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Otto F. Walter: "Herr Tourel" (Roman,
1962) | Rowohlt
Ein komischer Kauz
Warum sitzt ein Mann, der keine Marder
mag, freiwillig in einer dunklen Bootshütte, die von den
kleinen Tierchen nur so wimmelt? Wovor versteckt er sich? Die
Auflösung von Herrn Tourels Geheimnis gibt es nicht geschenkt:
Die verdient man sich durch die Lektüre des Buches.
Von Sibylle Waltert.
Herr Tourel möchte die Vergangenheit
draussen und hinter sich lassen, doch drinnen bedrängen
ihn sein Gewissen und die neugierigen Marder. Nur eine Sache
hält beides auf Distanz: Reden. Und so redet Herr Tourel
denn ohne Unterlass und erzählt den Mardern seine erlogene
Lebensgeschichte.
Im Schatten der Zementfabrik
Durch einen merkwürdigen Zufall
ist Herr Tourel zurückgekehrt an seinen Heimatort, in das
so genannte Jammers im Schweizer Jura. Nun sitzt er wieder in
diesem kleinen Dörfchen, das durch eine riesige Zementfabrik
und den dort entstehenden weissen Staub, der alles wie Schnee
bedeckt, einen bedrückenden Charakter erhält. Ein Jahr
zuvor war er vor diesem Ort und seiner Vergangenheit geflohen,
doch nun holt sie ihn wieder ein; sie umzingelt ihn in Gestalt
der Dorfbewohner und der Marder und lässt ihm keine Ruhe.
Die verschiedenen Vergehen, deren man ihn bezichtigt, will er
nicht getan haben. Allein durch die verstörten Aussagen
des Schneckensammlers Mohn und des Mädchens Contessa erfahren
wir allmählich die Wahrheit.
Die Sprache des Alltags
Da Herr Tourel selbst nicht die Kraft,
den Willen oder den Mut aufbringt, zu seinen Taten zu stehen,
fällt diese Aufgabe den aufgezeichneten Gesprächen
der Dorfbewohner und den Erzählungen der beiden Randfiguren
Contessa und Mohn zu. Neben dem korrekten, angenehmen Sprachstil
Herrn Tourels finden sich also Passagen, die aus endlos scheinenden,
atemlos aneinander gereihten Satzfetzen gebildet sind. Werden
Gespräche und Gedanke eins zu eins niedergeschrieben, ergibt
sie auf den ersten Blick manchmal wenig Sinn. Den Inhalt und
die Bedeutung dieser Textteile zu entschlüsseln, kann zur
wahren Herausforderung werden.
Der mysteriöse Albert
Nur eine Person gibt es, der Herr
Tourel wirklich vertraut und für die er sogar einen Teil
seiner Lebensgeschichte niederschreibt: seinen Freund Albert.
Ihm begegnet er auf verschiedenen Etappen seiner Flucht: Albert
verkörpert den guten Freund, der ihm Ratschläge erteilt
und ihn vor der verdienten Strafe bewahrt. Je länger jedoch
von ihm gesprochen wird, desto mehr beginnt der Leser an seiner
wirklichen Existenz zu zweifeln. Ist Albert real oder nur eine
Phantasiegestalt, die den Flüchtenden vor seiner Einsamkeit
und dem quälenden schlechten Gewissen schützen soll?
Wenigstens in dieser Angelegenheit findet Herr Tourel zum Schluss
den Mut, klare Tatsachen auszusprechen.
"Herr Tourel" erzählt die verwirrende,
aber spannende Geschichte eines jungen Mannes mit dunkler Vergangenheit.
Manche Leser mögen die Lektüre zu anstrengend finden,
andere werden jedoch gerade in der Wirrnis des Textes seine Qualität
erkennen.
152 Seiten
www.zvab.com
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Zum Autor
Otto F. Walter wurde 1928 in Aarau geboren
und starb 1994 in Solothurn an Lungenkrebs. Der Bruder der Lyrikerin
Silja Walter leitete verschiedene Verlagsunternehmen, unter anderen
den Verlag Walter, dem er zu einem angesehenen Status verhalf.
Nebenbei war er freier Schriftsteller.
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