AKTUELL   ARCHIV & SUCHE   NEWSLETTER   INFOS   KONTAKT

Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LENA RENNT    KINO    DVD    BÜHNE

 

« ZURÜCK

 

WEITER »

Überblick

KINO-TIPP:
Der Rote Kakadu

WEITERE KINOFILME:
Angel-A
C.R.A.Z.Y.
Douches Froides
Free Zone
Gabrielle
Offside
The Bow
The Da Vinci Code
The Sentinel
Tristan und Isolde
Volver
 

"Der Rote Kakadu" von Dominik Graf ( Drama ) | Filmcoopi
Rübermachen oder nicht? Das ist hier die Frage

Im Jahre 1961 teilt die Staatsmacht den Himmel über Deutschland. Im Westen scheint die Sonne auf kapitalistischen Boden und im Osten ist dieser sozialistisch. Rennen kann man auf beiden Wiesen, bloss unterschiedlich weit. Sich an Musik ergötzen kann man auf beiden Wiesen, bloss nicht an derselben. Dominik Graf nimmt uns für die letzten vier mauerlosen Monate mit nach Dresden. Dort werden die Rennstrecken immer kürzer und die Musikauswahl wird zunehmend magerer. Zu den Liedern, die noch übrig bleiben, tanzen die Dresdner am liebsten im berüchtigten Tanzlokal "Roter Kakadu".

Von Denise Liebchen.

Schon wieder ein Film über Deutschland und seine Vergangenheit. Nachdem "Der Untergang" das Ende des Zweiten Weltkrieges und "Good Bye Lenin!" die Wiedervereinigung thematisierte, macht "Der Rote Kakadu" die Geschichtsstunde nun komplett. Das ist auch gut so. Immerhin hat jede dieser Epochen den deutschen Alltag in einem Masse geprägt, das längst eine Leinwandverarbeitung legitimiert. Regisseur Graf entschied sich in diesem Fall für ein Gesellschaftsdrama, das durch Elemente aus Komödie, Musikfilm, Politdrama und Romanze ästhetisch erweitert wurde.

Elvis Presley als Staatsfeind Nummer 1
Musik kennt keine Grenzen. Denkste! Das sieht die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) anders. Gleich in der Exposition des Films zertrampeln Volkspolizisten einen Kofferplattenspieler, der zuvor eine Horde von DDR-Jugendlichen zum Tanzen anheizte. Dieser Rock'n'Roll gilt als "Gift des Staatsfeindes". Die Vorliebe für Musik aus dem Westen ist nur einer von vielen Gründen, warum das Ministerium für Staatssicherheit, im Volksmund Stasi genannt, dir auf die Pelle rückt. So ergeht es auch den drei Hauptprotagonisten.

Das Dreieck der Liebe
Siggi ist ein begabter junger Bühnenmaler im Schauspielhaus. Danach möchte er Bühnenbild an der Hochschule in Leipzig studieren. Ebenfalls kreativ tätig, schreibt Luise Gedichte. Diese deklariert die SED als "dekadent" und so arbeitet sie bis auf weiteres in einer Schnapsfabrik. Im DDR-Jargon: Sie muss sich in der Produktion bewähren. Ihr Mann Wolle lebt seine Kreativität weniger in der Kunst als in anderen Frauen und der Rebellion aus. Zum Beispiel wenn er die Sängerin der "Roten Kakadu"-Band in einer Nebenstrasse zum Fliegen bringt oder einem Parteifunktionär in das Sektglas pinkelt. Wolle ist im Gegensatz zu Siggi ein richtig rauer Bursche. Was kein Hindernis für eine dicke Männerfreundschaft darstellt. Doch damit eine Dreiecksgeschichte wirklich eine ist, muss Siggi noch Luise lieben.

Im "Roten Kakadu" fliegen die Korken
Das Tanzlokal war der erste "Jazzkeller" in der DDR. In seinen vier Wänden begeisterten Berühmtheiten wie Heinz Rühmann und Nina Hagen das Publikum. Im Film dient er als Treffpunkt für die jungen Dresdner, die sich zwischen Tischtelefonen, befrackten Kellnern und alkoholischem Repertoire westmusikalisch austoben. Noch wird hier ein Stasi-Offizier, der stolz den neuesten sowjetischen Tanz vorführt, das Opfer ausgiebigen Gelächters. Doch bald sollen die Lachenden die Opfer sein. Alle werden sie im Gerichtssaal landen: Siggi, Luise, Wolle und die Rock'n'Roll-Band aus dem "Roten Kakadu". Die Zeit der wilden Nächte hat ein jähes Ende gefunden. Jetzt stellt sich für die Darsteller die Frage: Rübermachen oder nicht? Viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr. Etliche DDR-Bürger wählten die "Republikflucht", weil sie ihre Freiheit und Selbstverwirklichung in der Diktatur als bedroht sahen. Allein im April 1941 flohen rund 30.000 Menschen in den Westen.

Der bewusste Verzicht und das lange Dreieck
Dominik Graf entscheidet sich gegen eine überladene Klischeedarstellung der Deutschen Demokratischen Republik. Nicht alle zeitgeschichtlichen Hinweise sind für den heutigen Zuschauer auf Anhieb entschlüsselbar. Der Film zeigt ein blasses Dresden, in dem uns die filmsprachliche Subtilität DDR-Luft schnuppern lässt. Wofür wir uns wohl auch bei dem Drehbuchautor bedanken können, immerhin erlebte dieser in den 1960er-Jahren seine Jugend in Dresdener Umgebung. Im gleichen Atemzug muss aber auch erwähnt werden, dass das Drehbuch gegen Ende zu langatmig ausgefallen ist. Die dreieckige Liebesgeschichte zwischen Siggi, Luise und Wolle verliert im letzten Drittel ihre Spannung. In diesem Fall rechtfertigen die 155 km Gesamtlänge der Berliner Mauer die 128 Minuten Gesamtspielzeit nicht. Aber die wundervolle Jessica Schwarz als Luise schreit förmlich nach einem Kinobesuch.

Ab dem 15. Juni 2006 im Kino.

Originaltitel: Der Rote Kakadu (Deutschland 2006)
Regie: Dominik Graf
Darsteller: Max Riemelt, Jessica Schwarz, Ronald Zehrfeld
Dauer: 128 min.
CH-Verleih: Filmcoopi

www.roterkakadu.de


« ZURÜCK

NACH OBEN

WEITER »

Erscheint jeden Monat am 3. neu.

© Copyright 2000 - 2006. Alle Rechte vorbehalten. | Powered by Bürki Hosting, Spiez