|
God is a DJ
Sekten und Ersatzreligionen im Vormarsch?
Die meisten Menschen suchen auch heute
noch Hilfestellung und Erklärungen für ihr Leben. Deshalb
auch der Zulauf bei den Sekten und Ersatzreligionen. Doch nicht
nur die neuen, sondern auch die etablierten Religionen schienen
neuerdings eine Renaissance zu erleben.
Von Chantal Zoelly.
"God is a DJ" - mit diesem Song
trifft Faithless den Kern eines auffälligen Phänomens
der westlichen Welt. Während in den islamischen Ländern
der religiöse Fundamentalismus im Vormarsch ist, ist in
der westlichen Welt genau die umgekehrte Tendenz zu beobachten.
In den mitteleuropäischen Ländern treten immer mehr
Menschen aus den etablierten christlichen Kirchen aus. Auch in
der Schweiz ist die Zahl der Kirchenaustritte immer wieder Diskussionsthema.
Doch warum wenden sich so viele von der Kirche
ab? Vielen sind Religion und Kirche zu altmodisch, zu hierarchisch
oder sie können schlichtweg nichts damit anfangen. Das materialistische
Denken und die Tendenz zur persönlichen Freiheit nehmen
zu. Andere orientieren sich an den rationellen Welterklärungsmodellen
der Naturwissenschaft.
Suche nach dem Sinn des Lebens
Doch so ganz glücklich scheint
dabei kaum jemand zu sein. Die wenigsten sind überzeugte
Atheisten. Fast jeder ist auf der Suche nach Spiritualität,
Lebenssinn und Orientierung. Wie gross dieses Bedürfnis
ist, zeigt ein Blick in die Regale der Buchläden. Im Ratgeberecken
quellen die Regale über mit Lebenshilfen, Motivationstraining,
Anleitungen zum Glücklichsein. Auch Meditations- und Entspannungskurse,
Yoga, Astrologie, Esoterikratgeber und ähnliches boomt.
Doch woher all diese Orientierungslosigkeit?
Religionsfreiheit, Wertepluralität, wachsender Wohlstand:
Was auf den ersten Blick als grosse Freiheit und Errungenschaft
der westlichen Welt erscheint, wird für viele zur Qual der
Wahl. In einer Welt, in der vieles möglich und akzeptabel
ist, fragen sie sich: Woran glaube ich? Welche Werte sind mir
wichtig? Was ist richtig und falsch? Gibt es einen höheren
Sinn für das Leben? Die Kirche mag für viele out sein,
doch die Sehnsucht nach einem Wertesystem, Spiritualität,
nach dem Besonderen, oder einfach nach Identität und Gemeinschaft,
bleibt.
Boom der Ersatzreligionen
Zwar ist eine Abkehr von den christlichen
Grosskirchen zu beobachten, gleichzeitig wenden sich viele den
verschiedensten Formen von Ersatzreligionen zu. Die Auswahl ist
gross. Wie in einem Supermarkt ist für jeden etwas dabei.
Jeder kann sich aus dem Regal nehmen, was am besten gefällt.
Viele suchen ihr Heil in einem profanen Glaubensersatz.
So postuliert ein Artikel auf der 3sat-Webseite den Konsum als
Ersatzreligion unserer Zeit. Der Text betont, dass Einkaufsparadiese
"als Kathedralen des Konsums" das Paradies und die
Erfüllung im Diesseits versprechen. Konsum und Markenartikel
werden zum Kult und zur Konfession: "Sieh her, welche Marke
ich kaufe und was das über mich aussagt".
Für andere wird der Fussball zur Ersatzreligion.
Kaum ein Sport weckt so viele Emotionen und Aggressionen wie
der Fussball. Das Gemeinschafts- und Identitätsgefühl
in den Stadien ist gross. Wieder andere wenden sich dem Schönheits-
und Fitnesswahn zu und hoffen durch "ewige Jugend"
den Sinn des Lebens zu finden. Und schliesslich und endlich gibt
es die Hip-Hop und Technoszene, in der die jüngere Generation
vom Alltag abschaltet und sich von den lauten Beats und Ecstasy
für ein paar Stunden in andere Sphären tragen lässt.
..und der Sekten, den so genannten neuen
Religionen
Die einen suchen ihr Heil bei einer
irdischen Ersatzreligion, die andern suchen in neuen Religionsformen
ihr überirdisches Glück, Heil und Erlösung. Eine
Unzahl von religiösen Splittergruppen, die oft auf christlichen
oder buddhistischen Wurzeln beruhen, erfreut sich grossen Zulaufs.
