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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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"Offside" von Jafar Panahi (Komödie/Drama)ÑÝFilmcoopi
Fussballfieber bei Frauen - eine Diagnose im Abseits

Wir befinden uns im Jahre 2005 während der WM-Qualifikation zwischen Iran und Bahrain. Die Vorfreude peitscht durch die Teheraner Strassen. Die ganze Stadt scheint ins Stadion zu stürmen. Es ist der Anpfiff für die Unterdrückung der Frau, der fussballbegeisterten Frau, die draussen bleiben muss. Jafar Panahi dribbelt dieses verletzte Frauenrecht in einem gewitzten, leichtfüssigen Schuh durch 90 (Spiel-)Filmminuten.

Von Denise Liebchen.

Kein Kinostreifen ist zurzeit so aktuell wie dieser. Wir befinden uns im Jahre 2006. Wir stecken im WM-Countdown und die ganze Welt scheint sich mit einer Paninisammlung auf das Grossereignis vorzubereiten. Nicht weniger geeignet für die Vorfreude erscheint mir dieser Film. Zusätzlich zeigt er neben der sportlichen auch eine politische Aktualität: Das im Film thematisierte, verletzte Frauenrecht in Iran beginnt heute Kontroversen aufzuwerfen. Am 24. April diesen Jahres erlaubte der iranische Präsident Ahmadinejad Frauenaugen im Fussballstadion - seit 1979 eine Premiere. Den Sportchefs teilte er sogar mit, dass den Zuschauerinnen die bestmöglichen Plätze zustehen. Doch schon wenige Tage später zeigten die Ayatollahs, führende Geistliche in Iran, dem Präsidenten die rote Karte. Diese forderte eine Revision seiner Entscheidung, da es gemäss dem iranischen Recht für Frauen nicht schicklich ist, nackte Männerfüsse zu beäugen.

Im Stadion muss MAN(N) sein
Ist Fussball nun auch Frauensache? Egal wie diese Debatte in Iran zukünftig ausgehen wird, gemäss unserer Gegenwart, ist den iranischen Frauen der Zutritt ins Stadion verboten.
Panahi argumentiert in diesem Streitgespräch filmisch. Die Darsteller spielen in einer Welt, in der nicht alle Stadionbesucher die Väter, Brüder und Männer einer Frau sind. Ausserdem fluchen sie und das ist nicht für Frauenohren bestimmt. Dennoch steigt die Anzahl der Fussballanhängerinnen im Fernen Osten. Einige von ihnen beweisen sogar mehr Knowhow, wenn es sich um das runde Ding dreht, als ihre männlichen Gegenspieler. Genau diesen Frauen ist ein Stadionbesuch in Adonisverkleidung es wert, möglicherweise ins soziale "Abseits" gedrängt zu werden. Sie wollen nicht daheim, gesittet vor dem Fernseher, das entscheidende Spiel verfolgen. Wir sprechen hier von Massenhysterie und von Stars zum Anfassen, von denen sie sich in ihren Bann ziehen lassen wollen. Stattdessen werden sie aus den unterschiedlichsten Gründen im und um das Stadion ertappt. Den witzigsten Fehler will ich an dieser Stelle verraten: Ein ganz ausgekochtes Mädchen besorgt sich eine Soldatenuniform, schafft es auf die Ehrentribüne und kuschelt sich dreist in den Chefstuhl der Soldaten. Dummerweise fehlen ihr zwei Streifen auf der (Tarn-)Uniform, um als Chefoffizier durchzugehen. Ihr Traum zerplatzt. Das gleiche Schicksal ereilt 5 weitere verkleidete Mädchen. Allesamt werden sie hinter dem Stadion eingesperrt und von Soldaten bewacht, deren Mitgefühl im Takt des Films heranwächst. Kleine Gesten der anfänglich befehlshörigen Soldaten versprühen ihre Wärme in dem Geschlechterduell.

Gut zu wissen
Der neorealistische Film ist wie ein Fussballspiel. Spannung und Entspannung reichen sich die Hände. In der "Halbzeit" steckt der Film kurzweilig in ermüdenden Szenen fest - dennoch besitzt das Gesamtwerk einen höchst aufweckenden, frischen Charakter. Wobei die originelle Umsetzung der Widersprüche in der iranischen Gesellschaft einen grossen Anteil daran hat. Interessant erscheint mir bezüglich des Fussballrahmens ein Zitat des Regisseurs: "Hätte Iran gegen Bahrain verloren, hätte ich den Film nicht zu Ende gedreht." Auch ein grosses Lob soll Panahi gewährt sein, wenn man es an sein Gespür für die Schauspielerselektion knüpft. An dieser Stelle eine tiefe Verbeugung vor der Damenriege, die es versteht auf der Leinwand ohne grossen Schnickschnack zu beeindrucken. Ihnen steht mindestens der rechte Arm des Silbernen Bären zu, dem grossen Preis der Jury, den "Offside" dieses Jahr an der Berlinale gewonnen hat.

Und am Ende verliert immer einer! Ob es die Mädchen im Trikot oder die Männer in Uniform sind, die neben die Bahrainer Fussballer auf die Verliererbank verwiesen werden, erfahren wir erst nach einem emotionalen Überraschungsmoment kurz vor "Spielschluss". Sicher ist nur die iranische WM-Qualifikation.

Seit dem 11. Mai 2006 im Kino.

Originaltitel: Offside (Iran 2005)
Regie: Jafar Panahi
Darsteller: Sima Mobarak Shani, Safar Samandar, Shayesteh Irani, M. Kheyrabadi, Ida Sadeghi, Golnaz FarmaniMasood Ghiasvand
Dauer: 88 min.
CH-Verleih: Filmcoopi

www.imdb.com/title/tt0499537/


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