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Susanne Tschirner: "Lasra und das Lied
der Steine" (Roman) | Rütten & Loening
Sündenfall
In einer kleinen neolithischen Siedlung
auf den schottischen Orkney Inseln lebt Lasra, eine Witwe und
angehende Heilkundige. Durch Zufall entdeckt sie die Leiche des
Sippenhelden Sihrus und ungewollt wird sie zur Ermittlerin im
ersten Mordfall auf den Inseln. - Spannender, aber sehr detailverliebter
Steinzeitkrimi.
Von Lukas Hunziker.
Wir schreiben das Jahr 2353 vor unserer Zeit.
Das Leben auf den Orkney Inseln zwischen Schottland und Shetland
ist hart und rau, aber friedlich. Die verschiedenen Sippen leben
in Harmonie, Mord ist ein Wort, das nicht ausgesprochen wird,
da es nicht zum Leben auf der Insel gehört. Umso schwieriger
hat es Lasra, ihre Sippenbrüder und Sippenschwestern von
den Adlerleuten davon zu überzeugen, dass Sihrus, der Held
der Inseln, keines natürlichen Todes gestorben sein kann.
Doch schliesslich kann niemand leugnen, dass der Frieden gebrochen
wurde und Lasra wird damit beauftragt, den Mörder zu finden.
Kein leichte Aufgabe, denn Lasra ist nicht die beliebteste in
ihrem Dorf und hat einige Feinde. Dennoch ist sie fest entschlossen,
den Mörder zu finden.
Krimi mit Substanz
"Lasra" ist eine Geschichte des Sündenfalls. Der
Mord erschüttert das friedliche Zusammenleben im Inselparadies
nicht nur, er zerstört es nachhaltig. Nicht nur führen
falsche Anschuldigungen bald zu bösem Blut, Lasras Ermittlungen
bringen auch manch anderes dunkles Geheimnis zu Tage, welches
die Harmonie der Sippe als Trugbild entlarvt. Der Leser wird
mit dem ganzen Dorf bekannt gemacht; mit dem Häuptling,
dem Schamanen, den alten Frauen des Dorfes, den jungen aufmüpfigen
Männern, der Dorfschlampe, den Kindern. Durch Lasras Auge
beobachtet man diese Mikrogesellschaft und die Auswirkungen,
die der gewaltsame Tod ihres Helden hat. Der Krimi hat Substanz,
genau wie seine Kommissarin. Lasra ist eine vielseitige, interessante
Figur, vielleicht etwas zu gut und etwas zu modern, aber doch
glaubhaft - was für eine über viertausend Jahre
alte Figur nicht selbstverständlich ist.
Bis ins kleinste Detail
Susannen Tschirner entführt einen in eine unbekannte Welt
- in die Jungsteinzeit. Einen Krimi darin anzusiedeln ist
ein geschickter Zug, denn alles, von Mord über Ermittlungen
bis zu Strafmass, ist deutlich anders als man es aus dem "Tatort"
kennt. Die Kommissarin Lasra hat nicht einmal ein Notizbuch,
geschweige denn die Möglichkeit, Fingerabdrücke zu
suchen. Sie muss sich auf Mutmassungen verlassen und herausfinden,
wer wann wo war. Die Todeszeit wird durch die Befragung der Geister
vermittelt. Dies alles wird sehr lebendig, und vor allem sehr
ausführlich beschrieben. Wenn man dem Roman überhaupt
etwas vorwerfen kann, ist es die Detailverliebtheit. Zwischen
Lasras Ermittlungen erfahren wir, was die Sippe isst, wer welchen
Beruf ausübt, welchen Regeln man folgt und welche Initiationsrituale
es gibt. Doch vielleicht ist es gerade jene (historische?) Genauigkeit,
die dem Krimi seine Substanz gibt.
"Lasra" ist ein detailverliebter,
langsamer, aber trotzdem sehr spannender Steinzeitkrimi. Die
Figuren und das Sippenleben sich eindringlich beschrieben, die
Geschichte ist packend und zeigt geschickt die Folgen eines Sündenfalls
auf eine Gesellschaft. Nur zu empfehlen.
618 Seiten, CHF 36.00
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