
Expo.02 | Murten
Und die Expo ist doch etwas Tolles!Auch wenn ich Vorurteile hatte, weil man ja die unterschiedlichsten Meinungen zur Landesaustellungen hörte, bin ich nun doch sehr begeistert davon.
Von eva.nandini-clement
plebs.ch. Es gibt insgesamt 5 Arteplages (Arteplages = Kunst + Strand), so werden die Ausstellungsgelände genannt. Und jeder dieser Orte hat sein eigenes Thema:
Biel: Macht und Freiheit
Murten: Augenblick und Ewigkeit
Neuenburg: Natur und Künstlichkeit
Yverdon-les-Bains: Ich und das Universum
Jura (sie ist mobil auf einem umgebauten Schiff, das auf den Seen zirkuliert): Sinn und Bewegung.Es folgt ein Bericht meiner Erlebnisse und Eindrücke in Murten:
Der Pariser Architekt Jean Nouvel ergänzte hier das, was schon vorhanden war (Natur, Stadt, Schloss), mit provisorischen Bauten, die fehlten. Dazu verwendete er rostendes Blech, dessen Farbe sehr gut mit der natürlichen Umgebung harmoniert. Schon gleich am Bahnhof werden wir Besucher von einer am Boden liegenden Schiffskette abgeholt, die uns durch die Altstadt bis zum See ins Zentrum des Geschehens leitet.
Am Auffälligsten und mittlerweile wohl auch Bekanntesten dieser Arteplage ist sicherlich der rostgoldbraun glänzende 34 m3 grosse Riesenwürfel, der still und mächtig aus dem Wasser ragt: der Monolith. Was noch nicht jeder weiss, jedoch unbedingt verraten werden muss, ist, dass dieser Kubus ein geniales Innenleben hat. Zu dessen Entdeckung fährt uns eine mit Solarenergie betriebene Fähre über das Wasser zu diesem geheimnisvollen Cubus. Im grossen dunklen Raum, den wir dort zuerst betreten, finden wir uns wieder inmitten einer enormen runden Leinwand (8m hoch, 21 m Durchmesser). Ein gewaltiger Bilderfluss voller Gegensätzlichkeiten zeigt viele Seiten der Schweiz heute. Denn auch diese lebt und bewegt sich und ist voller Widersprüche.
Mit vom schnellen Schauen schon etwas müden, jedoch für die folgenden Eindrücke "eingelaufenen" Augen steigen wir nun die Stufen zu Etage zwei hinauf. Hier trifft mich die überwältigende, diesmal stillstehende Szene der von Louis Braun im Jahre 1894/4 gemalten Schlacht am Morgarten. (Wiederum kreisrund auf einer Leinwand (10.5 m hoch, 111m lang). Die Nacktheit der Szene hypnotisiert: Augenblicklich bin ich in der Welt von damals und empfänglich für die Stimmung des hier erkämpfenden Sieges der Eidgenossen gegen Karl den Kühnen. Dieses Gemälde wurde ausschliesslich für die Expo restauriert.
Erschöpft, nachdenklich und doch innerlich seltsam belebt steige ich draussen im Hellen zurück auf die Fähre und erlebe abermals eine sinnliche Überraschung: Rings herum lebt die dritte, diesmal jedoch lebendige "Leinwand", eingebettet in das Blau des Sees und des Himmels: die Landschaft der jetzigen Wirklichkeit, in der wir leben. Es ist noch die gleiche wie vor hundert Jahren, aber Gott sei Dank ruhig, friedlich, wunderschön. Die Sonne wärmt meine Haut, ich nehme einen tiefen Atemzug der frischen Seeluft, lausche den entfernten Geräuschen und spüre ein Glücksgefühl und Dankbarkeit aufsteigen.
Die sieben Kapellen "un ange passe" locken Michi, meinen Begleiter, und mich zu einem genaueren Blick. Wir schlendern dem Seeufer entlang und steuern auf eines dieser kleinen Häuschen zu, die alle dem Thema Spiritualität gewidmet sind. Im ersten, der "Schöpfung", stehen sieben gelbe "i-a"-ende Esel, die Feuerbälle am dunklen Himmel über ihnen betrachten. Darunter glitzern die Wellen des Murtensees durch den Glasboden. Bob Wilson aus den USA hat hier den Satz "Wir wissen, dass die ganze Schöpfung jetzt noch seufzt und Angst hat" ideenreich umgesetzt. Der Mensch ist hier lediglich Betrachter des Heils und der Herrlichkeit Gottes.
Weiter zum "Segen": Hier werden sechs Paar Hände mit Unterarmen aus Bronze, die aus den Seitenwänden ragen und Wasser spenden diesem Titel gerecht. Ist es Einbildung oder tut das kühle tropfende Wasser auf meiner Haut wirklich auf eine ganz besondere Art gut? Ich errate, ob es sich bei den Güssen jeweils um einen Mann, eine Frau oder ein Kind handelt und bin zufrieden mit Künstler Roland Herzogs (CH) Umsetzung des Himmels Grosszügigkeit.
