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Craig Russel "Blutadler" (Lesung)
| Lübbe
Keine Verpackungslüge
Craig Russel gibt sein blutiges Debüt,
dem Sprecher David Nathan umsonst eine zusätzliche Dimension
zu verleihen versucht. Für Liebhaber des Genres taugt das
Hörbuch aber allemal.
Von Wolfgang Haan.
Im Traum erscheint Hauptkommissar Fabel ein
Engel in einer eleganten grauen Chaneljacke. Er erkennt sie sofort:
es ist Ursula Kastner! "Ihre blutleeren grauen Lippen [passend
zur Farbe ihrer Jacke] formten die Worte: Warum haben Sie ihn
nicht gefasst? Einen Moment war Fabel verwirrt weil er ihre Stimme
nicht hören konnte [ist aber auch nicht zwingend erforderlich
- er hat ihre Worte ja bereits von den Lippen abgelesen]
Dann begriff er: Der Grund war natürlich, dass man ihr die
Lunge herausgerissen hatte und sie keinen Atem besaß, der
ihre Worte hätte tragen können"
"als wäre der Flur unlängst
gestrichen worden"
Hoffentlich wurde ihnen jetzt nicht
gleich übel, denn das obige Zitat stammt von Seite 13 des
412 Seiten starken Debütromans "Blutadler" des
schottischen Autors Craig Russell. Und der Name des Romans ist
Programm. Wenige Seiten später wird die Leiche von "Monique"
aufgefunden. Hier beschränkt sich der Autor dann nicht mehr
nur auf die Beschreibung der Jacke, sondern liefert eine detaillierte
Tatortbeschreibung. Dabei beweist er literarisches Geschick und
wiegt den Leser erst in trügerischer Sicherheit, nur um
ihn dann umso grausamer aus dieser herauszureißen: "
es war, als wäre der kurze Flur unlängst gestrichen
worden. Die Farbe erinnerte an helle Butter: freundlich, doch
fade, neutral, anonym Eine Explosion von Rot. Scharlachrote Strahlen
waren auf das Bett gespritzt. Das Bett selbst war von dunklem,
klebrigem Blut durchtränkt, und sogar die Luft schien von
seinem Kupfergeruch gesättigt zu sein Jemand hatte ihr gleichzeitig
den Brustkorb aufgeschlitzt und die Rippen nach außen gezerrt"
Zwei Dinge könnten einem kritischen Hörer sofort in
den Gehörgang fallen: Zum einen ist Kommissar Fabel mit
übernatürlichen Gaben ausgestattet, denn er kann nicht
nur die Farbe, sondern auch die Beschaffenheit des Blutes sehen,
welches "klebrig" ist. Und der Täter muss mindestens
drei Hände haben, weil er gleichzeitig schlitzen
und zerren kann.
Das Grauen kommt nach Deutschland
Vermutlich zur Freude vieler Hörer
spielt dieser Thriller endlich einmal in Deutschland. Trieben
bisher die so beliebten Serien- und Ritualkiller ihr Unwesen
grösstenteils in Amerika, England und Skandinavien, tummelt
sich jetzt einer in Deutschland. Und wo ist die Sünde am
umtriebigsten? Richtig! In Hamburg - und so spielt der Plot folgerichtig
dort. Hamburg, schon seit je der Aufgabenkreis von Fahnder Faber.
Nein, falsch, "Der Fahnder" Faber war ja eine TV-Serie,
die im Ruhrgebiet spielte.
Also: Homo Fabel und sein Chef Van Veeteren; ups, das ist eine
Figur von Hakan Nesser; also: Fabel und sein Chef van Heiden
setzen alles daran, den Mörder zu finden. Doch als wären
dies nicht genug Probleme, muss er sich auch noch um einen drohenden
Bandenkrieg zwischen türkischen und slawischen Gangs kümmern.
Geschichtsbewusstsein
Neben der spannenden Geschichte lässt
der Autor auch meisterhaft historische Aspekte in die Handlung
einfließen. Fabel ist studierter Historiker und sein ehemaliger
Lehrmeister Dorn bestellt ihn zu sich, um ihm wichtige Informationen
über heidnische Riten zukommen zu lassen, die der Mörder
zu kopieren scheint. Doch bevor der Professor zur Sache kommt,
hält er einen kleinen Vortrag, der folgendermaßen
beginnt: "Der Begriff der deutschen Identität ist ein
Mythos. Ein Mythos, den unser kleiner österreichischer Anstreicher
zu einer falschen Geschichte ausweitete Eine der wichtigsten
Lektionen, die ich als Historiker gelernt habe, ist die, dass
nur die Gegenwart existiert " Wurde erwähnt, dass das
vorgenannte Gespräch von allen möglichen Orten ausgerechnet
in der Justizvollzugsanstalt Vierlande stattfindet? Diese Justizvollzugsanstalt
befand sich bis 28.02.2005 auf dem Gelände des ehemaligen
KZ Neuengamme und teilte es sich mit der KZ-Gedenkstätte.
Für Liebhaber des Genres
Wenn man sich nicht an solchen Kleinigkeiten
wie den oben aufgeführten stört, ist "Blutadler"
durchaus hörenswert. David Nathan, unter anderem Synchronsprecher
von Christian "Batman" Bale, versucht, dem Plot eine
weitere Dimension zu verleihen. Gelang ihm dies beispielsweise
bei "Der Flüsterer im Dunkeln" hervorragend, ist
seine Lesung diesmal nicht ganz so gelungen. Teilweise hat man
das Gefühl, als würde er die Luft anhalten, sich "aufblasen"
um seiner Stimme so mehr Bass zu verleihen. Leider misslingt
dies nicht nur, sondern klingt zudem merkwürdig. Ansonsten
ist an der Lesung nichts auszusetzen. Sie bewegt sich im Rahmen
dessen, was ein professioneller Sprecher aus solch einem Stoff
herauszuholen vermag und stellt Liebhaber dieses Genres mit Sicherheit
zufrieden.
Brutal bis ekelhaft, dunkel und düster
präsentiert sich "Blutadler". Für alle Freunde
von Mo Hayder, Karin Slaughter oder ähnlichen Autoren eine
klare Empfehlung.
6 CDs, CHF 36.70
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