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Alternativen
Von Gabi Buchwalder.
Gestern hatte ich ein Zeitfenster. Gewöhnlich,
wenn sich so eines öffnet, lockt es, reizt es, flüstert
es mir mit weit offenen Flügeln zu: "Komm, stürz
dich hinaus, komm, es wird schön, du bist leicht, kannst
fliegen, ins Licht"
Bis jetzt konnte ich die Fensterflügel noch immer schliessen,
ehe -. Und ich gebe mir Mühe, die Zeitfenster fest geschlossen
zu halten. Das geht bestens, kann ich Ihnen sagen. Man kann Dauerlaufen,
sich besaufen (das machen andere), aufräumen, abräumen,
man kann vorarbeiten, nacharbeiten, fern und schwarz sehen und
nach draussen gehen. Trotzdem knallt bisweilen ein Fensterflügel
auf. Und dann steht man da und weiss nicht weiter.
Gestern setzte ich mich vor den Spiegel. Es war eine schlechte
Idee. Weil ich mich nachher noch weniger kannte, verstand.
Bald süsser schon lockte das Fenster,
immer absichtlicher nährte ich mich dem Glas, sah mich selbst
und sah, das bin ich nicht.
Und weil das eine Geschichte ist, und solche
ja die Gesetzmässigkeit, dass immer plötzlich (total
unerwartet, ja, und die Welt ist bass erstaunt) etwas einfach
so, aus heiterem Himmel oder vor dem geöffneten Fenster,
geschieht, weil Geschichten also diese Gesetzmässigkeiten
übertrieben häufig beinhalten, passierte gestern eben
auch etwas.
Ich erinnerte mich. Nicht an Michelle, die
einem Zeitfenster nicht widerstehen konnte. Sondern an einen
Satz, der mir zuflog. "Vor allem sollst du nicht an dir
verzweifeln".
"Gut, gut", dachte ich mir, "verzweifle
ich also nicht." Ich nahm mich bei der Hand und wir gingen
zusammen hinunter in den Park.
Und mit jeder Treppenstufe schloss sich das Zeitfenster mehr,
bald stand nur noch ein Spalt breit offen. Ein kühler Lufthauch,
mehr nicht.
Im Park war nieselnde Frühlingslangweile.
Keiner, der ein Leben hatte, war hier. Schön, dass es keine
Fenster hatte, fand ich. Und schlenderte herum und wollte mich
an den kleinen Blättchen und noch winzigeren Knospen freuen.
He, ich habs zumindest versucht, oder?
Eine Bank, ich setze mich drauf. Ich könnte
ja mal ein Zeitfenster so gestalten, wie man es richtig tun sollte.
Rumhängen und das Leben geniessen.
Von meiner Bank aus konnte ich jetzt eine Gestalt in gräulichem
Mantel ohne Kopf sehen. Das Frauchen muss an ärgster Osteoporose
leiden, in den Himmel blicken wird es nur noch können, wenn
es sich flachlegte. Das Frauchen führte ein Hundchen an
der Leine. Ein braunes, zerwuscheltes Ding.
Jetzt kramte die Alte einen leuchtgrünen
Tennisball aus ihrer Tasche und schoss ihn auf die Wiese. Ich
war etwas neidisch. Beim Werfen muss ich immer vorsichtig sein,
dass mir der Ball nicht auf die eigenen Füsse fällt.
Das Hündchen raste fast sofort dem Ball nach. Dank der ausziehbaren
Leine kein Problem. Aber dann - kurz bevor der Ball erreicht,
drückte die Alte den Knopf und das Hündchen schnellte
wie ein waagrechter Bungee-Jumper zurück. Ein anderer wäre
stranguliert gewesen.
