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Nr. 144 / Juni 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

KURIOSITÄTEN AUS DEM KÜHLREGAL    NACHTSICHT

 

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Nachtsicht - Geheimnisse unserer Gesellschaft
Folge 7: Milchfrauen

Rund siebzig Liter Kuhmilch trinkt der Durchschnittsschweizer im Jahr. Warum eigentlich ist es völlig normal, Milch von der Kuh zu trinken, und gleichzeitig befremdend, Muttermilch - menschliche Muttermilch - zu konsumieren? Diese Frage hat sich auch eine Familie im Emmental gestellt und keine befriedigende Antwort gefunden. Als Folge entstand ein kleines Unternehmen, das in der ganzen Schweiz menschliche Milch vertreibt, abgepumpt von so genannten Milchfrauen, die sich zur Verfügung stellen, um etwas Geld zu verdienen oder auch weil sie es gerne machen. Der Kundenkreis wächst rasant, die Nachfrage nach Menschenmilch wird immer grösser: Eine Marktlücke ist entdeckt.

Von Giuliano Musio.

Muttermilch schmeckt süsslicher als Kuhmilch, sie ist dünnflüssiger, enthält wenig Eiweiss, mehr Kohlenhydrate und viele ungesättigte Fettsäuren. Housi Leuenberger, Vater einer achtköpfigen Familie, ist bestens informiert. Und das muss er auch sein. Schliesslich vertreiben er und seine Frau seit drei Jahren menschliche Milch in der ganzen Schweiz. Die Leuenbergers führen einen kleinen Bauernhof im Emmental. Nach der sechsten Schwangerschaft seiner Frau hatte Housi die einschlagende Idee, statt Kuhmilch Menschenmilch zu verkaufen. Der Rest der Familie war sofort begeistert. Per Inserat wurde nach Frauen gesucht, die bereit waren, ihre Muttermilch gegen Entlöhnung an das Unternehmen abzugeben. Inzwischen arbeiten bereits rund dreissig Frauen für die Leuenbergers. Das Gute ist: Selbst wenn eine Geburt schon ein paar Jahre zurückliegt, produziert die Frau durch das tägliche Abpumpen weiterhin ihre Milch und kann sich so eine längerfristige Arbeitsstelle auf dem Bauernhof sichern.

Kein Zuckerschlecken
Eine Milchfrau zu sein ist ein harter Job. Natascha T., die sich zu einem Gespräch bereit erklärt, sagt: "Man könnte denken, dass wir Milchfrauen einfach nur dasitzen und nichts machen müssen, aber so ist das nicht." Bereits früh morgens muss sie pünktlich zum Melken auf dem Bauernhof erscheinen. Die Melkbecher werden ihr dann über die Brüste gestülpt, auf die ein pulsierender Unterdruck ausgeübt wird. Die Milch fliesst aus den Melkbechern über die Milchschläuche in den Milchabschneider. Dort wird das Vakuum abgebaut, die Milch wird in einen Sammeltank gepumpt. Natascha T. muss, wie alle Milchfrauen, zudem täglich Brennnesseln, Kümmel, Änis und Fenchel zu sich nehmen, weil dies den Milchfluss fördert. Da sich die Ernährung auch auf den Geschmack der Muttermilch auswirkt, ist Natascha T. verpflichtet, genau Protokoll über ihre Mahlzeiten zu führen. Dennoch liebt sie ihren Beruf. "Man ist täglich in der Natur", sagt sie, "und ausserdem mag ich körperliche Arbeit."
Die Idee der Leuenbergers schlug ein wie eine Bombe. Bald schon gab es weitaus mehr Kunden als angestellte Frauen. Und es werden stetig noch mehr. Das Familienunternehmen scheint ein weites Bedürfnis abzudecken, von dem zuvor nicht einmal jemand wusste. Doch welche Menschen wollen Muttermilch trinken? Und warum?

