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Urban Kitsch und Atatürk
"Urban Islam. Zwischen Handy und Koran"
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Die fünf Säulen des Islam
und die Begeisterung des Philologen für verstaubte Gegenstände
© Museum der Kulturen Basel |
Die Ausstellung Urban Islam läuft
noch bis am 2. Juli 2006 im Basler Museum der Kulturen. Wer kein
Geld, keine Zeit oder keine Lust hat, sich mit Muslimen hier
in der Schweiz oder in islamischen Städten persönlich
herumzuschlagen, sollte die Gelegenheit nutzen, um wenigstens
virtuell einmal ein paar ausgewählte Exemplare kennen zu
lernen. Alle anderen können sich den Eintritt allerdings
getrost schenken.
Von Armin Winiger.
"Medienpädagogik" lautete das Schlagwort an der
Pressekonferenz - von allen Rednern mehrmals in den Mund genommen
und natürlich auch in den Unterlagen prominent vertreten.
Daher hätte ich eigentlich schon ahnen müssen, dass
es sich mit dieser Ausstellung etwa so verhält wie mit einer
Power Point-Präsentation: Viel Medien, wenig Inhalt. Eine
Veranstaltung für Schüler und nicht für mich.
Dabei gingen der Ausstellung Forschungen voraus,
so wurde uns erzählt, unter der Federführung von zwei
Islamwissenschaftlerinnen, die schon vor dem 11. September 2001
mit Planung und Recherche begannen. 2004 wurden schliesslich
im Tropenmuseum von Amsterdam die Ergebnisse ein erstes Mal der
Öffentlichkeit vorgeführt. Neue Erkenntnisse langer
Forschungsarbeiten sucht man in Basel allerdings vergebens. Die
Ausstellung bleibt auf einem banalen Niveau, angekündigte
Themen wie "Verwestlichung, Heirat und Tod" oder die
Unterscheidung der Kategorien "öffentlich und privat"
werden eher vorgeschoben als tatsächlich behandelt.
Begeisterung für verstaubte Gegenstände
Pädagogisch wirkt das Ganze hingegen schon zu Beginn, wenn
im ersten Raum dem Besucher zunächst die fünf Säulen
des Islam vorgestellt werden. Stellvertretend für den wissenschaftlichen
Hintergrund spürt man hier etwas von der Begeisterung des
Philologen für verstaubte Gegenstände. Die Handvoll
erlesener Exponate, etwa ein Koranblatt aus dem 10. Jahrhundert,
fand ich denn auch interessanter als die knappen Informationen,
denen sie zur Veranschaulichung beigesellt wurden.
Da sich das primäre Zielpublikum jedoch
aus Schulklassen und nicht aus den Reihen der üblichen altphilologischen
Museumsgänger rekrutiert, sollten die allgemeinen Belehrungen
den Organisatoren keinesfalls angelastet werden. Kurz und bündig
sind hier die gemeinsamen Glaubensgrundlagen der muslimischen
Weltbevölkerung zusammengefasst, ohne die Jugendlichen des
Medienzeitalters mit langen Ausführungen zu belästigen
Ästhetische Aspekte
Nach dieser Schnellbleiche in islamischen Glaubensfragen befindet
sich der Besucher bereits im Kern der Ausstellung. Dieser besteht
aus vier Räumen, jeder von ihnen unterteilt in Nischen und
Gänge, erfüllt von Stimmen und Klängen, tapeziert
mit bunten Computergrafik-Transparenten und Schriftzügen.
Jeder Raum ist einer islamisch geprägten Stadt gewidmet:
Istanbul, Marrakesch, Paramaribo und Dakar. Im Zentrum stehen
dabei die Porträts von Jugendlichen mit den Namen Ferhat,
Hanane, Farina und Alioune.
Die Präsentation ist durchaus ansprechend:
multimedial und poppig, stets an der Grenze zum Kitsch und gelegentlich
weit darüber. Und das ist auch gut so! Denn schliesslich
soll der Geschmack der jugendlichen Zielgruppe getroffen, sowie
eine adäquate Darstellungsform des Lebens in islamischen
Städten gefunden werden, und dort erfreut sich dieses Design
nun mal einer grossen Beliebtheit.
