AKTUELL   ARCHIV & SUCHE   NEWSLETTER   INFOS   KONTAKT

Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

NEUHEITEN    COMICS    AUSGELESEN    AUSGESCHRIEBEN    KALENDER

 

« ZURÜCK

 

WEITER »

HIGHLIGHTS
BELLETRISTIK
SACHBUCH

HÖRBUCH

Überblick

ROMANE:
Stéphane Audeguy
Miranda Beverly-Whittemore
Kevin Brockmeier
Truman Capote
Juan Goytisolo
Jan Koneffke
Judith Kuckart
Iain Levison
Nicol Ljubic
Curzio Malaparte
Ulrike Purschke
Susanne Tschirner
Annie Wang

ERZÄHLBÄNDE & GESCHICHTEN:
Marcel Beyer
Anna Ruchat
Angelika Waldis
Dieter E. Zimmer

THRILLER & KRIMIS:
Alex Barclay
Beate Baum
Lena Blaudez
Patricia Highsmith
John Katzenbach
Yasmina Khadra
Robert Ludlum
Jean-Christophe Grangé
Akif Pirinçci
Johannes K. Soyener

PHANTASTIK:
Steven Barnes
Alex Kortner
Dennis L. McKiernan
Julianne Lee
Gerd Scherm
 

Judith Kuckart: "Kaiserstraße" (Roman) | DuMont
Wie fremd können Vater und Tochter einander sein?

Als Leo Böwe noch nicht Politiker sondern noch Waschmaschinenvertreter ist, hört er von der Ermordung der Prostituierten Rosemarie Nitribitt. Der Gedanke an diese Fremde wird ihn sein ganzes Leben nicht mehr loslassen. Durch Recherchen versucht er sich ihr anzunähern. Währenddessen bleibt seine Tochter Jule ihm immer fremd und seine Frau wird ihre Traurigkeit nicht mehr los.

Von Katharina Trautnitz.

Der Warschauer Kniefall von Willy Brandt, der Tod von Benno Ohnesorg, die Entführung Schleyers durch die R.A.F., der Fall der Mauer, das alles geht am Anti-Helden des Romans, Leo Böwe, vorbei, denn der ist bei seiner immer traurigen Frau und damit beschäftigt, ihr sein Doppelleben zu verbergen und in der Vergangenheit der ihm zu Lebzeiten völlig fremden Prostituierte Nitribitt zu forschen. Parallel verlaufen deutsche Geschichte und das Leben Leo Böwes und seiner Tochter, doch nicht gänzlich unbeeinflusst voneinander: vor einem Plakat der gesuchten Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe erkennt Jule ihr Kindermädchen wieder und die Nachricht vom Tod Benno Ohnesorgs animiert sie die Drohung auszusprechen: "Papi, wenn ich groß bin, erschieß ich dich auch". Nach und nach wird deutlich, wie eng geschichtliche Unglücke verknüpft sind mit den persönlichen Dramen Leo und Jule Böwes. In fünf Stationen erzählt Judith Kuckart ihre Geschichte, fünf Kapitel mit den Überschriften 1957, 1967, 1977, 1989, 1999 sind Grundgerüst für diesen untypischen historischen Roman, an ihnen hangeln sich die Lebensgeschichten ihrer zwei Hauptfiguren - Vater und Tochter - entlang.

Bonjour Tristesse
Gemeinsam mit ihrer Freundin Nina entdeckt Jule schnell, daß Jugendliche nicht automatisch glücklich sind, wie man es von ihnen erwartet, so gibt sie sich denn der Melancholie hin und der Strand kommt ihr vor wie "eine Seele, die nie ausgesprochen war und sie hielt sich selbst für so eine". Jule Böwe, als Jugendliche begeisterte Balletttänzerin, mit 16 schwanger und ernüchtert, weiss, dass es im Leben "einen kalten, leeren und sehr zentralen Ort" gibt, den man am liebsten ignorieren möchte. Durch Jule, die Ballet um ihr Leben tanzt, kommt eine neue Stimmung in die Erzählung: Depression, zerbrochenen Beziehungen und unerfüllte Sehnsüchte drücken sich in eindrucksvollen, poetischen Bildern aus. Eine überwältigende Melancholie wird geschaffen.

Kuckarts Roman ist kein Buch, das von Lebenslust strotz, es erzählt vielmehr die Geschichte einer Entfremdung, die im innersten Familienkreis vor sich geht und Vater und Tochter nie zueinander finden lässt. Dennoch kommt durch den bildhaften Stil, die sensible Zeichnung der Figuren, die behutsame Sprache eine Sanftheit in diese Geschichte, die überrascht und am Ende doch am stärksten nachklingt.

315 Seiten, CHF 34.90


« ZURÜCK

NACH OBEN

WEITER »

Erscheint jeden Monat am 3. neu.

© Copyright 2000 - 2006. Alle Rechte vorbehalten. | Powered by Bürki Hosting, Spiez