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Nr. 141 / März 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein Aufruf zum Aberglauben
Demokratie als Religion

Tempel der Demokratie: das Kapitol in Washington

Wenn Politik Religion ist, so ist die Demokratie der Gott des Monotheismus. Nur durch sie kommen die Völker dieser Erde in ein glücklicheres Zeitalter. Und ihre Verbreitung dient zur Rechtfertigung von Gewaltanwendung, Mord und Unterdrückung. Dabei verliert diese Religion in ihren Stammlanden immer mehr Gläubige - oder gehen Sie regelmässig zum demokratischen Gottesdienst, den Abstimmungen und Wahlen?

Von Alain Zogg.

Es ist der 15. Oktober 1995. Überall im Irak gehen die Menschen wählen. Die einzige Frage an der Urne lautet: Soll Saddam Hussein Staatspräsident bleiben? Unter strenger Aufsicht von Beamten gehen 99,47 Prozent der Stimmberechtigten an die Urne. 99,99 Prozent von ihnen stimmen für eine weitere Amtszeit ihres Diktators. Von solch hoher Stimmbeteiligung können westliche Demokratien nur träumen (und ihre Präsidenten von solchen Wahlresultaten).

In der Schweiz sinkt die Beteiligung an eidgenössischen Volksabstimmungen kontinuierlich. Stand sie 1934 noch bei über 70%, so betrug sie 2004 noch knapp 45%. Das gleiche Niveau haben die Wahlen zum Europäischen Parlament erreicht. Auch in der Europäischen Union gingen 2004 nur noch rund 45% der Stimmberechtigten an die Urnen, um ihre Vertreter in Brüssel zu wählen.

Die Missionierung geht weiter
Trotz dieses Ausdrucks fehlenden Glaubens zu Hause versäumen es die Demokraten dieser Welt nicht, bei Andersgläubigen - wenn nötig mit Gewalt - zu missionieren. 2001 wurde Afghanistan bekehrt, 2003 folgte der Irak und der ungläubige Iran muss wohl nicht mehr allzu lange auf seine Konvertierung warten.

Es ist auffallend, dass die Grösse des militärischen und wirtschaftlichen Potenzials ebenso stark gegen eine Missionierung zu sprechen scheint, wie der Ölreichtum dafür. Nicht anders lässt sich erklären, wieso das nuklear bewaffnete Nordkorea ebenso wie die Grossmacht China weiterhin ihre falschen Götzen anbeten dürfen. Dagegen mussten die Syrier aus Libanon genauso weg wie die Taliban aus Afghanistan.

Heilsversprechungen
Die Versprechen der Demokraten sind denkbar einfach, sowohl in der Ferne, als auch bei ihnen zu Hause. Freiheit, Sicherheit, Chancengleichheit für alle. Derweil trauen sich die Menschen in Baghdad, Kabul und anderen irakischen und afghanischen Städten nicht mehr aus ihren Häusern aus Angst vor Gewalttaten. Zeitgleich sind die Prediger der Demokratie jenseits und diesseits des Atlantiks von dem Heil, das Freiheit und Demokratie im mittleren und fernen Osten bringen werden, überzeugt.

Seit den 60er Jahren stagniert die Wahlbeteiligung auf tiefem Niveau. Quelle: Bundesamt für Statistik.

Im Westen nichts Neues
Nicht dass die Situation im Westen glänzen würde. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich auch hier. Grossunternehmen wie UBS oder Nestlé fahren Rekordgewinne in Milliardenhöhe ein, während der Reallohn von Schweizer Bürgern seit Jahren nicht mehr steigt. Und doch: Der Glaube ans System bleibt bestehen. Zumindest an der Oberfläche. Die Stimmbeteiligung spricht eine andere Sprache. Nicht zu vergessen, dass diejenigen, die die unteren Schichten in der Schweiz bilden, zu einem grossen Teil Ausländer und somit nicht stimmberechtigt sind.

Die Demokratie ist die höchste Form des instrumentalisierten Glaubens
Während es also im Unterbau bereits brodelt, glänzt die Oberfläche noch. Und genau das ist es, was einen instrumentalisierten Glauben auszeichnet, was Religion auszeichnet. Er wird nur aufrechterhalten, um starre, altmodische Gegebenheiten zu rechtfertigen. Seine Inhalte sind leere Hüllen, die man je nach Belieben deutet. Die Freiheit der Unternehmer ist nicht die Freiheit der Arbeitnehmer. Die Freiheit der Taliban nicht die der Amerikaner. An Stelle des Wortes Freiheit kann man beliebig andere Begriffe setzen: Patriotismus, Kapitalismus, Sozialismus. Oder Gleichheit und soziale Gerechtigkeit. Und natürlich Demokratie. Letztendlich dienen sie alle nur demjenigen, der sie am lautesten hinausschreit.

Ein bisschen Aberglaube, bitte!
Mit der Festsetzung des Glaubens und dem, was gut ist, kommt auch immer die Ausgrenzung des Aberglaubens. Jede Religion hat ihre Ungläubigen, ihre Ketzer. Man verbrennt sie, foltert sie oder wirft sie ins Gefängnis. Dabei ist Aberglauben nicht Unglauben, sondern ein dynamischer Glauben - die Suche nach neuen Ideen, neuen Werten. Denn so wie die Welt sich ändert, so wie sich soziale, wirtschaftliche und persönliche Umstände ändern, so wandelt sich auch der Glauben. Das muss er. Und mit ihm die Demokratie. Sie besitzt schon längst nicht mehr alle Antworten.

www.bfs.admin.ch (Webseite des Bundesamtes für Statistik mit weiterführenden Informationen zur obigen Grafik)
www.zeit.de (Artikel über direkte Demokratie erschienen in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit")
www.nzz.ch (Artikel in der Onlineausgabe der "Neuen Zürcher Zeitung" über die Stimmbeteiligung bei den Wahlen zum europäischen Parlament 2004)
www.polittrends.ch (Studie von Claude Longchamp des GfS-Forschungsinstituts über Stimmbeteiligung in der Demokratie mit internationalen und Schweizerischen Vergleichen)


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