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Gerd Scherm: "Der Nomadengott" (Phantastik)
| Heyne
Und alles war ganz anders
Die zehn Plagen, die über Ägypten
hereinbrachen, der Zug der Israeliten durch die Wüste und
die Szene am Sinai sind altbekannt. So altbekannt, dass man sie
herrlich dementieren, uminterpretieren und von allerhand phantastischen
Geschichten umgeben kann. Intelligent, frech und ein kleines
bisschen blasphemisch erzählt Gerd Scherm die Geschichte
rund um ägyptische Götter und Pharaonen, Völkerwanderungen
und Wüstentrips neu.
Von Sandra Despont.
1500 v. Chr.: Es ist eine bewegte Zeit in
Ägypten. Pharao Ahmoses verfällt dem Grössenwahn,
die Volksgruppe der Hyksos muss fliehen und den sowieso schon
hoffnungslos zerstrittenen Göttern geht ein Ankh verloren.
Gerd Scherm beschreibt in "Der Nomadengott" unterhaltsam
und äusserst witzig, wie die Geschichte um Moses und Co.
auch hätte sein können.
Weg von der braunen Brühe namens Nil
Bevor es so richtig losgehen kann,
fühlt sich der Autor verpflichtet, die Leser kurz in das
wahre "Wesen und Wirken der Götter" einzuweihen.
Denn Götter sind, egal wie wir sie uns vorstellen, eigenwillige
und alles andere als rational denkende Kreaturen. Einer kommt
zudem selten allein und in ihren Wohngemeinschaften geht es heiss
zu und her. Kein Wunder definiert Scherm den Begriff "Erlösung"
mit "jenem Zustand, in dem man vor den Göttern endlich
seine Ruhe hat". Das göttliche Chaos erfahren auch
die Protagonisten im "Nomadengott". Durch die Schludrigkeit
eines Gottes kommt es nicht nur zu einem verheerenden Erdbeben,
auch der grünliche Schimmer und die Heilkräfte des
Krokodilquälers Raffim ist einem Gott zu verdanken. Während
Isis, Osiris, Horus, Amun und Co. damit beschäftigt sind,
das mächtige Ankh aus den Klauen Raffims zu befreien, kämpft
die Volksgruppe der Hyksos mit ganz anderen Problemen: sie sind
in Ägypten in Ungnade gefallen und müssen unter dem
Namen Tajarim, was soviel heisst wie "Touristen", aus
Ägypten fliehen. Ausgerechnet der Stubenhocker und Schreiber
Sehsmosis wird ihr Anführer. Doch das Fiasko der Reise durch
die Wüste wäre nur halb so lustig, wenn nicht auch
hier die Götter ihre Finger im Spiel hätten und in
diversen Materialisierungen im Zelt Sehsmosis' auftauchen würden.
Autobahnbaustellen und Betriebssysteme
wie Windows
Gerd Scherm verarbeitet in "Der
Nomadengott" auf respektlose Weise den ägyptischen
Götterglauben sowie die christliche Geschichtsschreibung
des Alten Testaments. Aber auch die moderne Welt kommt nicht
ungeschoren davon: von den Autobahnbaustellen über "Betriebssysteme
wie Windows" bis hin zur Rechtschreibereform bekommt alles
sein Fett ab. Der scharfzüngige satirische Rundumschlag
Scherms macht dabei vor nichts Halt. Er ist wohltuend sarkastisch
und stellenweise klarsichtig und originell, ohne jemals moralisierend
zu werden. Durch die geistreich-witzige Behandlung durchaus ernster
Themen, wie Fanatismus, menschliche Selbstüberschätzung
und die Tendenz, für alles Ungemach einen Sündenbock
zu suchen, gewinnt die Geschichte zudem an Aktualität und
Relevanz. Wortwitz, Sprachakrobatik und ein Gastauftritt von
Elvis tun ihr Übriges um die Leser von diesem Spiel mit
Geschichte und Geschichten begeistern.
Der Abstecher in die Vergangenheit, die wir
alle von den biblischen Geschichten und mehr oder weniger intensiven
Ägypten-Faszinations-Phasen kennen, ist dank Scherms Phantasie
und einem lockeren, augenzwinkernden Schreibstil äusserst
amüsant, unterhaltsam und kurzweilig zu lesen. Das Buch
macht Spass, ohne je ins Banale abzurutschen und ist deshalb
genau das Richtige für einen langen, langweiligen, aufpeppungsfähigen
Sonntagnachmittag.
301 Seiten, CHF 12.90
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