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Gerhard Haase - Hindenberg: "Göttin
auf Zeit" (Dokumentation) | Heyne
Wie erklärt man einem Kind, dass es eine Göttin
ist?
In Kathmandu gibt es sowohl in der
hinduistischen, als auch in der buddhistischen Tradition die
Figur der Kumari, der Kindergöttin. Die Mädchen werden
ausschließlich aus Familien der Kriegerkaste gewählt
und dienen ihrem Glauben als lebende Gottheiten von ihrem zweiten
bis zum zwölften Lebensjahr. Gerhard Haase-Hindenberg reiste
nach Kathmandu und sprach mit den verstoßenen Ex-Göttinnen.
Von Suzanne Walter.
Das Indra-Jatra-Fest ist der Tag, an dem sich
der nepalesische König zu seiner Göttin, der Kumari,
der Schutzheiligen der Monarchie begibt - der Mädchengöttin,
Dyo Maiju. Die kleine Amita ist 1979 gerade zwei Jahre alt und
sieht sich mit ihren Eltern und ihrer Schwester die Feierlichkeiten
in Kathmandu an. Noch ahnt niemand in ihrer Familie, dass schon
in einem Jahr Amita selbst als lebende Göttin durch die
Menge gezogen werden wird. Selbstverständlich haben ihre
Eltern das Horoskop ihrer Tochter an den Hofastrologen ausgehändigt:
Die Auswahl einer neuen Kumari hängt hauptsächlich
von einer günstigen Voraussage ab. Amitas Horoskop sagt
ihr "großes Glück" voraus. Nur wenig später
wird sie bei einem zweifelhaften Ritual in ihr Amt eingeführt
und lebt fortan getrennt von ihrer Familie im Kumari Bahal, dem
Wohnsitz der Mädchengöttin.
Einer Göttin widerspricht niemand...
Amitas Kindheit im Kumari Bahal ist
durchaus nicht unglücklich. Sie bekommt eine Schwester,
eine didi zur Seite gestellt, die sie jeden Morgen traditionell
zur Göttin schminkt und sogar mit ihr in einem Bett schläft.
Und Amita hat Freunde in ihrem Alter - Kinder aus der Familie
des Chitaidar, einer Art machtvollen Hausmeisterpaares im Kumari
Bahal. Jeder Wunsch der Dyo Maiju wird - wenn möglich
- umgehend erfüllt, so dass die Göttin in ihrer
Freizeit in den Fluren ihres Wohnsitzes Fahrrad fährt. In
ihrer Freizeit geht alles nach dem Willen der Kumari, niemand
darf ihr widersprechen oder sie gar tadeln, schließlich
lebt man mit einer Gottheit zusammen. Die religiösen Pflichten,
die Empfänge und Pujas lässt das Mädchen bald
schon mit einer gewissen Routine über sich ergehen, eine
Kumari hat ernst zu sein und unendliche Gelassenheit auszustrahlen.
Amita fügt sich bemerkenswert gut in ihre Rolle, man spricht
von der besten Kumari seit Jahren und ihre Zuneigung zu ihrer
Durga-didi erlaubt eine direkte Einflussnahme auf das Benehmen
der Göttin.
Das Leid der Eltern
Während Amita sich relativ problemlos
in ihre neue Rolle als Göttin hineinfindet kennt das Leiden
ihrer Eltern keine Grenzen. Ihre Mutter beugt sich zwar dem gesellschaftlichen
Druck, ihre Tochter als Kumari zur Verfügung zu stellen,
zerbricht jedoch fast an dem Verlust. Amitas Vater gibt sich
vor allem dem Chitaidar gegenüber kämpferisch. Bei
der ersten Indra-Jatra seiner Tochter wird er nicht zum königlichen
Empfang eingeladen, will aber nicht einsehen, dass er als Vater
kein Recht mehr auf seine Tochter hat und ertrotzt sich einen
Platz auf dem Wagen der Kumari. Später erkundigt er sich
bei der Familie von Amitas Vorgängerin über deren Befinden
und erfährt von deren Schwester, dass sie im Alter von zwölf
Jahren ein erschreckend niedriges Bildungsniveau besitzt. Amitas
Vater erkämpft sich daraufhin beim König selbst Unterricht
und die längst nur noch in den Geschichtsbüchern vorhandene
"Entschädigung" für die Kumari. Dennoch -
der Schaden für die Familie der Dyo Maiju ist unermesslich
groß, eine Tochter und Schwester wurde gestohlen.
Ein bewegendes Schicksal
Gerhard Haase-Hindenberg formt aus
den gesammelten Interviews aus dem Umfeld der Kumaris und mit
Amita selbst eine atemberaubend schöne Geschichte mit politischem
und religiösem Hintergrund. Er zeigt beide Seiten der Münze
sehr deutlich- die religiös-politischen Interessen einerseits
und das Schicksal der Kumari andererseits. Vor den Augen der
Leser entsteht ein farbenfrohes und verwirrendes Bild von Nepal
und Kathmandu - der Stadt der Dyo Maiju. Lesen!
411 Seiten, CHF 35.00
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