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Kulturmagazin April 2003 (Nr. 60)

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Uebersicht | Porträt | Brief Paulo Coelho
Neu: Belletristik | Sachbuch | Comics

Neuerscheinungen Belletristik

Inhalt dieser Seite:
Leon de Winter: "Malibu"
Natasza Goerke: "Rasante Erstarrung"
Michael Crichton: "Beute"
Kjersti Scheen: "Die siebte Sünde"

 

Leon de Winter: "Malibu" | Roman
Zum Nachdenken

Ist alles bloss eine Verkettung der Umstände? So könnte man meinen. Der Roman beginnt mit einem Prolog. Mit "Notizen von God für Mr. Koopmann". Das Schicksal hat vor 300 Millionen Jahren auf Pangäa begonnen. Durch die angesprochene Verkettung der Umstände werden verschiedene Vorfälle im laufe der Zeit der 17-jährigen Mirjam zum Verhängnis. Die Tochter des Holländers Joop Koopmann kommt an ihrem Geburtstag durch einen tragischen Verkehrsunfall ums Leben. Für Joop bricht eine Welt zusammen. Noch an diesem Morgen hatte er ihre Schönheit bewundert. Ihre Vollkommenheit, ihren Frauenkörper und ihre Lebensfreude. Auf einen Schlag nimmt Joops Leben eine drastische Wende.

Von thomas.iseliplebs.ch. Der "Spiegel" bezeichnet Malibu als "bedrückendes, trauriges und zugleich grandioses Buch über das Leiden, darüber, wie gemein das Leben sein kann". Das Leben ist gemein zu Joop. Zuerst stirbt seine Tochter und danach wird er gerade gleichzeitig in verschiedene Schicksale involviert und findet sich selber nicht mehr darin zurecht. Nach dem Umfall zieht God bei Joop ein. Er will sein Leben dem Vater von Mirjam opfern, denn er war es, der das Motorrad gelenkt hatte, als der tödliche Umfall passierte. Zuerst angewidert vom Gedanken God in seinem Haus zu haben, schätzt Joop bald die neue Zweisamkeit und ist froh, nicht alleine zu sein.

Dann ist da noch Philip, ein alter Schulfreund aus Holland, der anscheinend für den israelischen Mossad arbeitet und für Joop eine spezielle Aufgabe vorgesehen hat. Er soll sich mit einem palästinensischen Terrorist anfreunden und möglichst viel über dessen Aktivitäten herausfinden. Als wäre dies für Joop noch nicht genug, taucht plötzlich seine alte Jugendliebe Linda auf. Sie ist die Halbcousine von Joop, ist inzwischen Buddhistin geworden und glaub an die Reinkarnation.

"Easy reading is hard writing", betont Leon de Winter. Der zur Zeit erfolgreichste holländische Schriftsteller wurde im November 2002 für sein Gesamtwerk mit dem "WELT-Literaturpreis 2002" ausgezeichnet. Malibu ist durchaus einfach zu lesen. Es entwickelt eine Lesedynamik - einmal angefangen mit der Lektüre möchte man am liebsten das Buch nicht mehr weglegen. Die vielen parallelen Geschichte und die fein beschriebenen Gefühle machen das Buch zu einem sehr spannenden Roman, der einem zum nachdenken anregt. De Winter katapultiert den Leser von Trauer zu Hoffnung, über Freude zu Angst. Ein Roman über das Leben und Leiden eines Mannes, der nicht mehr mit seinem Leben zurecht kommt.

Diogenes, 432 Seiten, Fr. 39.90

Web: www.diogenes.ch

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Natasza Goerke: "Rasante Erstarrung" | Erzählung
Der neue Mann ohne Eigenschaften

"In ihrer neuen Erzählung "Rasante Erstarrung" beschreibt die polnische Autorin einen dauerarbeitslosen Anti-Helden, der sich durchs Leben treiben lässt. Einzige Abwechslung sind seine Abenteuer mit Frauen, die aber leider immer sehr schnell und enttäuschend enden. Der in die Jahre gekommene Single-Mann

Von stephan.siggplebs.ch. Goerke schreibt in einer ironischen, sehr Bilderreichen Sprache, die den Leser packt. Sie beschreibt die "Hohlheit" der Gegenwartskultur, die Oberflächlichkeit der Gesellschaft. Man ist neugierig, was als nächstes passiert, wie es mit dem Ich-Erzähler weitergeht, obwohl sich in der ganzen Erzählung eigentlich nicht viel ereignet. Trotzdem will man das Buch nicht mehr zur Seite legen und die Erzählung in einem einzigen Zug lesen.

