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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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"Gabrielle" von Patrice Chéreau (Drama) | Frenetic
Erkundung dunkler Pfade

Nach "Intimacy" und "Son Frère" experimentiert Patrice Chéreau wieder mit einer Extremsituation in einer Beziehung und leuchtet diese bis ins Detail aus. Er führt uns ein bourgeoises Ehepaar zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor, das vom eigenen Luxus und den gesellschaftlichen Regeln gefangen ist.

Von Adrian Wettstein.

"Herz der Finsternis" - so lautet der Titel des bekanntesten Romans von Joseph Conrad. Als Kapitän eines Flussdampfers dringt die Hauptfigur Marlow auf der Suche nach dem Handels-Vertreter Kurtz immer tiefer in den Urwald des Kongo ein. Je weiter er dem beschwerlichen Weg folgt, desto mehr erfährt er über die Unmenschlichkeit der Kolonialherrschaft sowie über die Selbstherrlichkeit von Kurtz.
Patrice Chéreau nutzte für seinen Film "Gabrielle" eine andere Erzählung von Conrad als Vorlage: "Die Rückkehr". Auch hier geht es um eine Reise in die Finsternis, diesmal allerdings eine innerliche, emotionale. Schauplatz des Geschehens ist die grossbürgerliche Gesellschaft in Paris um 1912. Der Film beginnt in Schwarz-Weiss, der Bourgeois Jean Hervey (Pascal Greggory) kommt nach Hause in seine prunkvolle Stadt-Villa. Dann wird das Bild farbig, erfreut sich an den Details von feinen Stoffen, funkelndem Schmuck, kunstvollen Interieurs. Alles ist hier auf die schöne Form ausgerichtet - oder man könnte auch sagen: zur schönen Form erstarrt.

Marmorne Kälte
Jean und Gabrielle (Isabelle Huppert) stehen in den besten Jahren, sind in der Upper Class angesehen, geben regelmässig gut besuchte Gastmahle. Doch in dieser Gesellschaft unterliegt alles strenger Etikette, festen Regeln, alles ist ein Spiel ohne Spielräume. Der Ehe zwischen Jean und Gabrielle fehlte es schon von Beginn weg an emotionaler Bindung sowie jeglicher Körperlichkeit, und das scheinen die beiden auch nicht zu vermissen. Gabrielle ist eine Art Sammlerobjekt des Hausherren, so wie seine zahlreichen Marmor-Statuen. Ist man als Zuschauer anfänglich noch beeindruckt von der Schönheit der grossen, prachtvollen Räume, wird bald klar, dass dieses Haus für Gabrielle nichts anderes als ein kaltes Luxus-Gefängnis darstellt.

Die unmögliche Rückkehr

Natürlich gibt es keine Schauspielerin, die besser hinter einer edlen Maske leiden könnte als Isabelle Huppert. Sie spielt eine unterkühlte, beherrschte, unnahbare Frau. Doch einen letzten Rest Sehnsucht, Wärme und Begierde hat sie sich tief im Innersten noch verborgen, und den verbraucht sie für einen kurzen Seitensprung. Das Unmögliche, für Jean Unbegreifbare ist, dass Gabrielle danach wieder zurückkehrt; es ist ein Schritt gegen jede Konvention. Und dann sagt sie ihm diesen Satz: "Hätte ich gewusst, dass du mich liebst, wäre ich nie zurückgekehrt." Gabrielle hat sich damit abgefunden, ein Leben ohne jegliche Liebe und Leidenschaft zu leben, eine blosse Figur zu spielen. Doch dieses Geständnis kann Jean nicht ertragen. Er, der seine Frau nie begehrt hat, wird nun eifersüchtig, spielt in dem kühlen Ehekrieg, der nun geführt wird, den leidenschaftlich Kämpfenden. Aber er kann nicht retten, was schon verloren ist; all die Jahre der Ehe haben kaum eine Erinnerung hinterlassen. Gnadenlos offenbart ihm Gabrielle, dass zwischen ihnen beiden nichts ist als Leere.

Zu enge Korsetts
Am Schluss bleibt nur noch dies: dass Gabrielle ihrem Mann ihren Körper als kartesianische res extensa anbietet. Es ist dies in gewisser Weise das Gegenteil zu dem Extrem, das Chéreau in "Intimacy" entworfen hatte. Dort trafen sich zwei Fremde jeden Mittwoch für ein paar Stunden zu wortlosem Sex, worauf Chéreau postwendend mit einem Pornographie-Vorwurf konfrontiert wurde. In "Gabrielle" nun ist das Korsett so eng geschnürt, dass die Körperlichkeit darunter abgestorben ist.
Chéreau inszeniert sein Kammerspiel als eine Art kühle ethnologische Beobachtung. So spricht er auch von "Gabrielle" als Film, "in dem wir uns detailliert die Bräuche eines exotischen Stammes ausmalen". Das ist stellenweise grandios, etwa wenn die Distanz der beiden Ehepartner eindrücklich auch als räumliche Trennung eingefangen wird, oder wenn beim Gastmahl die stumpfe Ritualisierung der Gesellschaft augenfällig wird. Nur bedient sich Chéreau einer Filmsprache, die selbst zu sehr der kühlen Logik folgt, dem detailversessenen Blick auf den schönen Schein und der kunstvollen Oberfläche. Völlig lächerlich wird es, wenn zwischendurch gesprochene Sätze als Zwischentitel in der Art von Stummfilmen hervorgehoben werden. Und auch der Wechsel zwischen Farbe und Schwarzweiss ist nichts als eine formale Übung. Es scheint, als hätte sich Chéreau selbst ein zu enges Korsett geschnürt mit der strengen Stilisierung und den formalen Regeln. So bleibt es denn bei einer angefangenen Reise, die auf halbem Weg zum "Herz der Finsternis" kehrt macht. Die letzten Worte von Kurtz waren: "Das Grauen, das Grauen". Jean hingegen sieht dem Grauen nicht ins Angesicht, er verschwindet einfach wortlos.

Seit dem 11. Mai 2006 im Kino.

Originaltitel: Gabrielle (Deutschland, Frankreich, Italien 2005)
Regie: Patrice Chéreau
Darsteller: Isabelle Huppert, Pascal Greggory, Claudia Coli, Thierry Hancisse
Dauer: 90 Minuten
CH-Verleih: Frenetic

www.imdb.com/title/tt0435479/


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