Im weitesten Sinne fällt auch die Esoterik in diesen Bereich.
Einige dieser Gruppen sind durchaus seriös
und ernsthaft in ihren Anliegen, andere weniger. Diese werden
oft abfällig als Sekte bezeichnet. Der Begriff "Sekte"
selbst ist mindestens so alt wie das Christentum. Die ersten
Christen wurden selbst als Sekte bezeichnet. Später bezeichnete
die Kirche Teilströmungen oder Religionsgemeinschaften,
die in ihrer Lehre von Kirchlichen Dogmen abwichen, als Sekten.
Viele dieser ehemaligen "Sekten" sind mittlerweile
anerkannte und etablierte Freikirchen geworden, z.B. die Methodisten
oder die Baptisten.
Sekten gibt es ausserdem in allen Weltreligionen.
Eine Sekte gilt dabei entweder als eine Abspaltung von der Mutterreligion,
wie im Christentum oder im Islam, oder einzelne Sekten bilden
mit andern zusammen erst das Ganze, wie im Hinduismus. In diesem
Sinne muss eine Sekte nicht unbedingt etwas Negatives sein. Deshalb
werden neue religiöse Gruppierungen im wissenschaftlichen
oder juristischen Bereich, politisch korrekt, eher als "neue
Religionsgemeinschaften" bezeichnet.
Wiedergeburt im System des Syrius
Es gibt, gerade in der heutigen Zeit, einige Gründe, weshalb
Sekten mit Argwohn betrachtet werden. Wer ist nicht schon mal
auf öffentlichen Plätzen von einem Scientology-Mitglied
zu einem Persönlichkeitstest eingeladen worden und wer kennt
nicht die Zeugen Jehovas, die an der Haustür klingeln und
einem einen Watch Tower Flyer in die Hand drücken? Den meisten
Sekten ist gemeinsam, dass sie aggressiv missionieren, ihre religiöse
Lehre über alles erheben, die Mitglieder finanziell ausbeuten
und ihre Lebensführung überwachen.
Eine der früheren Sekten des 20 Jahrhunderts
war die auf asiatischen Wurzeln beruhende Hare-Krishna-Bewegung,
die in der Hippie Welle der späten Sechziger in den USA
entstand. Noch heute begegnet man den safrangelb gewandeten Jüngern.
Allerdings wurden der Bewegung schon Gehirnwäsche und aggressive
Methoden bei der Bekehrung Jugendlicher vorgeworfen.
Ein makaberes Beispiel aus neuerer Zeit sind
die Sonnentempler. Die Bewegung entstand in Kanada, Frankreich
und der französischen Schweiz und war zunächst wie
eine Freimaurerloge organisiert. Die Anführer waren der
Auffassung, dass der Tod eine Illusion sei. Diese Lehre eskalierte
mit der Absicht, dass die Gruppe durch ihren kollektiven Tod
im System des Syrius wiedergeboren werden sollte um dort eine
neue Menschheit zu begründen. Die mindestens 60 Toten unter
anderem in der Schweiz machten in den 90er Jahren Schlagzeilen
und brachten damit das Thema Sekten in die Medien.
Rückkehr zur Religion?
Mittlerweile ist es ruhiger geworden
um Sekten, doch existieren sie immer noch weiter, denn das Bedürfnis
der Menschen nach Orientierung und Halt ist nach wie vor ungebrochen.
Für Faithless mag Gott ein DJ sein, die
meisten Menschen suchen aber nach einer höheren Form von
Erklärungsmuster für ihr Leben. Deshalb auch der Zulauf
bei den neuen Religionen. Doch nicht nur die neuen, sondern auch
die etablierten Religionen schienen neuerdings eine Renaissance
zu erleben.
So finden, gemäss dem 3sat Artikel, nicht
nur Aufenthalte in Klöstern und Esoterikkurse breiten Zuspruch,
sondern auch die Kirchen gewinnen wieder an Popularität.
Die Kirchenaustritte stagnieren und die Wiedereintritte nehmen
zu. Die, die im Selbstbedingungsladen Alternativreligionen nicht
fündig wurden, scheinen also wieder zu altbewährten
Werten zurückkehren. Und für die andern gibt's immer
noch den Selbsthilferatgeber aus dem Buchladen oder die Persönlichkeitsberatung
von Scientology.
www.3sat.de/delta/86412/index.html
|