Die Macht der Erinnerung
"Eine schwierige Frage", gibt Diplompsychologin Annette Huggeli zu. "Fest steht, dass die Muttermilch bei jedem Menschen, selbst wenn er sich darüber nicht bewusst ist, tiefe Gefühle auslösen muss. Schliesslich ist es jenes Nahrungsmittel, das uns zu unseren Ursprüngen zurückführt. Ausserdem ist erwiesen, dass die Muttermilch beim Neugeborenen die allerersten Glücksgefühle auslöst." Kann es also sein, dass Menschen die Muttermilch der Leuenbergers kaufen, weil sie unbewusst zu diesem ersten ursprünglichen Glücksgefühl zurück wollen? "Das mag durchaus ein Grund sein", meint Huggeli, "ein anderer Grund wäre die Macht der Erinnerung: Erinnerung funktioniert häufig über Gerüche und Geschmäcker: Selbst wenn man nach vielen Jahren wieder einem einzigartigen Geruch aus der Kindheit begegnet, ist man gefühlsmässig sofort in jene Zeit zurückversetzt. Wenn Erwachsene von Muttermilch kosten und diesen längst vergessenen Geschmack wieder auf der Zunge haben, dann kann dies durchaus die Gefühle der Geborgenheit wecken, die man als Neugeborenes während des Stillens gehabt hat." Für Annette Huggeli gibt es aber auch noch eine dritte plausible Erklärung: "Unter den Kunden sind sicher auch viele Menschen wie du und ich, die einfach nur neugierig sind und die Menschenmilch mal ausprobieren wollen. Man muss auch bedenken, dass es für viele Männer durchaus üblich ist, von der Milch ihrer Ehefrau zu kosten - so was passiert einfach und muss nicht weiter hinterfragt werden."

Ein ganzes Sortiment aus Frauenmilch
Der Erfolg macht sich für die Leuenbergers bezahlt. Inzwischen ist bereits das Sortiment erweitert worden; etwa um einen schmackhaften Schimmelkäse aus Frauenmilch, der von der Kundschaft auf Anhieb geliebt wurde. Ausserdem wird die Milch jetzt in verschiedenen Geschmacksrichtungen verkauft, je nach Ernährung der jeweiligen Milchfrau. Im nächsten Jahr wollen die Leuenbergers ein ganz exquisites Produkt auf den Markt bringen: In Zusammenarbeit mit Parisienne wird die so genannte "Parisienne Milk" vertrieben: Muttermilch von starken Raucherinnen. Denn auch häufiges Rauchen verändert den Geschmack der Milch und gibt ihr die herbe Note von Tabak und Nikotin. Die Vorbestellungen häufen sich bereits. Denn: "Parisienne Milk" darf man trotz Rauchverbot in den Zügen konsumieren.

Haben Sie Fragen oder Anmerkungen zu Milchfrauen? Oder sind Sie persönlich betroffen und brauchen einen Rat? Wenden Sie sich an Diplompsychologin Annette Huggeli. Ihre Mail wird schnellstmöglich beantwortet: annette.huggeli@netzmagazin.ch.

Fragen und Antworten zu Trouble Taping

Hier beantwortet Annette Huggeli Ihre Fragen zur letzten Folge.

Ulla (24): Ihr Artikel über Trouble Taping hat mich aufgewühlt. Ich habe einen Nachbarn, und immer wenn ich "sünnele", steht er auf dem Balkon und filmt mich. Kann es sein, dass er ein Trouble Taper ist?

A. Huggeli: Liebe Ulla, ich kann dich beruhigen. Ein Trouble Taper ist jemand, der Menschen in unangenehmen Situationen filmt, etwa beim Frieren, beim Stolpern oder bei Familientreffen. Ich gehe davon aus, dass dir, wenn du dich in die Sonne legst, wohl dabei ist, sonst würdest du es ja wohl nicht machen. Deshalb kann dein Nachbar kein Trouble Taper sein, sondern ist wohl nur ein ganz gewöhnlicher Spanner, über den du dir keine weiteren Gedanken machen musst.

Freddy (52): Hallo, weisst du, wo ich geile Filme bekomme? Am liebsten mit so Leuten, die warten müssen und ungeduldig sind. So im Coop an der Kasse oder am Postschalter. Stehe auch auf Filme von langweiligen Konferenzen und so, wo sich alle zusammenreissen müssen. Weisst du mehr? Wäre geil.

A. Huggeli: Lieber Freddy, da kann ich dir leider nicht weiterhelfen.


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