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Miranda Beverly-Whittemore: "Vergissmeinnicht"
(Roman) | edition Lübbe
Schönheit lügt nicht?!
Mit ihrem Roman "Vergissmeinnicht"
ist Miranda Beverly-Whittemore ein interessantes Buch über
Kunst und deren Grenzen gelungen. Spannend geschrieben, wird
das Lesevergnügen einzig durch die manchmal überbordende
Sprache und den Wunsch zu sehr zu Psychologisieren getrübt.
Bei einem derart kontroversen Thema hätte man sich mehr
starke Meinungsvertreter und weniger Gefühlsduselei gewünscht.
Trotzdem: Ein Buch, das zum Nachdenken anregt!
Von Petra Gehrmann.
Kate Scott ist eine junge Dozentin für
mittelalterliche Literatur an einem College. Sie lebt ein Leben
für ihre Arbeit und ihre Studien. Doch als sie sich in ihren
Kollegen Samuel verliebt, kann sie sich vor ihrer bisher erfolgreich
verdrängten Vergangenheit nicht mehr verstecken. Denn ihr
Freund hält einen Kurs in Kulturwissenschaft, in dem er
auf eine kontroverse, viel Staub aufwirbelnde Kunstdebatte eingeht:
"Die Ruth-Handel-Fotografien gehörten zu den ersten,
die eine Grenze zwischen so genannten Verfassungsschützern
und so genannten Kinderschützern zogen. Sie werden sich
vielleicht erinnern, dass die Fotografien, um die es geht, Aktaufnahmen
von zwei Mädchen waren, denen man die Pseudonyme May und
Rose gegeben hatte. Eines dieser Mädchen ist tot. Fragen
Sie sich selbst: Ist sie wegen Handels Fotografien tot?"
Aufgrund dieser Vorlesung und eines geheimnisvollen Briefes beschliesst
Kate, sich auf eine Reise in ihre Vergangenheit zu begeben. Denn
sie selbst ist eines dieser Handel-Mädchen und ihr Name
ist in Wirklichkeit Myla. Zurück am Ort ihrer Kindheit in
Portland versucht sie die Stücke der Vergangenheit zusammenzusetzen
und zu erkennen, wer ihr Vater und Ruth wirklich waren und wie
es zum Tod ihrer Schwester Pru kam...
Was ist Pornografie? Was ist Kunst?
Beverly-Whittemores Romandebut ist
vieles zugleich: eine mysteriöse Mordgeschichte, eine einseitige
Kunstdebatte, ein psychologisches Drama, eine Liebesgeschichte,
ein Versuch "neuer" Ansichten von Kunst und eine Verteidigung
der Schönheit. Diese Vielschichtigkeit bedeutet leider auch,
dass sie alle Themen nur andeutet und keine wirklich durchführt,
daher vieles verwischt wird. Die Debatte zu den Nacktaufnahmen
der beiden Kinder und der Grenze der Kunst und Pornografie ist
leider einseitig, wenn auch mit vehementem Enthusiasmus, gezeichnet.
Die Argumentation scheint stellenweise einer Liebeserklärung
an die Schönheit der Bilder zu weichen. Einige Hinweise
wie die Geschichte zu Vincent Van Gogh und Paul Gauguin sind
stimmig und sehr schön und auch sonst ist der Roman, wo
er auf die Kunstgeschichte eingeht, äusserst fesselnd. Leider
sind die Kunstansichten häufig von einem naiven Standpunkt
aus betrachtet, wie etwa im Folgenden: "Die Bilder haben
ihre eigene Sprache: die Sprache des Visuellen. Diese Sprache
ist unleugbar. Sie lügt nicht." Dennoch bleiben die
Passagen, die sich mit der Kunst und ihrer Wirkung auf den Menschen
auseinandersetzen, die schönsten des Buches.
Der nackte Körper ist mächtig
"Vergissmeinnicht" ist eine
Verwebung von Kunst und Leben. Doch da wo Beverly-Whittemore
vom Leben spricht, neigt sie zu stark zum Psychologisieren und
manchmal gar zum Kitsch. Dies unterstützt auch ihre teils
gar stark emotional aufgeladene, beinahe überladene, Sprache.
Sieht man aber von der fast nervenden Liebesgeschichte von Myla
und Samuel ab und wendet sich der Familiengeschichte von Myla
Wolfe zu, dann gewinnt das Werk wieder an Stärke und Überzeugung.
Besonders geschickt ist der Kunstgriff, immer wieder Einschübe
mit der Erzählung der Erlebnisse aus Sicht der jüngeren
und toten Schwester Pru zu machen. Die Erfahrungen der Geschwister
und ihr Zugang zur Kunst erscheinen real und pulsierend und machen
den Roman zu einem packenden Erlebnis.
Das Buch von Miranda Beverly-Whittemore ist
ein gut verfasster Roman über einen Trip in die Vergangenheit
und die Frage nach der Macht der Bilder. Wenn er auch gerade
in philosophischer Hinsicht mehr Fragen offen lässt, als
beantwortet, so regt er zum Nachdenken über einige wichtige
Fragen an: Welche Verantwortung trägt der Künstler
für sein Werk, kann er verantwortlich gemacht werden für
eine bestimmte Interpretation davon? Diese Fragen, und auch viele
mehr, stellen sich noch heute, denn ein Künstler gebiert
ein Kunstwerk, doch wenn er es in die Welt hinauslässt,
kann er es nicht mehr schützen.
400 Seiten, CHF 34.90
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