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Nr. 141 / März 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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God is a DJ
Sekten und Ersatzreligionen im Vormarsch?

Die meisten Menschen suchen auch heute noch Hilfestellung und Erklärungen für ihr Leben. Deshalb auch der Zulauf bei den Sekten und Ersatzreligionen. Doch nicht nur die neuen, sondern auch die etablierten Religionen schienen neuerdings eine Renaissance zu erleben.

Von Chantal Zoelly.

"God is a DJ" - mit diesem Song trifft Faithless den Kern eines auffälligen Phänomens der westlichen Welt. Während in den islamischen Ländern der religiöse Fundamentalismus im Vormarsch ist, ist in der westlichen Welt genau die umgekehrte Tendenz zu beobachten. In den mitteleuropäischen Ländern treten immer mehr Menschen aus den etablierten christlichen Kirchen aus. Auch in der Schweiz ist die Zahl der Kirchenaustritte immer wieder Diskussionsthema.

Doch warum wenden sich so viele von der Kirche ab? Vielen sind Religion und Kirche zu altmodisch, zu hierarchisch oder sie können schlichtweg nichts damit anfangen. Das materialistische Denken und die Tendenz zur persönlichen Freiheit nehmen zu. Andere orientieren sich an den rationellen Welterklärungsmodellen der Naturwissenschaft.

Suche nach dem Sinn des Lebens
Doch so ganz glücklich scheint dabei kaum jemand zu sein. Die wenigsten sind überzeugte Atheisten. Fast jeder ist auf der Suche nach Spiritualität, Lebenssinn und Orientierung. Wie gross dieses Bedürfnis ist, zeigt ein Blick in die Regale der Buchläden. Im Ratgeberecken quellen die Regale über mit Lebenshilfen, Motivationstraining, Anleitungen zum Glücklichsein. Auch Meditations- und Entspannungskurse, Yoga, Astrologie, Esoterikratgeber und ähnliches boomt.

Doch woher all diese Orientierungslosigkeit? Religionsfreiheit, Wertepluralität, wachsender Wohlstand: Was auf den ersten Blick als grosse Freiheit und Errungenschaft der westlichen Welt erscheint, wird für viele zur Qual der Wahl. In einer Welt, in der vieles möglich und akzeptabel ist, fragen sie sich: Woran glaube ich? Welche Werte sind mir wichtig? Was ist richtig und falsch? Gibt es einen höheren Sinn für das Leben? Die Kirche mag für viele out sein, doch die Sehnsucht nach einem Wertesystem, Spiritualität, nach dem Besonderen, oder einfach nach Identität und Gemeinschaft, bleibt.

Boom der Ersatzreligionen
Zwar ist eine Abkehr von den christlichen Grosskirchen zu beobachten, gleichzeitig wenden sich viele den verschiedensten Formen von Ersatzreligionen zu. Die Auswahl ist gross. Wie in einem Supermarkt ist für jeden etwas dabei. Jeder kann sich aus dem Regal nehmen, was am besten gefällt.

Viele suchen ihr Heil in einem profanen Glaubensersatz. So postuliert ein Artikel auf der 3sat-Webseite den Konsum als Ersatzreligion unserer Zeit. Der Text betont, dass Einkaufsparadiese "als Kathedralen des Konsums" das Paradies und die Erfüllung im Diesseits versprechen. Konsum und Markenartikel werden zum Kult und zur Konfession: "Sieh her, welche Marke ich kaufe und was das über mich aussagt".

Für andere wird der Fussball zur Ersatzreligion. Kaum ein Sport weckt so viele Emotionen und Aggressionen wie der Fussball. Das Gemeinschafts- und Identitätsgefühl in den Stadien ist gross. Wieder andere wenden sich dem Schönheits- und Fitnesswahn zu und hoffen durch "ewige Jugend" den Sinn des Lebens zu finden. Und schliesslich und endlich gibt es die Hip-Hop und Technoszene, in der die jüngere Generation vom Alltag abschaltet und sich von den lauten Beats und Ecstasy für ein paar Stunden in andere Sphären tragen lässt.

..und der Sekten, den so genannten neuen Religionen
Die einen suchen ihr Heil bei einer irdischen Ersatzreligion, die andern suchen in neuen Religionsformen ihr überirdisches Glück, Heil und Erlösung. Eine Unzahl von religiösen Splittergruppen, die oft auf christlichen oder buddhistischen Wurzeln beruhen, erfreut sich grossen Zulaufs. Im weitesten Sinne fällt auch die Esoterik in diesen Bereich.

