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Interview mit Luzia Brugger
"Heute weise ich jede Art von Religion ab"
Luzia Brugger war 17 Jahre alt, als sie
der Glaubensgemeinschaft Divine Light Mission (heute bekannt
unter dem Namen Elan Vital) beitrat. 1993 distanzierte sie sich
nach 18 Jahren von der Organisation und hat alle Verbindungen
abgebrochen.
Von Anita Kiser.
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Luzia Brugger |
Gleich zu Beginn des Gesprächs musste
ich meine Vorstellung von Luzia, dem Sektenmitglied, revidieren.
Und so führten wir ein Gespräch über eine Frau,
die sich bewusst vom christlichen Glauben abgewandt hat, um einen
Ersatzglauben zu finden - und nicht fündig wurde.
Das Netzmagazin: Was genau hat dich an
Divine Light Mission fasziniert?
Luzia Brugger: Mit 17 Jahren war ich sehr
mit der Frage beschäftigt, was mir das Leben bringt, wohin
ich gehen will und was der Sinn des Lebens ist. Die Kirche hatte
für mich etwas Einengendes. Ich war immer ein sehr kritischer
Mensch und auf der Suche nach einer praktischen Form, die mir
erlaubt, Religion zu leben, zu spüren. Vom christlichen
Glauben kenne ich hauptsächlich das Beten, für mich
eher eine Kopfsache.
Einer der Schüler zeigte dann im Jugendhaus des Dorfes,
wo ich aufwuchs, einen Film über seinen Lebensalltag mit
Divine Light Mission. Diese Glaubensgemeinschaft versprach einen
körperorientierten Ansatz: Meditation. Verschiedene Techniken
sollen dir zur inneren Ausgeglichenheit und mehr Selbstbestimmung
verhelfen. Sich nicht nur von äusseren Einflüssen und
Emotionen beeinflussen lassen. Der Guru selber sagt, er bringe
nichts Neues, aber einen praktischen Ansatz um all das, was andere
Religionen erzählen, erleben zu können. Und dann reizte
mich natürlich das Exotische: eine Lehre, die von Indien
kam. Ende der 68er war eine Zeit, in der Spiritualität und
Selbsterfahrung grosse Themen waren. Und nicht zuletzt rebellierte
ich - gegen die Gesellschaft, gegen das Elternhaus.
Warum ist Divine Light Mission keine Sekte?
In einer Sekte gibt es klar definierte Regeln.
Ausserhalb dieser Regeln gibt es keinen Handlungsraum. In dieser
Gruppierung aber hatte ich viele Freiheiten. Ich hatte auch keine
Probleme, als ich mich nach 18 Jahren wieder von der Gruppierung
distanzierte. Für mich war es eine Meditationsgemeinschaft
mit einem Meister, einem Oberhaupt. Es gab auch Leute, die für
diese Gemeinschaft alles aufgegeben haben und in so genannten
Ashrams (Kloster) lebten. Wie stark du dich dieser Gemeinschaft
widmen wolltest, war dir überlassen.
Wie hat dein Umfeld auf deinen Beitritt
reagiert?
Zu dieser Zeit herrschte eine grosse Angst
vor Neuem. Immer wenn du etwas radikal machst, reagiert dein
Umfeld empfindlich. Sie denken, du handelst gegen sie.
Und wie hat er deinen Alltag verändert?
Der Beitritt hat meinen Alltag insoweit beeinflusst,
als er mir einen Zugang zu Spiritualität und Meditation
öffnete. Zu Beginn ging ich noch in die Lehre, später
arbeitete ich. Am Abend gab es zwei bis drei Zusammenkünfte,
so genannte Satsangs. Da sprach jemand über seine Erfahrungen
im Alltag. Ob man daran teilnahm oder auch selber sprach, war
frei. Es gab auch hier keine Pflichten. Ich selber habe morgens
und abends meditiert. Ansonsten gab es keine weiteren Rituale.
Welche Rolle spielte der Guru?
Der begab sich immer wieder auf Reisen um
die ganze Welt und hielt Vorträge. Ich besuchte mindestens
einmal im Jahr einen solchen Vortrag. Im Nachhinein sehe ich
es so: Leute geben gerne Verantwortung ab. Sei es nun dem Papst
oder dem Guru. Diese können aus meiner Sicht Neues aufzeigen
und begleiten, doch sollte nach einer gewissen Zeit eine Ablösung
in die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung stattfinden.
Wie war dein Verhältnis zum Guru?
Sehr zwiespältig. Das, was er predigte,
war sehr inspirierend und bewog mich, mich im Alltag mehr anzustrengen,
mich weiterzuentwickeln. Ich war mit mir selber im Reinen, ausgeglichen.
Er hatte auch eine faszinierende Ausstrahlung, eine Kraft. Auf
der anderen Seite kritisierte ich immer, dass er selber zu sehr
im Luxus lebt. Das hat mich gestört.
Was hat dich zum Ausstieg bewogen?
Einerseits die bereits besprochenen Zweifel
und die Kritik am Lebensstil des Gurus. Den Grundgedanken seiner
Religion finde ich nach wie vor gut. Aber er könnte mehr
daraus machen. Da fasziniert mich ein Mahatma Gandhi viel mehr,
der hat mehr geleistet als Guru Maharaji. Er kann daher für
mich ein Vorbild sein. In dieser Gemeinschaft hatte ich aber
auch das Gefühl, dass schlussendlich jeder mit sich selbst
beschäftigt war, anstatt diese gewonnene Energie und Kraft
gemeinsam umzusetzen, beispielsweise indem man sozial tätig
ist. Vieles, was mich an der Kirche störte und mich zum
Austritt bewogen hatte, fand ich bei Divine Light Mission wieder.
Im Grunde war es dasselbe, nur dass sie noch den Reiz des Exotischen
aufwies. Und vor allem wollte ich eines Tages meinen eigenen
Weg gehen - und brauchte keinen Guru mehr.
Warum bist du trotzdem beinahe 20 Jahre
geblieben?
Ich war so lange dabei, weil ich nur am Rande
Teil dieser Gemeinschaft war. Ich nahm mir mit der Zeit nur die
Dinge heraus, die mir gut taten und den Rest liess ich stehen.
Dann war ich mit einem Mann verheiratet, der auch in dieser Gemeinschaft
war. Unsere Beziehung war nicht einfach und ich schrieb viele
unserer Probleme dem Grund zu, dass ich spirituell noch nicht
weit genug war. Unsere Schwierigkeiten in der Partnerschaft wollte
ich dadurch lösen, dass ich mehr meditierte. Ich war der
Meinung, dass alle Probleme zu lösen seien, wenn ich ein
spirituelles Niveau erreiche.
Bist du ein gläubiger Mensch?
Ich weise heute jede Art von Religion ab.
Ich bin enttäuscht. Friede und Liebe sollte umsetzbar sein,
doch herrschen immer noch Intoleranz, Machtanspruch und Glaubenskrieg.
Mich interessiert mehr die Praxis - eigene Erfahrungen, die ich
im Alltag umsetzten kann. Meditation ist da eine Möglichkeit.
Auch Begegnungen mit integeren Menschen sind für mich inspirierend.
Rückblickend ist mir ein Satz aus der Bibel geblieben:"
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst".
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