Literatur November
2002
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Veröffentlichungen (nach Alphabet)
Michael Amon
Roberto Pazzi
Paolo Coelho
Veröffentlichungen
Roman | Michael Amon: "Yquem"
Wohltuend
Je reifer der Mensch, desto reifer der
Wein, den er trinkt. Will heissen: Wer in seiner Jugend Algerier
trank, wird als Greis eher einen Bordeaux geniessen (so er das
Geld hat).
Von peter.doeberl@plebs.ch. Wer
aber wird so alt (und hat so viel Geld), dass er Wein trinken kann,
der schon weit über 250 Jahre alt ist? Für den Radiojournalisten,
Schriftsteller, Essayisten und mehrfachen Preisträger Michael
Amon ist das nicht die zentrale Frage, auch wenn sie die Welt bewegen
könnte. Amon macht aus der Suche nach der letzten Flasche Château
d'Yquem, Jahrgang 1740 eine sehr witzige, hintergründige Kriminalkomödie,
die immer zwischen ernsthafter Literatur und Boulevard-Journalismus
balanciert, manchmal in die Abgründe des Kitschromans abstürzt,
dann wieder mit gelungenen Wortspielen dem Sammlertum, dem Snobismus
der Luxusgütergesellschaft Falle um Falle stellt.
Mal trivial. Mal euphorisch. Mal nachdenklich
düster hinter die Gardinen des Bürgertums schauend,
mal eben diese Beschaulichkeit auf sich selbst als Ich-Erzähler
im Roman beziehend, geht Amon einen wundersamen Pfad zwischen
Vergangenheit und Zukunft: Gestern war heute ist morgen. Die
Geschichte scheint anfangs verworren. Der ICH isoliert sich von
der Umwelt, wohnt in einer typischen österreichischen Kleinstadt,
leidet unter seiner Umgebung und hat sich diesem Leid ergeben.
Am anderen Ende der Welt, irgendwo im Amazonas, beten derweil
die letzten Indianer eines Urwaldstammes eine Flasche an, wohl
das Souvenir eines Kolonialisten, als Gottheit an. Die einzig
existierende Flasche Château d'Yquem, Jahrgang 1740. Und
da ist noch eine junge Frau im Spiel, die das Geheimnis um die
Besitztümer ihrer Grosseltern klären will.
Damit wäre Amons Rahmen abgesteckt
und zwischen diesen Pfählen bewegt sich der ICH über
rund 300 Seiten. ICH und das Mädchen und der Urwald und
die Kleinstadt und der Wein. Schon bald zeigt sich, das Amon
damit nicht genug Bewegungsfreiheit hat die Arier und die
Juden werden in der Geschichte platziert, das Prestigedenken
ebenso wie die Narrenfreiheit werden eingeflochten. Das verdichtet
den Roman ungemein, verleitet den Autor aber manchmal dazu, in
Klischees abzugleiten, die ordentlich banal klingen, liest man
die Passagen laut vor. Etwa dort, wo die Flasche aus dem Urwald
verschwindet, auch dort, wo ICH und das Mädchen sich verbünden.
Er kriegt den Wein, sie lernt die Vergangenheit
ihrer Familie kennen. ICH beklagt, dass er jeden Tag so viele
Leute sehe, die er nicht sehen mag und um die er immer versucht,
einen Bogen zu machen, was ihm aber nie gelingt. Und ICH stellt
fest, dass ausgerechnet heute jener nicht zu finden ist, dem
er immer ausweichen wollte. Ob es ein Happy End gegeben hat,
soll der Leser herausfinden. Ob die Flasche getrunken, versteigert,
verloren oder wieder im Urwald ist, bleibe hier ebenfalls offen.
Auch das Fazit: ich bin hin und her gerissen zwischen Boulevard-Aufmacher
und "Auf den Mund geschaut"-Buch. Denn Amon schreibt,
wie mensch spricht. Das ist wohltuend.
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Roman | Roberto Pazzi: "Konklave"
Sixtinischer Humor
In absehbarer Zeit wird das Auge der
Welt wieder auf die sixtinische Kapelle gerichtet sein, wenn
es darum gehen wird, einen Nachfolger für Papst Johannes
Paul II. zu küren. Was genau hinter diesen Mauern vorgeht,
werden wir wohl nie erfahren. Was aber vorgehen könnte,
davon gibt uns Roberto Pazzi in seinem neuen Buch "Konklave"
einen Eindruck.
Von tumasch.claluena@plebs.ch.
Über Monate hinweg sind die Kardinäle der Welt im Konklave
eingeschlossen, keiner darf diesen geschlossenen Raum betreten, keiner
ihn verlassen. Es ist ein Kampf zwischen verschienen Interessengemeinschaften,
der Tag für Tag das selbe Ergebnis bringt. Die Italiener wollen
einen Italiener, die Afrikaner einen Afrikaner und so fort.
