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Nr. 141 / März 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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"Karikaturenstreit"
Die Dämonenjagd des Westens

Stellt der dämonische Islam eine Bedrohung für die westliche Zivilisation dar? Oder wird hier die westliche Integrität karikiert?

Von Eleonora Quadri.

Im September 2005 veröffentlichte die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" eine Reihe von 12 Karikaturen über den muslimischen Propheten Mohammed, die im Nahen und Mittleren Osten und sogar bis hin zum Pazifik zu gewalttätigen und symbolisch schwerst beladenen Protestaktionen führen. Tausende von Muslime demonstrieren dieser Tage rund um den Erdball gegen die religiöse Beleidigung ihres Propheten und fordern lauthals die Achtung und Verteidigung der islamischen Kultur.

Diese heftigen Reaktionen lassen sich nicht einfach auf einen gottgegebenen Fanatismus seitens der muslimischen Glaubensgemeinschaft zurückführen. In diesem Karikaturenstreit bedarf es einer genaueren Betrachtung westlicher Fremdbilder. In unserem Kulturkreis lässt sich deutlich eine zunehmende Dämonisierung des islamischen Kulturkreises feststellen. Und durch die Terroranschläge am 11. September 2001 wurde der Krieg gegen den Terror immer wieder mit einem Krieg gegen den islamischen Fundamentalismus gleichgesetzt.

Wie die Theorie Wahrheiten schafft
Die religiösen und kulturellen Eigenheiten der westlichen und islamischen Kultur werden im Karikaturstreit erneut in den Mittelpunkt gesetzt und als miteinander unversöhnliche Elemente hochstilisiert - wie Huntington 1993 in seinem berühmten Beitrag "The Clash of Civilisations" für das 21. Jahrhundert bereits vorhersagte. In Huntingtons Zukunftsszenarium wird der Islam als grösste Bedrohung für die westliche Zivilisation beschrieben, mit dem Argument einer schon immer da gewesener Feindschaft, die historisch rekonstruierbar ist.

Huntingtons Theorie schien das formlose politische Vakuum nach dem Ende des Kalten Krieges mit neuen Vorstellungen und Weltbildern zu nähren. Nachdem der kommunistische Ostblock aufhörte eine ideologische Bedrohung für die westlichliberalen Industrieländern zu sein und den Weg für die Expansionspolitik der USA frei räumte, fragten sich viele, welche künftigen internationalen Auseinandersetzungen das weitere Schicksal der menschlichen Gattung bestimmen würden.

Kultur rechtfertigt Öl gegen Blut
Huntington sah zu Beginn der neunziger Jahre die Quelle aller kriegerischen Auseinandersetzungen entlang "zivilisatorischer" Grenzen. Die für das Menschengeschlecht immer kleiner werdende Welt würde einen Kampf der Kulturen um das Recht auf Leben verursachen. Der Eiserne Vorhang der Ideologie würde durch den samtenen Vorhang der Kultur ersetzt.

Inspiriert von den historischen Ereignissen dieser Zeit setzt Huntington den zweiten Golfkrieg der USA gegen den Irak in den Kontext dieses aufbrechenden Zivilisationenstreits. Er hob diese rein interessengesteuerten militärischen Interventionen in eine ideologieträchtige Argumentation, was der amerikanischen Regierung geradezu gelegen kam. Die Hochachtung westlicher Werte und Rechtsprinzipien und die Bedrohung ebendieser durch konservative islamische Regierungen wurden zum gefundenen Fressen für die unter Druck geratene amerikanische Politik-Elite. Ganz im Sinne Huntingtons und seiner Theorieanhänger wurde die Intervention im Irak und mittleren Osten zunehmend in den Kontext des Schutzes der unterdrückten Völker gesetzt.

Huntington hat mit seiner Theorie das Weltbild des Westens geprägt. Die Identifizierung kultureller Unterschiede als Übel der Zukunft hat vor allem eines bewirkt: nämlich die Heraufbeschwörung kriegerischer Machtkämpfe unter dem Vorwand ebensolcher Unterschiede. Dass dabei die Frage nach einer genauen Definition von Zivilisation ziemlich auf der Strecke blieb, macht auch deutlich, dass eine solche Theorie nicht unbedingt hilfreich ist, um zu erklären, warum sich Osten und Westen streiten, sondern vielmehr einen ideologischen Nährboden schafft für die Rechtfertigung einer solchen gegenseitigen Abgrenzung.

Karikierter Westen
Der Karikaturenstreit ist nicht die Bestätigung der Theorie, sondern das Resultat einer Dämonisierung der islamischen Kultur, die sich auch auf ihre Selbstwahrnehmung ausgewirkt hat. Nachdem die 12 Mohammed-Karikaturen im September 2005 erschienen waren, hatten in Dänemark muslimische Geistliche protestiert und Strafanzeige gegen die Zeitung "Jyllands-Posten" erhoben.

Sie beriefen sich dabei auf Paragraphen § 140 des dänischen Strafgesetzbuches, der jede dänische Glaubensgemeinschaft vor Blasphemie schützen soll. Im Januar dieses Jahres stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen fehlender Straftat ein. Das dominante Argument der dänischen Politiker und Rechtsgelehrten ist die Verhinderung der Schaffung eines juristischen Präzedenzfalles, der zu einem restriktiveren Umgang mit der Meinungs- und Pressefreiheit führen könnte.

Und wieder werden westliche Werte als mit der islamischen Kultur unvereinbar dargestellt und dialogisiert. Und so zogen verschiedene Delegierte in den Mittleren und Nahen Osten um den Karikaturen-Skandal publik zu machen. Ihnen ging es darum, sich Gehör zu verschaffen, und sie klagten ihr Recht auf Gleichberechtigung ein.

So scheint das Problem gleich zweifach auch in der westlichen Fremdwahrnehmung zu liegen. Einerseits den ungleichen Schutz westlicher und fernöstlicher Werte durch den Rechtsstaat. Andererseits durch die ängstliche Haltung des Westen gegenüber dem Islam. Mit zitternden Knien werden dem Osten Raketen und Bomben vorgeführt und dabei wird die Menschenrechtscharta, als Inbegriff christlichen Glaubens, gepredigt.

Entzauberter versus schöpferischer Westen
Es soll nicht in Frage gestellt werden, dass die Gewalteskalation in der Protestbewegung gegen die dänischen Karikaturen auf keine Weise gerechtfertigt werden kann. Und dass hier ganz klar eine absichtliche Instrumentalisierung des mittel- und nahöstlichen Ressentiments gegen die Hegemonialpolitik der USA und ganz allgemein des Westens vorliegt. Westliche Muslime haben sich das politische Spannungsverhältnis zwischen Westen und Osten für ihre eigenen Ziele zu nutze gemacht.

Und gerade, dass es sich um Muslime aus dem Westen handelt, spricht dafür, dass die Dämonisierung der islamischen Kultur auch zu einer Segregation ebendieser führt und den Konflikt entlang ethnisch kultureller Linien nicht nur zwischen den "Zivilisationen", sondern auch innerhalb der westlichen Kultur heraufbeschwört.

Die Renaissance der Schöpfungstheorie in konservativen Kreisen in den USA ist nur ein Beispiel dafür, dass auch in der entzauberten Welt der Wissenschaftlichkeit und des Fortschritts Platz für Irrationalitäten ist, wie der teilweise erfolgreiche Versuch einiger konservativer Politiker in den USA die Schöpfungstheorie der Evolutionstheorie gleichzustellen und in den Unterrichtsplan zu integrieren.


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