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Hans-Ulrich Treichel: "Menschenflug"
(Lesung) | Der Audio Verlag
Ein fast vergessenes Kapitel der deutschen Vergangenheit
Wie schon im hoch gelobten Roman "Der
Verlorene" beschäftigt sich Treichel auch in "Menschenflug"
wieder mit den Erfahrungen seiner Eltern während und nach
dem zweiten Weltkrieg. Die fast unverhohlen autobiographische
Schilderung bleibt leider auch als Lesung unbewegend.
Von Sandra Despont.
In Stefans Leben brechen immer wieder Gespenster
der Vergangenheit ein. Seine ganze Kindheit war überschattet
von der Fremdheit und Gefühlsarmut, die seine Eltern verströmten.
Erst spät erfährt er von ihrer Flucht vor der Roten
Armee und dem Verlust seines Bruders, der zurückgelassen
werden musste. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seiner
Eltern und die Suche nach dem verlorenen Bruder fällt für
Stefan in eine Zeit der Krise, wird vielleicht sogar durch die
Erfahrung der Sinnlosigkeit und Desorientierung in der Lebensmitte
ausgelöst. Zuerst widerwillig, doch zunehmend interessiert,
macht er sich daran, seine "Vergangenheitsneurose"
durch die Rekonstruktion der Geschichte seiner Eltern zu überwinden.
Überwindung der Geschichtsverdrossenheit
Albträume und Druck in der Herzgegend,
kombiniert mit der fixen Idee, dass er nicht älter als sein
Vater wird, d.h. 54, drängen Stefan (immerhin schon 52 Jahre
alt) zum gründlichen Überdenken seiner Lage. Er nimmt
ein Jahr Familienauszeit, besucht seine früheren Wohnorte
und tut eine Reise nach Ägypten, wo er sich, wie es sich
für einen midlife-crisis-geplagten Mann gehört, einer
kurzen Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau hingibt.
Dies alles ist jedoch, wie er weiss, bloss Symptombekämpfung.
Die Wurzel des Übels liegt inder distanzierten Beziehung
zu seinen Eltern und deren Vergangenheit. Erst durch die Überwindung
seiner "Geschichtsverdrossenheit" und die Beschäftigung
mit seiner Familie kann ihm ein Neuanfang gelingen.
Blutarm
Wie im Booklet zu der Lesung von "Menschenflug"
zu erfahren ist, verarbeitet Hans-Ulrich Treichel in der Geschichte
Stefans seine eigene Erfahrung und die seiner Eltern. Das nimmt
natürlich für den Autor ein, besonders auch wegen der
hier einmal aus einer anderen Perspektive durchgeführten
deutschen Vergangenheitsbewältigung. Das Schicksal der deutschen
Kolonisten in Polen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg
war angesichts der eindeutigen Schuldzuweisung an die Deutschen
(zu) lange kein Thema. Doch leider bleibt die Erforschung dieses
"historischen Phantomschmerzes" durch Treichel seltsam
blutarm. Die hanebüchen konstruierten Charaktere wirken
beliebig, starr und uninteressant. Formulierungen wie "schon
die Mutterbrust, die ihn genährt und um die er seine Säuglingslippen
geschlossen hatte, empfand er als die Brust einer fremden Frau"
grenzen hart an unbeholfen sentimentalen Kitsch, der die Aufarbeitung
dieses Kapitels der deutschen Geschichte zu einer bemühten
und den Hörer unbewegt lassenden Angelegenheit macht. Zu
oft wird in vielfältigen Variationen angedeutet, dass die
Wurzel zu Stefans Problemen bei seinen Eltern zu suchen sind,
zu selten bringt Treichel seine Erkenntnisse auf den Punkt. Daran
kann auch der ebenso emotionslos gehaltene Vortrag Leonard Lansinks
nichts ändern.
4 CDs, CHF 45.90
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