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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Miranda Beverly-Whittemore: "Vergissmeinnicht" (Roman) | edition Lübbe
Schönheit lügt nicht?!

Mit ihrem Roman "Vergissmeinnicht" ist Miranda Beverly-Whittemore ein interessantes Buch über Kunst und deren Grenzen gelungen. Spannend geschrieben, wird das Lesevergnügen einzig durch die manchmal überbordende Sprache und den Wunsch zu sehr zu Psychologisieren getrübt. Bei einem derart kontroversen Thema hätte man sich mehr starke Meinungsvertreter und weniger Gefühlsduselei gewünscht. Trotzdem: Ein Buch, das zum Nachdenken anregt!

Von Petra Gehrmann.

Kate Scott ist eine junge Dozentin für mittelalterliche Literatur an einem College. Sie lebt ein Leben für ihre Arbeit und ihre Studien. Doch als sie sich in ihren Kollegen Samuel verliebt, kann sie sich vor ihrer bisher erfolgreich verdrängten Vergangenheit nicht mehr verstecken. Denn ihr Freund hält einen Kurs in Kulturwissenschaft, in dem er auf eine kontroverse, viel Staub aufwirbelnde Kunstdebatte eingeht: "Die Ruth-Handel-Fotografien gehörten zu den ersten, die eine Grenze zwischen so genannten Verfassungsschützern und so genannten Kinderschützern zogen. Sie werden sich vielleicht erinnern, dass die Fotografien, um die es geht, Aktaufnahmen von zwei Mädchen waren, denen man die Pseudonyme May und Rose gegeben hatte. Eines dieser Mädchen ist tot. Fragen Sie sich selbst: Ist sie wegen Handels Fotografien tot?" Aufgrund dieser Vorlesung und eines geheimnisvollen Briefes beschliesst Kate, sich auf eine Reise in ihre Vergangenheit zu begeben. Denn sie selbst ist eines dieser Handel-Mädchen und ihr Name ist in Wirklichkeit Myla. Zurück am Ort ihrer Kindheit in Portland versucht sie die Stücke der Vergangenheit zusammenzusetzen und zu erkennen, wer ihr Vater und Ruth wirklich waren und wie es zum Tod ihrer Schwester Pru kam...

Was ist Pornografie? Was ist Kunst?
Beverly-Whittemores Romandebut ist vieles zugleich: eine mysteriöse Mordgeschichte, eine einseitige Kunstdebatte, ein psychologisches Drama, eine Liebesgeschichte, ein Versuch "neuer" Ansichten von Kunst und eine Verteidigung der Schönheit. Diese Vielschichtigkeit bedeutet leider auch, dass sie alle Themen nur andeutet und keine wirklich durchführt, daher vieles verwischt wird. Die Debatte zu den Nacktaufnahmen der beiden Kinder und der Grenze der Kunst und Pornografie ist leider einseitig, wenn auch mit vehementem Enthusiasmus, gezeichnet. Die Argumentation scheint stellenweise einer Liebeserklärung an die Schönheit der Bilder zu weichen. Einige Hinweise wie die Geschichte zu Vincent Van Gogh und Paul Gauguin sind stimmig und sehr schön und auch sonst ist der Roman, wo er auf die Kunstgeschichte eingeht, äusserst fesselnd. Leider sind die Kunstansichten häufig von einem naiven Standpunkt aus betrachtet, wie etwa im Folgenden: "Die Bilder haben ihre eigene Sprache: die Sprache des Visuellen. Diese Sprache ist unleugbar. Sie lügt nicht." Dennoch bleiben die Passagen, die sich mit der Kunst und ihrer Wirkung auf den Menschen auseinandersetzen, die schönsten des Buches.

Der nackte Körper ist mächtig
"Vergissmeinnicht" ist eine Verwebung von Kunst und Leben. Doch da wo Beverly-Whittemore vom Leben spricht, neigt sie zu stark zum Psychologisieren und manchmal gar zum Kitsch. Dies unterstützt auch ihre teils gar stark emotional aufgeladene, beinahe überladene, Sprache. Sieht man aber von der fast nervenden Liebesgeschichte von Myla und Samuel ab und wendet sich der Familiengeschichte von Myla Wolfe zu, dann gewinnt das Werk wieder an Stärke und Überzeugung. Besonders geschickt ist der Kunstgriff, immer wieder Einschübe mit der Erzählung der Erlebnisse aus Sicht der jüngeren und toten Schwester Pru zu machen. Die Erfahrungen der Geschwister und ihr Zugang zur Kunst erscheinen real und pulsierend und machen den Roman zu einem packenden Erlebnis.

Das Buch von Miranda Beverly-Whittemore ist ein gut verfasster Roman über einen Trip in die Vergangenheit und die Frage nach der Macht der Bilder. Wenn er auch gerade in philosophischer Hinsicht mehr Fragen offen lässt, als beantwortet, so regt er zum Nachdenken über einige wichtige Fragen an: Welche Verantwortung trägt der Künstler für sein Werk, kann er verantwortlich gemacht werden für eine bestimmte Interpretation davon? Diese Fragen, und auch viele mehr, stellen sich noch heute, denn ein Künstler gebiert ein Kunstwerk, doch wenn er es in die Welt hinauslässt, kann er es nicht mehr schützen.

400 Seiten, CHF 34.90


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