbild ändern und neue - natürlich
machtbesessene Wesen schaffen können, wenn auch im Mikrokosmos
angesiedelt und trotzdem dem lieben, guten, alten Bewusstsein
des Menschen einen ordentlichen Tritt versetzen. Kann das die
Zukunft sein?
Crichton sieht es so: Wir züchten
Wesen, die wir eines Tages nicht kontrollieren können. Sein
Held, der Biowissenschaftler, muss in die grosse Wüste von
Nevada (ja, ja, genau dorthin, wo Bush so gerne Sandkastenspiele
macht). Dort baut ein streng geheimes US-Unternehmen, staatlich
gelenkt oder doch nicht, Mini-überwachungsanlagen. Die miniaturisierten
Spionage-Mikro-Bestien brechen aber, natürlich durch menschliches
Versagen, aus - der Stoff, aus dem die Filme sind. Wenn es richtig
spannend wird, flicht der Autor wieder mal ein: "Die Dinge
entwickeln sich nie so, wie man es voraussieht". Damit wären
wir bei den Action-Szenen im Buch - da zeigt Crichton detaillierte
Klasse: Seelenlose Mikro-Partikel, vorstellbar als Staubangriff
der Staubteilchen beim Aufstarten des Röhrenmonitors, nur
viel schlimmer, Zellen fressend, in Gliedteilen eigene Mikrowelten
entwerfend, mordlüsternd, um Körper zu übernehmen.
Crichtons Held probiert alles und merkt schliesslich, dass er
auf eigene Faust arbeitet - und seine Geldgeber, Vorgesetzten,
Mitarbeiter wollen ja eigentlich gar nicht, dass er es schafft
warum denn wohl?
Realitätsfiktion
Crichton wird mit seiner "Beute" nicht in den SF-Himmel
eingehen. Er wird unter jenen Büchern landen, die in dreissig
Jahren als Teil der ewigen währenden Science Fiction Literaturbestenliste
den Korb 31 gefasst haben - jener, der nicht mehr erwähnt
wird. Aber haarscharf hat es der Jurassic-Man geschafft - ich
erinnere mich beim zweiten Lesen zu oft an die "Killerbienen",
an das Pockenbazillus, erinnere mich daran, dass Grossmutter
sagte: Ich würde gerne noch einmal Kind sein und all das
Wissen haben, das mir die 89 Jahre gegeben haben". Sie starb
denn. Fünf Sterne kriegt das Buch allemal!
Blessing, 445
Seiten - Preis: Fr. 40.50
Web: www.michaelcrichton.net

Kjersti Scheen: "Die siebte
Sünde" | Thriller
"Ein Mord aus der
Ferne"
In ihrem dritten Fall begibt sich die
Antiheldin Margarete Moss in die ölstadt Stavanger. Der
zunächst als Flucht aus dem deprimierenden Alltag geplante
Ausflug nimmt eine dramatische Wende, als sie kurz nach einem
unfreiwilligen Selbstmordversuch aus der Ferne einen Mord beobachtet
und bewusstlos geschlagen wird.
Von
tumasch.claluena
plebs.ch.
In der Folge verstrickt sie sich in einen rätselhaften Fall,
in welchem einige Morde, eine Entführung und eine internationale
Geldwäscheaffäre den Rahmen bilden. Die wirklich interessante
Geschichte spielt sich aber in den Lücken dieser streckenweise
sehr unterhaltsamen Kriminalgeschichte ab. Dort wechseln sich
stimmungsvolle Landschafts- und Situationsbeschreibungen mit
kleinen Einblicken in den Gemütszustand der Protagonistin
ab, die nicht nur inhaltlich verschieden, sondern auch im Stil
klar voneinander abgehoben sind.
Kjersti Scheen schreibt sehr direkt, eine
Eigenschaft, die noch von ihrer Arbeit als Journalistin herrühren
mag. Gewisse Stellen lesen sich als gekonnte Paraphrasen bekannter
Krimischemata, doch hält sie sich nicht unnötig lange
mit diesen Stereotypen auf, sondern überlässt es dem
Leser, die Lücken mit seiner Interpretation zu füllen.
So erfährt man weder etwas genaues über das genaue
Ausmass der Affäre, noch über die Beweggründe
einzelner Morde. Personen werden mit Namen eingeführt, doch
erfährt der Leser nie etwas über deren Charakter, oder
deren genaue Absichten.
Die zentrale Figur ist Margarete Moss,
so zentral, dass alle Aktionen, die ohne ihr Beisein ablaufen,
als erzählte Rede eingeführt werden. Der Leser befindet
sich dadurch in derselben Lage, wie die Detektivin und muss sich
mit bruchstückhaften Informationen begnügen. Selbst
am Ende bleiben gewisse Dinge unklar und man befindet sich ,wieder
parallel zur Hauptfigur, auf der Suche nach dem Sinn der ganzen
Aktion.
Eine riesen Aufregung um praktisch nichts,
zumindest keine Verschwörung alla Wallander. Ein solcher
Vergleich drängt sich allerdings fast auf, erinnern doch
Schreibstil und Dramaturgie sehr an Henning Mankell, der im übrigen
auch bei dtv veröffentlicht.
Leider schneidet die liebe Margarete Moss
einiges schlechter ab, als ihr maskulines Pendant. Sie ist eine
Spur zu clever und ein wenig hysterisch in ihrer Selbstzerstörung.
Trotzdem ist es ein unterhaltsames, lesenswertes Buch, das sich
durch eine interessante Erzählweise auszeichnet.
Eine etwas detailliertere Aufklärung
des Falles hätte dem Buch aber sicher nicht geschadet.
DTV, 249 Seiten,
Fr. 16.80
Web: www.dtv.de