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Nr. 141 / März 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Interview mit Luzia Brugger
"Heute weise ich jede Art von Religion ab"

Luzia Brugger war 17 Jahre alt, als sie der Glaubensgemeinschaft Divine Light Mission (heute bekannt unter dem Namen Elan Vital) beitrat. 1993 distanzierte sie sich nach 18 Jahren von der Organisation und hat alle Verbindungen abgebrochen.

Von Anita Kiser.

Luzia Brugger
Gleich zu Beginn des Gesprächs musste ich meine Vorstellung von Luzia, dem Sektenmitglied, revidieren. Und so führten wir ein Gespräch über eine Frau, die sich bewusst vom christlichen Glauben abgewandt hat, um einen Ersatzglauben zu finden - und nicht fündig wurde.

Das Netzmagazin: Was genau hat dich an Divine Light Mission fasziniert?

Luzia Brugger: Mit 17 Jahren war ich sehr mit der Frage beschäftigt, was mir das Leben bringt, wohin ich gehen will und was der Sinn des Lebens ist. Die Kirche hatte für mich etwas Einengendes. Ich war immer ein sehr kritischer Mensch und auf der Suche nach einer praktischen Form, die mir erlaubt, Religion zu leben, zu spüren. Vom christlichen Glauben kenne ich hauptsächlich das Beten, für mich eher eine Kopfsache.
Einer der Schüler zeigte dann im Jugendhaus des Dorfes, wo ich aufwuchs, einen Film über seinen Lebensalltag mit Divine Light Mission. Diese Glaubensgemeinschaft versprach einen körperorientierten Ansatz: Meditation. Verschiedene Techniken sollen dir zur inneren Ausgeglichenheit und mehr Selbstbestimmung verhelfen. Sich nicht nur von äusseren Einflüssen und Emotionen beeinflussen lassen. Der Guru selber sagt, er bringe nichts Neues, aber einen praktischen Ansatz um all das, was andere Religionen erzählen, erleben zu können. Und dann reizte mich natürlich das Exotische: eine Lehre, die von Indien kam. Ende der 68er war eine Zeit, in der Spiritualität und Selbsterfahrung grosse Themen waren. Und nicht zuletzt rebellierte ich - gegen die Gesellschaft, gegen das Elternhaus.

Warum ist Divine Light Mission keine Sekte?

In einer Sekte gibt es klar definierte Regeln. Ausserhalb dieser Regeln gibt es keinen Handlungsraum. In dieser Gruppierung aber hatte ich viele Freiheiten. Ich hatte auch keine Probleme, als ich mich nach 18 Jahren wieder von der Gruppierung distanzierte. Für mich war es eine Meditationsgemeinschaft mit einem Meister, einem Oberhaupt. Es gab auch Leute, die für diese Gemeinschaft alles aufgegeben haben und in so genannten Ashrams (Kloster) lebten. Wie stark du dich dieser Gemeinschaft widmen wolltest, war dir überlassen.

Wie hat dein Umfeld auf deinen Beitritt reagiert?

Zu dieser Zeit herrschte eine grosse Angst vor Neuem. Immer wenn du etwas radikal machst, reagiert dein Umfeld empfindlich. Sie denken, du handelst gegen sie.

Und wie hat er deinen Alltag verändert?

Der Beitritt hat meinen Alltag insoweit beeinflusst, als er mir einen Zugang zu Spiritualität und Meditation öffnete. Zu Beginn ging ich noch in die Lehre, später arbeitete ich. Am Abend gab es zwei bis drei Zusammenkünfte, so genannte Satsangs. Da sprach jemand über seine Erfahrungen im Alltag. Ob man daran teilnahm oder auch selber sprach, war frei. Es gab auch hier keine Pflichten. Ich selber habe morgens und abends meditiert. Ansonsten gab es keine weiteren Rituale.

Welche Rolle spielte der Guru?

Der begab sich immer wieder auf Reisen um die ganze Welt und hielt Vorträge. Ich besuchte mindestens einmal im Jahr einen solchen Vortrag. Im Nachhinein sehe ich es so: Leute geben gerne Verantwortung ab. Sei es nun dem Papst oder dem Guru. Diese können aus meiner Sicht Neues aufzeigen und begleiten, doch sollte nach einer gewissen Zeit eine Ablösung in die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung stattfinden.

Wie war dein Verhältnis zum Guru?

Sehr zwiespältig. Das, was er predigte, war sehr inspirierend und bewog mich, mich im Alltag mehr anzustrengen, mich weiterzuentwickeln. Ich war mit mir selber im Reinen, ausgeglichen. Er hatte auch eine faszinierende Ausstrahlung, eine Kraft. Auf der anderen Seite kritisierte ich immer, dass er selber zu sehr im Luxus lebt. Das hat mich gestört.

Was hat dich zum Ausstieg bewogen?

Einerseits die bereits besprochenen Zweifel und die Kritik am Lebensstil des Gurus. Den Grundgedanken seiner Religion finde ich nach wie vor gut. Aber er könnte mehr daraus machen. Da fasziniert mich ein Mahatma Gandhi viel mehr, der hat mehr geleistet als Guru Maharaji. Er kann daher für mich ein Vorbild sein. In dieser Gemeinschaft hatte ich aber auch das Gefühl, dass schlussendlich jeder mit sich selbst beschäftigt war, anstatt diese gewonnene Energie und Kraft gemeinsam umzusetzen, beispielsweise indem man sozial tätig ist. Vieles, was mich an der Kirche störte und mich zum Austritt bewogen hatte, fand ich bei Divine Light Mission wieder. Im Grunde war es dasselbe, nur dass sie noch den Reiz des Exotischen aufwies. Und vor allem wollte ich eines Tages meinen eigenen Weg gehen - und brauchte keinen Guru mehr.

Warum bist du trotzdem beinahe 20 Jahre geblieben?

Ich war so lange dabei, weil ich nur am Rande Teil dieser Gemeinschaft war. Ich nahm mir mit der Zeit nur die Dinge heraus, die mir gut taten und den Rest liess ich stehen. Dann war ich mit einem Mann verheiratet, der auch in dieser Gemeinschaft war. Unsere Beziehung war nicht einfach und ich schrieb viele unserer Probleme dem Grund zu, dass ich spirituell noch nicht weit genug war. Unsere Schwierigkeiten in der Partnerschaft wollte ich dadurch lösen, dass ich mehr meditierte. Ich war der Meinung, dass alle Probleme zu lösen seien, wenn ich ein spirituelles Niveau erreiche.

Bist du ein gläubiger Mensch?

Ich weise heute jede Art von Religion ab. Ich bin enttäuscht. Friede und Liebe sollte umsetzbar sein, doch herrschen immer noch Intoleranz, Machtanspruch und Glaubenskrieg. Mich interessiert mehr die Praxis - eigene Erfahrungen, die ich im Alltag umsetzten kann. Meditation ist da eine Möglichkeit. Auch Begegnungen mit integeren Menschen sind für mich inspirierend. Rückblickend ist mir ein Satz aus der Bibel geblieben:" Liebe deinen Nächsten wie dich selbst".


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