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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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"Angel-A" von Luc Besson (Drama) | Monopole Pathé
Vive l'amour!

Luc Besson behauptet, zehn Jahre lang am Drehbuch von "Angel-A" geschrieben zu haben - eine lange Zeit. Das Ergebnis ist sehenswert. Mehr noch.

Von Sven Zaugg.

Der kleinwüchsige Ganove André (Jamel Debbouze) schlägt sich mit kleineren Gaunereien durchs Leben und macht sich dabei wenig Freunde. Sich selbst vorgaukelnd, dass er ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, ist der Geduldsfaden bei den meisten seiner Gläubiger schon gerissen. An Verfolgungswahn leidend und sich selbst belügend, stiehlt sich André auf der Suche nach der Erlösung durch Paris. Diese meint André in der Seine zu finden, er stellt sich auf die Brüstung einer Brücke und gedenkt zu springen, als er "tout à coup" eine Frau auf derselben Brüstung sieht, die das Gleiche vorhat. Sie springt er auch, nicht mehr, um sich umzubringen, sondern um die engelhafte, hoch gewachsene Frau mit blondem Schopf zu retten. Mit Müh und Not bringt der kleine André es fertig, die um zwei Köpfe grössere Angela (Rie Rassmussen) zu retten. Sie bedankt sich und raucht. Die blonde Schönheit mit den endlos langen Beinen heftet sich fortan wie eine Klette an den glücklosen André, und wie durch ein Wunder scheint sich die Pechsträhne plötzlich ins Gegenteil zu wandeln.

Selbstkritik

André und Angela spazieren, springen und hetzen von nun an durch Paris, von Gläubiger zu Gläubiger, um Andrés Schulden zu begleichen. André schwatzt und Angela besorgt "le cash" auf meist sehr unorthodoxe Weise. So verschlägt es die beiden in eine "Designer-Bar" wo die sexy Angela einen Typen nach dem anderen aufreisst, mit ihnen in der Toilette verschwindet und gut gelaunt die Tanzfläche wieder betritt, um den nächsten Willigen abzuschleppen. Dabei bezahlen ihre "Freier" gutes Geld, das von André, mittlerweile stockbesoffen an der Bar sitzend, entgegengenommen wird. "J'en ai marre", faselt André, packt Angela am Arm und verlässt mit ihr die Bar. "Pourquoi", schreit er sie an. Die Begeisterung, eine solch komische Frau gefunden zu haben, die ihm scheinbar alle Problem lösen kann, weicht schnell einer harschen Selbstkritik - dem Unvermögen, das Leben selbst in den Griff zu kriegen. Mehr und mehr mutiert Angela zum Spiegel seines Selbstbetrugs und evoziert in der verlorenen Seele Andrés eine bittere Selbstreflexion.

Sehen lernen
Luc Besson thematisiert in "Angel-A" das Zu-Sich-Selbst-Finden und kritisiert den Selbstbetrug in der Anonymität. In existenzialistischer Manier zeigt Besson die Folgen des Verharrens in der Selbstlüge und die daraus resultierende Unfähigkeit zu handeln. Einem Sog, dem man sich nur durch Eingeständnisse seiner non-fiktionalen Situation und durch Selbstakzeptanz entziehen kann. Besson zeigt die Mutation eines Menschen, der sich zuerst lieben lernen muss, um wieder fähig zu sein, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Das Sehen lernen. Dieser Ansatz einer neuen Perspektive ist in schwarz-weiss Aufnahmen zu bewundern, Aufnahmen eines anderen Paris'. Besson versucht ein neues, ein gar reduziertes Bild von "seiner" Stadt zu malen, prononciert durch feine Schnitte und lange Einstellungen. Paris erscheint minimalistisch, ja sogar nebensächlich, verliert aber dabei nie den Charme. Das stille Paris.

"Angel-A" ist das interessante Comeback eines Regie-Genies unserer Tage und eine Ode an die Stilistik des Kurzfilms. Semidokumentarisch nimmt uns Besson mit auf einen sonderbaren Stadtrundgang, zeigt uns armselige Gestalten, lange Beine und einen clownesken Helden - André, einer von vielen. In Paris.

Seit dem 25. Mai 2006 im Kino.

Originaltitel: Angel-A (Frankfreich 2005)
Regie: Luc Besson
Darsteller: Jamel Debbouze, Rie Rasmussen
Dauer: 90 Minuten
CH-Verleih: Monopole Pathé Films AG

www.angela-lefilm.com


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