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Nr. 140 / Februar 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Labelportrait: Leaf
Terra incognita

Efterklang
Die von Leaf veröffentlichten Tonträger haben nur etwas gemeinsam - sie sind allesamt etwas Besonderes.

Von Ralph Hofbauer.

Nur wenig gegenwärtige Musik bewegt sich abseits ausgetretener Pfade. Kein Wunder, schliesslich sind die musikalischen Territorien in den letzten 100 Jahren Musikgeschichte bis in die letzten Winkel erforscht worden. Kartografiert wurden sie ebenso, für jeden Landstrich wurde der passende Name gefunden und heute hat der Musikexperte ein verwirrend umfangreiches Instrumentarium an Begriffen zur Verfügung, die sich auf Musik anwenden lassen. Ein Instrumentarium, das bei Leaf-Alben immer wieder versagt, da man sich auf Terra incognita befindet.

Obwohl man die Leaf-Veröffentlichungen im Vergleich zu herkömmlicher Musik als experimentell bezeichnen muss, braucht man kein avantgardistisches Musikverständnis, um sich zu diesen warmen und verspielten Melodien hingezogen zu fühlen. Offene Augen und Ohren reichen aus, um Leaf-Alben ins Herz zu schliessen. Cover und Musik eint eine zeitlose Ästhetik, die derjenigen der mode- und arschfixierten Popwelt komplett entgegengesetzt ist.

Vom Hobby zum Beruf

A Hawk And A Hacksaw
Angefangen hat alles 1995 in London mit der Veröffentlichung einer abstrakten Elektronik-EP. Tony Morley, der damals als Presseverantwortlicher beim Label 4AD (Pixies, Kirstin Hersh, The Breeders) tätig war, entschloss sich den von allen andern Labels verschmähten Tüftlern Boymerang eine Plattform zu geben. Die 1'000 Pressungen waren innert zwei Wochen ausverkauft, was Morley dazu bewog weitere EPs zu veröffentlichen, mehr als Hobby, denn als Beruf.

Zehn Jahre später hat Leaf ein zusätzliches Büro in Amerika eröffnet und ist zu einem Label gewachsen, das unterschiedlichste Musik von kongenialer Qualität veröffentlicht. Allein im letzten Jahr stiessen ein halbes Dutzend neue Künstler zu Leaf, die alle einen sehr eigenständigen Weg gehen. Das Spektrum des Labelkatalogs reicht inzwischen von Colleens Spieldosen-Folk über den Shoegazer-Pop von Clue To Kalo bis hin zum Stubenhocker-Drum'n'Bass von Icarus. Leaf bietet den herzerwärmenden Dänen Efterklang ebenso ein zu Hause wie den eklektizistischen Caribou aus Kanada und den Zigeunern von A Hawk And A Hacksaw. Leafs grösster Star hat das Label inzwischen verlassen. Kieran Hebden alias Four Tet hat auf Leaf seine ersten Aufnahmen veröffentlicht.

www.theleaflabel.com

Die jüngsten Leaf-Releases


Murcof: "Remembranza" | Nasmskeio
Tropfsteinhöhlenforscher

Er heisst zwar Fernando Corona und kommt aus Tijuana, doch Murcof ist weder Frohnatur noch Mariachi. Eher ein Morricone in einem Geisterhaus. Oder ein Tropfsteinhöhlenforscher. Die Klangtropfen seiner unnahbaren Musik hallen in geheimnisvollen Tiefen und wenn sie aufprallen, knistern die Kabel der seltsamen Apparate, mit denen Murcof seine Forschungen betreibt. Hat man eine gewisse Zeit in der Höhle verbracht, beginnt man sich einzubilden, neben dem Summen der Maschinen die fragilen Klänge eines Kammerorchesters zu hören. Es ist, als würden die Stalaktiten allmählich zu tanzen beginnen, während pochende Rhythmen aus den Ecken der Höhle kriechen. Ohne Frage hat man es bei Murcof mit akustischen Illusionen zu tun. Mittels glitschiger Electronica, Streichern, Klavier und Harfe erschafft er dunkle Musik für erleuchtete Leinwände, seien sie geistiger oder physischer Natur. Dass die Macher von "Amores Perros" den Mexikaner jüngst mit dem Soundtrack für ihren neusten Film beauftragt haben, kommt nicht von ungefähr.


Hanne Hukkelberg: "Little Things" | Namskeio
Lego-Klötzchen-Jazz

Hanne Hukkelbergs Popfantasien sind von ähnlich verschrobener Schönheit wie jene von Anja Garbarek, Björk oder Coco Rosie. Zwar ist die Norwegerin auf ihre ganz eigene Art schräg, doch sie teilt mit den genannten Damen ihre verspielte, fast schon kindliche Art Musik zu machen. Pedal Steel, Banjo und Akkordeon klingen stets so, als würden sie von Kinderhand gespielt. Fasziniert von Instrumenten und Fundobjekten aller Art baut Hanne Hukkelberg mit raffinierter Naivität so etwas wie Lego-Klötzchen-Jazz. Die 13 Gebilde von "Little Things" schimmern in allen erdenklichen Formen und Farben. Es sind bunte, aber nicht knallige Töne und verrückte, aber nicht extravagante Formen, mit denen Hanne Hukkelberg spielt. Die improvisierte Ästhetik steht in krassem Gegensatz zu den durchdacht abrupten Wechseln in Melodie und Stimmung. Trotz dem Instrumenten- und Ideenreichtum wird "Little Things" von Hanne Huckelbergs Stimme zu einer Ganzheit vereint, die sich wie eine gigantische Seifenblase um den Hörer spannt und ihn auf eine Reise an exotische Orte mitnimmt.


Colleen: "The Golden Morning Breaks" | Namskeio
Kindheitserinnerungen

Sanft wiegt Colleen ihre Kinder in süsse Träume von einem goldenen Morgen und breitet eine Decke aus flirrenden Lullabies über sie. Colleens Musik weckt blasse Erinnerungen an eine Zeit, an die man sich eigentlich gar nicht erinnern kann, weil man damals noch naiv und zufrieden zu den Klängen einer Spieldose einschlummerte. Es ist eine heile Welt, von der die Französin mit ihren geloopten Harfen, Geigen und Cellos erzählt. Eine Welt voller Honigklänge. Eine Welt, in der Kinder Flügel haben, die sie in Märchenländer fliegen lassen, wo es Einhörner und Elfen wie Colleen gibt.


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