|
Juan Goytisolo: "Der blinde Reiter"
(Roman) | Suhrkamp
Unscheinbares Meisterstück
Juan Goytisolo schreibt seinen angeblich
letzten Roman über das existentielle Vakuum, das durch den
Verlust des nächststehenden Menschen zurückbleibt.
Er entwirft darin ein erbarmungslos leeres Bild der Einsamkeit,
das sich zwischenzeitlich nur mit wertlos scheinender und blasser
Erinnerung umhüllt, um letztendlich wieder den Blick in
eine buntere Zukunft freizugeben.
Von Marco Durrer.
Der detaillose Tod seiner Partnerin lässt
den Namenlosen ins düstere Loch der unbarmherzigen Sinnlosigkeit
fallen: "Nichts blieb, das zu bewahren sich lohnte, nicht
einmal die Erinnerung". Aber gerade die unvermittelt und
assoziativ wirkende Erinnerung ist es, die ihn heimsucht, und
erst deren Überwindung hilft ihm schliesslich, über
gelebte Vergangenheit die vermeintlich verlorene Gegenwart mit
Zukunft zu erfüllen.
Wenn die Zukunft der Vergangenheit weicht
Durch die stark introspektive Erzählweise wird der Leser
Zeuge der intimen Verzweiflung eines plötzlich allein an
der Kreuzung zum Nichts Stehenden, der resigniert versucht, die
eingeschlagene Richtung, den verlorenen Halt irgendwie und irgendwo
wieder zu finden. Die gemeinsame Zukunft zerstört, findet
er diesen Halt (wenngleich ungewollt) an der Vergangenheit, was
in einer zeitweilig verschwommenen Realität mündet.
Es beginnt eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen
und der gemeinsamen Vergangenheit, und deren episodische Verarbeitung
lässt ihn erkennen, dass je tiefer er in die Erinnerung
eintaucht, desto flüchtiger ihm die vermeintlichen Gewissheiten
und Wichtigkeiten werden.
Göttliche Zwiegespräche
Er meint nun zu verstehen, was das Leben ist; nämlich "eine
Grube, ein gefrässiges Loch", in dem die Erinnerung
versinkt. ("Die Zeit war ein blinder Reiter, den niemand
aus dem Sattel warf. Wo er vorüberkam, riss er nieder, was
von Dauer schien, pflügte die Landschaft um, verbrannte
die Träume zu Asche.") Von der hoffnungslosen innerlichen
Projektion der subjektiven Lebensgeschichte driftet er zunehmend
in eine regelrechte Meditation über die grossen Fragen des
Lebens überhaupt. Meisterhaft hebt hier der Autor zu einem
(religions-) philosophischen Exkurs an, in dem er eine göttliche
Stimme Klartext sprechen lässt: "Als ich eure schöne
Erde kackte und vom Himmelsthron mein Werk ansah, da schauderte
mir, ich war entsetzt: das war schlimmer als ein Haufen Scheisse".
Seinem Protagonisten eröffnet er durch die Zerstörung
alter Überzeugungen neue Horizonte und führt ihn an
einen neuen Ausgangspunkt.
Goytisolo gelingt mit seinem autobiographisch gefärbten
Roman über die Gnadenlosigkeit der Zeit - diesem blinden
Reiter - ein wertvolles, wenngleich ziemlich unscheinbares
Meisterstück. Gefühlvoll gefühlsarm zeichnet er
das Protokoll des schmerzhaften Prozesses nach, den ein jeglichem
Sinn Beraubter aus dem vermeintlichen Nichts wieder zurück
ins bedeutungsvolle Alles hin zur (wenn auch gedämpften)
Lebensfreude führt. Die Lösung hierfür liegt nicht
in der Suche nach endgültigen Antworten, sondern nach der
Gelassenheit des Fragens.
132 Seiten, CHF 32.30
|
Zum Autor
Juan Goytisolo wurde 1931 in Barcelona geboren.
Er besuchte eine Jesuitenschule, begann danach ein Jurastudium.
1953 brach er das Studium ab und unternahm mehrere Reisen nach
Paris. 1954 veröffentlichte er den Roman Juegos de manos,
auf den zahlreiche weitere Romane folgten, die in viele Sprachen
übersetzt wurden und den Autor zu einem der wichtigsten
spanischen Autoren der Gegenwart machen. 1957 zog er nach Paris
und nahm eine Lektoratstätigkeit bei Gallimard auf, wo er
sich für die Verbreitung der spanischen Literatur in Frankreich
einsetzte. Seine Bücher waren von 1963 bis zum Tod Francos
in Spanien verboten. Goytisolo hat sich nicht nur als Literat
einen Namen gemacht, sondern als kritischer, engagierter Geist
auch vielfach zu politischen Themen in Form von Essays und Reportagen
Stellung bezogen und sich dabei vor allem mit dem Islam auseinandergesetzt.
Sowohl sein literarisches als auch sein journalistisches Werk
wurde mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet. Er lebt
abwechselnd in Spanien und Marrakesch.
Quelle: Suhrkamp
|
|
|