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Nr. 141 / März 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Im Interview: Dr. Yahya Hassan Bajwa
"Der Glaube fängt dort an, wo ich nur noch vermute"

© photocase.com. Foto by Slade

Sein Vater war der erste Imam in der Schweiz. Beauftragt von der islamischen Reformbewegung, der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft, baute Mushtaq Ahmad Bajwa die erste Moschee in Zürich. Das war 1962.

Von Ueli Kneubühler.

Zwei Jahre alt war der kleine Yahya, als er Murree, in den "pakistanischen Alpen" gelegen, verliess und mit seinen Eltern in die Schweiz zog. Auf vier Jahre war das Engagement seines Vaters befristet. Letztlich leitete er die Mahmud-Moschee 18 Jahre lang als Imam. Diese Zeit prägte Yahya. Die Moschee war sein zu Hause. Bereits in seiner Jugend hatte er Kontakt zu verschiedenen Religionsvertretern. Schon früh lernte er, dass es auch "Qualitäten gibt, die über der Religion stehen - zum Beispiel Menschlichkeit und Gerechtigkeit". 44 Jahre später lebt Yahya Hassan Bajwa diese Menschlichkeit selbst vor. An verschiedenen Fachhochschulen doziert er "interkulturelle Kommunikation".

Herr Bajwa, Sie sind praktizierender Muslim. Woran glauben Sie?

Glauben heisst, nicht genau wissen. Das ist natürlich ein unbefriedigender Zustand. Der Glaube fängt dort an, wo ich nur noch vermute.

Jeder Mensch glaubt. Die einen an Gott, die anderen an Zinedine Zidane. Was verstehen Sie unter dem Begriff Glaube?

Ich setze "Glaube" mit dem Ausdruck "Überzeugung" gleich. Das kann religiös oder auch politisch verstanden werden: Ich bin ein überzeugter Grüner, ich bin ein überzeugter Befürworter der Atomenergie oder ich bin überzeugter Muslim/Christ/Jude.

Ihr Vater war der erste Imam in der Mahmud Moschee in Zürich. Was hat er Ihnen in Bezug auf den Glauben mit auf den Weg gegeben?

Offenheit gegenüber allen Glaubensrichtungen, Überzeugungen und Religionen. Als kleiner Knirps erkannte ich, dass man keine bestimmte Religion haben muss, um in Not zu geraten, und dass man auch nicht unbedingt Muslim sein muss, um in der Moschee zu beten. Mein Vater hatte für alle Menschen eine offene Türe und die Küche meiner Mutter verpflegte Botschafter, den Stapi Landolt - aber auch "Penner und Drögler" von der Strasse. Da wurde kein Unterschied gemacht.

Wir befinden uns an der Hochschule für Wirtschaft in Luzern. Yahya Hassan Bajwa betritt das Zimmer 2.08. Er legt seine typische Kopfbedeckung ab und sagt: "Heute rezitiere ich euch einige wichtige Suren aus dem Koran." Dann beginnt er. Er liest nicht, er singt. Und das wirklich gut. Die Studierenden heben die Köpfe. Erstaunte, fragende Blicke. Und obwohl niemand versteht, sind sie doch beeindruckt. Da gehört eine Portion Mut dazu. Yahya unterrichtet die Studierenden im Abschlussjahr im Ergänzungsschwerpunkt "interkulturelle Kommunikation".

Wer zu Gewalt im Namen Gottes aufruft, der kann doch nicht ernsthaft gläubig sein?

Richtig!

Und dennoch rechtfertigen Selbstmordattentäter ihre Taten mit dem Koran.

Sie sind unwissend. Im Koran gibt es keine Stelle, die Selbstmordattentate rechtfertigt! Im Krieg dürfen nur kriegführende Bevölkerungsteile - das heisst die Armee - angegriffen werden. Frauen, Kinder und alte Männer dürfen nicht getötet werden. Auch das Fällen von Bäumen ist tabu - Israel hat daher ja ganz gezielt die Olivenhaine der Palästinenser gefällt.

Ist glauben, egal an wen, also nicht einfach scheinheilig?

