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Nachtsicht - Geheimnisse unserer Gesellschaft
Folge 7: Milchfrauen
Rund siebzig Liter Kuhmilch trinkt der
Durchschnittsschweizer im Jahr. Warum eigentlich ist es völlig
normal, Milch von der Kuh zu trinken, und gleichzeitig befremdend,
Muttermilch - menschliche Muttermilch - zu konsumieren?
Diese Frage hat sich auch eine Familie im Emmental gestellt und
keine befriedigende Antwort gefunden. Als Folge entstand ein
kleines Unternehmen, das in der ganzen Schweiz menschliche Milch
vertreibt, abgepumpt von so genannten Milchfrauen, die sich zur
Verfügung stellen, um etwas Geld zu verdienen oder auch
weil sie es gerne machen. Der Kundenkreis wächst rasant,
die Nachfrage nach Menschenmilch wird immer grösser: Eine
Marktlücke ist entdeckt.
Von Giuliano Musio.
Muttermilch schmeckt süsslicher als Kuhmilch,
sie ist dünnflüssiger, enthält wenig Eiweiss,
mehr Kohlenhydrate und viele ungesättigte Fettsäuren.
Housi Leuenberger, Vater einer achtköpfigen Familie, ist
bestens informiert. Und das muss er auch sein. Schliesslich vertreiben
er und seine Frau seit drei Jahren menschliche Milch in der ganzen
Schweiz. Die Leuenbergers führen einen kleinen Bauernhof
im Emmental. Nach der sechsten Schwangerschaft seiner Frau hatte
Housi die einschlagende Idee, statt Kuhmilch Menschenmilch zu
verkaufen. Der Rest der Familie war sofort begeistert. Per Inserat
wurde nach Frauen gesucht, die bereit waren, ihre Muttermilch
gegen Entlöhnung an das Unternehmen abzugeben. Inzwischen
arbeiten bereits rund dreissig Frauen für die Leuenbergers.
Das Gute ist: Selbst wenn eine Geburt schon ein paar Jahre zurückliegt,
produziert die Frau durch das tägliche Abpumpen weiterhin
ihre Milch und kann sich so eine längerfristige Arbeitsstelle
auf dem Bauernhof sichern.
Kein Zuckerschlecken
Eine Milchfrau zu sein ist ein harter Job. Natascha T., die sich
zu einem Gespräch bereit erklärt, sagt: "Man könnte
denken, dass wir Milchfrauen einfach nur dasitzen und nichts
machen müssen, aber so ist das nicht." Bereits früh
morgens muss sie pünktlich zum Melken auf dem Bauernhof
erscheinen. Die Melkbecher werden ihr dann über die Brüste
gestülpt, auf die ein pulsierender Unterdruck ausgeübt
wird. Die Milch fliesst aus den Melkbechern über die Milchschläuche
in den Milchabschneider. Dort wird das Vakuum abgebaut, die Milch
wird in einen Sammeltank gepumpt. Natascha T. muss, wie alle
Milchfrauen, zudem täglich Brennnesseln, Kümmel, Änis
und Fenchel zu sich nehmen, weil dies den Milchfluss fördert.
Da sich die Ernährung auch auf den Geschmack der Muttermilch
auswirkt, ist Natascha T. verpflichtet, genau Protokoll über
ihre Mahlzeiten zu führen. Dennoch liebt sie ihren Beruf.
"Man ist täglich in der Natur", sagt sie, "und
ausserdem mag ich körperliche Arbeit."
Die Idee der Leuenbergers schlug ein wie eine Bombe. Bald schon
gab es weitaus mehr Kunden als angestellte Frauen. Und es werden
stetig noch mehr. Das Familienunternehmen scheint ein weites
Bedürfnis abzudecken, von dem zuvor nicht einmal jemand
wusste. Doch welche Menschen wollen Muttermilch trinken? Und
warum?
Die Macht der Erinnerung
"Eine schwierige Frage",
gibt Diplompsychologin Annette Huggeli zu. "Fest steht,
dass die Muttermilch bei jedem Menschen, selbst wenn er sich
darüber nicht bewusst ist, tiefe Gefühle auslösen
muss. Schliesslich ist es jenes Nahrungsmittel, das uns zu unseren
Ursprüngen zurückführt. Ausserdem ist erwiesen,
dass die Muttermilch beim Neugeborenen die allerersten Glücksgefühle
auslöst." Kann es also sein, dass Menschen die Muttermilch
der Leuenbergers kaufen, weil sie unbewusst zu diesem ersten
ursprünglichen Glücksgefühl zurück wollen?
