|
"Hwal - The Bow" von Kim Ki-Duk
(Kammerspiel) | Filmcoopi
Ein koreanisches Kammerspiel
Nach "Samaria" und "Bin-Jip"
inszeniert der Koreaner Kim Ki-Duk eine Dreiecksbeziehung im
Mikrokosmos eines Fischerbootes, ohne dass je Land in Sicht ist.
Von Oswald Iten.
Das verlebte Gesicht des wortkargen 60-jährigen
Fischers erinnert sofort an Hemingways Novelle "The Old
Man and the Sea". Doch "Hwal - The Bow" erzählt
nicht vom Kampf mit einem Fisch, sondern von der Beziehung des
Fischers zu einem gut 16-jährigen Mädchen, das er vor
zehn Jahren auf sein Boot geholt und seither nie mehr an Land
gelassen hat. An ihrem 17. Geburtstag will er sie heiraten.
Eine heikle Harmonie
Es gelingt Kim Ki-Duk, die wortlose Vertrautheit des ungleichen
Paares zu zeigen, ohne den alten Mann zum Lüstling zu degradieren.
Während das Mädchen einzig mit Blicken kommuniziert,
dient dem Alten zusätzlich der titelgebende Pfeilbogen als
Ausdrucksmittel seiner Gefühle. In fragmentarischen Nahaufnahmen
zeigt uns Kim Ki-Duk gleich zu Beginn, wie der Alte aus dem Bogen
ein fiddle-ähnliches Musikinstrument bastelt.
Mit Hilfe des gleichen Bogens wehrt er sich mit Warnpfeilen und
Drohgebärden gegen jene Passagiere seines Fischerbootes,
die ihr Augenmerk nicht nur auf die Fische richten. Der Bogen
als ständiger Begleiter scheint über die Jahre zu einem
Teil des alten Mannes selbst geworden zu sein. So sagt er den
übrigen Fischern in einem Wilhelm-Tell-artigen Schiessritual
mit Hilfe des Mädchens deren Zukunft voraus.
Die unvermeidliche Störung
Erst als in Gestalt eines angelnden
Studenten die Aussenwelt zum ersten Mal das Interesse des Mädchens
weckt, wird die Harmonie ernsthaft gestört. Aus väterlicher
Liebe wird Eifersucht, und der alte Mann sieht ein, dass die
Zeit gegen ihn arbeitet. In der Verzweiflung versucht er, dieser
Tatsache auf seine Art entgegenzuwirken, während das Mädchen
provokativ einen seiner Pfeile zerbricht. Schlussendlich fordert
der Student, der die junge Frau aus der Abhängigkeit befreien
möchte, das Schicksal heraus, indem er den alten Mann dazubringt,
zu prophezeihen, wer von beiden die junge Frau bekommen wird.
 |
|
|
Bis zu diesem Zeitpunkt überzeugt
"Hwal - The Bow" dank des subtil herausgearbeiteten
Beziehungswandels des Paares vor allem als naturalistisches Kammerspiel
(das Setting des Bootes wird nie verlassen). Doch zunehmend tritt
die mystische Dimension stärker in den Vordergrund. Auf
den ersten Blick erscheint es (man verzeihe mir den Kalauer),
als ob Kim Ki-Duk den Bogen etwas überspanne. Doch bei genauerer
Betrachtung legt der Film von Anfang an eine metaphorische Lesart
nahe.
Übernatürliche Schönheit
Während die starken Farben von Fahnen und Gewändern
organisch in die sonst kargen Bilder einfliessen, macht vor allem
die schwelgerische Musik vom ersten Ton an unmissverständlich
klar, dass die Melodien der koreanischen Fiddle unmöglich
dem im Bild gezeigten Instrument des Alten entstammen können.
Trotz der irritierenden Asynchronität vermittelt sie aber
die Emotionen und die Schönheit, die diese einfache Musik
in Spieler und Zuhörerin in diesem Moment hervorruft.
Besonders deutlich wird dies, als gleichartige Musik eine Szene
untermalt, in der das Mädchen die Kopfhörer des Studenten
trägt und damit für kurze Zeit in eine neue Welt abtaucht.
Obwohl die Kopfhörer gar nicht eingesteckt sind, ist das
wehmütige Musikstück an das Bild gekoppelt, denn der
Ton bricht ab, als der alte Mann ihr die Hörer vom Kopf
reisst.
Neben kleinen Unnötigkeiten (der Student bringt die Eltern
des Mädchens ins Spiel) ist vor allem zu bemäkeln,
dass "Hwal - The Bow" bei aller Schönheit
keinen wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt. Oder metaphorisch
gesprochen: Was zuerst in leuchtenden Farben im Wind flattert,
verschwindet bald im Meer von Eindrücken.
Ab dem 8. Juni 2006 im Kino.
Originaltitel: Hwal - The Bow (Südkorea/Japan
2005)
Regie: Kim Ki-Duk
Darsteller: Jeo-reum Han, Seong-hwang Jeon etc.
Dauer: 90 Minuten
CH-Verleih: Filmcoopi
www.tfmdistribution.com/larc/accueil.htm
|