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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Angelika Waldis: "Verschwinden" (Zwei Geschichten) | Kein & Aber
Wie vom Erdboden verschluckt

Geschickt verbindet Angelika Waldis in ihren zwei Erzählungen die Lebens- und Liebesgeschichten von Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zentrales Thema ist der Umgang mit dem urplötzlichen Verschwinden und Verlust eines Menschen aus dem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis.

Von Christoph Aebi.

Jeder, der schon einmal irgendwo in der Welt eine geführte Gruppenreise mitgemacht hat, kennt das Gefühl. Man bildet während einigen Tagen oder sogar Wochen eine Schicksalsgemeinschaft mit Menschen, die man unter anderen Umständen wohl niemals kennengelernt hätte. Ja, man wäre ihnen im Alltag wohl eher aus dem Weg gegangen. Genauso ergeht es den Charakteren in der Geschichte "Als Zett verschwand - Eine Reise". Am ersten Abend begegnen sich die Reiseteilnehmer in der Hotelhalle und gleich beginnt das Einschätzen und Bewerten der anderen. Da wären unter anderem Babette, eine schlechtwetterliebende Redakteurin; die durch ihr Hinkebein auffallende, dafür steinreiche Fili; der gutaussehende, schwarzhaarige Pavel und der Riese Max, der in diesen Ferien seiner Passion, der Pflanzenfotografie, frönen will. Nicht zu vergessen der im Import-Export-Geschäft tätige Zacharias, der von allen aber nur Zett genannt werden will. Zett mit seinen zynischen Sprüchen fällt allen anderen bereits zu Beginn unangenehm auf und so ist niemand wirklich traurig, als er während der Reise einfach so plötzlich verschwindet und nicht mehr wiederkehrt. Die Polizei ist ratlos, die Reise wird offiziell abgebrochen, zwei Frauen und zwei Männer beschliessen aber, die Reise auf eigene Faust fortzusetzen. Liebesgeschichten könnten sich anbahnen, doch Zett spukt mit rätselhaften Zeichen und Mitteilungen immer wieder dazwischen.

Grossmutters dunkles Geheimnis
In der zweiten Erzählung "Auf und davon - Drei Geschichten aus einer Familie" nimmt eine Grossmutter ohne Einverständnis ihrer Tochter den Enkel auf eine Reise nach Venedig mit. Sie kann es nicht mehr ertragen, dass er den dauernden Streit seiner Mutter mit ihrem aktuellen Lebenspartner alltäglich mit ansehen muss. "Oman", wie die alte, sterbenskranke Frau von ihrem Enkel genannt wird, droht ihrer Tochter, solange nicht zurückzukommen, bis diese ihren Partner verlassen hat. Richi, so dessen Name, wird dann von selber aus der Beziehung aussteigen und durch seinen ehemaligen Gefängnisaufenthalt zur einzig möglichen Person, der Oman ihr dunkles Geheimnis vor ihrem Tod noch anvertrauen könnte.

Unterschiedliche Blickwinkel
Verschwinden kann ein Mensch auf alle möglichen Arten: Er verirrt sich und findet nicht mehr zu seinem Ausgangspunkt zurück. Er stirbt an den Folgen einer unheilbaren Krankheit. Er kann das Genörgel eines geliebten Menschen nicht mehr ertragen und haut aus einer Beziehung, die zum Gefängnis geworden ist, ab. Er wird entführt. Alle diese Arten des Verschwindens -und noch einige mehr- kommen in Angelika Waldis neuem Buch vor. Es wird aber nicht nur das Verschwinden selber beleuchtet, sondern auch die Folgen auf das nähere und weitere Umfeld der verschwundenen Personen. Grenzenlose Trauer, Unverständnis, Wut, Einsamkeit aber auch Erleichterung sind Gefühle, welche die zurückbleibenden Menschen entwickeln. Geschickt erzählt die Autorin die Geschichten -und die kursiv gedruckten Geschichten in den Geschichten- abschnittsweise aus den verschiedenen Blickwinkeln und Sichtweisen ihrer Figuren. Damit erreicht sie, dass der Leser sich persönlich angesprochen fühlt und die Handlungen der Protagonisten besser nachvollziehen kann.

Angelika Waldis ist ein geschickt konstruiertes Buch über ein wichtiges und unterschiedlichste Emotionen auslösendes Thema gelungen. Einziger Wehmutstropfen ist das Ende der ersten Geschichte, welches die vorher gesteckten hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen kann.

222 Seiten, CHF 29.80

Zur Autorin

Angelika Waldis, geboren 1940 in Luzern, war als Lehrerin tätig, studierte Anglistik und Germanistik in Zürich und arbeitete dann als Journalistin. Von 1982-1999 konzipierte und leitete sie zusammen mit Otmar Bucher das mehrfach ausgezeichnete Schweizer Jugendmagazin Spick. Für ihre Erzählung "Tita und Leo" erhielt sie 2000 den Schweizer Jugendbuchpreis. Seit 2000 ist sie freie Autorin. Sie lebt in Gockhausen bei Zürich

Quelle: Kein&Aber


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