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"Karikaturenstreit"
Die Dämonenjagd des Westens
Stellt der dämonische Islam eine Bedrohung
für die westliche Zivilisation dar? Oder wird hier die westliche
Integrität karikiert?
Von Eleonora Quadri.
Im September 2005 veröffentlichte die
dänische Zeitung "Jyllands-Posten" eine Reihe
von 12 Karikaturen über den muslimischen Propheten Mohammed,
die im Nahen und Mittleren Osten und sogar bis hin zum Pazifik
zu gewalttätigen und symbolisch schwerst beladenen Protestaktionen
führen. Tausende von Muslime demonstrieren dieser Tage rund
um den Erdball gegen die religiöse Beleidigung ihres Propheten
und fordern lauthals die Achtung und Verteidigung der islamischen
Kultur.
Diese heftigen Reaktionen lassen sich nicht
einfach auf einen gottgegebenen Fanatismus seitens der muslimischen
Glaubensgemeinschaft zurückführen. In diesem Karikaturenstreit
bedarf es einer genaueren Betrachtung westlicher Fremdbilder.
In unserem Kulturkreis lässt sich deutlich eine zunehmende
Dämonisierung des islamischen Kulturkreises feststellen.
Und durch die Terroranschläge am 11. September 2001 wurde
der Krieg gegen den Terror immer wieder mit einem Krieg gegen
den islamischen Fundamentalismus gleichgesetzt.
Wie die Theorie Wahrheiten schafft
Die religiösen und kulturellen
Eigenheiten der westlichen und islamischen Kultur werden im Karikaturstreit
erneut in den Mittelpunkt gesetzt und als miteinander unversöhnliche
Elemente hochstilisiert - wie Huntington 1993 in seinem berühmten
Beitrag "The Clash of Civilisations" für das 21.
Jahrhundert bereits vorhersagte. In Huntingtons Zukunftsszenarium
wird der Islam als grösste Bedrohung für die westliche
Zivilisation beschrieben, mit dem Argument einer schon immer
da gewesener Feindschaft, die historisch rekonstruierbar ist.
Huntingtons Theorie schien das formlose politische
Vakuum nach dem Ende des Kalten Krieges mit neuen Vorstellungen
und Weltbildern zu nähren. Nachdem der kommunistische Ostblock
aufhörte eine ideologische Bedrohung für die westlichliberalen
Industrieländern zu sein und den Weg für die Expansionspolitik
der USA frei räumte, fragten sich viele, welche künftigen
internationalen Auseinandersetzungen das weitere Schicksal der
menschlichen Gattung bestimmen würden.
Kultur rechtfertigt Öl gegen Blut
Huntington sah zu Beginn der neunziger
Jahre die Quelle aller kriegerischen Auseinandersetzungen entlang
"zivilisatorischer" Grenzen. Die für das Menschengeschlecht
immer kleiner werdende Welt würde einen Kampf der Kulturen
um das Recht auf Leben verursachen. Der Eiserne Vorhang der Ideologie
würde durch den samtenen Vorhang der Kultur ersetzt.
Inspiriert von den historischen Ereignissen
dieser Zeit setzt Huntington den zweiten Golfkrieg der USA gegen
den Irak in den Kontext dieses aufbrechenden Zivilisationenstreits.
Er hob diese rein interessengesteuerten militärischen Interventionen
in eine ideologieträchtige Argumentation, was der amerikanischen
Regierung geradezu gelegen kam. Die Hochachtung westlicher Werte
und Rechtsprinzipien und die Bedrohung ebendieser durch konservative
islamische Regierungen wurden zum gefundenen Fressen für
die unter Druck geratene amerikanische Politik-Elite. Ganz im
Sinne Huntingtons und seiner Theorieanhänger wurde die Intervention
im Irak und mittleren Osten zunehmend in den Kontext des Schutzes
der unterdrückten Völker gesetzt.
