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Nr. 139 / Januar 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Oliver Twist: Pro
Oliver Twist: Kontra
 

"Oliver Twist" von Roman Polanski (Drama) | Monopole Pathé Films AG
In den Fängen des gar nicht so Bösen

In seinem letzten Film erzählte Roman Polanski vom Krakauer Ghetto, dem er selbst als Zehnjähriger entkommen ist. Nun nimmt er sich einer grossen Kinderfigur der Weltliteratur an: Oliver Twist. Auch hier geht es um eine Flucht vor Ausbeutung und Missbrauch.

Von Adrian Wettstein.

Roman Polanskis Neuverfilmung des "Oliver Twist" wurde kürzlich in der SonntagsZeitung mit zwei Sätzen abgekanzelt. Es hiess dort sinngemäss, der Film nehme der Problematik des Kindsmissbrauchs jeden Schrecken und sei deshalb nicht sehenswert. Dem ist einiges entgegenzuhalten:

Zuerst einmal, dass es sich hier um eine Verfilmung einer Literaturvorlage aus dem 19. Jh. von Charles Dickens handelt; und der verliert nun mal selten seinen Humor, auch wenn er viele gesellschaftliche Missstände anprangert. Zweitens handelt es sich hier um einen Familienfilm, der also in seiner Erzählform auch auf Kinder ausgerichtet ist. Das mag einigen Kritikern unangenehm sein - gegen die Intentionen von Dickens ist es sicher nicht. Sei's drum, dass "Oliver Twist" als Weihnachts-Blockbuster angekündigt wird, schliesslich war auch der Roman war seinerzeit ein Kassenschlager.

Es wäre also falsch, eine ähnlich direkte und radikale Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlichen Problem zu erwarten, wie sie etwa Lars von Trier in Bezug auf die Sklaverei durchgeführt hat. Die Voraussetzungen sind hier anders. Dennoch ist Polanskis Verfilmung alles andere als verharmlosend. Zu Beginn wird der Waise Oliver Twist ins Armenhaus gebracht, wo in einem riesigen Saal eine Schar Kinder dicht zusammengedrängt sitzt und Garne auseinanderrupft, die nachher wieder zu Schiffstauen für die Royal Navy zusammengesetzt werden. Anhand dieses Bildes braucht es wenig Phantasie, um das Ausmass der institutionalisierten Kinds-Ausbeutung zur viktorianischen Zeit zu erahnen. Auch bei dem Leichenbestatter Mr. Sowerberry ergeht es dem jungen Oliver nicht besser; beinahe wie ein Hund wird er dort behandelt.

Bis er schliesslich eines Nachts flieht und sich zu Fuss aufmacht nach London. Grossartig hat Polanski dieses London in Szene gesetzt, in dem Oliver irgendwann zerschunden ankommt. Es ist eine gewaltige Menschenansammlung im Aufbruch, noch halb Dorf, schon halb Grossstadt - pulsierend, labyrinthisch, unüberschaubar. Die Strassen in der Stadt noch Dreck und Schlamm. Oliver findet eine Unterkunft bei Dodger und seinen Jungs, die für den alten Fagin Taschentücher und anderes klauen. Auch Oliver wird von dem alten Kauz zum Kleinganoven ausgebildet. Sein erster Einsatz als Taschendieb missglückt jedoch, worauf sich der gutmütige Buchhändler Mr. Brownlow seiner annimmt. Oliver lernt hier eine andere Welt kennen, abseits der schmutzigen Gassen, im Adelsviertel Londons. Von da an wird der Film ein abenteuerliches hin und her zwischen Gut und Böse; Fagins Ganoventruppe will den kleinen Wicht zurück, der ja von ihnen ausgebildet wurde. Mr. Brownlow hingegen ist vom guten Kern in Oliver überzeugt und versucht, ihn von schlechtem Einfluss fernzuhalten. Welches Ende die Geschichte nimmt, kann man sich ja denken.

Es wurde festgestellt, dass Fagin eine positivere Rolle hat als in sämtlichen bisherigen Verfilmungen des Romans. Tatsächlich verkörpert Sir Ben Kingsley hier einen charismatischen, habgierigen, aber auch fürsorglichen Fagin. Überhaupt wird das Ganoventum - abgesehen vom Bösewicht Sykes - locker und vergnüglich dargestellt. Man könnte das als Verharmlosung deuten. Aber vielleicht liegt gerade darin die Stärke von Polanskis Verfilmung. Denn aus der Perspektive von Oliver Twist, welcher aus der Knechtschaft des Armenhauses und des Leichenbestatters ausgebrochen ist, erscheint das Leben bei Fagin tatsächlich lebenswerter. Ihm wird ein Dach über dem Kopf und reichlich zu essen geboten, er wird in einer Gemeinschaft aufgenommen und als Person akzeptiert. Dass Jugendliche in die Kriminalität abdriften, hat wohl meistens auch damit zu tun, dass ihnen diese Lebensform reizvoll erscheint. Das illustriert Oliver Twist eindrücklich. Auch wenn Oliver selbst von Anfang an der Gute ist, der selbst keine kriminellen Handlungen begeht, ist die Faszination für das Andere unterschwellig doch immer da, und sei es nur die Art, wie er - und durch seine Augen auch wir - Fagin anschaut. Denn auch das Leben bei Brownlow, das in wenigen Bildern in Aussicht gestellt wird, ist nicht das reine Paradies. Wie Oliver, der eben noch mit seinesgleichen durch die Strassen rannte, hier geschniegelt und geputzt in ein edles Sakko gezwängt wird, auch das ist wieder mit dickenschem Humor geprägt.

Seit dem 22. Dezember 2005 im Kino.

Originaltitel: Oliver Twist (England, Tschechien, Frankreich, Italien 2005)
Regie: Roman Polanski
Darsteller: Ben Kingsley, Jamie Foreman, Harry Eden, Leanne Rowe, Edward Hardwicke, Ian McNeice, Mark Strong, Barney Clark
Dauer: 130 min.
CH-Verleih: Impuls Home Entertainment

www.sonypictures.com/movies/olivertwist


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