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Judith Kuckart: "Kaiserstraße"
(Roman) | DuMont
Wie fremd können Vater und Tochter einander sein?
Als Leo Böwe noch nicht Politiker
sondern noch Waschmaschinenvertreter ist, hört er von der
Ermordung der Prostituierten Rosemarie Nitribitt. Der Gedanke
an diese Fremde wird ihn sein ganzes Leben nicht mehr loslassen.
Durch Recherchen versucht er sich ihr anzunähern. Währenddessen
bleibt seine Tochter Jule ihm immer fremd und seine Frau wird
ihre Traurigkeit nicht mehr los.
Von Katharina Trautnitz.
Der Warschauer Kniefall von Willy Brandt,
der Tod von Benno Ohnesorg, die Entführung Schleyers durch
die R.A.F., der Fall der Mauer, das alles geht am Anti-Helden
des Romans, Leo Böwe, vorbei, denn der ist bei seiner immer
traurigen Frau und damit beschäftigt, ihr sein Doppelleben
zu verbergen und in der Vergangenheit der ihm zu Lebzeiten völlig
fremden Prostituierte Nitribitt zu forschen. Parallel verlaufen
deutsche Geschichte und das Leben Leo Böwes und seiner Tochter,
doch nicht gänzlich unbeeinflusst voneinander: vor einem
Plakat der gesuchten Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe erkennt
Jule ihr Kindermädchen wieder und die Nachricht vom Tod
Benno Ohnesorgs animiert sie die Drohung auszusprechen: "Papi,
wenn ich groß bin, erschieß ich dich auch".
Nach und nach wird deutlich, wie eng geschichtliche Unglücke
verknüpft sind mit den persönlichen Dramen Leo und
Jule Böwes. In fünf Stationen erzählt Judith Kuckart
ihre Geschichte, fünf Kapitel mit den Überschriften
1957, 1967, 1977, 1989, 1999 sind Grundgerüst für diesen
untypischen historischen Roman, an ihnen hangeln sich die Lebensgeschichten
ihrer zwei Hauptfiguren - Vater und Tochter - entlang.
Bonjour Tristesse
Gemeinsam mit ihrer Freundin Nina
entdeckt Jule schnell, daß Jugendliche nicht automatisch
glücklich sind, wie man es von ihnen erwartet, so gibt sie
sich denn der Melancholie hin und der Strand kommt ihr vor wie
"eine Seele, die nie ausgesprochen war und sie hielt sich
selbst für so eine". Jule Böwe, als Jugendliche
begeisterte Balletttänzerin, mit 16 schwanger und ernüchtert,
weiss, dass es im Leben "einen kalten, leeren und sehr zentralen
Ort" gibt, den man am liebsten ignorieren möchte. Durch
Jule, die Ballet um ihr Leben tanzt, kommt eine neue Stimmung
in die Erzählung: Depression, zerbrochenen Beziehungen und
unerfüllte Sehnsüchte drücken sich in eindrucksvollen,
poetischen Bildern aus. Eine überwältigende Melancholie
wird geschaffen.
Kuckarts Roman ist kein Buch, das von Lebenslust
strotz, es erzählt vielmehr die Geschichte einer Entfremdung,
die im innersten Familienkreis vor sich geht und Vater und Tochter
nie zueinander finden lässt. Dennoch kommt durch den bildhaften
Stil, die sensible Zeichnung der Figuren, die behutsame Sprache
eine Sanftheit in diese Geschichte, die überrascht und am
Ende doch am stärksten nachklingt.
315 Seiten, CHF 34.90
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