"Am Anfang war das Wort" schrieb schon Johannes. Das nächste Gebäude ist dem Wort gewidmet und fällt durch seine im Kreuz angelegten schmalen Einhänge auf. Am Boden dieser Kapelle kreuzen sich Wege aus verschwundenen Worten, Resten von Klammern, Fragezeichen ohne Fragen, und Punkten, die ihren Satz verloren haben. Anton Eggloff, ein weiterer Schweizer Künstler, bildet daraus die vier wichtigen Wörter Salz, Erde, Licht und Welt. "Ich bin das Licht der Welt, ihr seid das Salz der Erde" sagte einst Jesus. Ich bediene mich an einem der farbigen Papierstapel; ausgesucht habe ich mir ein schönes Gedicht, das einen aufruft, sich einen Weg aus der Dunkelheit ins Licht zu verwirklichen.
Nun ist es Zeit, fast bis ans andere Ende der Arteplage zu laufen, weil Michi uns einen Besuch in der "Blinden Kuh" reserviert hat (Reservations-Tickets unbedingt erforderlich,aber kostenlos). Am besten gleich als erstes morgens an einer Informationsstelle holen, sonst sind sie alle weg). Auf dem Weg dahin erfreue ich mich an zwei Weihern, in denen sich Rotwasserschildkröten sonnen. Rings herum hängen viele Tafeln mit interessanten Fragen und Antworten zu diesen Tieren. Amüsant ist, dass sie ihre Köpfchen alle in die gleiche Richtung (nämlich gen See) drehen. Eine weitere äusserst wissenswerte Entdeckung: Mein Freund macht mich auf eine dunkle Leinwand aufmerksam, die ufernah an der Wasseroberfläche liegt und einer Ente als Sitzgelegenheit dient. Es handelt sich um Arnold Böcklins 1. Version der "Toteninsel". Dieses Gemälde hat Jean Nouvel zum Monolithen inspiriert.
Mittlerweile sind wir vor dem langen Gebäude der "Blinden Kuh" eingetroffen. Dieses Gebäude braucht keine Fenster, weil man darin in die Dunkelheit taucht, um die hellen Seiten derselben zu erleben. Die blinde Expertin Fränzi empfängt unsere kleine Gruppe am Eingang, informiert uns über das Nötigste und begleitet uns auf der anstehenden Entdeckungsreise. Ich spüre sofort, wie meine Augen trotzdem sie weit geöffnet sind - eine (verdiente!) Pause bekommen und mein Körper seine übrigen Sinne umso intensiver einsetzt: Ich erlange ein völlig neues Körperbewusstsein, stehe viel stabiler auf den Beinen, weil ich mir meinen Weg mit Händen und Füssen vorsichtig abtasten muss. Immerhin besteht die Gefahr, bei Nachlässigkeit in einen künstlichen Weiher zu treten, in eine Wand oder einen anderen noch ungeschickt Tastenden zu stossen. Zusätzlich setze ich meine Stimme ein; denn wer in der Dunkelheit nicht spricht, existiert nicht. Nach einer Erkundung des Raumes, schlägt mein Versuch, Michi wieder zu finden, fehl. Stattdessen mache ich mit dem kleinen Jungen unserer Gruppe Bekanntschaft und halte mich in sicherer Nähe zwei anderer Wandelnder.
Fränzi ruft uns und hilft uns über sie Schwelle um die Ecke zur "Unsicht-Bar". Als ich an ihr vorbeigehe, hebt sie meine Hand mit dem automatischen Griff einer Erfahrenen in die richtige Höhe vor mein Gesicht, die andere darf sich weiter unten nach vorne tasten.
Inzwischen habe ich auch Michi wieder gefunden und gebe nun, dicht neben den anderen an der Bar stehend, meine Getränkebestellung auf. Erstaunlich, wie exakt der Barkeeper Thomas die Richtung erkennt, aus der ich spreche und das Fläschchen Mineral genau vor mich stellt. Wo ich doch mit der gehörsinnlichen Orientierung noch solche Anfängerschwierigkeiten habe, auch was Distanzen betrifft. Zum Beispiel wirken Stimmen viel weiter weg, als sie sind. Dies beweist mir die Notwendigkeit der Nähe zur Kommunikation. Stolz und froh über das kleine Päuschen strecke ich mich. Ein seltenes Gefühl, sich ungesehen zu wissen. Es braucht sehr viel Übung und Zeit, ohne die Hilfe der eigenen Augen zurechtzukommen. Durch Begegnen statt Ausgrenzen erfährt man Hilfe und es stellt sich eine positive Abhängigkeit ein. Ebenfalls zur Förderung des Dialoges zwischen Sehenden und Nichtsehen gibt es übrigens in Zürich: das von Blinden geführte Restaurant "Blinde Kuh", wo man seine Gaumenfreuden auf eine ganz neue und unbedingt zu entdeckende Art erleben kann.Soviel zum Gluschtig-Machen auf die Expo.02! Sie ist nur noch bis 20.10.02 geöffnet, jeweils von 9.30 bis 24 Uhr (Fr/SA 1 Uhr), Ausstellungen bis 20 oder 21 Uhr offen. Viel Spass!
Zum Expo-Schlussspurt verlosen wir 2 x einen Tagespass (der zudem für weniger als CHF 50.-- noch zum Last-Minute-All-Access-Pass umgewandelt werden kann!). Auf in den Verlosungs-Bereich!