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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Colum McCann: "Hungerstreik" (Lesung) | Marehörbuchverlag
Der pubertierende Junge und das Meer

Sobald Konflikte keine Schlagzeilen mehr machen, verschwinden sie aus dem öffentlichen Bewusstsein wie im Privaten die Erinnerungen an abwesende Freunde. Der in Amerika lebende irische Schriftsteller Colum McCann erinnert mit seiner Erzählung "Hungerstreik" an den in Nordirland tobenden Bürgerkrieg zu einer seiner unrühmlichen Höhepunkte in den 80er Jahren.

Von Wolfgang Haan.

In "Hungerstreik" geht es McCann nicht darum, Stellung zu beziehen, die politische Lage zu analysieren oder Schuldzuweisungen auszusprechen. Vielmehr liefert er ein psychologisch stimmiges, atmosphärisch dichtes und literarisch exaltiertes Stimmungsbild der irischen Gesellschaft. Den realen Hintergrund der fiktiven Kurzgeschichte bildet eine bis dahin beispiellose gewaltlose Protestaktion mutmaßlicher inhaftierter IRA-Mitglieder, welche sich zwischen März und Oktober 1981 in einem Hungerstreik befanden, in dessen Verlauf 11 Menschen an Auszehrung und Entkräftung starben, ohne dass eine der gestellten Forderungen erfüllt wurde.

Ohnmacht, Verzweiflung, Kampfgeist und Trotz
Im Mittelpunkt steht der 12-jährige Halbwaise Kevin, der seit kurzem mit seiner Mutter in einem abgeschieden gelegenen Wohnwagen an der irischen Küste lebt. Kevin gefällt es hier überhaupt nicht. Viel lieber wäre er in Derry geblieben. Doch nachdem sich dort immer mehr Kinder und Jugendliche Straßenschlachten mit englischen Soldaten liefern, flieht seine Mutter in die vermeintlich ungefährliche ländliche Gegend. Hier erreicht sie die Nachricht, dass auch Kevins Onkel an dem Hungerstreik teilnimmt. In kurzen, knappen Worten skizziert der Autor die Welle der Gefühle, die Kevin zu übermannen droht. Dabei schwingt neben dem allgegenwärtigen Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung auch eine gehörige Portion Kampfgeist und Trotz mit. Sofort von der eigenen Stärke begeistert, stürzt sich auch Kevin in einen Hungerstreik. Doch schon am zweiten Tag wird er weich, schleicht sich in einen Imbiss und verlässt diesen weinend und "mit nach Essig stinkenden Fingern". Dies ist im Hörbuch eine der ersten Stellen, an welcher Ulrich Matthes sein ganzes Können unter Beweis stellt, denn sein Vortrag vermittelt die Vielzahl der hinter dem Gefühl der Scham des Versagens versteckten Emotionen und gibt einen großartigen Blick frei auf den Sinneswandel eines mitten in der Pubertät steckenden Jugendlichen.

Der junge Bursche und das Meer
Der Zeitraum von etwas mehr als 60 Tagen, von denen die Kurzgeschichte handelt, wird auf verschiedenen Ebenen erzählt, die kunstvoll und fließend miteinander verbunden sind. Zum einen ist da die Außenwelt, in der über die Arbeit der Mutter oder Nachrichten aus Presse und Rundfunk berichtet wird und die relativ wenig Platz einnimmt. Größere Aufmerksamkeit widmet der Autor dem Meer, dem Schachspiel und der aufwühlenden und aufgewühlten Gedankenwelt Kevins. Neben pubertären erotischen Phantasien eines Jungen spielen Rachegedanken und die Identitätssuche eine große Rolle. Er will (noch) nicht der Mann der Familie sein und sucht bei Gedankenspielen Zuflucht, versucht, Erinnerungen an seinen verunglückten Vater heraufzubeschwören und, als dies nicht gelingt, seinen ihm fremden Onkel an seine Statt zu setzen. Doch ist der Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt und Kevin findet erst etwas Halt bei einem alten Litauer, der ihn in seinem Kajak mit hinaus aufs Meer nimmt. Hier verbringen sie gemeinsam Stunden beim Rudern, ohne unnötige Dialoge. Gerade aus diesen Momenten zieht Kevin sowohl körperliche als auch psychische Kraft. Durch den überwiegend wortlosen Dialog zwischen Mann, Kind und Meer entwickelt Kevin eine Möglichkeit, Selbstbewusstsein und Erkenntnisse zu erlangen durch Beobachtung und kontemplatives Nachdenken.
Beim Schachspiel, das ihm seine Mutter beibringt, identifiziert er sich mit dem Springer, ja fühlt sich diesem verbunden und zieht Parallelen zu seiner und der Situation seines Onkels.

Scheiss auf die Queen
Ulrich Matthes spuckt einem förmlich Kevins Fluch um die Ohren: "Scheiss auf die Queen!", brüllt er gemeinsam mit Kevin voller Verzweiflung, Hass und dem Wissen, dass nichts, selbst nicht der gröbste Fluch, seinen Onkel retten kann. In manchen Situationen brennen dem Hörer die Ohren von den verbalen Tränen, die Ulrich Matthes vergiesst und welche die Aussichtslosigkeit der Lage überdeutlich werden lassen. Besonders erschütternd sind die Momente, in denen Kevin versucht, seinem Onkel nachzueifern und an den eigenen Bedürfnissen scheitert und die Ulrich Matthes genauso perfekt vermittelt wie die erwachenden körperlichen Bedürfnisse des Pubertierenden oder die Eifersucht, die er empfindet beim Anblick seiner sexy angezogenen Mutter auf dem Weg zur nächtlichen Arbeit im örtlichen Pub. Punktgenau trifft er die Stimmung, welche den einzelnen Handlungsebenen innewohnt und so frotzelt er genüsslich, wenn Kevins Mutter diesen wegen Übertretungen der "Hausordnung" maßregelt, rollt gemütlich das R beim gutturalen Akzent des Litauers und bricht in ein kehliges Lachen aus, wenn dieser Kevin freundschaftlich auf den Arm nimmt, oder flucht wie ein pubertierender Kesselflicker, wenn Kevin seiner Verzweiflung und Wut Luft machen muss. Sachlich die Passagen, in denen Kevin Schach spielt, nachdenklich beim Rudern, selbstverliebt und seine Ausstrahlung und körperlichen Kräfte völlig überschätzend bei der Eigenwahrnehmung Kevins, wandelt sich die Stimmlage des Sprechers virtuos und wieder einmal gelingt es Ulrich Matthes, der es mit seinen außergewöhnlichen stimmlichen Fähigkeiten scheinbar mühelos versteht, die der exzellenten literarischen Vorlage innewohnende Vielschichtigkeit dem Hörer nahe zu bringen und den Hörer tief in die Welt von Colum McCanns Irland eintauchen zu lassen.

3 CDs, CHF 36.70


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