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Im Interview: Dr. Yahya Hassan Bajwa
"Der Glaube fängt dort an, wo ich nur noch
vermute"
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© photocase.com. Foto by Slade |
Sein Vater war der erste Imam in der Schweiz.
Beauftragt von der islamischen Reformbewegung, der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft,
baute Mushtaq Ahmad Bajwa die erste Moschee in Zürich. Das
war 1962.
Von Ueli Kneubühler.
Zwei Jahre alt war der kleine Yahya, als er
Murree, in den "pakistanischen Alpen" gelegen, verliess
und mit seinen Eltern in die Schweiz zog. Auf vier Jahre war
das Engagement seines Vaters befristet. Letztlich leitete er
die Mahmud-Moschee 18 Jahre lang als Imam. Diese Zeit prägte
Yahya. Die Moschee war sein zu Hause. Bereits in seiner Jugend
hatte er Kontakt zu verschiedenen Religionsvertretern. Schon
früh lernte er, dass es auch "Qualitäten gibt,
die über der Religion stehen - zum Beispiel Menschlichkeit
und Gerechtigkeit". 44 Jahre später lebt Yahya Hassan
Bajwa diese Menschlichkeit selbst vor. An verschiedenen Fachhochschulen
doziert er "interkulturelle Kommunikation".
Herr Bajwa, Sie sind praktizierender Muslim.
Woran glauben Sie?
Glauben heisst, nicht genau wissen. Das ist
natürlich ein unbefriedigender Zustand. Der Glaube fängt
dort an, wo ich nur noch vermute.
Jeder Mensch glaubt. Die einen an Gott,
die anderen an Zinedine Zidane. Was verstehen Sie unter dem Begriff
Glaube?
Ich setze "Glaube" mit dem Ausdruck
"Überzeugung" gleich. Das kann religiös oder
auch politisch verstanden werden: Ich bin ein überzeugter
Grüner, ich bin ein überzeugter Befürworter der
Atomenergie oder ich bin überzeugter Muslim/Christ/Jude.
Ihr Vater war der erste Imam in der Mahmud
Moschee in Zürich. Was hat er Ihnen in Bezug auf den Glauben
mit auf den Weg gegeben?
Offenheit gegenüber allen Glaubensrichtungen,
Überzeugungen und Religionen. Als kleiner Knirps erkannte
ich, dass man keine bestimmte Religion haben muss, um in Not
zu geraten, und dass man auch nicht unbedingt Muslim sein muss,
um in der Moschee zu beten. Mein Vater hatte für alle Menschen
eine offene Türe und die Küche meiner Mutter verpflegte
Botschafter, den Stapi Landolt - aber auch "Penner und Drögler"
von der Strasse. Da wurde kein Unterschied gemacht.
Wir befinden uns an der Hochschule für
Wirtschaft in Luzern. Yahya Hassan Bajwa betritt das Zimmer 2.08.
Er legt seine typische Kopfbedeckung ab und sagt: "Heute
rezitiere ich euch einige wichtige Suren aus dem Koran."
Dann beginnt er. Er liest nicht, er singt. Und das wirklich gut.
Die Studierenden heben die Köpfe. Erstaunte, fragende Blicke.
Und obwohl niemand versteht, sind sie doch beeindruckt. Da gehört
eine Portion Mut dazu. Yahya unterrichtet die Studierenden im
Abschlussjahr im Ergänzungsschwerpunkt "interkulturelle
Kommunikation".
Wer zu Gewalt im Namen Gottes aufruft,
der kann doch nicht ernsthaft gläubig sein?
Richtig!
Und dennoch rechtfertigen Selbstmordattentäter
ihre Taten mit dem Koran.
Sie sind unwissend. Im Koran gibt es keine
Stelle, die Selbstmordattentate rechtfertigt! Im Krieg dürfen
nur kriegführende Bevölkerungsteile - das heisst die
Armee - angegriffen werden. Frauen, Kinder und alte Männer
dürfen nicht getötet werden. Auch das Fällen von
Bäumen ist tabu - Israel hat daher ja ganz gezielt die Olivenhaine
der Palästinenser gefällt.
Ist glauben, egal an wen, also nicht einfach
scheinheilig?
