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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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"Tristan und Isolde" von Kevin Reynolds (Romanze / Epos / Drama) | Ascot Elite
Altbekanntes in neuem Gewand

In einem dunklen und unwirtlichen England im tiefsten Mittelalter ringen die zwei jungen Liebenden Tristan und Isolde mit ihren Gefühlen füreinander. Im Zeitalter der Remakes bleibt auch der Legendenklassiker von der unsterblichen und gleichzeitig unerfüllten Liebe zwischen Tristan und Isolde vor einer Neuinterpretation nicht verschont. Kevin Reynolds' Filmspektakel setzt auf Altbewährtes.

Von Basil Böhni.

Geschmeidig streichelt der Wind die Grashalme, welche im üppigen Masse die Hügellandschaften des mittelalterlichen Englands zieren. Immer wieder eintauchend in einzelne Nebelschwaden, nähern wir uns einem unruhigen Kaninchen. Hinter diesem erspähen wir einen jungen, hochkonzentrierten und eifrigen Knaben, der es kaum erwarten kann, sein erstes Tier zu erlegen. Von der Jagd mit seinem Vater zurückkehrend, wächst Tristan (Thomas Sangster als junger Tristan) in einem kleinen Dorf auf. Doch die Idylle trügt. Die untereinander zerstrittenen englischen Stämme werden während einer Versammlung von irischen Truppen überrascht und niedergemetzelt. Nur wenige überleben, darunter auch Tristan. Die dramatische Konfrontation mit der harten Realität und dem Verlust seiner Eltern prägen Tristan sehr und wecken in ihm einen ungebrochenen Kampfgeist. Doch in einer seiner unzähligen Schlachten wird er schwer verletzt und für tot erklärt. Seinen Körper wird, in ein Boot gebettet, dem Meer überlassen. Tage später wird er von Isolde (Sophia Myles) an einem irischen Strand entdeckt und gesund gepflegt. Es dauert nicht lange und die beiden verlieben sich ineinander. Doch Tristan (James Franco) wird gezwungen, Irland und somit auch Isolde wieder zu verlassen, da der irische König (David Patrick O'Hara), Isoldes Vater, von seiner Präsenz vernommen hat und nach ihm suchen lässt. Zurück in England wird Tristan als auferstandener Held gefeiert, doch er ist nicht mehr derselbe und trauert seiner irischen Liebe nach. Als er spitz kriegt, dass der irische König den englischen Stämmen als Friedenszeichen ein Geschenk machen will, reist er, zusammen mit anderen Stammesmitgliedern, zurück nach Irland. Aus einer Reihe von Einzelkämpfen tritt er als Sieger hervor und gewinnt Isolde als Gemahlin für seinen Stiefvater Lord Marke (Rufus Sewell). Zurück in England ist ihre Liebe aus gesellschaftlichen Gründen dazu verdammt, im Geheimen gelebt zu werden.

Atmosphärisch
Kevin Reynolds' neue Verfilmung vom Tristan-und-Isolde-Stoff kommt aufwändig und üppig ausgestattet daher. Gedreht wurde teils vor Ort, also in Irland, und teils in der Tschechischen Republik. Das Produktionsdesign ist auf gelungenem Hollywood-Niveau. So kommen die Kulissen grösstenteils wirklich unverschönt dunkel, ruinenhaft (für Irland) nach keltischen Einflüssen und erhaben, eindrücklich (für England) nach römischen Einflüssen daher. Die Natur und ihre Stimmungen werden sehr schön in Weitwinkelaufnahmen eingefangen und dienen nicht selten auch als Seelenlandschaft. Besonders der in England spielenden Handlung dient die natürliche Umwelt auf der Gefühlsebene oft als eine Art Spiegel. Die von den Schauspielern mehr oder weniger überzeugend gespielten Gefühle werden verstärkt durch die gelungene Filmmusik Anne Dudleys, einem Neuling in diesem Genre, welche sich mit ihrer Komposition auf einem, zum Film passenden, intimeren Level mit vielen leisen und verträumten Klavierpassagen hält.

