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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Anna Ruchat: "Die beiden Türen der Welt" (Erzählungen) | Rotpunktverlag
Die mannigfaltigen Gesichter des Todes

In vier Erzählungen erzählt Anne Ruchat von Tod und Abschiednehmen in den verschiedenen Altern des Menschen. Es entstand ein einfühlsamer Kunstband für anspruchsvolle Leser, die das Besondere zu schätzen wissen.

Von Magdalena Pfaffl.

Anna Ruchat schreibt von Marta, die erst kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes erfährt, dass dieses einen Herzfehler hat und die Geburt nicht überleben wird. In einem verwirrenden, ja fast verstörenden Wechselspiel aus Ich- und Er-Erzählung schildert sie stockend und verwirrend die Geschichte von Marta und ihrer Vorbereitung auf die Geburt und den Tod ihres Kindes sowie auf das danach. Anna Ruchats Stil, wenngleich so verwirrend, dass man die Handlung erst beim zweiten Durchlesen wirklich erfassend kann, passt emotional gut zu Martas Weg des Abschiednehmens von ihrem ersten Kind.

Die vielen Gesichter des Todes
In ihrer zweiten Erzählung schreibt Ruchat über den wenig überraschenden Suizid eines Jugendfreundes und lässt den Erzähler die ganze Geschichte seines Lebens und der gemeinsam verbrachten Zeit Revue passieren. Danach lässt sie einen Geist vom zu frühen Tod ihres Schwiegersohns erzählen, der die ganze Familie ins Chaos stürzte, und schließt ab mit dem Tod eines alten Schneiders, der seinen Lebensabend in einem kleinen Bus verbracht hat, mit dem er die Küste bereist und dabei mit einer Freundin via Brief Kontakt gehalten hat.

Sprachbarriere
Zwischendurch und in den Erzählungen sind immer wieder kleine, französische Gedichte zu lesen. Diese sind jedoch durch ihre komplizierte Sprache selbst für die Autorin dieser Rezension, welche die Reifeprüfung in Französisch abgelegt hat, nicht verständlich. Es ist eigentlich schade, dass gerade Anna Ruchat, die hauptberuflich Übersetzerin ist, sich nicht die Mühe gemacht hat, die Gedichte wenigstens im Anhang zu übersetzen. Zweifellos hat sie sich bei ihrer Auswahl viel gedacht, doch der Großteil der Leserschaft wird wohl niemals erfahren, was.

Viel Zeit
"Die beiden Türen der Welt" ist zweifellos ein Kunstbuch. Man hat keine Chance, das Buch auf die Schnelle zu lesen, sondern muss sich viel Zeit dafür nehmen und manches sogar mehrfach lesen. Doch es lohnt! Anna Ruchat hat sich sehr stark in das von ihr gewählte Thema, den Tod und das Abschiednehmen hineinversetzt und vier Geschichten geschrieben, wie sie verschiedener und doch ähnlicher nicht sein könnten. Sie beleuchtet die verschiedenen Gesichter des Todes, zeigt, dass der Tod immer eine Lücke hinterlässt, die aber auch wieder verarbeitet werden kann. Im Grunde schreibt sie sehr nüchtern über dieses beängstigende Element des menschlichen Seins.

L'Art pour L'Art?
Wer sich also Zeit nimmt für Anna Ruchats Erzählungen, der wird es nicht bereuen. Die gebürtige Zürcherin gehört zu der kleinen Riege jener deutschsprachigen Autoren, die die Sprache nicht nur als Unterhaltungsform, sondern auch als Kunst nutzen. Darum gehört "Die beiden Türen der Welt" sicherlich in jede Bibliothek, die sich mit der modernen Kunst des Schreibens beschäftigt, auch wenn es dem Leser zur Unterhaltung leider nicht empfohlen werden kann.

110 Seiten, CHF 24.00


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