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Annie Wang: "Peking Girls" (Roman)
| Aufbau Verlag
Durchs Schlüsselloch nach China gucken
Würde der Roman in den Staaten
spielen, könnte man ihn verächtlich als Ersatzdroge
für "Sex and the City"-Vermisser abtun. Doch wenn
es drei Chinesinnen sind, welche die Liebe suchen und nur Sex
finden, fühlt man sich sogar als (männlicher) Hasser
der US-Serie gut unterhalten.
Von Lukas Hunziker.
Niuniu, die weibliche Protagonistin und Erzählerin
in "Peking Girls", lebt als Heimkehrerin in Peking.
Sie hat in Berkeley studiert - ein Studium in den Staaten
ist das Ziel vieler Chinesen - und arbeitet nun als Journalistin
in ihrer Heimat. Ihre zwei besten Freundinnen sind Lulu und Beibei.
Lulu, eine Sexgöttin der Modewelt und stellvertretende Chefredakteurin
eines Modemagazins, definiert sich über die Liebe zu einem
Performancekünstler, der sie schamlos ausnutzt. Beibei ist
eine Männerfresserin, ein karrieregeiles Luder, dem die
Männer zu Füssen liegen. Zusammen gehen die drei aus,
reden und weinen über Männer oder veranstalten Jeremy-Irons-Fanabende.
Und natürlich sind sie alle auf der Suche nach der grossen,
erfüllenden Liebe.
Mammon und Mao
Eine wirkliche Geschichte, die sich über die 350 Seiten
hinweg zieht, gibt es nicht. Episodenhaft schildert Niuniu Ereignisse
aus ihrem Leben, aus dem ihrer Freundinnen, aus dem anderer Bekanntschaften,
ja aus dem Leben aller Menschen die sie trifft. Fast jedes Kapitel
stellt eine neue Figur vor, deren Leben stichwortartig erzählt
wird. Diese Kurzbiographien gewähren dem Leser einen kaleidoskopartigen
Blick auf das Leben in China und seinen Wandel in den letzten
zwanzig Jahren. Der Blick ist durchaus kritisch und die wenigsten
der Charaktere, Frauen wie Männer, gewinnen die Sympathie
des Lesers. Gerade Beibei und anderen Angehörigen der chinesischen
Business Class und der High Society gehen einem gehörig
auf den Geist. Doch daraus ergibt sich gerade die Kritik der
Erzählerin am modernen China. Annie Wang zeigt, wie materialistisch
und kapitalgeil das offiziell kommunistische China ist. Mammon
und Mao gehen Hand in Hand.
China im Wandel
Die chinesische Perspektive rettet den Roman vor der Klassifizierung
als Hausfrauenporno. Die drei oder manchmal vier Frauen, die
über Sex, Klamotten, Geld und Liebe fachsimplen, erinnern
stark an das Schreckensquartett von "Sex and the City".
Auch das exzessive Erwähnen von Modelabels, Kosmetikmarken
und Celebrities ist schnell ermüdend. Dennoch langweilt
einen das Buch so schnell nicht, denn es eröffnet dem westlichen
Leser gleichzeitig einen Blick in das Leben im China des 21.
Jahrhunderts. Es ist interessant, die Verwestlichung der aufsteigenden
Weltwirtschaftsmacht zu beobachten und die Hassliebe Chinas zu
Amerika zu spüren. Annie Wang ist eine gute Beobachterin
und gibt eine spannende Bestandesaufnahme einer Nation im Wandel.
Dass sie dies zudem in einem sehr lockeren, amüsanten Stil
vollbringt, tröstet weiter über die typenhaften Figuren
und pseudoweiblichen Themen hinweg.
"Peking Girls" ist ein leichter,
amüsanter Roman über das Leben und Lieben im modernen
China. Obwohl sich die Stories um Internetverabredungen, Sex,
Mode, Make up und endlose Gespräche über Männern
drehen, fasziniert der Einblick in den chinesischen Alltag.
362 Seiten, CHF 36.00
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Zur Autorin
Annie Wang, geboren 1972, wuchs in Peking
auf. Sie studierte Journalismus und verliess China 1993, um ihr
Studium in Kalifornien abzuschliessen. Im Anschluss arbeitete
sie für die "Washington Post" in Peking.
Quelle: Aufbau Verlag
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