AKTUELL   ARCHIV & SUCHE   NEWSLETTER   INFOS   KONTAKT

Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

NEUHEITEN    COMICS    AUSGELESEN    AUSGESCHRIEBEN    KALENDER

 

« ZURÜCK

 

WEITER »

Alternativen

Von Gabi Buchwalder.

Gestern hatte ich ein Zeitfenster. Gewöhnlich, wenn sich so eines öffnet, lockt es, reizt es, flüstert es mir mit weit offenen Flügeln zu: "Komm, stürz dich hinaus, komm, es wird schön, du bist leicht, kannst fliegen, ins Licht"
Bis jetzt konnte ich die Fensterflügel noch immer schliessen, ehe -. Und ich gebe mir Mühe, die Zeitfenster fest geschlossen zu halten. Das geht bestens, kann ich Ihnen sagen. Man kann Dauerlaufen, sich besaufen (das machen andere), aufräumen, abräumen, man kann vorarbeiten, nacharbeiten, fern und schwarz sehen und nach draussen gehen. Trotzdem knallt bisweilen ein Fensterflügel auf. Und dann steht man da und weiss nicht weiter.
Gestern setzte ich mich vor den Spiegel. Es war eine schlechte Idee. Weil ich mich nachher noch weniger kannte, verstand.

Bald süsser schon lockte das Fenster, immer absichtlicher nährte ich mich dem Glas, sah mich selbst und sah, das bin ich nicht.

Und weil das eine Geschichte ist, und solche ja die Gesetzmässigkeit, dass immer plötzlich (total unerwartet, ja, und die Welt ist bass erstaunt) etwas einfach so, aus heiterem Himmel oder vor dem geöffneten Fenster, geschieht, weil Geschichten also diese Gesetzmässigkeiten übertrieben häufig beinhalten, passierte gestern eben auch etwas.

Ich erinnerte mich. Nicht an Michelle, die einem Zeitfenster nicht widerstehen konnte. Sondern an einen Satz, der mir zuflog. "Vor allem sollst du nicht an dir verzweifeln".

"Gut, gut", dachte ich mir, "verzweifle ich also nicht." Ich nahm mich bei der Hand und wir gingen zusammen hinunter in den Park.

Und mit jeder Treppenstufe schloss sich das Zeitfenster mehr, bald stand nur noch ein Spalt breit offen. Ein kühler Lufthauch, mehr nicht.

Im Park war nieselnde Frühlingslangweile. Keiner, der ein Leben hatte, war hier. Schön, dass es keine Fenster hatte, fand ich. Und schlenderte herum und wollte mich an den kleinen Blättchen und noch winzigeren Knospen freuen. He, ich habs zumindest versucht, oder?

Eine Bank, ich setze mich drauf. Ich könnte ja mal ein Zeitfenster so gestalten, wie man es richtig tun sollte. Rumhängen und das Leben geniessen.
Von meiner Bank aus konnte ich jetzt eine Gestalt in gräulichem Mantel ohne Kopf sehen. Das Frauchen muss an ärgster Osteoporose leiden, in den Himmel blicken wird es nur noch können, wenn es sich flachlegte. Das Frauchen führte ein Hundchen an der Leine. Ein braunes, zerwuscheltes Ding.

Jetzt kramte die Alte einen leuchtgrünen Tennisball aus ihrer Tasche und schoss ihn auf die Wiese. Ich war etwas neidisch. Beim Werfen muss ich immer vorsichtig sein, dass mir der Ball nicht auf die eigenen Füsse fällt.
Das Hündchen raste fast sofort dem Ball nach. Dank der ausziehbaren Leine kein Problem. Aber dann - kurz bevor der Ball erreicht, drückte die Alte den Knopf und das Hündchen schnellte wie ein waagrechter Bungee-Jumper zurück. Ein anderer wäre stranguliert gewesen.

