|
Ulrike Purschke: "Hendrikje, vorübergehend
erschossen" (Roman) | dtv premium
Leben lohnt
Das Leben könnte so schön
sein würde es nicht dann und wann von den kleinen Alltagsproblemen
beschwert. Aber nicht immer bietet sich sofort ein Ausweg an.
Wenn das Blau des Himmels für immer hinter einem Grauschleier
verdeckt zu sein scheint, gibt es für Viele nur eine Lösung:
Suizid. So denkt auch Hendrikje, doch ihr Versuch sich zu erhängen
scheitert kläglich.
Von Fee Anabelle Riebeling.
Hendrikje Schmidt steht kurz vor ihrem vierunddreißigsten
Geburtstag, als Schlag auf Schlag ihr Leben zerbricht. Gerade
noch bekommt sie die Zusage für eine Ausstellung mit ihren
eigenen Malereien und ihr Leben scheint eine positive Wendung
zu nehmen. Doch plötzlich trennt sich der Freund, die Grossmutter
stirbt am Weihnachtsabend und das Atelier mit ihren Bildern brennt
in der gleichen Nacht noch ab und die Versicherung zahlt nicht,
weil es angeblich Brandstiftung war. Ihr Leben ist ein Scherbenhaufen,
direkt daneben ein riesiger Schuldenberg.
Es reicht
Hendrikje hat genug von ihrem Leben
und versucht es zu beenden. Aber auch das klappt nicht. Ganz
alleine und mit dem Vorsatz überfordert, bittet sie an ihrem
Freudentag die Freunde um Unterstützung - bei ihrem
Selbstmord. Und die erklären sich bereit, völlig aufopferungsvoll
und garantiert ohne Profitgedanken. Natürlich! Doch konsequenterweise
missglückt auch die Zusammenarbeit: Hendrikje lebt hinterher
immer noch. Was man von zwei ihrer Freunde nicht mehr sagen kann.
Irgendwas läuft eben immer schief.
Weiter leben
Wie die Protagonistin es schafft,
nicht nur am Leben zu bleiben, sondern auch noch glücklich
zu werden, erfährt der Leser von Hendrikje selbst. Mittlerweile
inhaftiert, schildert sie mit einer gehörigen Portion Zynismus
ihre Erlebnisse der Anstaltspsychologin, der Leser folgt als
stiller Zeuge der Unterhaltung. Und so erfährt er, warum
Hendrikje gerade in ihrem schwärzesten Moment lernt, ihr
Leben wieder positiv zu sehen. Und plötzlich arrangieren
sich die Scherben ihres Lebens zu einem unerwarteten Gesamten.
Hendrikje ist am Ende stärker und um einige Erkenntnisse
reicher als jemals zuvor.
Lesen!
Ulrike Purschke hat mit "Hendrikje,
vorübergehend erschossen" einen gelungenen Roman geschrieben.
Sie treibt in ihrem Debüt die einzelnen Situationen lustvoll
ins Groteske, doch zieht sie diese Konsequenz leider nicht bei
der Schilderung aller auftauchenden Charaktere durch. Während
sich Hendrikjes Zynismus wie ein roter Faden durch den Text zieht,
wird der Galgenhumor der Freunde nicht genug ausgereizt. Die
ab und an ausgesprochenen Spitzen sind zu isoliert voneinander
- die Geschichte verliert von der einen bis zur anderen zwischenzeitlich
an Tempo. Aber nichtsdestotrotz macht es Freude das Buch zu lesen.
Und es ist auch ein Muss: Denn auf den letzten Seiten wird besonders
deutlich, dass dieser Roman ein clever ausgeklügeltes und
durchdacht formuliertes Kunstwerk ist. Einfach gut.
220 Seiten, CHF 21.10
|
Zur Autorin
Ulrike Purschke wurde 1961 in Kassel geboren.
Nach dem Abitur ging sie nach Hamburg um dort u.a. am Deutschen
Schauspielhaus als Schauspielerin zu arbeiten. Danach studierte
sie darstellende Kunst in Hamburg, Literaturwissenschaft in Rom
und ging dann doch wieder in die Hansestadt für ihr Studium
der Filmdramaturgie. Nach unzähligen Drehbüchern ist
"Hendrikje, vorübergehend erschossen" nun ihr
erster Roman. 1996 erhielt Purschke den Preis für das beste
Drehbuch für den Kurzfilm "Höhere Gewalt".
Die Autorin lebt in Berlin und ist Mitglied im Autorenteam der
ZDF-Telenovela "Julia - Wege zum Glück".
|
|
|