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Mikail Niemi: "Das Loch in der Schwarte"
(Lesung) | Random House Audio
Ein Schweinchen namens Kurt
Steine sind die wahren Herrscher der
Welt. Das weiß nur noch keiner, weil sie sich zur Zeit
im Kokonstadium befinden. Wenn sie sich aus dem Kokon befreien,
dann werden sie zu Schmetterlingen und übernehmen die Macht.
So erzählt es jedenfalls Mikail Niemi in seinem bei Random
House Audio erschienen Hörbuch "Das Loch in der Schwarte".
Von Wolfgang Haan.
Auch in anderer Beziehung klärt uns der
Autor auf und nimmt uns die romantisch verklärten Illusionen
des landläufigen Science-Fiction-Romans. Roader werden die
einsamen Kapitäne abenteuerlicher Fluggefährte genannt,
die sich auf den Weg in unendliche Weiten machen. Doch diese
haben nichts mehr mit den von Bruce Willis oder Clint Eastwood
verkörperten gestählten, lächelnd dem Tod ins
Auge blickenden Ex-Marines zu tun.
Trockenduschkabinen statt Hochlenker
Die Raumstation der Zukunft füllt
sich mit "sehnigen, am ganzen Körper tätowierten
Jünglingen; hinkenden Kerlen mit Hemingway Bart; mageren
Mädchen mit Pistolenhalfter und Injektionsnarben; stummen
Frauenzimmern mit rasierten Schädeln und wegoperierten Brüsten."
So wie früher die coolen Jungs an ihren Mopeds rummontierten
und sie mit Hochlenkern und sonstigem Überflüssigem
aufmotzten, so basteln diese Kapitäne des Weltraums an ihren
Karren herum und bauen ein, was man dringendst zum Überleben
im schwere- und luftlosen All benötigt: "Sie installierten
tragbare Gewächshäuser, Trockenduschkabinen, Gravitationskreisel,
Videogeräte mit Pornofilmen, Sonnenwindfänger, Chirurgenausstattung
für die Eigenoperation mit dazugehörigem Lehrbuch,
Feuchtigkeitsabsorbierer" Doch das wichtigste Gerät
an Bord ist der Spielcomputer, um die Einsamkeit, Isolation und
Tristesse der oft monatelangen Reisen ohne Psychose überstehen
zu können. Ein Raider, der wider Erwarten die Reise überlebte,
schrieb einen Bestseller über seinen Survivaltrip mit dem
Titel "Ich schaute bei Gott vorbei, doch es war niemand
zu Hause".
Doch nicht nur die Hobbys der Menschen in der Zukunft wandelten
sich, sondern auch die Wissenschaft machte riesige Fortschritte.
So liefert der Wissenschaftler Emanuel Kreuzer den Beweis, dass
nicht die Gravitation dafür verantwortlich ist, dass ein
Brot immer mit der Butterseite auf dem Boden landet, wenn sie
vom Tisch fällt, sondern eine bisher unbekannte negative
Energie. Er besorgt sich Hunderte Dunkelkammerphotos eines weltberühmten
wissenschaftlichen Labors und siehe da: er findet unsichtbare
Partikel, die mit saurer, unangenehmer Energie geladen sind und
nennt sie nach dem gierigen Scheidungsanwalt seiner Frau "Kurt".
Eine Häufung dieser Partikel nennt man, wissenschaftlich
korrekt, "Pech".
Douglas Adams Enkel
Den Versuch, witzige Parodien, bissige
Persiflagen oder satirische Konterkarierungen auf gängige
Science-Fiction-Literatur zu schreiben, haben viele Autoren und
Filmemacher unternommen. Seit über 25 Jahren steht "Per
Anhalter durch die Galaxis" von Douglas Adams unangefochten
an der Spitze und weit und breit war kein Thronfolger in Sicht.
Mit "Das Loch in der Schwarte" von Mikail Niemi bekommt
das alt gediente Werk endlich Gesellschaft. Niemi zieht über
alles her, was uns an der Science-Fiction lieb und teuer ist.
Dabei reicht sein Repertoire von der winzigen Anspielung über
ironische Seitenhiebe und sarkastischem Spott bis zu beißendem
Hohn, dem kreisenden Holzhammer oder dem brüllend komischen
Schenkelklopfer. Jeder und alles bekommt sein Fett weg. Seien
es die erfolgsgeilen Wissenschaftler, der Nimbus um die heroischen
Astronauten, die Niemi schon mal als "Pissetrinker"
tituliert oder Seitenhiebe auf allgemein bekannte und benutzte
Theorien, die jeder im Munde führt, aber im Grunde doch
keiner versteht wie beispielsweise Einsteins Relativitätstheorie.
Der König ist tot - Es lebe der
König!
Die Lesung dieses Buches stellt eine
echte Herausforderung dar. Soll der Sprecher versuchen, durch
extreme Stimmakrobatik noch mehr Witz herauszukitzeln wie beispielsweise
Dirk Bach bei der Lesung von "Die Stadt der träumenden
Bücher"? Gerd Köster geht einen völlig anderen
Weg und macht von seinem kabarettistischen Sprachtalent keinen
Gebrauch. Er liest ruhig, unprätentiös und mit seiner
angenehm vollen und dunklen Stimme Satz für Satz, nur um
dann dem völlig unvorbereiteten Hörer eine Pointe nach
der anderen um die Ohren zu hauen. Das ist der richtige Ton,
den dieses Hörbuch verlangt. Keine Hau-drauf-Komik ist hier
gefragt, sondern ein locker-lässiger Konversationston wie
er in TV-Duellen zwischen Politikern gepflegt wird. Man sagt
etwas Nettes, ist dabei aber scharfzüngig, anzüglich
und macht gelegentlich sogar boshafte oder mokante Anspielungen.
Doch im Gegensatz zu solch einem inszenierten Medienspektakel
darf man bei der süffisanten Lesung von Gerd Köster
herzlich lachen. Und dazu bietet sich wirklich Gelegenheit genug.
Irrsinnig komisch und mit brillanten Pointen
und Wortspielen nimmt Mikail Niemi hier alles auf die Schippe,
was Science-Fiction Fans lieb und teuer ist. Liebhaber schwarzen
Humors und der ganzen Bandbreite satirisch-parodistischer Möglichkeiten
kommen hier voll auf die Kosten. Die Fanfarenklänge sind
unüberhörbar: Der König ist tot - Es lebe
der König.
4 CDs, CHF 35.70
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