Scheinheilig ist es dann, wenn man nach Aussen etwas predigt, woran man sich selber nicht hält. Leider gilt dies für viele religiöse Führer, egal welcher Religion. In Pakistan verlangten die Mullahs, dass die Armen ihre Söhne in den Kampf nach Afghanistan schicken. Ihre eigenen Söhne schickten sie jedoch in die USA - "zum grössten Feind" - ins College oder an die Uni. Dies wurde dann sogar in den pakistanischen Medien breitgeschlagen - das ist scheinheilig!

Ist "blauäugiges" Glauben nicht eine persönliche Bankrotterklärung?

Im Koran heisst es, dass man die Religion hinterfragen soll. Man soll nicht einfach glauben. Teilweise sind die Muslime heute nicht mehr in der Lage dies zu tun. Entweder, weil ihnen das Wissen fehlt, oder weil die Mullahs ein Nachdenken zum Thema Islam sofort als Gotteslästerung bezeichnen. Der Heilige Prophet Muhammad sagte, dass die schlimmsten unter den Menschen jene sein werden, die sich Gottesgelehrte nennen. Das stimmt und ist erst noch von der Religionszugehörigkeit völlig unabhängig.

Die Islamische und die westliche Weltanschauung seien nicht vereinbar. Ein Konsens sei aufgrund der historischen und religiösen Basis unmöglich. So lassen sich zurzeit zahlreiche "Experten" in den Medien zitieren.

Was heisst "westliche" Weltanschauung? Wir haben unter anderem die christliche, jüdische, islamische, hinduistische, atheistische, linke oder rechte Weltanschauung! Es ist schon längst nicht mehr eine westliche Weltanschauung. Für mich sind sie alle vereinbar - schliesslich leben wir hier mit all diesen Anschauungen zusammen, ohne uns gegenseitig umzubringen. Solange wir uns an die Grundwerte halten, kann jeder glauben, was er will. Was machen wir mit den Christen in Nordirland, die sich auch heute noch gegenseitig erschiessen? In welche westliche Weltanschauung passen die? Religiöse und politische Fanatiker wird es immer geben.

Die Konflikte zwischen der arabischen und der westlichen Welt seien religiös motiviert, erfahren wir durch die Medien. Stecken nicht vielmehr politische Interessen der beteiligten Staaten dahinter?

Es ist viel komplizierter! Weshalb unterstützen die demokratischen Staaten ausgerechnet korrupte und rückständige Königshäuser in der arabischen Ölwelt? Es ist einfacher eine Familie zu kaufen und zu kontrollieren, als ein demokratisch gewähltes Parlament. Weshalb bekämpfen die USA die Fundamentalisten und bilden gleichzeitig deren Söhne an den eigenen Unis aus? Wie kommt es, dass pakistanische Islamisten von der US-Regierung eingeladen werden und in die USA fliegen - um Instruktionen zu holen? Es ist viel komplizierter, als es aussieht. Heute ist die Hamas der "Buhmann". Doch man darf nicht vergessen, dass die israelische Regierung die Hamas nach Palästina brachte und sie auch unterstützte, weil sie dachte, dass so der Einfluss der Fatah verringert wird.

Vorurteile und Missverständnisse sind oft Ursprung von Konflikten. Wie gehen Sie damit als praktizierender Muslim um?

Je mehr man in der Öffentlichkeit steht, desto mehr Vorurteile gibt es einem gegenüber. Ich suche das Gespräch. Bis jetzt konnte so noch jede Situation bereinigt werden.

www.transcommunication.info

Dr. Yahya Hassan Bajwa
Dr. Yahya Hassan Bajwa ist 46 Jahre alt, verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohnes und lebt in Baden. Er wurde 1960 in Murree, Pakistan, geboren und kam mit zwei Jahren in die Schweiz. Nach der Matura im "Institut Montana" auf dem Zugerberg studierte er Medizin, Germanistik, Anglistik und Publizistik an der Universität Zürich. 1994 schloss er seine Doktorarbeit ab zum Thema "Werbesprache - ein intermediärer Vergleich". Neben seiner Tätigkeit als Dozent leitet er "TransCommunication", ein Büro für interkulturelle Kommunikation. Zudem ist er Präsident der Organisation "LivingEducation", einem gemeinnütziger Verein, der den Ärmsten, v.a. in Pakistan, Zugang zu Bildung verschafft.


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