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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gerhard Haase - Hindenberg: "Göttin auf Zeit" (Dokumentation) | Heyne
Wie erklärt man einem Kind, dass es eine Göttin ist?

In Kathmandu gibt es sowohl in der hinduistischen, als auch in der buddhistischen Tradition die Figur der Kumari, der Kindergöttin. Die Mädchen werden ausschließlich aus Familien der Kriegerkaste gewählt und dienen ihrem Glauben als lebende Gottheiten von ihrem zweiten bis zum zwölften Lebensjahr. Gerhard Haase-Hindenberg reiste nach Kathmandu und sprach mit den verstoßenen Ex-Göttinnen.

Von Suzanne Walter.

Das Indra-Jatra-Fest ist der Tag, an dem sich der nepalesische König zu seiner Göttin, der Kumari, der Schutzheiligen der Monarchie begibt - der Mädchengöttin, Dyo Maiju. Die kleine Amita ist 1979 gerade zwei Jahre alt und sieht sich mit ihren Eltern und ihrer Schwester die Feierlichkeiten in Kathmandu an. Noch ahnt niemand in ihrer Familie, dass schon in einem Jahr Amita selbst als lebende Göttin durch die Menge gezogen werden wird. Selbstverständlich haben ihre Eltern das Horoskop ihrer Tochter an den Hofastrologen ausgehändigt: Die Auswahl einer neuen Kumari hängt hauptsächlich von einer günstigen Voraussage ab. Amitas Horoskop sagt ihr "großes Glück" voraus. Nur wenig später wird sie bei einem zweifelhaften Ritual in ihr Amt eingeführt und lebt fortan getrennt von ihrer Familie im Kumari Bahal, dem Wohnsitz der Mädchengöttin.

Einer Göttin widerspricht niemand...
Amitas Kindheit im Kumari Bahal ist durchaus nicht unglücklich. Sie bekommt eine Schwester, eine didi zur Seite gestellt, die sie jeden Morgen traditionell zur Göttin schminkt und sogar mit ihr in einem Bett schläft. Und Amita hat Freunde in ihrem Alter - Kinder aus der Familie des Chitaidar, einer Art machtvollen Hausmeisterpaares im Kumari Bahal. Jeder Wunsch der Dyo Maiju wird - wenn möglich - umgehend erfüllt, so dass die Göttin in ihrer Freizeit in den Fluren ihres Wohnsitzes Fahrrad fährt. In ihrer Freizeit geht alles nach dem Willen der Kumari, niemand darf ihr widersprechen oder sie gar tadeln, schließlich lebt man mit einer Gottheit zusammen. Die religiösen Pflichten, die Empfänge und Pujas lässt das Mädchen bald schon mit einer gewissen Routine über sich ergehen, eine Kumari hat ernst zu sein und unendliche Gelassenheit auszustrahlen. Amita fügt sich bemerkenswert gut in ihre Rolle, man spricht von der besten Kumari seit Jahren und ihre Zuneigung zu ihrer Durga-didi erlaubt eine direkte Einflussnahme auf das Benehmen der Göttin.

Das Leid der Eltern
Während Amita sich relativ problemlos in ihre neue Rolle als Göttin hineinfindet kennt das Leiden ihrer Eltern keine Grenzen. Ihre Mutter beugt sich zwar dem gesellschaftlichen Druck, ihre Tochter als Kumari zur Verfügung zu stellen, zerbricht jedoch fast an dem Verlust. Amitas Vater gibt sich vor allem dem Chitaidar gegenüber kämpferisch. Bei der ersten Indra-Jatra seiner Tochter wird er nicht zum königlichen Empfang eingeladen, will aber nicht einsehen, dass er als Vater kein Recht mehr auf seine Tochter hat und ertrotzt sich einen Platz auf dem Wagen der Kumari. Später erkundigt er sich bei der Familie von Amitas Vorgängerin über deren Befinden und erfährt von deren Schwester, dass sie im Alter von zwölf Jahren ein erschreckend niedriges Bildungsniveau besitzt. Amitas Vater erkämpft sich daraufhin beim König selbst Unterricht und die längst nur noch in den Geschichtsbüchern vorhandene "Entschädigung" für die Kumari. Dennoch - der Schaden für die Familie der Dyo Maiju ist unermesslich groß, eine Tochter und Schwester wurde gestohlen.

Ein bewegendes Schicksal
Gerhard Haase-Hindenberg formt aus den gesammelten Interviews aus dem Umfeld der Kumaris und mit Amita selbst eine atemberaubend schöne Geschichte mit politischem und religiösem Hintergrund. Er zeigt beide Seiten der Münze sehr deutlich- die religiös-politischen Interessen einerseits und das Schicksal der Kumari andererseits. Vor den Augen der Leser entsteht ein farbenfrohes und verwirrendes Bild von Nepal und Kathmandu - der Stadt der Dyo Maiju. Lesen!

411 Seiten, CHF 35.00


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