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Anna Ruchat: "Die beiden Türen der
Welt" (Erzählungen) | Rotpunktverlag
Die mannigfaltigen Gesichter des Todes
In vier Erzählungen erzählt
Anne Ruchat von Tod und Abschiednehmen in den verschiedenen Altern
des Menschen. Es entstand ein einfühlsamer Kunstband für
anspruchsvolle Leser, die das Besondere zu schätzen wissen.
Von Magdalena Pfaffl.
Anna Ruchat schreibt von Marta, die erst kurz
vor der Geburt ihres ersten Kindes erfährt, dass dieses
einen Herzfehler hat und die Geburt nicht überleben wird.
In einem verwirrenden, ja fast verstörenden Wechselspiel
aus Ich- und Er-Erzählung schildert sie stockend und verwirrend
die Geschichte von Marta und ihrer Vorbereitung auf die Geburt
und den Tod ihres Kindes sowie auf das danach. Anna Ruchats Stil,
wenngleich so verwirrend, dass man die Handlung erst beim zweiten
Durchlesen wirklich erfassend kann, passt emotional gut zu Martas
Weg des Abschiednehmens von ihrem ersten Kind.
Die vielen Gesichter des Todes
In ihrer zweiten Erzählung schreibt
Ruchat über den wenig überraschenden Suizid eines Jugendfreundes
und lässt den Erzähler die ganze Geschichte seines
Lebens und der gemeinsam verbrachten Zeit Revue passieren. Danach
lässt sie einen Geist vom zu frühen Tod ihres Schwiegersohns
erzählen, der die ganze Familie ins Chaos stürzte,
und schließt ab mit dem Tod eines alten Schneiders, der
seinen Lebensabend in einem kleinen Bus verbracht hat, mit dem
er die Küste bereist und dabei mit einer Freundin via Brief
Kontakt gehalten hat.
Sprachbarriere
Zwischendurch und in den Erzählungen
sind immer wieder kleine, französische Gedichte zu lesen.
Diese sind jedoch durch ihre komplizierte Sprache selbst für
die Autorin dieser Rezension, welche die Reifeprüfung in
Französisch abgelegt hat, nicht verständlich. Es ist
eigentlich schade, dass gerade Anna Ruchat, die hauptberuflich
Übersetzerin ist, sich nicht die Mühe gemacht hat,
die Gedichte wenigstens im Anhang zu übersetzen. Zweifellos
hat sie sich bei ihrer Auswahl viel gedacht, doch der Großteil
der Leserschaft wird wohl niemals erfahren, was.
Viel Zeit
"Die beiden Türen der Welt" ist zweifellos
ein Kunstbuch. Man hat keine Chance, das Buch auf die Schnelle
zu lesen, sondern muss sich viel Zeit dafür nehmen und manches
sogar mehrfach lesen. Doch es lohnt! Anna Ruchat hat sich sehr
stark in das von ihr gewählte Thema, den Tod und das Abschiednehmen
hineinversetzt und vier Geschichten geschrieben, wie sie verschiedener
und doch ähnlicher nicht sein könnten. Sie beleuchtet
die verschiedenen Gesichter des Todes, zeigt, dass der Tod immer
eine Lücke hinterlässt, die aber auch wieder verarbeitet
werden kann. Im Grunde schreibt sie sehr nüchtern über
dieses beängstigende Element des menschlichen Seins.
L'Art pour L'Art?
Wer sich also Zeit nimmt für
Anna Ruchats Erzählungen, der wird es nicht bereuen. Die
gebürtige Zürcherin gehört zu der kleinen Riege
jener deutschsprachigen Autoren, die die Sprache nicht nur als
Unterhaltungsform, sondern auch als Kunst nutzen. Darum gehört
"Die beiden Türen der Welt" sicherlich in jede
Bibliothek, die sich mit der modernen Kunst des Schreibens beschäftigt,
auch wenn es dem Leser zur Unterhaltung leider nicht empfohlen
werden kann.
110 Seiten, CHF 24.00
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