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Ersatzreligion Mode
Schöner Schein oder religiöses Sein?
Eines haben Modeboutiquen und Kirchen ja
gemeinsam: Beide bieten offene Türen. Einziger Unterschied:
Am ersten Ort wird eingetreten, am zweiten ausgetreten. Kein
Wunder, wird die Mode gemeinhin als Ersatzreligion bezeichnet.
Von Franziska Leuenberger.
Gucci, Armani, Prada, Versace oder Dolce &
Gabbana heissen die Luxusmarken, wie man sie in der Pariser Champs
Elysée oder in der Zürcher Bahnhofstrasse findet.
Seit längerem bieten diese Boutiquen mehr als nur Mode an:
Während die Kirche zunehmend um Mitglieder kämpfen
muss, sind Namen, Marken und Labels längst zur Ersatzreligion
geworden.
Jung, schön, erfolgreich
Das deutsche Supermodel Heidi Klum
macht es vor: Jung, schön, erfolgreich und seit neuestem
auch noch TV-Star: Ihre Sendung "Germany's Next Topmodel"
sorgte wegen des vorgelebten Mode- und Schlankheitswahns zwar
für Aufregung, wurde jedoch nicht abgesetzt. Von den Medienschaffenden
wurde diese Entscheidung als richtig bewertet: Schlanke und sexy
gekleidete Leute gehören schliesslich zu unserem Alltagsbild,
die Fernsehshow ist nichts anderes als Spiegel der Realität.
Trendig und sexy muss die junge Mode von heute
sein, frau will gefallen. - Und zwar nicht nur die Jet-Setterin,
die verwöhnte Millionärstochter oder das Hollywood-Sternchen.
Eine Marktlücke wurde entdeckt: Seit modischer Glanz und
Glamour auch für Ottilie Normalverbraucher erschwinglich
geworden ist, nimmt das Buhlen um die (Kauf-)Gunst in den Shoppingmeilen
täglich zu: Gap, Blue Dog, Orsay, Tally Weijl oder Hennes
& Mauritz lauten die Namen, die mit diesem Konzept erreichen,
wovon Kirchen nur träumen können: Gute Frequenz bis
zu wellenartigen Anstürmen, wenn wieder mal die Schnäppchenjagd
eröffnet und die Ware noch günstiger zu erstehen ist
als sonst schon.
Schuluniform?
Mode als Luxus- oder Gebrauchsgut? "Kleidung ist zum Anziehen
da", ist sich die ältere Generation einig. Klar, dass
das zuvor erstandene Schnäppchen also auch in der Schule
stolz zur Schau getragen werden kann. Ist es daher erstaunlich,
dass die Schuluniform in der Schweiz seit jüngstem wieder
ein Thema ist? Der (un-)freiwillige Blick auf Stringtangas gehört
vielleicht schon bald der Vergangenheit an. Die vor kurzem an
Schweizer Schulen durchgeführten uniformierten Testphasen
sind jedenfalls auf positives Echo gestossen. Die Schüler
waren so zumindest im Schulzimmer vom modischen Gruppendruck
befreit und konnten sich zur Freude beider Parteien wieder besser
auf ihre schulischen Leistungen konzentrieren. Soll für
Schweizer Kinder und Jugendliche Realität werden, was in
anderen Ländern und Kulturen schon lange Alltag ist? Dank
fehlenden Geldern und föderativem Bildungssystem wird diese
Hoffnung für alle Eltern wohl eher ein Wunschtraum bleiben.
Eine Modeerscheinung
Mode als Ersatzreligion existiert nicht erst seit gestern - ein
Grund mehr, dem Begriff nachzugehen. Bis heute findet zwar keine
Religionsdefinition allgemeine Anerkennung; jedoch interessiert
die Etymologie des Wortes, welche sich unter anderem auf das
lateinische "religare" bezieht, zu Deutsch "festhalten,
an etwas festmachen". Kann die Mode die Religion als Halt
fürs Leben wirklich ersetzen?
Abgesehen davon, dass der Mode nicht in allen Glaubensrichtungen
dieselbe Bedeutung zukommt, darf nämlich eines nicht vergessen
werden: Auch Sport, Politik oder der Beruf kann zur Ersatzreligion
werden, zu dem, woran man sich festhält. Anders als die
eigentliche Religion sind diese Werte jedoch vergänglich;
nirgends wird dies besser ersichtlich als bei den ständig
wechselnden Modetrends. Und gibt es mit Rockstar Bono oder Popsängerin
Madonna nicht zunehmend mehr modebewusste Leute, die sich sogar
öffentlich zu ihrem Glauben, ihrer Religion bekennen? Die
Mode als Ersatzreligion ist nichts anderes als eine "Modeerscheinung".
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