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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Susanne Tschirner: "Lasra und das Lied der Steine" (Roman) | Rütten & Loening
Sündenfall

In einer kleinen neolithischen Siedlung auf den schottischen Orkney Inseln lebt Lasra, eine Witwe und angehende Heilkundige. Durch Zufall entdeckt sie die Leiche des Sippenhelden Sihrus und ungewollt wird sie zur Ermittlerin im ersten Mordfall auf den Inseln. - Spannender, aber sehr detailverliebter Steinzeitkrimi.

Von Lukas Hunziker.

Wir schreiben das Jahr 2353 vor unserer Zeit. Das Leben auf den Orkney Inseln zwischen Schottland und Shetland ist hart und rau, aber friedlich. Die verschiedenen Sippen leben in Harmonie, Mord ist ein Wort, das nicht ausgesprochen wird, da es nicht zum Leben auf der Insel gehört. Umso schwieriger hat es Lasra, ihre Sippenbrüder und Sippenschwestern von den Adlerleuten davon zu überzeugen, dass Sihrus, der Held der Inseln, keines natürlichen Todes gestorben sein kann. Doch schliesslich kann niemand leugnen, dass der Frieden gebrochen wurde und Lasra wird damit beauftragt, den Mörder zu finden. Kein leichte Aufgabe, denn Lasra ist nicht die beliebteste in ihrem Dorf und hat einige Feinde. Dennoch ist sie fest entschlossen, den Mörder zu finden.

Krimi mit Substanz
"Lasra" ist eine Geschichte des Sündenfalls. Der Mord erschüttert das friedliche Zusammenleben im Inselparadies nicht nur, er zerstört es nachhaltig. Nicht nur führen falsche Anschuldigungen bald zu bösem Blut, Lasras Ermittlungen bringen auch manch anderes dunkles Geheimnis zu Tage, welches die Harmonie der Sippe als Trugbild entlarvt. Der Leser wird mit dem ganzen Dorf bekannt gemacht; mit dem Häuptling, dem Schamanen, den alten Frauen des Dorfes, den jungen aufmüpfigen Männern, der Dorfschlampe, den Kindern. Durch Lasras Auge beobachtet man diese Mikrogesellschaft und die Auswirkungen, die der gewaltsame Tod ihres Helden hat. Der Krimi hat Substanz, genau wie seine Kommissarin. Lasra ist eine vielseitige, interessante Figur, vielleicht etwas zu gut und etwas zu modern, aber doch glaubhaft - was für eine über viertausend Jahre alte Figur nicht selbstverständlich ist.

Bis ins kleinste Detail
Susannen Tschirner entführt einen in eine unbekannte Welt - in die Jungsteinzeit. Einen Krimi darin anzusiedeln ist ein geschickter Zug, denn alles, von Mord über Ermittlungen bis zu Strafmass, ist deutlich anders als man es aus dem "Tatort" kennt. Die Kommissarin Lasra hat nicht einmal ein Notizbuch, geschweige denn die Möglichkeit, Fingerabdrücke zu suchen. Sie muss sich auf Mutmassungen verlassen und herausfinden, wer wann wo war. Die Todeszeit wird durch die Befragung der Geister vermittelt. Dies alles wird sehr lebendig, und vor allem sehr ausführlich beschrieben. Wenn man dem Roman überhaupt etwas vorwerfen kann, ist es die Detailverliebtheit. Zwischen Lasras Ermittlungen erfahren wir, was die Sippe isst, wer welchen Beruf ausübt, welchen Regeln man folgt und welche Initiationsrituale es gibt. Doch vielleicht ist es gerade jene (historische?) Genauigkeit, die dem Krimi seine Substanz gibt.

"Lasra" ist ein detailverliebter, langsamer, aber trotzdem sehr spannender Steinzeitkrimi. Die Figuren und das Sippenleben sich eindringlich beschrieben, die Geschichte ist packend und zeigt geschickt die Folgen eines Sündenfalls auf eine Gesellschaft. Nur zu empfehlen.

618 Seiten, CHF 36.00


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