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"Gabrielle" von Patrice Chéreau
(Drama) | Frenetic
Erkundung dunkler Pfade
Nach "Intimacy" und "Son
Frère" experimentiert Patrice Chéreau wieder
mit einer Extremsituation in einer Beziehung und leuchtet diese
bis ins Detail aus. Er führt uns ein bourgeoises Ehepaar
zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor, das vom eigenen Luxus und
den gesellschaftlichen Regeln gefangen ist.
Von Adrian Wettstein.
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"Herz der Finsternis" - so
lautet der Titel des bekanntesten Romans von Joseph Conrad. Als
Kapitän eines Flussdampfers dringt die Hauptfigur Marlow
auf der Suche nach dem Handels-Vertreter Kurtz immer tiefer in
den Urwald des Kongo ein. Je weiter er dem beschwerlichen Weg
folgt, desto mehr erfährt er über die Unmenschlichkeit
der Kolonialherrschaft sowie über die Selbstherrlichkeit
von Kurtz.
Patrice Chéreau nutzte für seinen Film "Gabrielle"
eine andere Erzählung von Conrad als Vorlage: "Die
Rückkehr". Auch hier geht es um eine Reise in die Finsternis,
diesmal allerdings eine innerliche, emotionale. Schauplatz des
Geschehens ist die grossbürgerliche Gesellschaft in Paris
um 1912. Der Film beginnt in Schwarz-Weiss, der Bourgeois Jean
Hervey (Pascal Greggory) kommt nach Hause in seine prunkvolle
Stadt-Villa. Dann wird das Bild farbig, erfreut sich an den Details
von feinen Stoffen, funkelndem Schmuck, kunstvollen Interieurs.
Alles ist hier auf die schöne Form ausgerichtet - oder man
könnte auch sagen: zur schönen Form erstarrt.
Marmorne Kälte
Jean und Gabrielle (Isabelle Huppert)
stehen in den besten Jahren, sind in der Upper Class angesehen,
geben regelmässig gut besuchte Gastmahle. Doch in dieser
Gesellschaft unterliegt alles strenger Etikette, festen Regeln,
alles ist ein Spiel ohne Spielräume. Der Ehe zwischen Jean
und Gabrielle fehlte es schon von Beginn weg an emotionaler Bindung
sowie jeglicher Körperlichkeit, und das scheinen die beiden
auch nicht zu vermissen. Gabrielle ist eine Art Sammlerobjekt
des Hausherren, so wie seine zahlreichen Marmor-Statuen. Ist
man als Zuschauer anfänglich noch beeindruckt von der Schönheit
der grossen, prachtvollen Räume, wird bald klar, dass dieses
Haus für Gabrielle nichts anderes als ein kaltes Luxus-Gefängnis
darstellt.
Die unmögliche Rückkehr
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Natürlich gibt es keine Schauspielerin,
die besser hinter einer edlen Maske leiden könnte als Isabelle
Huppert. Sie spielt eine unterkühlte, beherrschte, unnahbare
Frau. Doch einen letzten Rest Sehnsucht, Wärme und Begierde
hat sie sich tief im Innersten noch verborgen, und den verbraucht
sie für einen kurzen Seitensprung. Das Unmögliche,
für Jean Unbegreifbare ist, dass Gabrielle danach wieder
zurückkehrt; es ist ein Schritt gegen jede Konvention. Und
dann sagt sie ihm diesen Satz: "Hätte ich gewusst,
dass du mich liebst, wäre ich nie zurückgekehrt."
Gabrielle hat sich damit abgefunden, ein Leben ohne jegliche
Liebe und Leidenschaft zu leben, eine blosse Figur zu spielen.
Doch dieses Geständnis kann Jean nicht ertragen. Er, der
seine Frau nie begehrt hat, wird nun eifersüchtig, spielt
in dem kühlen Ehekrieg, der nun geführt wird, den leidenschaftlich
Kämpfenden. Aber er kann nicht retten, was schon verloren
ist; all die Jahre der Ehe haben kaum eine Erinnerung hinterlassen.
Gnadenlos offenbart ihm Gabrielle, dass zwischen ihnen beiden
nichts ist als Leere.
Zu enge Korsetts
Am Schluss bleibt nur noch dies: dass
Gabrielle ihrem Mann ihren Körper als kartesianische res
extensa anbietet. Es ist dies in gewisser Weise das Gegenteil
zu dem Extrem, das Chéreau in "Intimacy" entworfen
hatte. Dort trafen sich zwei Fremde jeden Mittwoch für ein
paar Stunden zu wortlosem Sex, worauf Chéreau postwendend
mit einem Pornographie-Vorwurf konfrontiert wurde. In "Gabrielle"
nun ist das Korsett so eng geschnürt, dass die Körperlichkeit
darunter abgestorben ist.
Chéreau inszeniert sein Kammerspiel als eine Art kühle
ethnologische Beobachtung. So spricht er auch von "Gabrielle"
als Film, "in dem wir uns detailliert die Bräuche eines
exotischen Stammes ausmalen". Das ist stellenweise grandios,
etwa wenn die Distanz der beiden Ehepartner eindrücklich
auch als räumliche Trennung eingefangen wird, oder wenn
beim Gastmahl die stumpfe Ritualisierung der Gesellschaft augenfällig
wird. Nur bedient sich Chéreau einer Filmsprache, die
selbst zu sehr der kühlen Logik folgt, dem detailversessenen
Blick auf den schönen Schein und der kunstvollen Oberfläche.
Völlig lächerlich wird es, wenn zwischendurch gesprochene
Sätze als Zwischentitel in der Art von Stummfilmen hervorgehoben
werden. Und auch der Wechsel zwischen Farbe und Schwarzweiss
ist nichts als eine formale Übung. Es scheint, als hätte
sich Chéreau selbst ein zu enges Korsett geschnürt
mit der strengen Stilisierung und den formalen Regeln. So bleibt
es denn bei einer angefangenen Reise, die auf halbem Weg zum
"Herz der Finsternis" kehrt macht. Die letzten Worte
von Kurtz waren: "Das Grauen, das Grauen". Jean hingegen
sieht dem Grauen nicht ins Angesicht, er verschwindet einfach
wortlos.
Seit dem 11. Mai 2006 im Kino.
Originaltitel: Gabrielle (Deutschland,
Frankreich, Italien 2005)
Regie: Patrice Chéreau
Darsteller: Isabelle Huppert, Pascal Greggory, Claudia Coli,
Thierry Hancisse
Dauer: 90 Minuten
CH-Verleih: Frenetic
www.imdb.com/title/tt0435479/
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