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Stéphane Audeguy: "Der Herr der
Wolken" (Roman) | SchirmerGraf
Eine Liebeserklärung an Luftgebilde
Dem Franzosen Stèphane Audeguy
ist mit seinem Erstlingswerk "Der Herr der Wolken"
ein fantastischer und vielschichtiger Roman gelungen, wie man
ihn nur selten zu lesen bekommt. Die Geschichte eines japanischen
Modeschöpfers und seiner Bibliothekarin bezaubert von Beginn
an und entführt den Leser in das Reich der Meteorologie
und der Wolken, die mit ihren vielen verschiedenen Formen immer
wieder erstaunen.
Von Suzanne Walter.
Der japanische Modeschöpfer Akira Kumo
beauftragt die Bibliothekarin Virginie Latour mit der Katalogisierung
seiner Privatbibliothek. Die junge Französin ist zunächst
etwas verwirrt durch das Verhalten ihres neuen Arbeitgebers:
Jedes Mal, wenn sie zu ihm kommt, begleitet er sie in die Bibliothek
voller Werke über Meteorologie und erzählt ihr eine
neue, faszinierende Geschichte über Wolken. Anfangs noch
skeptisch, so wird Virginie doch immer mehr in den Bann dieser
Erzählungen hineingezogen. Ihr persönlicher Lieblingsheld
wird Luke Howard, der den Wolken die Namen gab, nach denen sie
bis heute unterschieden werden.
Die Geschichte des Japaners
Akira Kumo wurde 1938 in Hiroshima
geboren. Allein der Name der Stadt lässt dem Leser einen
leichten Schauer über den Rücken laufen. Und tatsächlich
ist das Schicksal des Modeschöpfers mit dem Abwurf der Atombombe
im Jahr 1945 eng verknüpft. Am Tage der Bombardierung ist
Akira 7 Jahre alt und mit seiner Schwester auf dem Weg zur Schule.
Unterwegs machen sie halt, er springt in ein Wasserbecken, sie
spielen und lachen. Akira befindet sich unter Wasser, als die
Bombe explodiert. Als er wieder auftaucht, ist seine Schwester
und alles, was ihm in seiner Umgebung vertraut war, verschwunden.
Behutsam und ohne übertriebenes Mitleid für den Jungen
spinnt Stéphane Audeguy die Erzählung weiter: Wie
Akira sein wahres Alter verschweigt und sich mit dubiosen Methoden
durch die Welt schlägt, bis er schließlich Lehrling
eines Modemachers wird - und letztendlich selbst ein Meister
dieses Faches. Virginie Latour ist für ihn eine unerreichbare
Geliebte und enge Vertraute zugleich. Mit ihr erlebt er noch
einmal, was Glück bedeutet, bevor er sein Leben auf seine
Art beschließt.
Das Abercrombie-Protokoll
Der bedeutendste Auftrag, den Virginie
für Akira erledigen soll, betrifft das Abercrombie-Protokoll,
die gesammelten Ergebnisse des berühmten Meteorologen und
Weltreisenden Richard Abercrombie, mit dessen gleichnamigen Enkel
sie in London eine Affäre beginnt und sich schlussendlich
in ihn verliebt. Während ihrer Arbeit für Akira Kumo
findet Virginie Latour immer mehr zu sich selbst und entdeckt
in sich eine Leidenschaft, die sie nie für möglich
gehalten hätte. Das Geheimnis des Abercrombie-Protokolls
und all die Geschichten über längst vergangene Helden
der Meteorologie haben sie verändert. Und so erfüllt
sie sich und Akiro Kumo einen langgehegten Wunsch: Bei Sturm
klettert sie in die Hügel, fühlt sich dabei ihrem Idol
Luke Howard so nahe wie nie und streut nach dem letzten Willen
ihres Mentors Akira Kumos Asche in den Sturmwind unter den Wolken.
Faszination pur
All die verschiedenen Geschichten
über die Wolken, das Leben des Akira Kumo und nicht zuletzt
über das Schicksal von Virginie Latour eröffnen dem
Leser eine völlig neue Sichtweise. Ich selbst befand mich
nach der Lektüre in Versuchung geführt, beim nächsten
Anzeichen eines Gewitters einen Hügel zu erklimmen und wie
Luke Howard und Virginie Latour dem Sturm zu trotzen. Wie man
am Besten mit diesem Buch umgeht, beschreibt eine Kritik im Klappentext:
"Dieses Buch sollte man langsam lesen, am besten auf dem
Rücken liegend: wie beim Betrachten des Himmels" (Les
Inrockuptibles).
"Der Herr der Wolken" ist ein Romangenuss
für alle, die noch an Träume glauben.
320 Seiten, CHF 32.30
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