Die Ausweglosigkeit beginnt an den Nerven
der Teilnehmer zu nagen, Fluchtversuche werden begangen, seltsame
Gelüste geweckt, und der Zweifel hält Einzug in die
Köpfe der Kardinäle. Das ganze Unternehmen droht zu
scheitern, als plötzlich die Stimmung durch unheilvolle
Zeichen und schreckliche Plagen bis an den Rand des Wahnsinns
getrieben wird. Nur das entschiedene Eingreifen des Camerlengo,
dem die Verantwortung für den Erfolg des Konklaves obliegt,
kann ein Eskalieren der Situation verhindern, und inmitten dieses
Chaos, offenbart sich am Weihnachtstag der neue Papst.
Pazzi beschreibt mit einem gehörigen
Schuss Humor die verschiedenen Schwierigkeiten, die auftreten
können, wenn sich über zweihundert Männer aus
den verschiedensten Erdteilen auf engem Raum eingeschlossen wieder
finden, deren einzige Verbindung die Zugehörigkeit zu derselben
Kirche ist. Neben den kulturellen und ideologischen Konflikten
beginnen die seltsamen Ereignisse die Mitglieder zu verwirren,
all die kleinen Details, die das Leben eines Kardinals von dem
eines normalen Bürgers unterscheiden, treten plötzlich
hervor und werden dort, wo sich alle unter Gleichgesinnten befinden,
zum Problem. Sexualität, Körperlichkeit, Enthaltsamkeit
und unerschütterlicher Glaube werden bis aufs äusserste
strapaziert, ohne dass Pazzi dabei zynisch würde. Vielmehr
erzeugt er mit einer gekonnten Dramatik eine Spannung, der ein
kurzes Auflachen bei der Beschreibung einer allzu absurden Marotte
keinen Abbruch tut, sondern ganz im Gegenteil eine willkommene
Abwechslung zu den bohrenden Fragen des Konklaves nach Glaube
und Religiösität bietet.
Was wirklich in der Sixtinischen Kapelle
vor sich gehen wird, wenn dereinst ein neuer Papst bestimmt wird,
weiss ich auch nach der Lektüre dieses Buches nicht, aber
wenn es sich so ähnlich verhalten sollte, will ich nicht
dabei sein müssen.
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Roman | Paulo Coelho: "Der
Dmon und Fräulein Prym"
Für das Geld
Ein ganz interessantes Exemplar habe
ich mir da geschnappt, - ich, die eigentlich nicht viel Bücher
lese. Der Titel klingt wahrlich etwas seltsam, aber das ist man
ja bei Coelho gewöhnt. Leider hatte ich bisher nie Zeit,
eines seiner Bücher zu lesen.
Von tamara.frommelt@plebs.ch.
Was mich eigentlich dazu bewogen hat, dieses Büchlein zu bestellen,
war die Kurzbeschreibung eines Onlineversandes. Die ganze Geschichte
klang mir doch sehr nach Dürrenmatts "Besuch der alten Dame"
und mich wunderte, ob denn ein renommierter Autor wie Coelho keine
eigenen Ideen mehr hätte. Doch wie sich schnell herausstellte,
ist das überhaupt nicht der Fall, denn Coelho selbst erwähnt
obenstehenden Roman in seinem Werk. Es lassen sich zwar Parallelen
erkennen, aber die Atmosphäre ist doch ganz anders.
Wir befinden uns in einem kleinen, spanischen
Dorf namens Bescos, das gerade mal 281 Einwohner zählt.
Dort passiert so gut wie gar nichts: Die Jungen wandern aus,
die Alten bleiben, mit Kindern ist nicht mehr zu rechnen. Chantal
Prym, eine Kellnerin, die sich ihr Trinkgeld mit besonderem Service
bei den wenigen durchreisenden Hotelbewohnern verdient, ist die
jüngste, und Berthe, eine von allen seit dem Tod ihres Mannes
als seltsam abgestempelte Witwe, ist die älteste Bewohnerin
des Dorfes.
Die scheinbare Idylle und Einseitigkeit kommt langsam ins Wanken,
als sich ein Wanderer für längere Zeit im Hotel einquartiert.
Er bezahlt Abend für Abend die Runden und erzählt dabei
Geschichten, welchen die Männer keinen Glauben schenken.
Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, ist, dass er Chantal
für ein kleines Experiment benützt. Schliesslich tut
sie es offen kund: Dem Dorf werden so viele Goldbarren gegeben,
dass es für alle bis ans Lebensende reicht, wenn innerhalb
einer Frist irgendein Bewohner getötet wird.
Man ahnt, wie es kommt: Die Einwohner entscheiden
sich fürs Geld. Doch wie die Geschichte schlussendlich ihren
Lauf nimmt, sei hier nicht verraten. Für Spannung ist auf
jeden Fall gesorgt. Coelho erzählt nicht nur eine interessante
Geschichte, sondern befasst sich auch eingehend mit religiösen,
philosophischen und moralischen Aspekten.
Übrigens macht "Der Dämon
und Fräulein Prym" den Abschluss einer erfolgreichen
Trilogie, in der Coelho jeweils eine Woche im Tage eines Menschen
schildert, der mit einer plötzlichen Herausforderung konfrontiert
wird. Zu dieser Trilogie die er "Und am siebten Tag..."
nennt, gehören "Am Ufer des Rio Piedra sass ich und
weinte" (1994) und "Veronika beschliesst zu sterben"
(1998).
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