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Labelportrait: Leaf
Terra incognita
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Efterklang |
Die von Leaf veröffentlichten
Tonträger haben nur etwas gemeinsam - sie sind allesamt
etwas Besonderes.
Von Ralph Hofbauer.
Nur wenig gegenwärtige Musik bewegt sich
abseits ausgetretener Pfade. Kein Wunder, schliesslich sind die
musikalischen Territorien in den letzten 100 Jahren Musikgeschichte
bis in die letzten Winkel erforscht worden. Kartografiert wurden
sie ebenso, für jeden Landstrich wurde der passende Name
gefunden und heute hat der Musikexperte ein verwirrend umfangreiches
Instrumentarium an Begriffen zur Verfügung, die sich auf
Musik anwenden lassen. Ein Instrumentarium, das bei Leaf-Alben
immer wieder versagt, da man sich auf Terra incognita befindet.
Obwohl man die Leaf-Veröffentlichungen
im Vergleich zu herkömmlicher Musik als experimentell bezeichnen
muss, braucht man kein avantgardistisches Musikverständnis,
um sich zu diesen warmen und verspielten Melodien hingezogen
zu fühlen. Offene Augen und Ohren reichen aus, um Leaf-Alben
ins Herz zu schliessen. Cover und Musik eint eine zeitlose Ästhetik,
die derjenigen der mode- und arschfixierten Popwelt komplett
entgegengesetzt ist.
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Vom Hobby zum Beruf
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A Hawk And A Hacksaw |
Angefangen hat alles 1995 in London mit
der Veröffentlichung einer abstrakten Elektronik-EP. Tony
Morley, der damals als Presseverantwortlicher beim Label 4AD
(Pixies, Kirstin Hersh, The Breeders) tätig war, entschloss
sich den von allen andern Labels verschmähten Tüftlern
Boymerang eine Plattform zu geben. Die 1'000 Pressungen waren
innert zwei Wochen ausverkauft, was Morley dazu bewog weitere
EPs zu veröffentlichen, mehr als Hobby, denn als Beruf.
Zehn Jahre später hat Leaf ein zusätzliches
Büro in Amerika eröffnet und ist zu einem Label gewachsen,
das unterschiedlichste Musik von kongenialer Qualität veröffentlicht.
Allein im letzten Jahr stiessen ein halbes Dutzend neue Künstler
zu Leaf, die alle einen sehr eigenständigen Weg gehen. Das
Spektrum des Labelkatalogs reicht inzwischen von Colleens Spieldosen-Folk
über den Shoegazer-Pop von Clue To Kalo bis hin zum Stubenhocker-Drum'n'Bass
von Icarus. Leaf bietet den herzerwärmenden Dänen Efterklang
ebenso ein zu Hause wie den eklektizistischen Caribou aus Kanada
und den Zigeunern von A Hawk And A Hacksaw. Leafs grösster
Star hat das Label inzwischen verlassen. Kieran Hebden alias
Four Tet hat auf Leaf seine ersten Aufnahmen veröffentlicht.
www.theleaflabel.com
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Die jüngsten Leaf-Releases
Murcof: "Remembranza" | Nasmskeio
Tropfsteinhöhlenforscher
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Er heisst zwar Fernando Corona und kommt
aus Tijuana, doch Murcof ist weder Frohnatur noch Mariachi. Eher
ein Morricone in einem Geisterhaus. Oder ein Tropfsteinhöhlenforscher.
Die Klangtropfen seiner unnahbaren Musik hallen in geheimnisvollen
Tiefen und wenn sie aufprallen, knistern die Kabel der seltsamen
Apparate, mit denen Murcof seine Forschungen betreibt. Hat man
eine gewisse Zeit in der Höhle verbracht, beginnt man sich
einzubilden, neben dem Summen der Maschinen die fragilen Klänge
eines Kammerorchesters zu hören. Es ist, als würden
die Stalaktiten allmählich zu tanzen beginnen, während
pochende Rhythmen aus den Ecken der Höhle kriechen. Ohne
Frage hat man es bei Murcof mit akustischen Illusionen zu tun.
Mittels glitschiger Electronica, Streichern, Klavier und Harfe
erschafft er dunkle Musik für erleuchtete Leinwände,
seien sie geistiger oder physischer Natur. Dass die Macher von
"Amores Perros" den Mexikaner jüngst mit dem Soundtrack
für ihren neusten Film beauftragt haben, kommt nicht von
ungefähr.
Hanne Hukkelberg: "Little Things"
| Namskeio
Lego-Klötzchen-Jazz
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Hanne Hukkelbergs Popfantasien sind von
ähnlich verschrobener Schönheit wie jene von Anja Garbarek,
Björk oder Coco Rosie. Zwar ist die Norwegerin auf ihre
ganz eigene Art schräg, doch sie teilt mit den genannten
Damen ihre verspielte, fast schon kindliche Art Musik zu machen.
Pedal Steel, Banjo und Akkordeon klingen stets so, als würden
sie von Kinderhand gespielt. Fasziniert von Instrumenten und
Fundobjekten aller Art baut Hanne Hukkelberg mit raffinierter
Naivität so etwas wie Lego-Klötzchen-Jazz. Die 13 Gebilde
von "Little Things" schimmern in allen erdenklichen
Formen und Farben. Es sind bunte, aber nicht knallige Töne
und verrückte, aber nicht extravagante Formen, mit denen
Hanne Hukkelberg spielt. Die improvisierte Ästhetik steht
in krassem Gegensatz zu den durchdacht abrupten Wechseln in Melodie
und Stimmung. Trotz dem Instrumenten- und Ideenreichtum wird
"Little Things" von Hanne Huckelbergs Stimme zu einer
Ganzheit vereint, die sich wie eine gigantische Seifenblase um
den Hörer spannt und ihn auf eine Reise an exotische Orte
mitnimmt.
Colleen: "The Golden Morning Breaks"
| Namskeio
Kindheitserinnerungen
Sanft wiegt Colleen ihre Kinder in süsse
Träume von einem goldenen Morgen und breitet eine Decke
aus flirrenden Lullabies über sie. Colleens Musik weckt
blasse Erinnerungen an eine Zeit, an die man sich eigentlich
gar nicht erinnern kann, weil man damals noch naiv und zufrieden
zu den Klängen einer Spieldose einschlummerte. Es ist eine
heile Welt, von der die Französin mit ihren geloopten Harfen,
Geigen und Cellos erzählt. Eine Welt voller Honigklänge.
Eine Welt, in der Kinder Flügel haben, die sie in Märchenländer
fliegen lassen, wo es Einhörner und Elfen wie Colleen gibt.
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