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Frank McCourt: "Die Asche meiner Mutter"
(Lesung) | Steinbach Sprechende Bücher
In den Gassen von Limerick
Der preisgekrönte Roman über
eine irische Kindheit wurde als ungekürzte Lesung von Christian
Brückner interpretiert. Mehr als ein Grund, in Jubel auszubrechen.
Von Wolfgang Haan.
In den Gassen spielen verwahrloste, zerlumpte,
abgemagerte Kinder zwischen Pfützen, Abfall und Kloake.
In den Hauseingängen stehen die Mütter und unterhalten
sich darüber, welche karikative oder kirchliche Einrichtung
heute wohl am besten aufgesucht werden soll. Die meisten Frauen
sind das, was man heute allein erziehend nennt. Die Männer
sind abgehauen oder kommen nur nach Hause, um ihren Rausch auszuschlafen
oder Mutter und Kinder zu prügeln und um die letzten Ersparnisse
zu betrügen. Arbeit gibt es kaum und wenn, ist sie hart
und unterbezahlt. Die Kinder, vor allen Dingen die Jungen, müssen
schon früh mit anpacken und für ein paar Pence Tagelöhnerdienste
leisten. Die Kirche übt großen Einfluss auf die ungebildeten
Armen aus und wer sich ihrem Willen widersetzt, bekommt ihre
ganze Macht und Grausamkeit zu spüren.
Dies ist keine Beschreibung des Londons von Charles Dickens aus
dem Jahre 1850, sondern traurige Realität einer Kindheit
in den Armenvierteln in Irland nach dem ersten Weltkrieg. Lesen
und Schreiben gehört nicht zu den Dingen, die ein Junge
können muss. Schulbesuche sind allenfalls geduldet und werden
unterbunden, sobald der Nachwuchs kräftig genug ist, mitzuarbeiten
und ein Glas Bier zu halten.
Packend trotz schlichtem Erzählstil
Frank McCourt erzählt in seinem
preisgekrönten Roman "Die Asche meiner Mutter"
über seine Kindheit in den irischen Slums in der Zeit zwischen
dem ersten und dem zweiten Weltkrieg. Dabei geht er keineswegs
schonungsvoll mit den auftretenden Personen um und verschweigt
auch keine seiner eigenen kleineren und größeren Sünden.
Besonderes Augenmerk legt er jedoch in seinem Roman auf die Schilderung
der Schwierigkeiten, die seiner Mutter das Leben vergällen.
Trotz aller Widrigkeiten schafft sie es immer wieder irgendwie,
die Familie zusammen zu halten und durchzubringen. Seine Kraft,
gegen das Schicksal anzukämpfen, bezieht Frank McCourt aus
seinem christlichen Glauben und seinem fast übermenschlichen
Überlebenswillen. Nicht ohne Ironie erzählt er von
den Versuchungen, denen er fast erlegen wäre und nur durch
die Kraft des Glaubens schadlos überstanden hat. Der Erzählstil
ist naturgemäß schlicht, da das Buch aus der Sicht
eines Jungen, später Jugendlichen, erzählt wird. Dabei
bleibt der Roman jedoch packend auf Grund der Detail- und Erzählfreude
des Autors. Die Ambivalenz, mit der er Menschen gegenübertritt,
vermittelt er auch den Hörern. Aber da der Autor selber
eine Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen durchmacht, sieht
er später manche Personen und Ereignisse anders, als bisher
geschildert. Dann scheut er sich nicht, dies auch dem Hörer
mitzuteilen. Durch diese sich ständig ändernden Blickwinkel
zieht er den Hörer tief in das Geschehen mit ein und überlässt
letztendlich dem Hörer die Entscheidung, mit welchen Personen
und Handlungsweisen er sympathisiert oder welche er ablehnt.
Die perfekte Wahl für ein preisgekröntes
Werk
Im Verlag Steinbach Sprechende Bücher
ist jetzt die ungekürzte Lesung dieses Romans einer irischen
Kindheit erschienen. Wäre allein dies schon Grund genug
für jeden Hörer anspruchsvollerer Literatur, in Jubel
auszubrechen, übertrifft Christian Brückner als Sprecher
alle Erwartungen, die man im Vorfeld an die Beste aller möglichen
Interpretationen stellen konnte. Egal ob Beobachter, Ich-Erzähler,
zeternde Kinder, besoffene Väter, bigotte Kleriker oder
neidische Nachbarinnen, stets trifft er den perfekten Ton. Nicht
umsonst zählt er seit Langem zur absoluten Spitze der Sprecherriege
in Deutschland und es gibt wenige Kollegen, die eine solche Bandbreite
an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung haben wie Christian
Brückner. Auch diesmal schafft er es auf bewunderungswürdige
Weise, die Atmosphäre des Romans einzufangen ohne die Ironie
zu überzeichnen oder das Elend und die Verzweiflung zu verharmlosen.
Den Charakteren verleiht er die notwendige Lebendigkeit und bleibt
trotz des ernsten Hintergrundes dem optimistischen und lebensbejahenden
Stil des Buches verbunden.
Fazit: Ein Meisterwerk meisterlich vorgetragen
von Christian Brückner. Die vollständige Lesung gehört
in jede Sammlung des Liebhabers anspruchsvoller Literatur.
14 CDs, CHF 79.80
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