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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Annie Wang: "Peking Girls" (Roman) | Aufbau Verlag
Durchs Schlüsselloch nach China gucken

Würde der Roman in den Staaten spielen, könnte man ihn verächtlich als Ersatzdroge für "Sex and the City"-Vermisser abtun. Doch wenn es drei Chinesinnen sind, welche die Liebe suchen und nur Sex finden, fühlt man sich sogar als (männlicher) Hasser der US-Serie gut unterhalten.

Von Lukas Hunziker.

Niuniu, die weibliche Protagonistin und Erzählerin in "Peking Girls", lebt als Heimkehrerin in Peking. Sie hat in Berkeley studiert - ein Studium in den Staaten ist das Ziel vieler Chinesen - und arbeitet nun als Journalistin in ihrer Heimat. Ihre zwei besten Freundinnen sind Lulu und Beibei. Lulu, eine Sexgöttin der Modewelt und stellvertretende Chefredakteurin eines Modemagazins, definiert sich über die Liebe zu einem Performancekünstler, der sie schamlos ausnutzt. Beibei ist eine Männerfresserin, ein karrieregeiles Luder, dem die Männer zu Füssen liegen. Zusammen gehen die drei aus, reden und weinen über Männer oder veranstalten Jeremy-Irons-Fanabende. Und natürlich sind sie alle auf der Suche nach der grossen, erfüllenden Liebe.

Mammon und Mao
Eine wirkliche Geschichte, die sich über die 350 Seiten hinweg zieht, gibt es nicht. Episodenhaft schildert Niuniu Ereignisse aus ihrem Leben, aus dem ihrer Freundinnen, aus dem anderer Bekanntschaften, ja aus dem Leben aller Menschen die sie trifft. Fast jedes Kapitel stellt eine neue Figur vor, deren Leben stichwortartig erzählt wird. Diese Kurzbiographien gewähren dem Leser einen kaleidoskopartigen Blick auf das Leben in China und seinen Wandel in den letzten zwanzig Jahren. Der Blick ist durchaus kritisch und die wenigsten der Charaktere, Frauen wie Männer, gewinnen die Sympathie des Lesers. Gerade Beibei und anderen Angehörigen der chinesischen Business Class und der High Society gehen einem gehörig auf den Geist. Doch daraus ergibt sich gerade die Kritik der Erzählerin am modernen China. Annie Wang zeigt, wie materialistisch und kapitalgeil das offiziell kommunistische China ist. Mammon und Mao gehen Hand in Hand.

China im Wandel
Die chinesische Perspektive rettet den Roman vor der Klassifizierung als Hausfrauenporno. Die drei oder manchmal vier Frauen, die über Sex, Klamotten, Geld und Liebe fachsimplen, erinnern stark an das Schreckensquartett von "Sex and the City". Auch das exzessive Erwähnen von Modelabels, Kosmetikmarken und Celebrities ist schnell ermüdend. Dennoch langweilt einen das Buch so schnell nicht, denn es eröffnet dem westlichen Leser gleichzeitig einen Blick in das Leben im China des 21. Jahrhunderts. Es ist interessant, die Verwestlichung der aufsteigenden Weltwirtschaftsmacht zu beobachten und die Hassliebe Chinas zu Amerika zu spüren. Annie Wang ist eine gute Beobachterin und gibt eine spannende Bestandesaufnahme einer Nation im Wandel. Dass sie dies zudem in einem sehr lockeren, amüsanten Stil vollbringt, tröstet weiter über die typenhaften Figuren und pseudoweiblichen Themen hinweg.

"Peking Girls" ist ein leichter, amüsanter Roman über das Leben und Lieben im modernen China. Obwohl sich die Stories um Internetverabredungen, Sex, Mode, Make up und endlose Gespräche über Männern drehen, fasziniert der Einblick in den chinesischen Alltag.

362 Seiten, CHF 36.00

Zur Autorin

Annie Wang, geboren 1972, wuchs in Peking auf. Sie studierte Journalismus und verliess China 1993, um ihr Studium in Kalifornien abzuschliessen. Im Anschluss arbeitete sie für die "Washington Post" in Peking.

Quelle: Aufbau Verlag


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