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Multimedial und poppig, stets an der
Grenze zum Kitsch, und das ist auch gut so!
© Museum der Kulturen Basel |
Zweck der Ausstellung
Es ist das erklärte Ziel der Ausstellungsmacher, Brücken
zwischen den verschiedenen Kulturen zu bauen und den verängstigten
Europäern die Furcht vor dem Islam zu nehmen, dem vermeintlichen
Urfeind, dem bedrohlichen "Anderen". Für dieses
hehre Unterfangen, das zweifellos Not tut in der heutigen Zeit,
wurden Porträts von jungen Menschen angefertigt, Porträts
von liebenswerten Teenagern. Sie sind privilegiert in ihrer Gesellschaft
und daher letztlich mit ähnlichen Problemen beschäftigt
wie unsere eigenen Sprösslinge.
Die vier Jugendlichen - ein Lehrer, zwei Studentinnen
und ein Kassettenverkäufer - gewähren dem Besucher
Einblick in ihre Lebenswelt, indem sie ihre Ansichten per Videoaufzeichnungen
mitteilen, bei einem Telefongespräch mithören lassen
oder sogar ihr Tagebuch zur Lektüre anbieten.
Belanglose Sorgen
Sicherlich sind dies vielversprechende Ansätze, wird doch
auf diese Weise nicht nur die räumliche Distanz überwunden,
sondern auch eine Teilnahme an persönlichen Erfahrungen
ermöglicht. Will man zwischen Kulturen vermitteln, muss
man Gemeinsamkeiten aufzeigen, um eine Identifikation mit dem
vermeintlich "Anderen" aufbauen zu können. Und
persönliche Erfahrungen von Glück und Leid eignen sich
hierzu aufgrund ihres universalen Charakters besonders gut.
Man könnte einwenden, dass Gespräche
über Jungs und Make-up belanglos sind. Ja, mag sein. Aber
befassen sich denn die alltäglichen Sorgen der Mittelklasse-Jugend
hier wie dort nicht vorwiegend mit Belanglosigkeiten? Dies wäre
immerhin schon einmal eine nicht ganz unerhebliche Gemeinsamkeit
zwischen den angeblich so unterschiedlichen Kulturen. Und wenn
es um einen guten Zweck geht, darf man meiner Ansicht nach diese
Belanglosigkeiten auch einmal zum Thema machen.
Nationalismus und multikulturelle Gesellschaft
Wäre es doch bloss bei den Belanglosigkeiten geblieben!
Denn gleich im ersten dieser vier Räume wurde mir soviel
Atatürk in Bronze und auf Gedenktafeln zugemutet, dass ich
zum Ausgleich am liebsten einen Farbbeutelanschlag auf den Götzen
des türkischen Nationalismus ausgeübt hätte!
Eine Versöhnung zwischen Europa und dem
Islam auf der Grundlage eines diskriminierenden Nationalismus?
Nein danke! Ich liess mir aber die Hoffnung auf bessere Alternativen
nicht so einfach nehmen. Und siehe da! Nachdem ich im nächsten
Raum Hanane bei der Entscheidungsfindung in Sachen Kopftuch begleitet
hatte, wurden meine Sehnsüchte nach einer multikulturellen
Gesellschaft in Harmonie und Frieden endlich für ein paar
Augenblicke von Farina aus Paramaribo befriedigt.
Urlaubsstimmung
Allerdings vermisste ich in ihrem karibischen Paradies mit Schminkkasten
und naiver Malerei bald den Bezug zur Realität, und so flüchtete
ich mich zu Alioune in Dakar, der mit afrikanischen Rhythmen
aufwartete. Damit konnte ich mich sofort anfreunden, ohne karibische
Euphorie zwar, dafür hielt meine Zufriedenheit länger
an. Weil mir Aliounes Ergebenheit gegenüber seinem spirituellen
Führer dennoch fremd blieb, ging ich schliesslich weiter
ins letzte Zimmer. Dort hörte ich noch eine Weile den schweizerischen
Muslimen zu, fühlte mich dabei zu Hause und dachte an meinen
nächsten Urlaub...
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