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Kulturmagazin April 2003 (Nr. 60)

Geniessen

Essen & Trinken: Interview | Gastro-Tipp

 

Nik Gygax / Das Umdenken beim Gast setzt beim Portemonnaie an
"Es gibt zu viele Gourmetlokale in der Schweiz"

Der Löwen in Thörigen ist weit über die Schweiz hinausals "Gourmet-Tempel" bekannt. Starkoch Nik Gygax, mit 18 Punkten bei Gault Millau ausgezeichnet und Mitglied der "Relais Châteaux", sieht ein Ueberangebot an guter Küche und gleichzeitig einen Trendwechsel in den Genussgewohnheiten des Gastes als Gründe für die Krise im gehobenen Gastgewerbe.

Exklusiv-Interview: peter.doeberlplebs.ch

Plebs: Herr Gygax, die grosse Zeit der genussvollen Gourmetküchescheint beendet - die meisten Ihrer Kollegen klagen überfehlende Gäste, zu wenig Einnahmen und stets steigende Kosten. Sind die Gourmet-Lokale am Ende?
Nik Gygax: Nein. Aber es hat einfach zu viele.Und es hat immer weniger Gäste, die sich auf immer mehr Restaurants verteilen. Heute kann ein jeder ein Lokal aufmachen, bis zu einer gewissen Platzzahl sogar ohne Wirts-Patent. Es gibt die neuen Trendlokale, die alternativen Kneipen, und jede Menge an Pommes-Frites-Buden, Kebab-Stände, Bratwurst-Kioske. Das ist tatsächlich eine neue Konkurrenz-Situation, auch wenn sich viele meiner Kollegen nicht auf das Niveau herab lassen, über Schnellimbisse auch nur nachzudenken.

Aber der Bedarf nach diesen "Fast Food Lokalen" scheint vorhanden, was man derzeit von der gepflegten Gourmetküche nicht behaupten kann.
Das ist ein falscher Gedankenansatz. Würstchenbuden gab es schon immer und wird es wohl auch immer geben. Wichtiger scheint mir das irrationale Verhalten der Schweizer Gäste: Einerseits möchten sie gerne allerfrischeste Gerichte von allerbester Qualität. Andererseits vergleichen sie sofort die Preisangaben mit der Speisekarte einer Arbeiter-Kneipe. Das ist Aepfel mit Birnen verglichen. Ich nenne ein Beispiel. Beim Lebensmitteldiscounter gibt es einen Château Neuf 1998 für knapp 15 Franken. Nun gibt es Gäste, die stellen sich auf den Standpunkt, die Flasche Château Neuf koste folglich nicht mehr als 30 Franken im Restaurant. Solche Milchbüchlein-Rechnungen sind eben völlig falsch. Und der dadurch entstandene Eindruck von einem Gourmetlokals ebenfalls.

"Es hat immer weniger Gäste, die sich auf immer mehr Restaurants verteilen".

Gibt es dennnoch genügend Gourmets, die Essen als Abenteuer, als Erlebnis, als Romantik verstehen? Oder andersrum: Warum kämpfen so viele Feinschmecker-Lokale ums Ueberleben?
Wenn ich Feinschmecker-Lokal auf die Anzahl Hauben, Sterne oder Punkte beziehe, dann gibt es davon in der Schweiz vielleicht zwei Dutzend. Auf über sieben Millionen Einwohner. In Deutschland gibt es vielleicht drei Dutzend solch hoch dekorierter Köche - wohlgemerkt, auf mehr als Zehnfache an Einwohnern als in der Schweiz. Das gilt auch für Frankreich.

Also, haben wir in der Schweiz zu viele solche Restaurants?
Das ist nicht erst seit der Rezession so. Aber es macht sich nun natürlich viel stärker bemerkbar. Die gehobene Gastronomie muss kämpfen. Um jeden Gast, denn auch der Stammgast kommt nicht mehr einfach so zum Abendessen. Da ist Kreativität gefragt, nicht nur in der Küche. Neue Strategien...

Ueberlebensstrategien?...
...auch zum Fortbestehen, sicherlich. Neu Strategien aber vor allem im Angebot. Es ist nicht das Gleiche, ob ich frische Jakobsmuscheln per Flugzeug erhalte, ob diese aus der Büchse kommen wie oftmals in den USA, ob ich sie gefroren aus einer Tiefkühltruhe nehme, ob ich die Muscheln fangfrisch, also ungeputzt erhalte oder bereits geschält und sauber. Da sind Preisdifferenzen bis zu 700 Prozent vorhanden - aber auf der Speisekarte sind das eben Jakobsmuscheln. Hier müssen wir mehr Bewusstsein schaffen, das verstehe ich auch unter "neuer Strategie".

"Wenn ich die "dekorierten" Restaurants in Frankreich oder Deutschland anschaue, dann wird es mir selbst als Schweizer schwindelig: Was wir für 30 Franken anbieten, kostet dort locker mal 50 Euro".

Sie sind in letzter Zeit häufig auf der Stör - Sie kochen in anderen Restaurants, machen Catering für Gesellschaften oder kommen direkt zum Gast und bekochen ihn und seine Gäste. Wird das ein neues Standbein?
Das mache ich schon lange, es wurde in letzter Zeit nur vermehrt darüber berichtet. Und die Moral der Geschichte ist eine einfache: "Kommt der Gast nicht zum Wirt, geht der Wirt zum Gast". Ich bringe sogar gratis und franko meine Gäste heim, wenn sie lieber nicht mehr selbst fahren. Oder ich hole sie an einem Bahnhof ab und bringe sie wieder auf den Zug. Das gehört zum Service. Doch da werden uns immer die hohen Preise in der Schweiz vorgeworfen. Wenn ich aber die "dekorierten" Restaurants in Frankreich oder Deutschland anschaue, dann wird es mir selbst als Schweizer schwindelig: Was wir für 30 Franken anbieten, kostet dort locker mal 50 Euro. Obwohl wir viel höhere Einkaufs- und Personalkosten haben. Und: Haben Sie schon einmal guten französischen Wein in Frankreich oder Deutschland getrunken? Dann wissen Sie auch, dass ein wirklich guter französischer Wein in der Schweiz weniger kostet als in Frankreich selbst.

"Die Moral der Geschichte ist eine einfache: Kommt der Gast nicht zum Wirt, geht der Wirt zum Gast."

Die Krise in der Gourmetbranche scheint nicht herbei geredet. Kennen Sie einen Ausweg?
Wüsste ich eine Antwort, würde ich sie zuerst selbst ausprobieren, bevor ich da irgendwelche Prophezeiungen mache. Es scheint klar, dass Begriffe wie Esskultur, wie Qualität, wie Service im Alltag - und leider auch an den Feier- und Festtagen - weniger denn auch schon gelten. Die Rezession kann hier vielleicht eine Flurbereinigung bringen, selbst McDonald schliesst ja unrentable Filialen. Aber ein Patentrezept kenne ich nicht, sonst wäre unser Restaurant jeden Tag voll belegt. Das ist heute nicht immer so.

INFO
Stucki-Schüler
Nik Gygax (45) war Lehrling bei Seppi Hunkeler in Nebikon, arbeitete bei Hans Stucki im Bruderholz und besuchte in seinen Wanderjahren verschiedene grosse Küchen in verschiedenen Grandhotels. Er hält 18 Punkte bei Gault Millau, einen Stern im Guide Michelin und ist Mitglied in der internationalen Vereinigung "Relais & Châteaux". Ergilt als Verfechter der "neuen" Küche und als Kreativ-Koch.

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