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Ein Aufruf zum Aberglauben
Demokratie als Religion
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Tempel der Demokratie: das Kapitol
in Washington |
Wenn Politik Religion ist, so ist die Demokratie
der Gott des Monotheismus. Nur durch sie kommen die Völker
dieser Erde in ein glücklicheres Zeitalter. Und ihre Verbreitung
dient zur Rechtfertigung von Gewaltanwendung, Mord und Unterdrückung.
Dabei verliert diese Religion in ihren Stammlanden immer mehr
Gläubige - oder gehen Sie regelmässig zum demokratischen
Gottesdienst, den Abstimmungen und Wahlen?
Von Alain Zogg.
Es ist der 15. Oktober 1995. Überall
im Irak gehen die Menschen wählen. Die einzige Frage an
der Urne lautet: Soll Saddam Hussein Staatspräsident bleiben?
Unter strenger Aufsicht von Beamten gehen 99,47 Prozent der Stimmberechtigten
an die Urne. 99,99 Prozent von ihnen stimmen für eine weitere
Amtszeit ihres Diktators. Von solch hoher Stimmbeteiligung können
westliche Demokratien nur träumen (und ihre Präsidenten
von solchen Wahlresultaten).
In der Schweiz sinkt die Beteiligung an eidgenössischen
Volksabstimmungen kontinuierlich. Stand sie 1934 noch bei über
70%, so betrug sie 2004 noch knapp 45%. Das gleiche Niveau haben
die Wahlen zum Europäischen Parlament erreicht. Auch in
der Europäischen Union gingen 2004 nur noch rund 45% der
Stimmberechtigten an die Urnen, um ihre Vertreter in Brüssel
zu wählen.
Die Missionierung geht weiter
Trotz dieses Ausdrucks fehlenden Glaubens
zu Hause versäumen es die Demokraten dieser Welt nicht,
bei Andersgläubigen - wenn nötig mit Gewalt - zu missionieren.
2001 wurde Afghanistan bekehrt, 2003 folgte der Irak und der
ungläubige Iran muss wohl nicht mehr allzu lange auf seine
Konvertierung warten.
Es ist auffallend, dass die Grösse des
militärischen und wirtschaftlichen Potenzials ebenso stark
gegen eine Missionierung zu sprechen scheint, wie der Ölreichtum
dafür. Nicht anders lässt sich erklären, wieso
das nuklear bewaffnete Nordkorea ebenso wie die Grossmacht China
weiterhin ihre falschen Götzen anbeten dürfen. Dagegen
mussten die Syrier aus Libanon genauso weg wie die Taliban aus
Afghanistan.
Heilsversprechungen
Die Versprechen der Demokraten sind
denkbar einfach, sowohl in der Ferne, als auch bei ihnen zu Hause.
Freiheit, Sicherheit, Chancengleichheit für alle. Derweil
trauen sich die Menschen in Baghdad, Kabul und anderen irakischen
und afghanischen Städten nicht mehr aus ihren Häusern
aus Angst vor Gewalttaten. Zeitgleich sind die Prediger der Demokratie
jenseits und diesseits des Atlantiks von dem Heil, das Freiheit
und Demokratie im mittleren und fernen Osten bringen werden,
überzeugt.
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Seit den 60er Jahren stagniert die
Wahlbeteiligung auf tiefem Niveau. Quelle: Bundesamt für
Statistik. |
Im Westen nichts Neues
Nicht dass die Situation im Westen
glänzen würde. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet
sich auch hier. Grossunternehmen wie UBS oder Nestlé fahren
Rekordgewinne in Milliardenhöhe ein, während der Reallohn
von Schweizer Bürgern seit Jahren nicht mehr steigt. Und
doch: Der Glaube ans System bleibt bestehen. Zumindest an der
Oberfläche. Die Stimmbeteiligung spricht eine andere Sprache.
Nicht zu vergessen, dass diejenigen, die die unteren Schichten
in der Schweiz bilden, zu einem grossen Teil Ausländer und
somit nicht stimmberechtigt sind.
Die Demokratie ist die höchste Form
des instrumentalisierten Glaubens
Während es also im Unterbau bereits
brodelt, glänzt die Oberfläche noch. Und genau das
ist es, was einen instrumentalisierten Glauben auszeichnet, was
Religion auszeichnet. Er wird nur aufrechterhalten, um starre,
altmodische Gegebenheiten zu rechtfertigen. Seine Inhalte sind
leere Hüllen, die man je nach Belieben deutet. Die Freiheit
der Unternehmer ist nicht die Freiheit der Arbeitnehmer. Die
Freiheit der Taliban nicht die der Amerikaner. An Stelle des
Wortes Freiheit kann man beliebig andere Begriffe setzen: Patriotismus,
Kapitalismus, Sozialismus. Oder Gleichheit und soziale Gerechtigkeit.
Und natürlich Demokratie. Letztendlich dienen sie alle nur
demjenigen, der sie am lautesten hinausschreit.
Ein bisschen Aberglaube, bitte!
Mit der Festsetzung des Glaubens und
dem, was gut ist, kommt auch immer die Ausgrenzung des Aberglaubens.
Jede Religion hat ihre Ungläubigen, ihre Ketzer. Man verbrennt
sie, foltert sie oder wirft sie ins Gefängnis. Dabei ist
Aberglauben nicht Unglauben, sondern ein dynamischer Glauben
- die Suche nach neuen Ideen, neuen Werten. Denn so wie die Welt
sich ändert, so wie sich soziale, wirtschaftliche und persönliche
Umstände ändern, so wandelt sich auch der Glauben.
Das muss er. Und mit ihm die Demokratie. Sie besitzt schon längst
nicht mehr alle Antworten.
www.bfs.admin.ch (Webseite
des Bundesamtes für Statistik mit weiterführenden Informationen
zur obigen Grafik)
www.zeit.de
(Artikel über direkte Demokratie erschienen in der deutschen
Wochenzeitung "Die Zeit")
www.nzz.ch
(Artikel in der Onlineausgabe der "Neuen Zürcher Zeitung"
über die Stimmbeteiligung bei den Wahlen zum europäischen
Parlament 2004)
www.polittrends.ch
(Studie von Claude Longchamp des GfS-Forschungsinstituts über
Stimmbeteiligung in der Demokratie mit internationalen und Schweizerischen
Vergleichen)
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