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John Katzenbach: "Die Anstalt" (Thriller)
| Droemer Knaur
Die Stimme in mir
Francis Petrel versteht die Welt nicht
mehr. In der einen Minute noch im Kreis der lieben Verwandten,
findet er sich kurze Zeit später in einer Isolierzelle gefangen.
Dabei war es doch ein Abend wie jeder andere. Nun gut, dass er
mit dem riesigen Tranchiermesser seine Mutter bedroht hat, war
vielleicht etwas misslungen. Aber er wollte seiner Familie doch
nichts tun! Diese Stimmen in seinem Kopf waren schuld!
Von Wolfgang Haan.
John Katzenbachs neuester Roman "Die
Anstalt" spielt sich auf zwei Handlungsebenen ab. Zum einen
erzählt Francis in der Ich-Form von seinem heutigen Leben
und setzt seine Handlungen in Relation zu Ereignissen, die sich
vor 20 Jahren in einer Heilanstalt für geistig Kranke abspielte,
in die er von seiner Familie zwangsweise eingewiesen wurde und
mehrere Jahre verbrachte. Zum zweiten erzählt er in langen
Rückblenden von seiner Zeit dort. Allerdings wählt
hier der Autor die Perspektive eines außenstehenden, allwissenden
Erzählers und ermöglicht dem Leser dadurch Einblicke
in die Gedankenwelt einer Vielzahl von Personen, was aus der
Ich-Perspektive nicht möglich wäre.
Insassen als Hilfssheriffs
Zu Beginn wiegt der Erzähler
uns in trügerischer Sicherheit, sofern man genug Distanz
zu den teils doch recht krassen Behandlungsmethoden der damaligen
Zeit wahrt. Doch schnell eskaliert die Situation in der Anstalt,
als ein grausamer Mord geschieht und eine Staatsanwältin
Ermittlungen aufnimmt. Sie macht Francis und seinen Mitinsassen
Fireman zu einer Art Hilfssheriffs, die ihr helfen sollen, den
Täter zu finden. Die behandelnden Ärzte belächeln
von Anfang an die Bemühungen der Staatsanwältin und
verweigern jede Unterstützung. So sind die drei auf sich
selbst gestellt, um den Mörder zu finden, während ihnen
die Zeit davon rennt. Denn es scheint so gut wie sicher, dass
bald ein weiterer Mord geschieht.
Kreative Fallen
John Katzenbachs großes Geschick
liegt in den psychologischen Studien und der lebendigen Ausarbeitung
seiner Protagonisten. Er lässt dem Leser ausreichend Zeit,
sich mit den Personen zu beschäftigen, zeichnet diese jedoch
von Beginn an bunt, denn durch den Kniff der wechselnden Erzählperspektive
ist einiges des Erzählten unsicher, wird unterschiedlich
dargestellt und verunsichert den Leser gehörig. Außerdem
legt er geschickt falsche Fährten oder baut erstaunlich
kreative Fallen, um den Leser auf die falsche Spur zu lenken
oder lässt in einem Nebensatz wie zufällig eine Äußerung
fallen wie: "Wenn uns der Handwerker bereits jetzt aufgefallen
wäre, hätte sich alles anders entwickelt". Der
Leser beginnt fieberhaft zu überlegen, nur um etliche Seiten
später zu erfahren, dass er diese Zeile anders interpretiert
hat, als sie vom Autor gemeint war. Ziemlich gemein, aber sehr
effektiv und anregend. Obwohl der Roman sich sehr flüssig
liest, braucht der aufmerksame Leser doch erheblich mehr Zeit
bis zum überraschenden Finale als bei vergleichbaren Thrillern,
weil der Autor immer wieder durch die Freigabe weiterer Details
Vergangenes in einem anderen Licht erscheinen lässt und
der Leser so manches Mal einige Zeiten zurück blättert,
um sich die betreffende Stelle nochmals durchzulesen.
Fazit: In einem ungewöhnlichen Ambiente
angesiedelter Psychothriller mit ausgeklügeltem Plot, zahlreichen
unvorhersehbaren Wendungen, geschickt angelegten falschen Fährten
und Finten und sympathischen Figuren. Bis zum ungewöhnlichen
und überraschenden Ende wird der Leser vom Buch gefesselt
und so mancher wird sich vielleicht fragen, wo die Grenze zwischen
gesund und krank liegt.
752 Seiten, CHF 16.50
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