Scheinheilig ist es dann, wenn man nach Aussen
etwas predigt, woran man sich selber nicht hält. Leider
gilt dies für viele religiöse Führer, egal welcher
Religion. In Pakistan verlangten die Mullahs, dass die Armen
ihre Söhne in den Kampf nach Afghanistan schicken. Ihre
eigenen Söhne schickten sie jedoch in die USA - "zum
grössten Feind" - ins College oder an die Uni. Dies
wurde dann sogar in den pakistanischen Medien breitgeschlagen
- das ist scheinheilig!
Ist "blauäugiges" Glauben
nicht eine persönliche Bankrotterklärung?
Im Koran heisst es, dass man die Religion
hinterfragen soll. Man soll nicht einfach glauben. Teilweise
sind die Muslime heute nicht mehr in der Lage dies zu tun. Entweder,
weil ihnen das Wissen fehlt, oder weil die Mullahs ein Nachdenken
zum Thema Islam sofort als Gotteslästerung bezeichnen. Der
Heilige Prophet Muhammad sagte, dass die schlimmsten unter den
Menschen jene sein werden, die sich Gottesgelehrte nennen. Das
stimmt und ist erst noch von der Religionszugehörigkeit
völlig unabhängig.
Die Islamische und die westliche Weltanschauung
seien nicht vereinbar. Ein Konsens sei aufgrund der historischen
und religiösen Basis unmöglich. So lassen sich zurzeit
zahlreiche "Experten" in den Medien zitieren.
Was heisst "westliche" Weltanschauung?
Wir haben unter anderem die christliche, jüdische, islamische,
hinduistische, atheistische, linke oder rechte Weltanschauung!
Es ist schon längst nicht mehr eine westliche Weltanschauung.
Für mich sind sie alle vereinbar - schliesslich leben wir
hier mit all diesen Anschauungen zusammen, ohne uns gegenseitig
umzubringen. Solange wir uns an die Grundwerte halten, kann jeder
glauben, was er will. Was machen wir mit den Christen in Nordirland,
die sich auch heute noch gegenseitig erschiessen? In welche westliche
Weltanschauung passen die? Religiöse und politische Fanatiker
wird es immer geben.
Die Konflikte zwischen der arabischen und
der westlichen Welt seien religiös motiviert, erfahren wir
durch die Medien. Stecken nicht vielmehr politische Interessen
der beteiligten Staaten dahinter?
Es ist viel komplizierter! Weshalb unterstützen
die demokratischen Staaten ausgerechnet korrupte und rückständige
Königshäuser in der arabischen Ölwelt? Es ist
einfacher eine Familie zu kaufen und zu kontrollieren, als ein
demokratisch gewähltes Parlament. Weshalb bekämpfen
die USA die Fundamentalisten und bilden gleichzeitig deren Söhne
an den eigenen Unis aus? Wie kommt es, dass pakistanische Islamisten
von der US-Regierung eingeladen werden und in die USA fliegen
- um Instruktionen zu holen? Es ist viel komplizierter, als es
aussieht. Heute ist die Hamas der "Buhmann". Doch man
darf nicht vergessen, dass die israelische Regierung die Hamas
nach Palästina brachte und sie auch unterstützte, weil
sie dachte, dass so der Einfluss der Fatah verringert wird.
Vorurteile und Missverständnisse sind
oft Ursprung von Konflikten. Wie gehen Sie damit als praktizierender
Muslim um?
Je mehr man in der Öffentlichkeit steht,
desto mehr Vorurteile gibt es einem gegenüber. Ich suche
das Gespräch. Bis jetzt konnte so noch jede Situation bereinigt
werden.
www.transcommunication.info
Dr. Yahya Hassan Bajwa
Dr. Yahya Hassan Bajwa ist 46 Jahre
alt, verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohnes und lebt
in Baden. Er wurde 1960 in Murree, Pakistan, geboren und kam
mit zwei Jahren in die Schweiz. Nach der Matura im "Institut
Montana" auf dem Zugerberg studierte er Medizin, Germanistik,
Anglistik und Publizistik an der Universität Zürich.
1994 schloss er seine Doktorarbeit ab zum Thema "Werbesprache
- ein intermediärer Vergleich". Neben seiner Tätigkeit
als Dozent leitet er "TransCommunication", ein Büro
für interkulturelle Kommunikation. Zudem ist er Präsident
der Organisation "LivingEducation", einem gemeinnütziger
Verein, der den Ärmsten, v.a. in Pakistan, Zugang zu Bildung
verschafft. |
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