Einziges Manko ist die Surrealität, mit der sie es vor allem gegen Ende der Erzählung auf die Spitze treibt und damit einen säuerlichen Nachgeschmack hinterlässt."

Skarabaeus, 92 Seiten, Preis: Fr 28.--

Web: www.skarabaeus.at

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Michael Crichton: "Beute" | SF Thriller
Gentechnik - und fast niemand hat Angst

ETH, Gen-Geizen, Lindau - und kein Schwein kümmert sich ernsthaft drum. Genbabies, Gen-Schrumpfköpfe, Gen-Freunde - aber niemand weiss da Genaueres darüber. Was vor wenigen Jahren noch als herablassende, kopflose Meinung abgetan wurde, ist heute Ernstfall - Gene werden manipuliert, auf dass (und kein Wissenschaftler sagt uns die Wahrheit) noch bessere (???) Menschen geboren werden.
 
Von peter.doeberlplebs.ch. Hier setzt Michael Crichton an. Der Autor (u.a. auch Autor von "Jurassic Park" und Drehbuchautor der seichten TV-Spitalserie "Emergency Room") packt das heisse Thema der Bio- und Nanotechnologie an, wohlwissend, dass er damit genau den Puls der Zeit trifft - und das geniesst er denn auch als Grossverkäufer seiner "Beute": Spannend geschrieben, aber sicherlich nicht der aufklärende Roman, verpackt in allerlei geheimnisvolle Politikerintrigen, nicht durchschaubares Gemauschel, das sich am Ende des Buches auflöst - ob in Minne oder im Chaos - selbst lesen bitte.
 
Bald schon Echtzeit
Es ist schon schwierig geworden, einen Mitmenschen von einem Gen-Menschen zu unterscheiden - und erst recht, eine Wespe, die sich an der Sonnencreme ihren Kick holt, von der Wespe zu unterscheiden, die unbedingt stechen möchte. Komplizierter wird es bei Crichton: Er berichtet in seinem Thriller, der leider manchmal sehr langfädig wirkt, von organischen Computern, neuartigen Maschinen, die unser Weltbild ändern und neue - natürlich machtbesessene Wesen schaffen können, wenn auch im Mikrokosmos angesiedelt und trotzdem dem lieben, guten, alten Bewusstsein des Menschen einen ordentlichen Tritt versetzen. Kann das die Zukunft sein?

Crichton sieht es so: Wir züchten Wesen, die wir eines Tages nicht kontrollieren können. Sein Held, der Biowissenschaftler, muss in die grosse Wüste von Nevada (ja, ja, genau dorthin, wo Bush so gerne Sandkastenspiele macht). Dort baut ein streng geheimes US-Unternehmen, staatlich gelenkt oder doch nicht, Mini-überwachungsanlagen. Die miniaturisierten Spionage-Mikro-Bestien brechen aber, natürlich durch menschliches Versagen, aus - der Stoff, aus dem die Filme sind. Wenn es richtig spannend wird, flicht der Autor wieder mal ein: "Die Dinge entwickeln sich nie so, wie man es voraussieht". Damit wären wir bei den Action-Szenen im Buch - da zeigt Crichton detaillierte Klasse: Seelenlose Mikro-Partikel, vorstellbar als Staubangriff der Staubteilchen beim Aufstarten des Röhrenmonitors, nur viel schlimmer, Zellen fressend, in Gliedteilen eigene Mikrowelten entwerfend, mordlüsternd, um Körper zu übernehmen. Crichtons Held probiert alles und merkt schliesslich, dass er auf eigene Faust arbeitet - und seine Geldgeber, Vorgesetzten, Mitarbeiter wollen ja eigentlich gar nicht, dass er es schafft warum denn wohl?
 
