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Charles Dickens: "Bleak House" (Realismus)
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Humorvoll und sozialkritisch
Wenn man bei uns den Namen Charles
Dickens hört, ist die erste Assoziation mit Sicherheit "Oliver
Twist". Roman Polanskis aktuelle Verfilmung ist nur eine
von vielen, und wenn man am Gymnasium einen Dickens-Roman liest,
dann den über den jungen Waisenknaben. Dass Dickens zahlreiche
andere Romane geschrieben hat, welche sämtliche deutsche
Romane des Realismus in den Schatten stellen, wird meist vergessen.
Höchste Zeit, einen dieser Roman vorzustellen.
Von Lukas Hunziker.
"Bleak House" ist ein weit komplexerer
Roman als "Oliver Twist". Die Haupthandlung und die
Hauptfiguren treten gegenüber den zahlreichen Nebenhandlungen
und Nebenfiguren in den Hintergrund, verschiedene Subplots werden
parallel weitergeführt und nach und nach miteinander verknüpft.
Anfangs ebenfalls verwirrend ist die Erzählperspektive.
Einerseits erzählt die Hauptfigur Esther ihre eigene Geschichte
in der ersten Person, andererseits wird in der dritten Person
die Geschichte ergänzt und die Nebenhandlungen werden eingeführt.
Nichtsdestotrotz liest sich der Roman angenehm flüssig und
stellt für einen erfahrenen Leser keine allzu grosse Herausforderung
dar.
Ein lauerndes Familiengeheimnis ...
Erzählt wird die Geschichte der jungen Esther Summerson.
Aufgezogen wird sie von ihrer Tante, welche ihr auf die Frage
nach ihrer Mutter nur antwortet, dass Esther eine grosse Schande
für ihre Mutter sei. Als die Tante stirbt, bewirbt sich
der wohlhabende und gutmütige Mr. Jarndyce um die Vormundschaft
für das Waisenkind, und als Esther älter wird, zieht
sie nach Bleak House, wo Mr. Jarndyce wohnt. Ebenfalls unter
seine Obhut kommen Ada Clare und Richard Carstone, mit denen
sich Esther schnell anfreundet. Glücklich leben die drei
im Haus ihres Vormunds, bis Esther von ihrer Vergangenheit eingeholt
wird.
... herzlose Anwälte ...
Ihren Ursprung nimmt die Entdeckung von Esthers Herkunft in einem
Londoner Armenviertel, genannt Tom-All-Alone's. Dort findet der
Anwalt Mr. Tulkinghorn einen Gerichtsschreiber, der Nemo genannt
wird, tot in seinem Zimmer. Nach seiner Beerdigung lässt
sich eine als Dienstmagd verkleidete Frau zu seinem Grab führen,
was Mr. Tulkinghorn zu Ohren kommt und ihm sofort verdächtig
erscheint. Er beginnt Nachforschungen anzustellen und stösst
bald auf einen Familienskandal, in dem auch Esther und eine angesehene
Lady eine Rolle spielen.
... und ein Detektivpionier
Nicht nur Mr. Tulkinghorn, der Bösewicht des Romans, auch
Mr. Bucket von der Geheimpolizei zieht seine Erkundigungen ein.
Er gilt als einer der ersten Detektive in der Literatur und sein
Subplot in "Bleak House" kann als eine der ersten Detektivstories
gesehen werden. Doch mehr als ein Krimi ist "Bleak House"
ein Gesellschaftsportrait und eine Anklage an die Bürokratie
des Kanzleigerichts. Dieses ist das zentrale Motiv des Romans
und die Metapher für die gesellschaftlichen Zustände
in England. Mr. Jarndyce Familie ist seit Generationen in einen
Erbstreit verwickelt, der vor Gericht nur immer komplizierter
geworden ist und mittlerweile von niemandem mehr überschaut
werden kann. Mit viel bitterem Humor beschreibt Dickens die chaotischen
Zustände des Gerichts, die zu mehr Ungerechtigkeit führen,
als dass sie Gerechtigkeit schaffen.
Tragikomische Karikaturen
Wer jedoch tausend Seiten rührselige Sozialkritik befürchtet,
kann beruhigt sein, denn Dickens lässt sich fast nie zu
einer direkten Anklage herab. Die Kritik ist zwar offensichtlich,
wird aber meistens über sehr komische Szenen oder karikaturhafte
Figuren geübt, die in erster Linie einfach nur lustig sind,
auch wenn die tragische Dimension nie fehlt. Da ist beispielsweise
der heuchlerische Prediger Mr. Chadband, der seine Gastgeber
mit aufgeblasenen rhetorischen Reden fast in den Wahnsinn treibt,
oder Mr. Skimpole, der behauptet, mit Geld überhaupt nichts
anfangen zu können, es aber trotzdem allen irgendwie abknöpft.
Die Geschichte von "Bleak House" mag vielen heutigen
Lesern etwas langfädig erscheinen, doch die zahlreichen
typischen Dickens'schen Nebenfiguren entschädigen dafür
problemlos.
"Bleak House" ist weder ein einfacher,
noch ein schnell zu lesender Roman. Doch er ist einer von Dickens
besten, sprachlich wie inhaltlich. Wer sich Zeit dafür nimmt,
wird zahllose Verbindungen, Parallelen und Motive zwischen den
vielen Nebenhandlungen und der Haupthandlung entdecken und sich
zudem köstlich über die witzigen Figuren amüsieren.
Deutsche Ausgabe:
Insel: 1040 Seiten, CHF 30.90
Englische Ausgabe:
Penguin Classics: 1036 Seiten, 14.20
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Zum Autor
Charles Dickens wurde am 7. Februar 1812 in
Portsmouth geboren, als zweites von acht Kindern. Als sein Vater
wegen Schulden ins Gefängnis kam, musste der 12jährige
für kurze Zeit in einer Fabrik arbeiten, um Geld für
seine Familie mitzuverdienen. Er erhielt wenig Bildung, brachte
sich aber das Stenographieren bei und arbeitete als Journalist
beim "Morning Cronicle". 1836 und 1837 erschien sein
erster Roman, die "Pickwick Papers", in mehreren Teilen,
wie die meisten seiner Bücher. "Oliver Twist"
folgte, "Nicholas Nickleby" und zwei weitere; danach
machte Dickens eine Amerikareise, von der er desillusioniert
zurückkehrte. Seine nächsten Romane waren sorgfältiger
geplant als seine frühen und die Sozialkritik verschärfte
sich. "David Copperfield", "Bleak House"
und "Little Dorrit", sowie "Hard Times" und
"A Tale of two Cities" waren seine fünf grossen
Werke der 1850er. In den 1860ern verschlechterte sich Dickens'
gesundheitliche Verfassung, nicht zuletzt wegen der anstrengenden
Lesereisen und der Intensität seiner Arbeit. "Great
Expectations" und "Our mutual Friend" sind seine
letzten vollendeten Romane, noch während der Arbeit an "The
Mystery of Edwin Drood" stirbt Charles Dickens, am 9 Juni
1870. Sein Grab steht im Poet's Corner der Westminster Abbey.
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