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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gerd Scherm: "Der Nomadengott" (Phantastik) | Heyne
Und alles war ganz anders

Die zehn Plagen, die über Ägypten hereinbrachen, der Zug der Israeliten durch die Wüste und die Szene am Sinai sind altbekannt. So altbekannt, dass man sie herrlich dementieren, uminterpretieren und von allerhand phantastischen Geschichten umgeben kann. Intelligent, frech und ein kleines bisschen blasphemisch erzählt Gerd Scherm die Geschichte rund um ägyptische Götter und Pharaonen, Völkerwanderungen und Wüstentrips neu.

Von Sandra Despont.

1500 v. Chr.: Es ist eine bewegte Zeit in Ägypten. Pharao Ahmoses verfällt dem Grössenwahn, die Volksgruppe der Hyksos muss fliehen und den sowieso schon hoffnungslos zerstrittenen Göttern geht ein Ankh verloren. Gerd Scherm beschreibt in "Der Nomadengott" unterhaltsam und äusserst witzig, wie die Geschichte um Moses und Co. auch hätte sein können.

Weg von der braunen Brühe namens Nil
Bevor es so richtig losgehen kann, fühlt sich der Autor verpflichtet, die Leser kurz in das wahre "Wesen und Wirken der Götter" einzuweihen. Denn Götter sind, egal wie wir sie uns vorstellen, eigenwillige und alles andere als rational denkende Kreaturen. Einer kommt zudem selten allein und in ihren Wohngemeinschaften geht es heiss zu und her. Kein Wunder definiert Scherm den Begriff "Erlösung" mit "jenem Zustand, in dem man vor den Göttern endlich seine Ruhe hat". Das göttliche Chaos erfahren auch die Protagonisten im "Nomadengott". Durch die Schludrigkeit eines Gottes kommt es nicht nur zu einem verheerenden Erdbeben, auch der grünliche Schimmer und die Heilkräfte des Krokodilquälers Raffim ist einem Gott zu verdanken. Während Isis, Osiris, Horus, Amun und Co. damit beschäftigt sind, das mächtige Ankh aus den Klauen Raffims zu befreien, kämpft die Volksgruppe der Hyksos mit ganz anderen Problemen: sie sind in Ägypten in Ungnade gefallen und müssen unter dem Namen Tajarim, was soviel heisst wie "Touristen", aus Ägypten fliehen. Ausgerechnet der Stubenhocker und Schreiber Sehsmosis wird ihr Anführer. Doch das Fiasko der Reise durch die Wüste wäre nur halb so lustig, wenn nicht auch hier die Götter ihre Finger im Spiel hätten und in diversen Materialisierungen im Zelt Sehsmosis' auftauchen würden.

Autobahnbaustellen und Betriebssysteme wie Windows
Gerd Scherm verarbeitet in "Der Nomadengott" auf respektlose Weise den ägyptischen Götterglauben sowie die christliche Geschichtsschreibung des Alten Testaments. Aber auch die moderne Welt kommt nicht ungeschoren davon: von den Autobahnbaustellen über "Betriebssysteme wie Windows" bis hin zur Rechtschreibereform bekommt alles sein Fett ab. Der scharfzüngige satirische Rundumschlag Scherms macht dabei vor nichts Halt. Er ist wohltuend sarkastisch und stellenweise klarsichtig und originell, ohne jemals moralisierend zu werden. Durch die geistreich-witzige Behandlung durchaus ernster Themen, wie Fanatismus, menschliche Selbstüberschätzung und die Tendenz, für alles Ungemach einen Sündenbock zu suchen, gewinnt die Geschichte zudem an Aktualität und Relevanz. Wortwitz, Sprachakrobatik und ein Gastauftritt von Elvis tun ihr Übriges um die Leser von diesem Spiel mit Geschichte und Geschichten begeistern.

Der Abstecher in die Vergangenheit, die wir alle von den biblischen Geschichten und mehr oder weniger intensiven Ägypten-Faszinations-Phasen kennen, ist dank Scherms Phantasie und einem lockeren, augenzwinkernden Schreibstil äusserst amüsant, unterhaltsam und kurzweilig zu lesen. Das Buch macht Spass, ohne je ins Banale abzurutschen und ist deshalb genau das Richtige für einen langen, langweiligen, aufpeppungsfähigen Sonntagnachmittag.

301 Seiten, CHF 12.90


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