"Das mag durchaus ein Grund sein", meint Huggeli, "ein
anderer Grund wäre die Macht der Erinnerung: Erinnerung
funktioniert häufig über Gerüche und Geschmäcker:
Selbst wenn man nach vielen Jahren wieder einem einzigartigen
Geruch aus der Kindheit begegnet, ist man gefühlsmässig
sofort in jene Zeit zurückversetzt. Wenn Erwachsene von
Muttermilch kosten und diesen längst vergessenen Geschmack
wieder auf der Zunge haben, dann kann dies durchaus die Gefühle
der Geborgenheit wecken, die man als Neugeborenes während
des Stillens gehabt hat." Für Annette Huggeli gibt
es aber auch noch eine dritte plausible Erklärung: "Unter
den Kunden sind sicher auch viele Menschen wie du und ich, die
einfach nur neugierig sind und die Menschenmilch mal ausprobieren
wollen. Man muss auch bedenken, dass es für viele Männer
durchaus üblich ist, von der Milch ihrer Ehefrau zu kosten
- so was passiert einfach und muss nicht weiter hinterfragt
werden."
Ein ganzes Sortiment aus Frauenmilch
Der Erfolg macht sich für die
Leuenbergers bezahlt. Inzwischen ist bereits das Sortiment erweitert
worden; etwa um einen schmackhaften Schimmelkäse aus Frauenmilch,
der von der Kundschaft auf Anhieb geliebt wurde. Ausserdem wird
die Milch jetzt in verschiedenen Geschmacksrichtungen verkauft,
je nach Ernährung der jeweiligen Milchfrau. Im nächsten
Jahr wollen die Leuenbergers ein ganz exquisites Produkt auf
den Markt bringen: In Zusammenarbeit mit Parisienne wird die
so genannte "Parisienne Milk" vertrieben: Muttermilch
von starken Raucherinnen. Denn auch häufiges Rauchen verändert
den Geschmack der Milch und gibt ihr die herbe Note von Tabak
und Nikotin. Die Vorbestellungen häufen sich bereits. Denn:
"Parisienne Milk" darf man trotz Rauchverbot in den
Zügen konsumieren.
| Haben Sie Fragen oder Anmerkungen
zu Milchfrauen? Oder sind Sie persönlich betroffen und brauchen
einen Rat? Wenden Sie sich an Diplompsychologin Annette Huggeli.
Ihre Mail wird schnellstmöglich beantwortet: annette.huggeli@netzmagazin.ch. |
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Fragen und Antworten zu Trouble Taping
Hier beantwortet Annette Huggeli Ihre Fragen
zur letzten Folge.
Ulla (24): Ihr Artikel über Trouble
Taping hat mich aufgewühlt. Ich habe einen Nachbarn, und
immer wenn ich "sünnele", steht er auf dem Balkon
und filmt mich. Kann es sein, dass er ein Trouble Taper ist?
A. Huggeli: Liebe Ulla, ich kann dich beruhigen.
Ein Trouble Taper ist jemand, der Menschen in unangenehmen Situationen
filmt, etwa beim Frieren, beim Stolpern oder bei Familientreffen.
Ich gehe davon aus, dass dir, wenn du dich in die Sonne legst,
wohl dabei ist, sonst würdest du es ja wohl nicht machen.
Deshalb kann dein Nachbar kein Trouble Taper sein, sondern ist
wohl nur ein ganz gewöhnlicher Spanner, über den du
dir keine weiteren Gedanken machen musst.
Freddy (52): Hallo, weisst du, wo ich geile
Filme bekomme? Am liebsten mit so Leuten, die warten müssen
und ungeduldig sind. So im Coop an der Kasse oder am Postschalter.
Stehe auch auf Filme von langweiligen Konferenzen und so, wo
sich alle zusammenreissen müssen. Weisst du mehr? Wäre
geil.
A. Huggeli: Lieber Freddy, da kann ich dir
leider nicht weiterhelfen.
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