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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Klassiker
Fundgrube
 

Otto F. Walter: "Herr Tourel" (Roman, 1962) | Rowohlt
Ein komischer Kauz

Warum sitzt ein Mann, der keine Marder mag, freiwillig in einer dunklen Bootshütte, die von den kleinen Tierchen nur so wimmelt? Wovor versteckt er sich? Die Auflösung von Herrn Tourels Geheimnis gibt es nicht geschenkt: Die verdient man sich durch die Lektüre des Buches.

Von Sibylle Waltert.

Herr Tourel möchte die Vergangenheit draussen und hinter sich lassen, doch drinnen bedrängen ihn sein Gewissen und die neugierigen Marder. Nur eine Sache hält beides auf Distanz: Reden. Und so redet Herr Tourel denn ohne Unterlass und erzählt den Mardern seine erlogene Lebensgeschichte.

Im Schatten der Zementfabrik
Durch einen merkwürdigen Zufall ist Herr Tourel zurückgekehrt an seinen Heimatort, in das so genannte Jammers im Schweizer Jura. Nun sitzt er wieder in diesem kleinen Dörfchen, das durch eine riesige Zementfabrik und den dort entstehenden weissen Staub, der alles wie Schnee bedeckt, einen bedrückenden Charakter erhält. Ein Jahr zuvor war er vor diesem Ort und seiner Vergangenheit geflohen, doch nun holt sie ihn wieder ein; sie umzingelt ihn in Gestalt der Dorfbewohner und der Marder und lässt ihm keine Ruhe. Die verschiedenen Vergehen, deren man ihn bezichtigt, will er nicht getan haben. Allein durch die verstörten Aussagen des Schneckensammlers Mohn und des Mädchens Contessa erfahren wir allmählich die Wahrheit.

Die Sprache des Alltags
Da Herr Tourel selbst nicht die Kraft, den Willen oder den Mut aufbringt, zu seinen Taten zu stehen, fällt diese Aufgabe den aufgezeichneten Gesprächen der Dorfbewohner und den Erzählungen der beiden Randfiguren Contessa und Mohn zu. Neben dem korrekten, angenehmen Sprachstil Herrn Tourels finden sich also Passagen, die aus endlos scheinenden, atemlos aneinander gereihten Satzfetzen gebildet sind. Werden Gespräche und Gedanke eins zu eins niedergeschrieben, ergibt sie auf den ersten Blick manchmal wenig Sinn. Den Inhalt und die Bedeutung dieser Textteile zu entschlüsseln, kann zur wahren Herausforderung werden.

Der mysteriöse Albert
Nur eine Person gibt es, der Herr Tourel wirklich vertraut und für die er sogar einen Teil seiner Lebensgeschichte niederschreibt: seinen Freund Albert. Ihm begegnet er auf verschiedenen Etappen seiner Flucht: Albert verkörpert den guten Freund, der ihm Ratschläge erteilt und ihn vor der verdienten Strafe bewahrt. Je länger jedoch von ihm gesprochen wird, desto mehr beginnt der Leser an seiner wirklichen Existenz zu zweifeln. Ist Albert real oder nur eine Phantasiegestalt, die den Flüchtenden vor seiner Einsamkeit und dem quälenden schlechten Gewissen schützen soll? Wenigstens in dieser Angelegenheit findet Herr Tourel zum Schluss den Mut, klare Tatsachen auszusprechen.

"Herr Tourel" erzählt die verwirrende, aber spannende Geschichte eines jungen Mannes mit dunkler Vergangenheit. Manche Leser mögen die Lektüre zu anstrengend finden, andere werden jedoch gerade in der Wirrnis des Textes seine Qualität erkennen.

152 Seiten

www.zvab.com

Zum Autor

Otto F. Walter wurde 1928 in Aarau geboren und starb 1994 in Solothurn an Lungenkrebs. Der Bruder der Lyrikerin Silja Walter leitete verschiedene Verlagsunternehmen, unter anderen den Verlag Walter, dem er zu einem angesehenen Status verhalf. Nebenbei war er freier Schriftsteller.


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