Huntington hat mit seiner Theorie das Weltbild
des Westens geprägt. Die Identifizierung kultureller Unterschiede
als Übel der Zukunft hat vor allem eines bewirkt: nämlich
die Heraufbeschwörung kriegerischer Machtkämpfe unter
dem Vorwand ebensolcher Unterschiede. Dass dabei die Frage nach
einer genauen Definition von Zivilisation ziemlich auf der Strecke
blieb, macht auch deutlich, dass eine solche Theorie nicht unbedingt
hilfreich ist, um zu erklären, warum sich Osten und Westen
streiten, sondern vielmehr einen ideologischen Nährboden
schafft für die Rechtfertigung einer solchen gegenseitigen
Abgrenzung.
Karikierter Westen
Der Karikaturenstreit ist nicht die
Bestätigung der Theorie, sondern das Resultat einer Dämonisierung
der islamischen Kultur, die sich auch auf ihre Selbstwahrnehmung
ausgewirkt hat. Nachdem die 12 Mohammed-Karikaturen im September
2005 erschienen waren, hatten in Dänemark muslimische Geistliche
protestiert und Strafanzeige gegen die Zeitung "Jyllands-Posten"
erhoben.
Sie beriefen sich dabei auf Paragraphen §
140 des dänischen Strafgesetzbuches, der jede dänische
Glaubensgemeinschaft vor Blasphemie schützen soll. Im Januar
dieses Jahres stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen
fehlender Straftat ein. Das dominante Argument der dänischen
Politiker und Rechtsgelehrten ist die Verhinderung der Schaffung
eines juristischen Präzedenzfalles, der zu einem restriktiveren
Umgang mit der Meinungs- und Pressefreiheit führen könnte.
Und wieder werden westliche Werte als mit
der islamischen Kultur unvereinbar dargestellt und dialogisiert.
Und so zogen verschiedene Delegierte in den Mittleren und Nahen
Osten um den Karikaturen-Skandal publik zu machen. Ihnen ging
es darum, sich Gehör zu verschaffen, und sie klagten ihr
Recht auf Gleichberechtigung ein.
So scheint das Problem gleich zweifach auch
in der westlichen Fremdwahrnehmung zu liegen. Einerseits den
ungleichen Schutz westlicher und fernöstlicher Werte durch
den Rechtsstaat. Andererseits durch die ängstliche Haltung
des Westen gegenüber dem Islam. Mit zitternden Knien werden
dem Osten Raketen und Bomben vorgeführt und dabei wird die
Menschenrechtscharta, als Inbegriff christlichen Glaubens, gepredigt.
Entzauberter versus schöpferischer
Westen
Es soll nicht in Frage gestellt werden,
dass die Gewalteskalation in der Protestbewegung gegen die dänischen
Karikaturen auf keine Weise gerechtfertigt werden kann. Und dass
hier ganz klar eine absichtliche Instrumentalisierung des mittel-
und nahöstlichen Ressentiments gegen die Hegemonialpolitik
der USA und ganz allgemein des Westens vorliegt. Westliche Muslime
haben sich das politische Spannungsverhältnis zwischen Westen
und Osten für ihre eigenen Ziele zu nutze gemacht.
Und gerade, dass es sich um Muslime aus dem
Westen handelt, spricht dafür, dass die Dämonisierung
der islamischen Kultur auch zu einer Segregation ebendieser führt
und den Konflikt entlang ethnisch kultureller Linien nicht nur
zwischen den "Zivilisationen", sondern auch innerhalb
der westlichen Kultur heraufbeschwört.
Die Renaissance der Schöpfungstheorie
in konservativen Kreisen in den USA ist nur ein Beispiel dafür,
dass auch in der entzauberten Welt der Wissenschaftlichkeit und
des Fortschritts Platz für Irrationalitäten ist, wie
der teilweise erfolgreiche Versuch einiger konservativer Politiker
in den USA die Schöpfungstheorie der Evolutionstheorie gleichzustellen
und in den Unterrichtsplan zu integrieren.
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