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Angelika Waldis: "Verschwinden"
(Zwei Geschichten) | Kein & Aber
Wie vom Erdboden verschluckt
Geschickt verbindet Angelika Waldis
in ihren zwei Erzählungen die Lebens- und Liebesgeschichten
von Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Zentrales Thema ist der Umgang mit dem urplötzlichen Verschwinden
und Verlust eines Menschen aus dem Familien-, Freundes- oder
Bekanntenkreis.
Von Christoph Aebi.
Jeder, der schon einmal irgendwo in der Welt
eine geführte Gruppenreise mitgemacht hat, kennt das Gefühl.
Man bildet während einigen Tagen oder sogar Wochen eine
Schicksalsgemeinschaft mit Menschen, die man unter anderen Umständen
wohl niemals kennengelernt hätte. Ja, man wäre ihnen
im Alltag wohl eher aus dem Weg gegangen. Genauso ergeht es den
Charakteren in der Geschichte "Als Zett verschwand -
Eine Reise". Am ersten Abend begegnen sich die Reiseteilnehmer
in der Hotelhalle und gleich beginnt das Einschätzen und
Bewerten der anderen. Da wären unter anderem Babette, eine
schlechtwetterliebende Redakteurin; die durch ihr Hinkebein auffallende,
dafür steinreiche Fili; der gutaussehende, schwarzhaarige
Pavel und der Riese Max, der in diesen Ferien seiner Passion,
der Pflanzenfotografie, frönen will. Nicht zu vergessen
der im Import-Export-Geschäft tätige Zacharias, der
von allen aber nur Zett genannt werden will. Zett mit seinen
zynischen Sprüchen fällt allen anderen bereits zu Beginn
unangenehm auf und so ist niemand wirklich traurig, als er während
der Reise einfach so plötzlich verschwindet und nicht mehr
wiederkehrt. Die Polizei ist ratlos, die Reise wird offiziell
abgebrochen, zwei Frauen und zwei Männer beschliessen aber,
die Reise auf eigene Faust fortzusetzen. Liebesgeschichten könnten
sich anbahnen, doch Zett spukt mit rätselhaften Zeichen
und Mitteilungen immer wieder dazwischen.
Grossmutters dunkles Geheimnis
In der zweiten Erzählung "Auf
und davon - Drei Geschichten aus einer Familie" nimmt
eine Grossmutter ohne Einverständnis ihrer Tochter den Enkel
auf eine Reise nach Venedig mit. Sie kann es nicht mehr ertragen,
dass er den dauernden Streit seiner Mutter mit ihrem aktuellen
Lebenspartner alltäglich mit ansehen muss. "Oman",
wie die alte, sterbenskranke Frau von ihrem Enkel genannt wird,
droht ihrer Tochter, solange nicht zurückzukommen, bis diese
ihren Partner verlassen hat. Richi, so dessen Name, wird dann
von selber aus der Beziehung aussteigen und durch seinen ehemaligen
Gefängnisaufenthalt zur einzig möglichen Person, der
Oman ihr dunkles Geheimnis vor ihrem Tod noch anvertrauen könnte.
Unterschiedliche Blickwinkel
Verschwinden kann ein Mensch auf alle
möglichen Arten: Er verirrt sich und findet nicht mehr zu
seinem Ausgangspunkt zurück. Er stirbt an den Folgen einer
unheilbaren Krankheit. Er kann das Genörgel eines geliebten
Menschen nicht mehr ertragen und haut aus einer Beziehung, die
zum Gefängnis geworden ist, ab. Er wird entführt. Alle
diese Arten des Verschwindens -und noch einige mehr- kommen
in Angelika Waldis neuem Buch vor. Es wird aber nicht nur das
Verschwinden selber beleuchtet, sondern auch die Folgen auf das
nähere und weitere Umfeld der verschwundenen Personen. Grenzenlose
Trauer, Unverständnis, Wut, Einsamkeit aber auch Erleichterung
sind Gefühle, welche die zurückbleibenden Menschen
entwickeln. Geschickt erzählt die Autorin die Geschichten
-und die kursiv gedruckten Geschichten in den Geschichten-
abschnittsweise aus den verschiedenen Blickwinkeln und Sichtweisen
ihrer Figuren. Damit erreicht sie, dass der Leser sich persönlich
angesprochen fühlt und die Handlungen der Protagonisten
besser nachvollziehen kann.
Angelika Waldis ist ein geschickt konstruiertes
Buch über ein wichtiges und unterschiedlichste Emotionen
auslösendes Thema gelungen. Einziger Wehmutstropfen ist
das Ende der ersten Geschichte, welches die vorher gesteckten
hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen kann.
222 Seiten, CHF 29.80
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Zur Autorin
Angelika Waldis, geboren 1940 in Luzern, war
als Lehrerin tätig, studierte Anglistik und Germanistik
in Zürich und arbeitete dann als Journalistin. Von 1982-1999
konzipierte und leitete sie zusammen mit Otmar Bucher das mehrfach
ausgezeichnete Schweizer Jugendmagazin Spick. Für ihre Erzählung
"Tita und Leo" erhielt sie 2000 den Schweizer Jugendbuchpreis.
Seit 2000 ist sie freie Autorin. Sie lebt in Gockhausen bei Zürich
Quelle: Kein&Aber
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