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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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"C.R.A.Z.Y." von Jean-Marc Vallée (Coming-of-Age-Familienfilm) | Filmcoopi
Ein warmer Familienfilm

In "C.R.A.Z.Y." erzählt der Kanadier Jean-Marc Vallée, der es stilistisch ohne Weiteres mit Jean-Pierre Jeunet ("Amélie") aufnehmen kann, eine äusserst unterhaltsame Familiensaga.

Von Oswald Iten.

Der kanadische Publikumsliebling "C.R.A.Z.Y." ist mehr als einfach ein weiterer Film über das Erwachsenwerden in den sexuell und musikalisch turbulenten 70er-Jahren. Jean-Marc Vallée, der angeblich auf einen grossen Teil seines eigenen Lohns verzichtete, um die astronomische Summe von 600'000$ für die Musikrechte zusammenzubringen, schafft es, eine an sich konventionelle Geschichte mit zum Teil sehr stereotypen Charakteren mit dermassen viel Verve zu inszenieren, dass man dem Film 9 der 10 gewonnen Génie-Awards gerne gönnt. Einzig derjenige für best motion picture scheint nicht gerechtfertigt, denn der Film ist zwar eindeutig mehr als die Summe seiner Teile, all die stilistischen kleinen Wunder können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die zentrale coming-of-age Geschichte nicht restlos fesselt.

Eine endlose Suche nach Liebe
Die bisweilen episodische Struktur und die vielen running gags verdeutlichen nur die Hauptaussage des Films: Zwar werden die Figuren immer älter, es scheint sich aber ausser den äusseren Lebensumständen nicht viel zu verändern. Doch der Reihe nach:

C.R.A.Z.Y., das sind die Anfangsbuchstaben der fünf unterschiedlichen Beaulieu-Brüder Christian, Raymond, Antoine, Zac(hary) und Yvan. Als Erzähler und Protagonist fungiert der neurotische Zac, der zwar bald seine homosexuellen Neigungen entdeckt, diese jedoch lange nicht akzeptieren kann, solange seine Familie und insbesondere der Vater damit nicht klar kommen. Die Voraussetzungen für eine éducation sentimentale sind also gegeben, ein Feuerwerk an subtiler Situationskomik ist garantiert. Doch die unbegrenzte Ausprobierfreude der damaligen Zeit hindert Zac daran, seinen definitiven Weg zu finden. Seine unterhaltsamen Tagträume deuten auf eine ständige Flucht hin. Trotz grundlegenden Einschnitten in die häusliche Idylle steht auch die Familie am Ende noch am gleichen Ort wie an jenem Weihnachtsabend, als Zac das Licht der Welt erblickte und sogleich seine verrückte Familie zu spüren bekam.

Immer wieder Weihnachten

Diese Ungerechtigkeit, ausgerechnet an Weihnachten Geburtstag feiern zu müssen, wenn es Geschenke für alle gibt, und dabei noch jedesmal das Falsche geschenkt zu bekommen, zieht sich als Orientierungsfaden durch den ganzen Film. Im familiären Weihnachtsfest kommt nicht nur die heile-Welt-Mentalität der liebenden Eltern zum Ausdruck, sondern auch deren Verhältnis zur Kirche, sowie die fixe Idee der Mutter, Zac sei dank seines Geburtsdatums eine Art Geistheiler (was ihr eine Tupperware-Verkäuferin bestätigt, worauf fortan sämtliche Verwandten wegen jedem Fingerschnitt anrufen und sich telefonisch heilen lassen), während der Vater in ihm den grossen Musiker sieht und ihm jedes Jahr ein anderes Instrument schenkt.

Eine wahre Space Oddity
Wie die Werbung verheisst, hat die Musik auch im Film einen grossen Stellenwert. Zwar versteht es Vallée meisterlich, Bild und Ton in so genialer Weise zu paaren, dass selbst Gassenhauer von Bowie und den Stones zwingend eingesetzt erscheinen. Doch die eigentliche Aufmerksamkeit gehört der nostalgischen Musik des Vaters. So spielt neben seinen Charles-Aznavour-Karaoke-Einlagen vor allem Patsy Clines Aufnahme des Willie-Nelson-Songs "Crazy" eine zentrale Rolle.
Wenn "C.R.A.Z.Y." auch keine wahre Auseinandersetzung mit unterdrückten Wünschen ist und somit niemandem zu nahe tritt, handelt es sich doch um grosses Kino für jedes Alter; einen stilistisch erfrischenden Familienfilm eben.

Seit dem 1. Juni 2006 im Kino.

Originaltitel: C.R.A.Z.Y. (Canada 2005)
Regie: Jean-Marc Vallée
Darsteller: Michel Côté, Danielle Proulx, etc.
Dauer: 127 Minuten
CH-Verleih: Filmcoopi

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