Ich erwartete, dass das gute Muttchen ihr
Hündchen nun herzen und trösten, sich entschuldigen
und einen fetten Büchsenmix mit Kanincheninnereien versprechen
würde. Nichts dergleichen. Die Alte bückte sich nach
einem Ast und warf auch diesen kraftvoll auf die Wiese. Das Hündchen,
gar nicht faul und anscheinend hart im Nehmen, raste wieder dem
Wurfgeschoss hinterher. Und - wieder wurde es zurückgeschnellt.
Ich kicherte. Ein durchaus amüsanter
Anblick, quer durch die Luft segelnde Hunde.
Da drehte sich die Alte um. Zwar etwas verlegen, aber gar nicht
reuig grinste sie mich an.
"Macht Spass, wollense auch ma?"
"Öhm, nun", stammelte ich.
So was tut man nicht, hätte ich mich sagen hören wollen.
Aber nein, freudig ergriff ich Leine samt Hund, schmiss einen
Stein so weit wie möglich und liess das Hündchen retour
fliegen. "Hach", seufzte ich und lächelte.
Wir wiederholten das Spielchen abwechslungsweise, die alte Dame
und ich.
Als das Hündchen partout keinem Ast,
Ball oder Stein mehr nachrennen wollte, setzten wir uns auf die
Bank.
"Wissense", nuschelte die Alte,
"mir ist manchmal etwas langweilig. Ich hab viel Zeit, die
starrt mich mit hohlen Augen an, will mich mitreissen. Aber ich
bleib nochn Weilchen. Und wills halt mal lustig ham."
"Versteh ich", meinte ich.
"Und eh ich im Heim Bingo spielen geh, mach ich mir halt
selbst n'bisschen Spass."
"Nun, sie haben einen etwas aussergewöhnlichen Humor."
"Ach watt. Muss nur ein bisschen weh tun", grinste
sie. "Den andern."
Als das Hündchen sich wieder für
die Umgebung zu interessieren begann, stand die Alte auf.
"Kommense, gehn wir zum Ententeich, ich hab noch ein bisschen
Brot."
Ich erinnerte mich vage an das "Taubenvergiften
im Park". Fühlte mich als Mitspieler dieses uralten
Kabarettliedes. Hätte die Alte eine Flasche Arsen gezückt
und das Brot getränkt, mein Erstaunen wäre nicht sehr
gross gewesen.
Sie aber beugte sich über das Geländer
beim Teich, nahm ein Brotstückchen, zielte aufs genaueste
und warf es mitten auf den Rücken einer Ente.
Jetzt amüsierte sie sich köstlich über die Verrenkungen
der armen Ente.
Währenddem wir abwechslungsweise rund ein Kilo Brot auf
den Entenrücken verteilten, erzählte sie mir von ihrem
öden Alltag - Alttag, sagte sie - im Heim. Und von ihren
Glanzstückchen, die ihn lebenswert machten. Wie sie ihrer
Bettnachbarin regelmässig das Gebiss - "es graust mir
zwar schon'n bisschen" - aus dem Corega-Tabs-Behälter
fischte und auf die Kommode im Gang legte. Oder wie sie alle
Kreuzworträtsel im Leseraum sofort mit Phantasiewörtern
füllte. Oder Krücken versteckte und die Gummimatten
unter den Teppichen entfernte. "Des gibt jedes Mal ein hübsche
Rutscherei..."
Und wenn ihr alles gar zu unerträglich wurde, täuschte
sie einen Ohnmachtsanfall vor.
"Sie sollten ma sehn, wie die dann anzuspringen kommen",
kicherte sie.
Die Dämmerung schlich hinter dem Fliederbusch
hervor, wir merkten es beide. Verabschiedeten uns mit dem lockeren
Versprechen auf ein Wiedersehen.
Zufrieden ging ich meinem Daheim entgegen.
Zu Befürchten hatte ich nichts, Zeitfenster waren zu dieser
Stunde keine mehr möglich. Und falls sich wieder mal eines
öffnen sollte, hatte ich nun immerhin einige Alternativen
zum Fliegen.
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