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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hans-Ulrich Treichel: "Menschenflug" (Lesung) | Der Audio Verlag
Ein fast vergessenes Kapitel der deutschen Vergangenheit

Wie schon im hoch gelobten Roman "Der Verlorene" beschäftigt sich Treichel auch in "Menschenflug" wieder mit den Erfahrungen seiner Eltern während und nach dem zweiten Weltkrieg. Die fast unverhohlen autobiographische Schilderung bleibt leider auch als Lesung unbewegend.

Von Sandra Despont.

In Stefans Leben brechen immer wieder Gespenster der Vergangenheit ein. Seine ganze Kindheit war überschattet von der Fremdheit und Gefühlsarmut, die seine Eltern verströmten. Erst spät erfährt er von ihrer Flucht vor der Roten Armee und dem Verlust seines Bruders, der zurückgelassen werden musste. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seiner Eltern und die Suche nach dem verlorenen Bruder fällt für Stefan in eine Zeit der Krise, wird vielleicht sogar durch die Erfahrung der Sinnlosigkeit und Desorientierung in der Lebensmitte ausgelöst. Zuerst widerwillig, doch zunehmend interessiert, macht er sich daran, seine "Vergangenheitsneurose" durch die Rekonstruktion der Geschichte seiner Eltern zu überwinden.

Überwindung der Geschichtsverdrossenheit
Albträume und Druck in der Herzgegend, kombiniert mit der fixen Idee, dass er nicht älter als sein Vater wird, d.h. 54, drängen Stefan (immerhin schon 52 Jahre alt) zum gründlichen Überdenken seiner Lage. Er nimmt ein Jahr Familienauszeit, besucht seine früheren Wohnorte und tut eine Reise nach Ägypten, wo er sich, wie es sich für einen midlife-crisis-geplagten Mann gehört, einer kurzen Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau hingibt. Dies alles ist jedoch, wie er weiss, bloss Symptombekämpfung. Die Wurzel des Übels liegt inder distanzierten Beziehung zu seinen Eltern und deren Vergangenheit. Erst durch die Überwindung seiner "Geschichtsverdrossenheit" und die Beschäftigung mit seiner Familie kann ihm ein Neuanfang gelingen.

Blutarm
Wie im Booklet zu der Lesung von "Menschenflug" zu erfahren ist, verarbeitet Hans-Ulrich Treichel in der Geschichte Stefans seine eigene Erfahrung und die seiner Eltern. Das nimmt natürlich für den Autor ein, besonders auch wegen der hier einmal aus einer anderen Perspektive durchgeführten deutschen Vergangenheitsbewältigung. Das Schicksal der deutschen Kolonisten in Polen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg war angesichts der eindeutigen Schuldzuweisung an die Deutschen (zu) lange kein Thema. Doch leider bleibt die Erforschung dieses "historischen Phantomschmerzes" durch Treichel seltsam blutarm. Die hanebüchen konstruierten Charaktere wirken beliebig, starr und uninteressant. Formulierungen wie "schon die Mutterbrust, die ihn genährt und um die er seine Säuglingslippen geschlossen hatte, empfand er als die Brust einer fremden Frau" grenzen hart an unbeholfen sentimentalen Kitsch, der die Aufarbeitung dieses Kapitels der deutschen Geschichte zu einer bemühten und den Hörer unbewegt lassenden Angelegenheit macht. Zu oft wird in vielfältigen Variationen angedeutet, dass die Wurzel zu Stefans Problemen bei seinen Eltern zu suchen sind, zu selten bringt Treichel seine Erkenntnisse auf den Punkt. Daran kann auch der ebenso emotionslos gehaltene Vortrag Leonard Lansinks nichts ändern.

4 CDs, CHF 45.90


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