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"Oliver Twist" von Roman Polanski
(Drama) | Monopole Pathé Films AG
In den Fängen des gar nicht so Bösen
In seinem letzten Film erzählte Roman
Polanski vom Krakauer Ghetto, dem er selbst als Zehnjähriger
entkommen ist. Nun nimmt er sich einer grossen Kinderfigur der
Weltliteratur an: Oliver Twist. Auch hier geht es um eine Flucht
vor Ausbeutung und Missbrauch.
Von Adrian Wettstein.
Roman Polanskis Neuverfilmung des "Oliver
Twist" wurde kürzlich in der SonntagsZeitung mit zwei
Sätzen abgekanzelt. Es hiess dort sinngemäss, der Film
nehme der Problematik des Kindsmissbrauchs jeden Schrecken und
sei deshalb nicht sehenswert. Dem ist einiges entgegenzuhalten:
Zuerst einmal, dass es sich hier um eine Verfilmung
einer Literaturvorlage aus dem 19. Jh. von Charles Dickens handelt;
und der verliert nun mal selten seinen Humor, auch wenn er viele
gesellschaftliche Missstände anprangert. Zweitens handelt
es sich hier um einen Familienfilm, der also in seiner Erzählform
auch auf Kinder ausgerichtet ist. Das mag einigen Kritikern unangenehm
sein - gegen die Intentionen von Dickens ist es sicher nicht.
Sei's drum, dass "Oliver Twist" als Weihnachts-Blockbuster
angekündigt wird, schliesslich war auch der Roman war seinerzeit
ein Kassenschlager.
Es wäre also falsch, eine ähnlich
direkte und radikale Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlichen
Problem zu erwarten, wie sie etwa Lars von Trier in Bezug auf
die Sklaverei durchgeführt hat. Die Voraussetzungen sind
hier anders. Dennoch ist Polanskis Verfilmung alles andere als
verharmlosend. Zu Beginn wird der Waise Oliver Twist ins Armenhaus
gebracht, wo in einem riesigen Saal eine Schar Kinder dicht zusammengedrängt
sitzt und Garne auseinanderrupft, die nachher wieder zu Schiffstauen
für die Royal Navy zusammengesetzt werden. Anhand dieses
Bildes braucht es wenig Phantasie, um das Ausmass der institutionalisierten
Kinds-Ausbeutung zur viktorianischen Zeit zu erahnen. Auch bei
dem Leichenbestatter Mr. Sowerberry ergeht es dem jungen Oliver
nicht besser; beinahe wie ein Hund wird er dort behandelt.
Bis er schliesslich eines Nachts flieht und
sich zu Fuss aufmacht nach London. Grossartig hat Polanski dieses
London in Szene gesetzt, in dem Oliver irgendwann zerschunden
ankommt. Es ist eine gewaltige Menschenansammlung im Aufbruch,
noch halb Dorf, schon halb Grossstadt - pulsierend, labyrinthisch,
unüberschaubar. Die Strassen in der Stadt noch Dreck und
Schlamm. Oliver findet eine Unterkunft bei Dodger und seinen
Jungs, die für den alten Fagin Taschentücher und anderes
klauen. Auch Oliver wird von dem alten Kauz zum Kleinganoven
ausgebildet. Sein erster Einsatz als Taschendieb missglückt
jedoch, worauf sich der gutmütige Buchhändler Mr. Brownlow
seiner annimmt. Oliver lernt hier eine andere Welt kennen, abseits
der schmutzigen Gassen, im Adelsviertel Londons. Von da an wird
der Film ein abenteuerliches hin und her zwischen Gut und Böse;
Fagins Ganoventruppe will den kleinen Wicht zurück, der
ja von ihnen ausgebildet wurde. Mr. Brownlow hingegen ist vom
guten Kern in Oliver überzeugt und versucht, ihn von schlechtem
Einfluss fernzuhalten. Welches Ende die Geschichte nimmt, kann
man sich ja denken.
Es wurde festgestellt, dass Fagin eine positivere
Rolle hat als in sämtlichen bisherigen Verfilmungen des
Romans. Tatsächlich verkörpert Sir Ben Kingsley hier
einen charismatischen, habgierigen, aber auch fürsorglichen
Fagin. Überhaupt wird das Ganoventum - abgesehen vom
Bösewicht Sykes - locker und vergnüglich dargestellt.
Man könnte das als Verharmlosung deuten. Aber vielleicht
liegt gerade darin die Stärke von Polanskis Verfilmung.
Denn aus der Perspektive von Oliver Twist, welcher aus der Knechtschaft
des Armenhauses und des Leichenbestatters ausgebrochen ist, erscheint
das Leben bei Fagin tatsächlich lebenswerter. Ihm wird ein
Dach über dem Kopf und reichlich zu essen geboten, er wird
in einer Gemeinschaft aufgenommen und als Person akzeptiert.
Dass Jugendliche in die Kriminalität abdriften, hat wohl
meistens auch damit zu tun, dass ihnen diese Lebensform reizvoll
erscheint. Das illustriert Oliver Twist eindrücklich. Auch
wenn Oliver selbst von Anfang an der Gute ist, der selbst keine
kriminellen Handlungen begeht, ist die Faszination für das
Andere unterschwellig doch immer da, und sei es nur die Art,
wie er - und durch seine Augen auch wir - Fagin anschaut.
Denn auch das Leben bei Brownlow, das in wenigen Bildern in Aussicht
gestellt wird, ist nicht das reine Paradies. Wie Oliver, der
eben noch mit seinesgleichen durch die Strassen rannte, hier
geschniegelt und geputzt in ein edles Sakko gezwängt wird,
auch das ist wieder mit dickenschem Humor geprägt.
Seit dem 22. Dezember 2005 im Kino.
Originaltitel: Oliver Twist (England, Tschechien,
Frankreich, Italien 2005)
Regie: Roman Polanski
Darsteller: Ben Kingsley, Jamie Foreman, Harry Eden, Leanne Rowe,
Edward Hardwicke, Ian McNeice, Mark Strong, Barney Clark
Dauer: 130 min.
CH-Verleih: Impuls Home Entertainment
www.sonypictures.com/movies/olivertwist
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