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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Juan Goytisolo: "Der blinde Reiter" (Roman) | Suhrkamp
Unscheinbares Meisterstück

Juan Goytisolo schreibt seinen angeblich letzten Roman über das existentielle Vakuum, das durch den Verlust des nächststehenden Menschen zurückbleibt. Er entwirft darin ein erbarmungslos leeres Bild der Einsamkeit, das sich zwischenzeitlich nur mit wertlos scheinender und blasser Erinnerung umhüllt, um letztendlich wieder den Blick in eine buntere Zukunft freizugeben.

Von Marco Durrer.

Der detaillose Tod seiner Partnerin lässt den Namenlosen ins düstere Loch der unbarmherzigen Sinnlosigkeit fallen: "Nichts blieb, das zu bewahren sich lohnte, nicht einmal die Erinnerung". Aber gerade die unvermittelt und assoziativ wirkende Erinnerung ist es, die ihn heimsucht, und erst deren Überwindung hilft ihm schliesslich, über gelebte Vergangenheit die vermeintlich verlorene Gegenwart mit Zukunft zu erfüllen.

Wenn die Zukunft der Vergangenheit weicht
Durch die stark introspektive Erzählweise wird der Leser Zeuge der intimen Verzweiflung eines plötzlich allein an der Kreuzung zum Nichts Stehenden, der resigniert versucht, die eingeschlagene Richtung, den verlorenen Halt irgendwie und irgendwo wieder zu finden. Die gemeinsame Zukunft zerstört, findet er diesen Halt (wenngleich ungewollt) an der Vergangenheit, was in einer zeitweilig verschwommenen Realität mündet. Es beginnt eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen und der gemeinsamen Vergangenheit, und deren episodische Verarbeitung lässt ihn erkennen, dass je tiefer er in die Erinnerung eintaucht, desto flüchtiger ihm die vermeintlichen Gewissheiten und Wichtigkeiten werden.

Göttliche Zwiegespräche
Er meint nun zu verstehen, was das Leben ist; nämlich "eine Grube, ein gefrässiges Loch", in dem die Erinnerung versinkt. ("Die Zeit war ein blinder Reiter, den niemand aus dem Sattel warf. Wo er vorüberkam, riss er nieder, was von Dauer schien, pflügte die Landschaft um, verbrannte die Träume zu Asche.") Von der hoffnungslosen innerlichen Projektion der subjektiven Lebensgeschichte driftet er zunehmend in eine regelrechte Meditation über die grossen Fragen des Lebens überhaupt. Meisterhaft hebt hier der Autor zu einem (religions-) philosophischen Exkurs an, in dem er eine göttliche Stimme Klartext sprechen lässt: "Als ich eure schöne Erde kackte und vom Himmelsthron mein Werk ansah, da schauderte mir, ich war entsetzt: das war schlimmer als ein Haufen Scheisse". Seinem Protagonisten eröffnet er durch die Zerstörung alter Überzeugungen neue Horizonte und führt ihn an einen neuen Ausgangspunkt.
Goytisolo gelingt mit seinem autobiographisch gefärbten Roman über die Gnadenlosigkeit der Zeit - diesem blinden Reiter - ein wertvolles, wenngleich ziemlich unscheinbares Meisterstück. Gefühlvoll gefühlsarm zeichnet er das Protokoll des schmerzhaften Prozesses nach, den ein jeglichem Sinn Beraubter aus dem vermeintlichen Nichts wieder zurück ins bedeutungsvolle Alles hin zur (wenn auch gedämpften) Lebensfreude führt. Die Lösung hierfür liegt nicht in der Suche nach endgültigen Antworten, sondern nach der Gelassenheit des Fragens.

132 Seiten, CHF 32.30

Zum Autor

Juan Goytisolo wurde 1931 in Barcelona geboren. Er besuchte eine Jesuitenschule, begann danach ein Jurastudium. 1953 brach er das Studium ab und unternahm mehrere Reisen nach Paris. 1954 veröffentlichte er den Roman Juegos de manos, auf den zahlreiche weitere Romane folgten, die in viele Sprachen übersetzt wurden und den Autor zu einem der wichtigsten spanischen Autoren der Gegenwart machen. 1957 zog er nach Paris und nahm eine Lektoratstätigkeit bei Gallimard auf, wo er sich für die Verbreitung der spanischen Literatur in Frankreich einsetzte. Seine Bücher waren von 1963 bis zum Tod Francos in Spanien verboten. Goytisolo hat sich nicht nur als Literat einen Namen gemacht, sondern als kritischer, engagierter Geist auch vielfach zu politischen Themen in Form von Essays und Reportagen Stellung bezogen und sich dabei vor allem mit dem Islam auseinandergesetzt. Sowohl sein literarisches als auch sein journalistisches Werk wurde mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet. Er lebt abwechselnd in Spanien und Marrakesch.

Quelle: Suhrkamp


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