Einige dieser Gruppen sind durchaus seriös und ernsthaft in ihren Anliegen, andere weniger. Diese werden oft abfällig als Sekte bezeichnet. Der Begriff "Sekte" selbst ist mindestens so alt wie das Christentum. Die ersten Christen wurden selbst als Sekte bezeichnet. Später bezeichnete die Kirche Teilströmungen oder Religionsgemeinschaften, die in ihrer Lehre von Kirchlichen Dogmen abwichen, als Sekten. Viele dieser ehemaligen "Sekten" sind mittlerweile anerkannte und etablierte Freikirchen geworden, z.B. die Methodisten oder die Baptisten.

Sekten gibt es ausserdem in allen Weltreligionen. Eine Sekte gilt dabei entweder als eine Abspaltung von der Mutterreligion, wie im Christentum oder im Islam, oder einzelne Sekten bilden mit andern zusammen erst das Ganze, wie im Hinduismus. In diesem Sinne muss eine Sekte nicht unbedingt etwas Negatives sein. Deshalb werden neue religiöse Gruppierungen im wissenschaftlichen oder juristischen Bereich, politisch korrekt, eher als "neue Religionsgemeinschaften" bezeichnet.

Wiedergeburt im System des Syrius
Es gibt, gerade in der heutigen Zeit, einige Gründe, weshalb Sekten mit Argwohn betrachtet werden. Wer ist nicht schon mal auf öffentlichen Plätzen von einem Scientology-Mitglied zu einem Persönlichkeitstest eingeladen worden und wer kennt nicht die Zeugen Jehovas, die an der Haustür klingeln und einem einen Watch Tower Flyer in die Hand drücken? Den meisten Sekten ist gemeinsam, dass sie aggressiv missionieren, ihre religiöse Lehre über alles erheben, die Mitglieder finanziell ausbeuten und ihre Lebensführung überwachen.

Eine der früheren Sekten des 20 Jahrhunderts war die auf asiatischen Wurzeln beruhende Hare-Krishna-Bewegung, die in der Hippie Welle der späten Sechziger in den USA entstand. Noch heute begegnet man den safrangelb gewandeten Jüngern. Allerdings wurden der Bewegung schon Gehirnwäsche und aggressive Methoden bei der Bekehrung Jugendlicher vorgeworfen.

Ein makaberes Beispiel aus neuerer Zeit sind die Sonnentempler. Die Bewegung entstand in Kanada, Frankreich und der französischen Schweiz und war zunächst wie eine Freimaurerloge organisiert. Die Anführer waren der Auffassung, dass der Tod eine Illusion sei. Diese Lehre eskalierte mit der Absicht, dass die Gruppe durch ihren kollektiven Tod im System des Syrius wiedergeboren werden sollte um dort eine neue Menschheit zu begründen. Die mindestens 60 Toten unter anderem in der Schweiz machten in den 90er Jahren Schlagzeilen und brachten damit das Thema Sekten in die Medien.

Rückkehr zur Religion?
Mittlerweile ist es ruhiger geworden um Sekten, doch existieren sie immer noch weiter, denn das Bedürfnis der Menschen nach Orientierung und Halt ist nach wie vor ungebrochen.

Für Faithless mag Gott ein DJ sein, die meisten Menschen suchen aber nach einer höheren Form von Erklärungsmuster für ihr Leben. Deshalb auch der Zulauf bei den neuen Religionen. Doch nicht nur die neuen, sondern auch die etablierten Religionen schienen neuerdings eine Renaissance zu erleben.

So finden, gemäss dem 3sat Artikel, nicht nur Aufenthalte in Klöstern und Esoterikkurse breiten Zuspruch, sondern auch die Kirchen gewinnen wieder an Popularität. Die Kirchenaustritte stagnieren und die Wiedereintritte nehmen zu. Die, die im Selbstbedingungsladen Alternativreligionen nicht fündig wurden, scheinen also wieder zu altbewährten Werten zurückkehren. Und für die andern gibt's immer noch den Selbsthilferatgeber aus dem Buchladen oder die Persönlichkeitsberatung von Scientology.

www.3sat.de/delta/86412/index.html


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