Mit Ausnahme von ein paar Kleinigkeiten haben sich die Macher konsequent an die literarische Vorlage gehalten. So muss in der hiesigen Version kein "Zaubertrunk" helfen, die Liebesfunken zwischen Tristan und Isolde zu einem prasselnden Feuer zu entfachen und auch das dramatische Ende der Legende wird dem Zuschauer erspart. Der Legende nach stirbt am Schluss Isolde vor Kummer am Totenbett von Tristan. Was manche wahrscheinlich etwas enttäuschen wird, ist, dass sich die Macher auch bezüglich dem zeitlichen Rahmen, in dem die Geschichte spielt, nicht auf Neuland begeben haben (wie dies etwa in der populären "Romeo und Julia"-Verfilmung von Baz Luhrmann von 1996 erfolgreich gemacht wurde).
In der Tatsache, dass sich die Macher so konsequent an die Vorlage gehalten haben, liegt gleichzeitig auch die eigentliche Schwäche des Films: man vermisst Originalität und kann dabei unzählige Parallelen ziehen zu ähnlichen Genre-Vorgängern. Ob dies nun daran liegt, dass sich die Macher von "Tristan and Isolde" die einen oder anderen Tricks und Effekte bei den Vorgängern abgeguckt haben, oder ob die Vorgänger sich vom literarischen All-Rounder zu ihren jeweiligen Werken haben inspirieren lassen, ist indes nicht klar ersichtlich. Wahrscheinlich macht es wie immer der Mix!

Altbekanntes
Wie im vorherigen Abschnitt angesprochen, trifft der mehr oder weniger passionierte Kinogänger während des gesamten Films immer wieder auf Selbstzitate des Regisseurs aus früheren eigenen Werken, namentlich "Robin Hood: Prince of Thieves" (1991), oder aber auch auf Altbekanntes aus Filmen wie "Gladiator" (2000) und "Braveheart" (1995). Besonders die etlichen im Wald spielenden Szenen erinnern stark an Reynolds' äusserst erfolgreiches Robin Hood-Spektakel. Parallelen zu "Braveheart" drängen sich allein schon wegen der gemeinsamen Szenerien von Irland und England auf. Dass die beiden Filme in einem ähnlichen Zeitfenster spielen, es auch bei "Braveheart", wenn auch nur in einer Nebenhandlung, zwischen zwei Parteien funkt, deren Liebe ebenfalls nicht öffentlich gelebt werden kann, und beide Filme einen ähnlichen dramaturgischen Storyaufbau vorweisen (Beginn in der Kindszeit des "Helden", dramatisches Ereignis durch Verlust der Eltern etc.) verstärkt die Parallelen zusätzlich. Auch Erinnerungen an das erfolgreiche "Gladiator"-Sandalenepos von Ridley Scott werden wach, wenn Tristan in Irland Einzelkämpfe austrägt, um Isolde zu gewinnen (was nicht allzu stark überrascht, da Ridley und sein Bruder, Tony Scott, dem Film als ausführende Produzenten zur Seite standen). Die Kämpfe strahlen eine ähnlich raue, primitive Austragungsart aus.
Dieses Suchen und Finden von Anleihen an vorangegangene Werke des Genres mögen für den einen interessant sein und einen zusätzlichen Unterhaltungswert dem Kinobesuch hinzufügen, für den anderen kann es jedoch auch eine kleine Enttäuschung oder gar ein Ärgernis sein.

Fazit
"Tristan and Isolde" ist solide gemachtes, stimmiges und atmosphärisch stellenweise packendes Unterhaltungskino für einen kurzweiligen Abend (zu zweit). Für wahre Cineasten jedoch wird der Film wahrscheinlich mit der nächsten Flut in den unendlichen Meeren des Genres als Durchschnittsware versinken. Denn zu mehr fehlt dem Film ganz einfach das gewisse Etwas, welches seine berühmteren Vorgänger mitbrachten.

Seit dem 18. Mai 2006 im Kino.

Originaltitel: Tristan and Isolde (UK / USA 2006)
Regie: Kevin Reynolds
Darsteller: James Franco, Sophia Myles, Rufus Sewell, David Patrick O'Hara
Dauer: 123 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite


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