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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Stéphane Audeguy: "Der Herr der Wolken" (Roman) | SchirmerGraf
Eine Liebeserklärung an Luftgebilde

Dem Franzosen Stèphane Audeguy ist mit seinem Erstlingswerk "Der Herr der Wolken" ein fantastischer und vielschichtiger Roman gelungen, wie man ihn nur selten zu lesen bekommt. Die Geschichte eines japanischen Modeschöpfers und seiner Bibliothekarin bezaubert von Beginn an und entführt den Leser in das Reich der Meteorologie und der Wolken, die mit ihren vielen verschiedenen Formen immer wieder erstaunen.

Von Suzanne Walter.

Der japanische Modeschöpfer Akira Kumo beauftragt die Bibliothekarin Virginie Latour mit der Katalogisierung seiner Privatbibliothek. Die junge Französin ist zunächst etwas verwirrt durch das Verhalten ihres neuen Arbeitgebers: Jedes Mal, wenn sie zu ihm kommt, begleitet er sie in die Bibliothek voller Werke über Meteorologie und erzählt ihr eine neue, faszinierende Geschichte über Wolken. Anfangs noch skeptisch, so wird Virginie doch immer mehr in den Bann dieser Erzählungen hineingezogen. Ihr persönlicher Lieblingsheld wird Luke Howard, der den Wolken die Namen gab, nach denen sie bis heute unterschieden werden.

Die Geschichte des Japaners
Akira Kumo wurde 1938 in Hiroshima geboren. Allein der Name der Stadt lässt dem Leser einen leichten Schauer über den Rücken laufen. Und tatsächlich ist das Schicksal des Modeschöpfers mit dem Abwurf der Atombombe im Jahr 1945 eng verknüpft. Am Tage der Bombardierung ist Akira 7 Jahre alt und mit seiner Schwester auf dem Weg zur Schule. Unterwegs machen sie halt, er springt in ein Wasserbecken, sie spielen und lachen. Akira befindet sich unter Wasser, als die Bombe explodiert. Als er wieder auftaucht, ist seine Schwester und alles, was ihm in seiner Umgebung vertraut war, verschwunden. Behutsam und ohne übertriebenes Mitleid für den Jungen spinnt Stéphane Audeguy die Erzählung weiter: Wie Akira sein wahres Alter verschweigt und sich mit dubiosen Methoden durch die Welt schlägt, bis er schließlich Lehrling eines Modemachers wird - und letztendlich selbst ein Meister dieses Faches. Virginie Latour ist für ihn eine unerreichbare Geliebte und enge Vertraute zugleich. Mit ihr erlebt er noch einmal, was Glück bedeutet, bevor er sein Leben auf seine Art beschließt.

Das Abercrombie-Protokoll
Der bedeutendste Auftrag, den Virginie für Akira erledigen soll, betrifft das Abercrombie-Protokoll, die gesammelten Ergebnisse des berühmten Meteorologen und Weltreisenden Richard Abercrombie, mit dessen gleichnamigen Enkel sie in London eine Affäre beginnt und sich schlussendlich in ihn verliebt. Während ihrer Arbeit für Akira Kumo findet Virginie Latour immer mehr zu sich selbst und entdeckt in sich eine Leidenschaft, die sie nie für möglich gehalten hätte. Das Geheimnis des Abercrombie-Protokolls und all die Geschichten über längst vergangene Helden der Meteorologie haben sie verändert. Und so erfüllt sie sich und Akiro Kumo einen langgehegten Wunsch: Bei Sturm klettert sie in die Hügel, fühlt sich dabei ihrem Idol Luke Howard so nahe wie nie und streut nach dem letzten Willen ihres Mentors Akira Kumos Asche in den Sturmwind unter den Wolken.

Faszination pur
All die verschiedenen Geschichten über die Wolken, das Leben des Akira Kumo und nicht zuletzt über das Schicksal von Virginie Latour eröffnen dem Leser eine völlig neue Sichtweise. Ich selbst befand mich nach der Lektüre in Versuchung geführt, beim nächsten Anzeichen eines Gewitters einen Hügel zu erklimmen und wie Luke Howard und Virginie Latour dem Sturm zu trotzen. Wie man am Besten mit diesem Buch umgeht, beschreibt eine Kritik im Klappentext: "Dieses Buch sollte man langsam lesen, am besten auf dem Rücken liegend: wie beim Betrachten des Himmels" (Les Inrockuptibles).

"Der Herr der Wolken" ist ein Romangenuss für alle, die noch an Träume glauben.

320 Seiten, CHF 32.30


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