Realitätsfiktion
Crichton wird mit seiner "Beute" nicht in den SF-Himmel eingehen. Er wird unter jenen Büchern landen, die in dreissig Jahren als Teil der ewigen währenden Science Fiction Literaturbestenliste den Korb 31 gefasst haben - jener, der nicht mehr erwähnt wird. Aber haarscharf hat es der Jurassic-Man geschafft - ich erinnere mich beim zweiten Lesen zu oft an die "Killerbienen", an das Pockenbazillus, erinnere mich daran, dass Grossmutter sagte: Ich würde gerne noch einmal Kind sein und all das Wissen haben, das mir die 89 Jahre gegeben haben". Sie starb denn. Fünf Sterne kriegt das Buch allemal!

Blessing, 445 Seiten - Preis: Fr. 40.50

Web: www.michaelcrichton.net

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Kjersti Scheen: "Die siebte Sünde" | Thriller
"Ein Mord aus der Ferne"

In ihrem dritten Fall begibt sich die Antiheldin Margarete Moss in die ölstadt Stavanger. Der zunächst als Flucht aus dem deprimierenden Alltag geplante Ausflug nimmt eine dramatische Wende, als sie kurz nach einem unfreiwilligen Selbstmordversuch aus der Ferne einen Mord beobachtet und bewusstlos geschlagen wird.

Von tumasch.claluenaplebs.ch. In der Folge verstrickt sie sich in einen rätselhaften Fall, in welchem einige Morde, eine Entführung und eine internationale Geldwäscheaffäre den Rahmen bilden. Die wirklich interessante Geschichte spielt sich aber in den Lücken dieser streckenweise sehr unterhaltsamen Kriminalgeschichte ab. Dort wechseln sich stimmungsvolle Landschafts- und Situationsbeschreibungen mit kleinen Einblicken in den Gemütszustand der Protagonistin ab, die nicht nur inhaltlich verschieden, sondern auch im Stil klar voneinander abgehoben sind.

Kjersti Scheen schreibt sehr direkt, eine Eigenschaft, die noch von ihrer Arbeit als Journalistin herrühren mag. Gewisse Stellen lesen sich als gekonnte Paraphrasen bekannter Krimischemata, doch hält sie sich nicht unnötig lange mit diesen Stereotypen auf, sondern überlässt es dem Leser, die Lücken mit seiner Interpretation zu füllen. So erfährt man weder etwas genaues über das genaue Ausmass der Affäre, noch über die Beweggründe einzelner Morde. Personen werden mit Namen eingeführt, doch erfährt der Leser nie etwas über deren Charakter, oder deren genaue Absichten.

Die zentrale Figur ist Margarete Moss, so zentral, dass alle Aktionen, die ohne ihr Beisein ablaufen, als erzählte Rede eingeführt werden. Der Leser befindet sich dadurch in derselben Lage, wie die Detektivin und muss sich mit bruchstückhaften Informationen begnügen. Selbst am Ende bleiben gewisse Dinge unklar und man befindet sich ,wieder parallel zur Hauptfigur, auf der Suche nach dem Sinn der ganzen Aktion.

Eine riesen Aufregung um praktisch nichts, zumindest keine Verschwörung alla Wallander. Ein solcher Vergleich drängt sich allerdings fast auf, erinnern doch Schreibstil und Dramaturgie sehr an Henning Mankell, der im übrigen auch bei dtv veröffentlicht.

Leider schneidet die liebe Margarete Moss einiges schlechter ab, als ihr maskulines Pendant. Sie ist eine Spur zu clever und ein wenig hysterisch in ihrer Selbstzerstörung. Trotzdem ist es ein unterhaltsames, lesenswertes Buch, das sich durch eine interessante Erzählweise auszeichnet.

Eine etwas detailliertere Aufklärung des Falles hätte dem Buch aber sicher nicht geschadet.

DTV, 249 Seiten, Fr. 16.80

Web: www.dtv.de

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