Ich erwartete, dass das gute Muttchen ihr Hündchen nun herzen und trösten, sich entschuldigen und einen fetten Büchsenmix mit Kanincheninnereien versprechen würde. Nichts dergleichen. Die Alte bückte sich nach einem Ast und warf auch diesen kraftvoll auf die Wiese. Das Hündchen, gar nicht faul und anscheinend hart im Nehmen, raste wieder dem Wurfgeschoss hinterher. Und - wieder wurde es zurückgeschnellt.

Ich kicherte. Ein durchaus amüsanter Anblick, quer durch die Luft segelnde Hunde.
Da drehte sich die Alte um. Zwar etwas verlegen, aber gar nicht reuig grinste sie mich an.
"Macht Spass, wollense auch ma?"

"Öhm, nun", stammelte ich. So was tut man nicht, hätte ich mich sagen hören wollen. Aber nein, freudig ergriff ich Leine samt Hund, schmiss einen Stein so weit wie möglich und liess das Hündchen retour fliegen. "Hach", seufzte ich und lächelte.
Wir wiederholten das Spielchen abwechslungsweise, die alte Dame und ich.

Als das Hündchen partout keinem Ast, Ball oder Stein mehr nachrennen wollte, setzten wir uns auf die Bank.

"Wissense", nuschelte die Alte, "mir ist manchmal etwas langweilig. Ich hab viel Zeit, die starrt mich mit hohlen Augen an, will mich mitreissen. Aber ich bleib nochn Weilchen. Und wills halt mal lustig ham."
"Versteh ich", meinte ich.
"Und eh ich im Heim Bingo spielen geh, mach ich mir halt selbst n'bisschen Spass."
"Nun, sie haben einen etwas aussergewöhnlichen Humor."
"Ach watt. Muss nur ein bisschen weh tun", grinste sie. "Den andern."

Als das Hündchen sich wieder für die Umgebung zu interessieren begann, stand die Alte auf.
"Kommense, gehn wir zum Ententeich, ich hab noch ein bisschen Brot."

Ich erinnerte mich vage an das "Taubenvergiften im Park". Fühlte mich als Mitspieler dieses uralten Kabarettliedes. Hätte die Alte eine Flasche Arsen gezückt und das Brot getränkt, mein Erstaunen wäre nicht sehr gross gewesen.

Sie aber beugte sich über das Geländer beim Teich, nahm ein Brotstückchen, zielte aufs genaueste und warf es mitten auf den Rücken einer Ente.
Jetzt amüsierte sie sich köstlich über die Verrenkungen der armen Ente.

Währenddem wir abwechslungsweise rund ein Kilo Brot auf den Entenrücken verteilten, erzählte sie mir von ihrem öden Alltag - Alttag, sagte sie - im Heim. Und von ihren Glanzstückchen, die ihn lebenswert machten. Wie sie ihrer Bettnachbarin regelmässig das Gebiss - "es graust mir zwar schon'n bisschen" - aus dem Corega-Tabs-Behälter fischte und auf die Kommode im Gang legte. Oder wie sie alle Kreuzworträtsel im Leseraum sofort mit Phantasiewörtern füllte. Oder Krücken versteckte und die Gummimatten unter den Teppichen entfernte. "Des gibt jedes Mal ein hübsche Rutscherei..."
Und wenn ihr alles gar zu unerträglich wurde, täuschte sie einen Ohnmachtsanfall vor.
"Sie sollten ma sehn, wie die dann anzuspringen kommen", kicherte sie.

Die Dämmerung schlich hinter dem Fliederbusch hervor, wir merkten es beide. Verabschiedeten uns mit dem lockeren Versprechen auf ein Wiedersehen.

Zufrieden ging ich meinem Daheim entgegen. Zu Befürchten hatte ich nichts, Zeitfenster waren zu dieser Stunde keine mehr möglich. Und falls sich wieder mal eines öffnen sollte, hatte ich nun immerhin einige Alternativen zum Fliegen.


« ZURÜCK

NACH OBEN

WEITER »

Erscheint jeden Monat am 3. neu.

© Copyright 2000 - 2006. Alle Rechte vorbehalten. | Powered by Bürki Hosting, Spiez