|
Yasmina Khadra: "Nacht über Algier"
(Roman) | Aufbau Verlag
Beklemmender Krimi
Algerien in den späten 80er Jahren:
nach den ersten Jahren der Euphorie stellt sich langsam die Erkenntnis
ein, dass es dem Land vor der Revolution besser ging, dass die
neue Regierung genauso korrupt ist und einzelne Menschenleben
nichts zählen, solange die Machthabenden mit ihren Aktionen
ihre Ziele erreichen.
Von Claudia Wehrli.
Kommissar Brahim Llob hat es nicht leicht.
Zur Zeit herrscht eine Flaute was Fälle angeht, die Arbeit
ist mühsam und besteht aus lauter Papierkram. Doch in der
Langeweile bahnt sich ein Sturm an, den Llob nur knapp überlebt.
Die ersten Anzeichen ziehen am Himmel auf, als Kommissar Llob
zu einem Psychiater gebeten wird, der ihn ausdrücklich davor
warnt, dass bei einer Amnestie der neuen Regierung ein gefährlicher
Psychopath aus dem Gefängnis entlassen werden soll. Zu diesem
beängstigenden Aufruf, den Psychopath zu observieren kommt
auch noch die Tatsache, dass sein Untergebener Lino sich in grosse
Schwierigkeiten bringt. Er hat sich nämlich in die Konkubine
eines der mächtigsten Männer Algiers, Haj Thobane,
verguckt.
Undurchschaubar bis zum Schluss
Was der Kommissar zu Beginn noch als
"postpubertäre Schwärmerei" abtut, entwickelt
sich schon bald zu einem echten Problem, da Haj Thobane ein Freund
von Llobs Chef ist und sich bei diesem über Lino beschwert.
Doch es wird erst richtig kompliziert, als scheinbar ein Anschlag
auf Haj Thobane verübt, Lino als Täter gesucht und
schliesslich in einem Folterlager eingesperrt wird. Dies ist
der Moment, in dem Brahim Llob nicht mehr länger wegschauen
kann. Nach und nach wühlt er sich zusammen mit der schönen
Journalistin Soria Karadach immer tiefer in die Vergangenheit
Algeriens und entdeckt dabei so manches, das nicht im Reinen
ist. Immer wieder beschleicht den Leser das Gefühl, dass
auch nach der Aufklärung dieses Falles die Welt nicht mehr
so sein würde wie vorher.
Düsteres Portrait Algiers
Hinter dem Namen Yasmina Khadra verbirgt sich eigentlich der
algerische Schriftsteller und ehemalige Polizist Mohammed Moulessehoul,
der vor seinem Gang ins Exil nur unter dem Namen seiner Frau
schreiben konnte. Sein Roman beschreibt in offenen, manchmal
provozierend deutlichen Worten, wie das Leben in Algier vor dem
Bürgerkrieg war. Die düstere Stimmung zieht sich durch
das ganze Buch, die schmutzigen Gassen der Stadt widerspiegeln
die schmutzigen Geschäfte, die während und nach dem
Unabhängigkeitskrieg gemacht wurden und der Leser fühlt
sich so sehr in diese fremde Welt versetzt, dass man manchmal
das Buch am liebsten für immer weglegen möchte.
Die Charaktere dieses Romans haben ihre Ecken
und Kanten und vor allem Kommissar Llob wirkt gerade durch seine
Ungehobeltheit dreidimensional und echt. Die düstere Stimmung
des Buches kann einem mitunter zu schaffen machen, trotzdem lohnt
es sich sehr, diesen packenden Roman zu Ende zu lesen. Ein extrem
spannendes Buch, das aber auch Stoff zum Nachdenken liefert.
402 Seiten, CHF 36.00
|