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Nr. 140 / Februar 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Charles Dickens: "Bleak House" (Realismus) | Roman
Humorvoll und sozialkritisch

Wenn man bei uns den Namen Charles Dickens hört, ist die erste Assoziation mit Sicherheit "Oliver Twist". Roman Polanskis aktuelle Verfilmung ist nur eine von vielen, und wenn man am Gymnasium einen Dickens-Roman liest, dann den über den jungen Waisenknaben. Dass Dickens zahlreiche andere Romane geschrieben hat, welche sämtliche deutsche Romane des Realismus in den Schatten stellen, wird meist vergessen. Höchste Zeit, einen dieser Roman vorzustellen.

Von Lukas Hunziker.

"Bleak House" ist ein weit komplexerer Roman als "Oliver Twist". Die Haupthandlung und die Hauptfiguren treten gegenüber den zahlreichen Nebenhandlungen und Nebenfiguren in den Hintergrund, verschiedene Subplots werden parallel weitergeführt und nach und nach miteinander verknüpft. Anfangs ebenfalls verwirrend ist die Erzählperspektive. Einerseits erzählt die Hauptfigur Esther ihre eigene Geschichte in der ersten Person, andererseits wird in der dritten Person die Geschichte ergänzt und die Nebenhandlungen werden eingeführt. Nichtsdestotrotz liest sich der Roman angenehm flüssig und stellt für einen erfahrenen Leser keine allzu grosse Herausforderung dar.

Ein lauerndes Familiengeheimnis ...
Erzählt wird die Geschichte der jungen Esther Summerson. Aufgezogen wird sie von ihrer Tante, welche ihr auf die Frage nach ihrer Mutter nur antwortet, dass Esther eine grosse Schande für ihre Mutter sei. Als die Tante stirbt, bewirbt sich der wohlhabende und gutmütige Mr. Jarndyce um die Vormundschaft für das Waisenkind, und als Esther älter wird, zieht sie nach Bleak House, wo Mr. Jarndyce wohnt. Ebenfalls unter seine Obhut kommen Ada Clare und Richard Carstone, mit denen sich Esther schnell anfreundet. Glücklich leben die drei im Haus ihres Vormunds, bis Esther von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

... herzlose Anwälte ...
Ihren Ursprung nimmt die Entdeckung von Esthers Herkunft in einem Londoner Armenviertel, genannt Tom-All-Alone's. Dort findet der Anwalt Mr. Tulkinghorn einen Gerichtsschreiber, der Nemo genannt wird, tot in seinem Zimmer. Nach seiner Beerdigung lässt sich eine als Dienstmagd verkleidete Frau zu seinem Grab führen, was Mr. Tulkinghorn zu Ohren kommt und ihm sofort verdächtig erscheint. Er beginnt Nachforschungen anzustellen und stösst bald auf einen Familienskandal, in dem auch Esther und eine angesehene Lady eine Rolle spielen.

... und ein Detektivpionier
Nicht nur Mr. Tulkinghorn, der Bösewicht des Romans, auch Mr. Bucket von der Geheimpolizei zieht seine Erkundigungen ein. Er gilt als einer der ersten Detektive in der Literatur und sein Subplot in "Bleak House" kann als eine der ersten Detektivstories gesehen werden. Doch mehr als ein Krimi ist "Bleak House" ein Gesellschaftsportrait und eine Anklage an die Bürokratie des Kanzleigerichts. Dieses ist das zentrale Motiv des Romans und die Metapher für die gesellschaftlichen Zustände in England. Mr. Jarndyce Familie ist seit Generationen in einen Erbstreit verwickelt, der vor Gericht nur immer komplizierter geworden ist und mittlerweile von niemandem mehr überschaut werden kann. Mit viel bitterem Humor beschreibt Dickens die chaotischen Zustände des Gerichts, die zu mehr Ungerechtigkeit führen, als dass sie Gerechtigkeit schaffen.

Tragikomische Karikaturen
Wer jedoch tausend Seiten rührselige Sozialkritik befürchtet, kann beruhigt sein, denn Dickens lässt sich fast nie zu einer direkten Anklage herab. Die Kritik ist zwar offensichtlich, wird aber meistens über sehr komische Szenen oder karikaturhafte Figuren geübt, die in erster Linie einfach nur lustig sind, auch wenn die tragische Dimension nie fehlt. Da ist beispielsweise der heuchlerische Prediger Mr. Chadband, der seine Gastgeber mit aufgeblasenen rhetorischen Reden fast in den Wahnsinn treibt, oder Mr. Skimpole, der behauptet, mit Geld überhaupt nichts anfangen zu können, es aber trotzdem allen irgendwie abknöpft. Die Geschichte von "Bleak House" mag vielen heutigen Lesern etwas langfädig erscheinen, doch die zahlreichen typischen Dickens'schen Nebenfiguren entschädigen dafür problemlos.

"Bleak House" ist weder ein einfacher, noch ein schnell zu lesender Roman. Doch er ist einer von Dickens besten, sprachlich wie inhaltlich. Wer sich Zeit dafür nimmt, wird zahllose Verbindungen, Parallelen und Motive zwischen den vielen Nebenhandlungen und der Haupthandlung entdecken und sich zudem köstlich über die witzigen Figuren amüsieren.

Deutsche Ausgabe:
Insel: 1040 Seiten, CHF 30.90

Englische Ausgabe:
Penguin Classics: 1036 Seiten, 14.20

Zum Autor

Charles Dickens wurde am 7. Februar 1812 in Portsmouth geboren, als zweites von acht Kindern. Als sein Vater wegen Schulden ins Gefängnis kam, musste der 12jährige für kurze Zeit in einer Fabrik arbeiten, um Geld für seine Familie mitzuverdienen. Er erhielt wenig Bildung, brachte sich aber das Stenographieren bei und arbeitete als Journalist beim "Morning Cronicle". 1836 und 1837 erschien sein erster Roman, die "Pickwick Papers", in mehreren Teilen, wie die meisten seiner Bücher. "Oliver Twist" folgte, "Nicholas Nickleby" und zwei weitere; danach machte Dickens eine Amerikareise, von der er desillusioniert zurückkehrte. Seine nächsten Romane waren sorgfältiger geplant als seine frühen und die Sozialkritik verschärfte sich. "David Copperfield", "Bleak House" und "Little Dorrit", sowie "Hard Times" und "A Tale of two Cities" waren seine fünf grossen Werke der 1850er. In den 1860ern verschlechterte sich Dickens' gesundheitliche Verfassung, nicht zuletzt wegen der anstrengenden Lesereisen und der Intensität seiner Arbeit. "Great Expectations" und "Our mutual Friend" sind seine letzten vollendeten Romane, noch während der Arbeit an "The Mystery of Edwin Drood" stirbt Charles Dickens, am 9 Juni 1870. Sein Grab steht im Poet's Corner der Westminster Abbey.


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